Cajetan Adlgasser
Cajetan Adlgasser, ab ca. 1756 auch Anton Cajetan oder Cajetan Anton, manchmal Adelgasser (* 1. Oktober 1729 in Inzell-Niederachen, Oberbayern; † 21. Dezember 1777 in der Stadt Salzburg)[1] war ein bairischer Komponist, Organist und Cembalist, der ab 1749/50 im Erzstift Salzburg wirkte, insbesondere als Musiker für die Salzburger Hofmusik und Salzburger Dommusik.
Kindheit
Cajetan Adlgasser wurde als erstes Kind des Lehrers ("ludimagister") und Mesners ("[A]edituus") Ulrich Adlgasser (* 1704; † 1756) und der Maria Läderin (Lederin) (* 1700; † 1771) in der dem Schulhaus gegenüberliegenden Liebfrauenkirche Niederachen (heute ein Ortsteil von Inzell), Kurfürstentum Bayern, getauft.[2]
Ausbildung
Im Jahr 1744 wurden Cajetan und Joseph Adlgasser, auf Fürsprache des Dechants des damals feb. Marktes Teisendorf Joseph Mayr (* 1694; † 1767), als Zöglinge in das feb. Kapellhaus in Salzburg aufgenommen, wo sie Unterricht durch Musiker aus der Hofmusik erhielten, von der Hofküche aus versorgt und jährlich eingekleidet wurden. Das offizielle Datum des Eintritts von Cajetan Adlgasser in die der Benediktineruniversität vorangestellte Lateinschule (heute Akademisches Gymnasium) ist der 4. Dezember 1744, damals der Beginn des neuen Schuljahrs. Cajetan wurde bereits in diesem Jahr Klassenbester im Lateinunterricht der Syntaxistae. Er beschloss 1747 seine Gymnasialzeit als insgesamt Klassenzweiter. Vor Schulende, im September 1747, hatte er einen Text seines Klassenleiters, dem als Dramatiker nicht sehr erfolgreichen Anton Moser (* 1711; † 1783), vertont und die Aufführung dieser exhibitio comica (Adlgasser 10.01) zu dessen Namenstag am 19. Juni 1748 einstudiert und vom Cembalo aus die Aufführung geleitet. Bereits damals galt Adlgasser, wie das Gymnasialprotokoll festhält, seinen Mitschülern als ein Mitglied der Hofmusik.
In den Jahren 1744 bis 1746 hatte Cajetan in sieben Aufführungen Gesangspartien übernommen, alles Kompositionen von J. Ernst Eberlin (* 1702; † 1762), seinem Lehrer und späteren Schwiegervater. Für die wegen der "Kriegsläufte" (Österreichischer Erbfolgekrieg) auf den Beginn des nächsten Schuljahres verschobene Finalkomödie liegt ein zeitgenössischer Bericht vor, der vor allem die Komposition und die Leistung der Sänger hervorhebt.
Mit dem Stimmbruch endeten Adlgassers Auftritte auf den beiden Schulbühnen (Kleine und Große Aula). Seine letzte Rolle hatte Adlgasser in der Finalkomödie am 5. September 1746. Von nun an spielte Adlgasser vornehmlich als Organist und Komponist eine Rolle.
Beim Ausscheiden aus dem Kapellhaus am 4. Juli 1748 erhielt Adlgasser, wie üblich, das sog. Ausmusterungskleid und ein "Handgeld".
Werdegang
Das offizielle Anstellungsdatum als Hof- und Domorganist ist nicht verbürgt. Mit der Ernennung Eberlins durch Feb. Dietrichstein (reg. 1749–1753) Ende 1749 war somit die (erste) Organistenstelle im Dom und die eines "Accompagnisten" bei Hof frei geworden. Ob Adlgasser, als (unbezahlter ?) "Accessist" (Anwärter) vorerst noch zu warten hatte, ist nicht bekannt. Seine Anstellung am Dom für die Hauptfeste und bei Hof als "Accompagnist" ("wenn gesungen wurde") dürfte im Laufe des Jahres 1750 erfolgt sein. Der Schwerpunkt von Adlgassers kompositorischem Schaffen lag im Jahrzehnt 1750–60 im kirchenmusikalischen Bereich. Mit dem Tod Eberlins (1762) setzten Adlgassers regelmäßige Beiträge für die Universitätsbühnen (Schuldramen bzw. Finalkomödien) und die Residenz (Geistliche Singspiele) ein.
Ehen und Kinder
Cajetan Adlgasser war dreimal verheiratet. In der am 11. Zwei Kinder gingen aus dieser Ehe hervor: Maria Victoria Caecilia (* 21. Sept. 1753; † 16. Mai 1821) und Joseph Cajetan Johannes Ernestus (* 23. Jänner 1755; † 3. März 1756). Nach dem Tod von Josepha heiratete Cajetan Anton Adlgasser in der St. Andrä-Kirche am 1. Juni 1756 Maria Barbara Schwab (1728–1768), die Tochter des feb. Obersilberdieners (und "Kammerportiers") Jakob Schwab († 1768). Trauzeugen waren wiederum Meisner und Leopold Mozart, sowie Eberlin. In der zwölf Jahre währenden Ehe gab es acht Geburten, nur zwei Kinder erreichten das Erwachsenenalter: Maria Joseph Franz Xaver (8. Dezember 1761; † 3. Dez. 1787) und Maria Anna Aloysia Barbara (22. April 1766; † 10. Mai 1838) . Taufpaten der Kinder aus den beiden Ehen waren das begüterte Ehepaar Georg Joseph (1710–1760) und Maria Victoria (1716–1783) Robinig (von Rottenfeld). In dritter Ehe heiratete Cajetan Anton Adlgasser am 19. Juni 1769 in der Corpus-Christi-Kirche in der Kaigasse die "Hofsingerin" Maria Anna Fesemayr (1743–1782); der Vater der Braut war der feb. Hofstaller Matthias Fesemayr. Trauzeugen gab es diesmal vier, nämlich den "hochf. Secretär und Hofrats Registrator" Nicolaus Strasser (1734–1804), die beiden Hofsänger Meisner und Spitzeder, sowie den Vice-Kapellmeister Leopold Mozart. Dessen Sohn, der elfjährige Wolfgang, übernahm die Rolle als Brautführer ("Sponsae paranymphus"). Die Ehe blieb kinderlos.
Wohnungen
Noch vor seiner ersten Eheschließung mietete Adlgasser im Mai 1752 eine Wohnung im 3. Stock ("Boden") des sog. Spänglerhauses am Alten Markt, die "nach dem Wasser (= Salzach) hinaus" lag. Später übersiedelte Adlgasser in die Häuser Getreidegasse 24 bzw. 16.
Die Reise ins "Welschland"
Versehen mit manchem Empfehlungsschreiben aus Salzburg, bereiste Adlgasser 1764/65 die Musikzentren Italiens. Fürsterzbischof Sigismund Schrattenbach (reg. 1753–1771) zahlte für diese Bildungsreise aus seinen "Schatullegeldern" am 22. Jänner 1764 500 Gulden, sozusagen als Vorschuss; eine weitere Zahlung erfolgte am 30. Juni über den Salzburger "Factor" (Handelsmann) Simund Haffner (1699–1772), der in Venedig eine Niederlassung hatte. Adlgasser war am Anfang dieser Reise (bis Venedig) in Begleitung seiner späteren 3. Frau, der "Hofsingerin" Fesemaier, die, wie andere begabte und aus Salzburg stammende Mädchen, in Venedig an einem der Konservatorien ihre Gesangsausbildung erhalten sollte. Sie verblieb bis in den Jänner 1766 in Venedig. Ihre Reise- und Ausbildungskosten von 610 Gulden und das Honorar für deren Lehrmeisterin in der Höhe von 100 fl. wurden ebenfalls vom Landesfürsten übernommen. Fesemaier war die letzte der Salzburger "Singerinnen", die diese Ausbildung finanziert bekam. Von nun an standen die "Hofsingerinnen" anstelle der Kastraten, einer neuen Musikästhetik folgend, in der Residenz für Opern und Oratorien (den in Szene gesetzten "Geistlichen Singspielen") und in den Salzburger Kirchen - mit Ausnahme des Doms! - als solistische Besetzung zur Verfügung. Als Leopold Mozart von dem Aufbruch Adlgassers nach Italien erfuhr kommentierte er dieses Unterfangen überschwänglich: "Die Nachricht von der Reis[e] des Herrn Adlgasser hat mir das größte Vergnügen gemacht. [...] Mich kann nichts mehrers rühren, als wenn ich sehe, daß ein Fürst [...] denen Talenten forthilft, die Gott, aus einer besonderen Gnade, in manche ehrliche Seele gepflanzet hat. So wird Salzburg ein Hof sein, der mit seinen eigenen Leuten ein erstaunliches Aufsehen in Teutschland machen wird."
Ein paar Wochen nach seiner Italienreise mit dem Ziel, dass er "einen italienischen Geschmack in der Musik von den Italienern erwürbe", war Adlsgaser zur Tafel der Universität geladen, die am 7. März 1765 gegeben wurde. Er war über Venedig nach Salzburg zurückgekehrt und erzählte seinem Tischnachbarn P. Beda Hübner von St. Peter (1740–1811), er habe auf seiner Reise Parma, Trient, Mailand, Padua, Verona, Venedig, Rom, Lodi, Mantua und noch andere Orte, z.B. Bologna, den Wohnort des "Musikpapstes" Padre Martini (1706–1784), besucht. Besonderen Eindruck habe ihm Rom vermittelt, wo er Papst Clemens XIII. (reg. 1758–1769) das feierliche Amt habe dreimal absingen gesehen, nämlich zu Pfingsten, Fronleichnam und zu Peter und Paul. Neapel habe er wegen der dort herrschenden Epedemie nicht aufsuchen können, somit habe der Aufenthalt in Rom länger gedauert.
Die Oper "La Nitteti" (Adlgasser 12.01)
Am 6. April 1766, einem Sonntag, zugleich als Nachfeier des Wahltags des Fürsterzbischofs (= 5. April 1753), wurde auf der Hofbühne in der Residenz von den Hofsängerinnen Anna Fesemayr-Adlgasser (1743–1782), Magdalena Lipp-Haydn (1745–1827), Anna Braunhofer (1748–1819) und den Hofsängern Anton Spitzeder, Joseph Meisner und Felix Winter (1722–1772) eine "Opera in welscher Sprach" aufgeführt. Zwei Tage zuvor, einem Freitag, hatte ab 4:00 Uhr nachmittags die "Hauptprobe" (= Generalprobe), wie zumeist üblich, in Kostüm und in Gegenwart des Fürsten, stattgefunden. Das Libretto für "La Nitteti", entstanden 1756, stammte von dem berühmten Librettisten Pietro Metastasio (1698–1782) und war zuvor bereits mehrfach vertont worden. Die Komposition sollte wohl das Ergebnis von Adlgassers Bildungsreise unter Beweis stellen.
Von der Aufführung liegt ein längerer Bericht vor: "Die Musique hat ganz neu komponiert der berühmte Herr Caietanus Adlgasser, welcher allhier Hoforganist und auch ein Virtuos auf der Orgel, den der Erzbischof, um sich mehrers in dem Komponieren zu perfektionieren, [...] in das Welschland geschickt, [...] und durch diese Reise sehr großen Nutzen in der Musique sich zu wegegebracht. Dieser hat die Musique von der heutigen Oper [...] verfertiget. Die Komposition dieser Musique war ohne weiters ohne Ausstellung, künstlich sowohl als angenehm, und hätte darum vor einem jedweden kaiserlichen Hof dürfen produziert werden. Doch dieses hat man ausgestellt, dass die Musique und sonderbar die Arien ein wenig zu lang gedauert: Denn wenn eine Sache noch so schön und noch so künstlich und noch so angenehm ist, so muss es doch auch mit der Zeit temperiert werden, ansonsten erweckt es bei den Zuhörern einen Ekel und Verdruss, zumalen diese heutige Oper fast 5 Stund lang angehalten hat. [...] Ich kann wohl bekennen, dass, obwohl ich schon unterschiedliche Musiquen und welsche Opere gehöret, aber eine so angenehme habe ich nicht bald gehört. Alleinig es lieget auch sehr viel an denen Operisten [...] und Sänger auch sehr viel, welches aber bei dieser Oper gar nicht mangelhaft war, denn es haben sowohl die Mannspersonensänger, deren drei auf die Oper waren, nämlich [der Hofbassist] Herr Meisner, [der Hoftenor] Herr Spitzeder und [der Hofbassist] Herr [Felix] Winter, alle drei Kammervirtuosen der Hofkapelle, als auch die Weibspersonen, deren auch drei waren, nämlich die Sängerinnen Magdalena Lipp, Anna Fesemayr und Maria Anna Braunhofer, alle drei Kammervirtuosen und auch vom Erzbischof in das Welschland geschickt worden waren, ihre Stellen meisterlich und auf das Künstliche vertreten, dass sich viele Zuhörer also [...] über ein so [ge]tanes Singen erstaunen mussten, wie es nur möglich sei, dass die Stimme eines Menschen so unerhörte Wirkungen könne zuwege bringen. Ich muss wohl eingestehen, dass [...] ich darob dermaßen erstaunt bin [geändert aus: seye], dass ich gleichsam außer mich gesetzt worden. Unter dem anderen (= zweiten) Akt hätte […] in Bälde ein Unglück geschehen können. Es ist das Theatrum oder die Leinwand von einer Szene (= Kulisse) brennend geworden (einige sagen, es wäre nur eitel Papier[3] gewesen) und schon in große Flammen ausgebrochen [war]. Also [...] ist eine große Konfusion entstanden, und die Musique in der besten Produktion musste unterbrochen werden. Doch ist es [in] einem Augenblick wiederum eingestellt und gehemmt worden. Der Fehler kam daher, dass der Kerl neben den Lichtern und Leuchtern, welcher hätte achthaben sollen, geschlafen.
Mehrere Wiederaufnahmen folgten in diesem und im nächsten Jahr.
Die Mozarts und Adlgasser
Auf den ausgedehnten Reisen stand Leopold Mozart im Briefverkehr mit Adlgasser, allerdings blieb Leopold des Öfteren die Beantwortung schuldig. Jedoch erinnerte Leopold an den "Caietani Tag", dem 8. August, und sandte den beiden ihm bekannten Trägern dieses Namens, Adlgasser und Hagenauer (= Abt Dominicus), Glückwünsche zum Namensfest, übermittelte die Grüße gemeinsamer Bekannten nach Salzburg. Leopold Mozart war es, der die Drucklegung von zwei Klaviersonaten vermittelte und sich Kompositionen Adlgassers nachsenden ließ. Geradezu begeistert zeigte sich Leopold Mozart, als er von der einjährigen Reise Adlgassers nach Italien erfährt. Auf der Rückreise, nach fast dreieinhalbjähriger Abwesenheit von Salzburg, vertraute Leopold seinen Salzburger Freunden Adlgasser und/oder Spitzeder sein Clavichord zur Überprüfung an (Brief an L. Hagenauer): „Bitte Sie dahin zu sorgen, dass entzwischen mein Flügl gestimmt, und wenn eine oder andere Saite gesprungen, dass solche in der nämlichen Dicke NB. aufgezogen, und das abgebrochene Teil mir zur Einsicht aufbehalten wird. [...] Übrigens soll nichts geändert, und sonderlich von den Tangenten oder von dem Dockerl weder was abgeschnitten, noch zugesetzt, sondern alles in statu quo gelassen werden. Warum ich dem [Rochus] Egedacher allein nicht traue, und bitte, dass H. Adlgasser oder H. Spitzeder dabeibleiben möchte[n], wenn der Flügl in Ordnung gebracht wird, habe gründliche Ursachen, und ich habe eine abscheuliche Niederträchtigkeit von demselben auf der Reise entdecket, darüber Sie sich gewiss verwundern werden.“ (München, 22. November 1766)
Ungeklärt bleiben muss, dass Adlgasser in Salzburg (Adlgasser 9.20) und Wolfgang (in Wien) beim überraschenden Tod der Erzherzogin Josepha am 15. Oktober 1767 den gleichen Text zur Trauerfeier zur Hand hatten. Mozarts Komposition KV 43a blieb wegen der überstürzten Flucht aus Wien, wegen des Ausbruchs der Pockenepedemie, allerdings unvollendet.
Der überraschende Tod
Am 21. Dezember 1777 erlitt Adlgasser während des Spieles an der Hoforgel einen Schlaganfall, der ihn vor der voll besetzten Domkirche ereilte und dramatisch verlief, s.u. Er hatte aus Anlass des Thomastages (21. Dezember) abends zur Vesper gespielt. Wenig später verstarb er. Gemäß seiner hohen Stellung in der Hofmusik erhielt "Caietanus Antonius Adlgasser, Hoforganist und Camera-Cembalist" ein nächtliches Begräbnis, er wurde am 23. Dezember 1777 im Sebastiansfriedhof in der Familiengruft (Nr. 63) beigesetzt.[4]
Am 22. Dezember 1777 schickte Leopold Mozart an seine Frau und seinen Sohn, die gerade in Mannheim waren, einen Brief, in dem von Adlgassers Schlaganfall an der Hoforgel zu lesen ist:
[…] Nun kommt eine sehr traurige und ohnvermuthete Begebenheit. Ich gieng in die vesper, weil wir heut montags das Thomasfest in der Kirche halten. h: (= Herr) Adlgasser spielte die Orgel. Das Dixit gieng gut. als er nach dem ersten Psalmen abschlueg, so grief (= griff) er ganz abscheulich herum und konnte zu keinem Ende kommen. nach dem zweyten Psalmen giengs noch schlechter, so daß er das Pedal am Ende um einen Thon dieffer aushielt, mit der rechten und lincken hand so darein grieff als wenn ein Hund über die Orgl lief, alles glaubte er wäre besoffen. beÿm dritten Psalmen konnte er gar mit den fingern der linken hand nicht mehr spielen, sondern legte immer die zusammgebogne faust auf die Claves (= Tasten), ich konnte ihn lange nicht bereden von der Orgel zu gehen, und den h: Spizeder spielen zu lassen, da ich ihm unterdessen die linke hand herabnahm und h: Spizeder, so gut er konnte, zu dem, was der Adlgasser mit der rechten hand noch spielte, den Bass machte. Endlich brachten wir ihn, ja wir trugen ihn fast weg und setzten ihn auf die banck, wo die Posonisten blasen. Seine Frau war in den stühlen bey der Sacristey, sie kam hinauf, wie auch der Bader Braun, der unten war, ein Ministrant mit wasser, der Seelos vom Chor herauf. Er verdrähte die Augen wie ein besoffner Mensch, sprach man sollte ihn nur sitzen lassen, wurde erstaunlich blaß, und endlich erbrach er sich erstaunlich, aber nichts als wasser oder Wein, und NB gar keine trebern. da der bader ihm eben den Puls gegriffen hatte und nun das Erbrechen sahe, so gieng er davon und hielt es für einen starken Rausch, folglich wir alle auch, indem er sonst ganz deutlich reden konnte und beÿ dem Erbrechen schwitzte, wie es beÿ solchen übligkeiten vom Magen geschieht. Nun machten wir das Magnificat und blieben beÿm Rosenkranz, da wir nicht vorbeÿ konnten ohne durch das Gespeibe zu tretten, und alles um ihn herum war. unter dem Rosenkranz wurde er in die grosse Sacrÿsteÿ hinunter gebracht, und um ein tragsessl geschickt, der noch unter dem Rosenkranz ankam, und vor der Benediction ward er noch fortgetragen. Er war also schon weggebracht, wie ich und h: Spizeder vom Chor herunter kamen. ihr könnt euch das Specktacl leicht vorstellen, da beÿm Stundgebett die ganze Kirche voll der Leute war: da wir aus der Kirche giengen, kam fr: Hagenauerin und andere zu uns, alles sprach von dieser Historie, dann iedermann sahe aufs Chor hinauf, was davorgieng, man sahe den sessl in die Sacristeÿ kommen und wegtragen: und alles glaubte der Adlg: hätte sich im drunck übernohmen. […] Ich war nun im Nachhausgehen begriffen, als mir beÿm Markbrunnen die Adlg: Victorl weinend begegnete und in die Apotecke lief um Hirschhorrgeist zu hohlen, sagte mir, daß ihr Vatter die Augen nicht aufmacht und nur schnarchend daliegt. Nun war ich überzeugt, daß ihn der Schlag getroffen. Der Dr: Barisani kam um dreyviertl auf 5 uhr, dann vorher schlief er noch seinen Nachmittagschlaf. Man gebrauchte alle Mittl, frotieren, Zwicken, Reiben, Aderlassen, fisicatorien etc: er öffnete kein Aug mehr, rodelte immer fort, und starb um 3 Viertl auf 7 uhr. Heut war ich dort: du kannst dir die Lamentation und das weinen nicht vorstellen. die Adlgasserin ruft die ganze Welt um hilfe, sie ist mir schier um den hals gefahlen: Es war ganz erschrecklich. Morgen nachts den 23 wird er begraben, den 24 ten ist beÿ St: Sebastian der Gottesdienst. Nun was haben wir für Organisten? – – wer instruiert im Capellhaus? [...][5]
Die Nachfolge
Ein "Hof- und Domorganist" rangierte in der Salzburger Hofmusik praktisch an dritter Position. Die Jahresvergütung Adlgassers lag über der des Vize-Kapellmeisters. Diese ergab sich aus den kumulierten Dienstverpflichtungen, die Adlgasser im Laufe der Jahre erwachsen waren: Zu der Anstellung als Hofcembalist und Domorganist (hier nur an den Festtagen tätig) kamen der Unterricht im Kapellhaus und der Organistendienst in der Dreifaltigkeitskirche, dazu noch die in Geld abgelöste Hoftafel. WAM erhielt, als Nachfolger Adlgassers, ebenso 450 Gulden, womit der Bezug über dem des Vaters lag. Bei Mozarts neuerlichem Eintritt in den Salzburger Hofdienst hatte das Orgelspiel in der Dreifaltigkeitskirche bereits MH angetreten und zur Übernahme des Unterrichts im Kapellhaus überredete Mozart den vielfach begabten Hoftenoristen Spitzeder, der dem Klavierunterricht zwar vorerst stillschweigend nachkam, um dann sich doch an den Fürsten zu wenden mit der Bitte um eine Vergütung.
Die Kompositionen Adlgassers für den kirchlichen Raum sind weitgehendst erhalten und fanden weiterhin Beachtung. Das Instrumentalwerk, d.s. die Werke für den Hof ("für die Kammer"), ist im Zuge der Säkularisation des Erzstifts und der wechselnden Hoheitszugehörigkeiten (Österreich, Frankreich, Bayern, Österreich) untergegangen. Zu Lebzeiten Adlgassers wurden, über Vermittlung von Leopold Mozart, in der Reihe "Oeuvres melées" bei Joh. Ulrich Haffner (Nürnberg) zwei Klaviersonaten gedruckt. Der Lehrer am Kapellhaus war geschätzt, wie die Mitschrift des (theoretischen) Unterrichts von Schülern erweist. Ein Porträt Adlgassers existiert nicht.
Nachleben und Würdigungen
- 1950 widmete die Stadt Salzburg eine Straße im Stadtteil Leopoldskron Adlgasser, allerdings versehen mit dem nachrangigen Vornamen "Anton".
- Seit 2004 veranstaltet die Gemeinde Inzell im Rahmen des "Musiksommers zwischen Inn und Salzach" in ihrer Pfarrkirche Konzerte, die Werke von Adlgasser beinhalten.
- Seit 2007 trägt die Musikschule in Inzell den Namen ihres Sohnes.
- Werke Adlgassers wurden in die renommierten Publikationsreihen "Denkmäler der Tonkunst in Österreich" und "Denkmäler der Musik in Salzburg" aufgenommen, weitere Ausgaben, gefördert von der Gemeinde Inzell, sollen folgen.
Werke
Kirchenmusik
- acht Messen, drei Requien
- sechs Tantum ergo
- elf Marien- und vier Sakramentslitaneien
- eine Vesper
- 25 Offertorien, Motetten
- 20 Marianische Antiphone
- 45 deutsche geistliche Lieder
Musik zu Schuldramen, Oratorien ("Geistliche Singspiele"), Kantaten
- Der Mensch, die Schwachheit, und die Gnade (Die von wirkender Gnade in der Liebe Gottes gestärkte menschliche Schwachheit), Kantate, 1750, Salzburg, Benediktinenstift Nonnberg
- Christus am Ölberg, Oratorium, Karwoche 1755, Salzburg
- Die wirkende Gnade Gottes (David in der Buße), Geistliches Singspiel, April 1756, Salzburg
- Esther(?), Geistliches Singspiel(?), ca. 1760, Salzburg
- Via viri in adolescentia (Dorotheus martyr), Schuldrama (Visitation), 22. Juni 1762, Salzburg, Universitätstheater
- Israel et Albertus, Schuldrama (Finalkomödie), 31. August 1762, Salzburg, Universitätstheater
- Ochus regnans (Paternae poena indulgentiae), Schuldrama (Visitation), Juni 1763, Salzburg, Universitätstheater
- Bela Hungariae princeps, Schuldrama (Finalkomödie), 30. August 1763, Salzburg, Universitätstheater
- Abraham und Isaak, Geistliches Singspiel, ca. 1765, Benediktinerstift Lambach
- Anysis Aegypti rex, Schuldrama (Finalkomödie), 30. August 1765, Salzburg, Universitätstheater
- Chalcis expugnata, Schuldrama (Finalkomödie) mit dem Singspiel Iphigenia mactata, 29. August 1766, Salzburg, Universitätstheater
- Die Schuldigkeit des ersten Gebotes, 3. Teil, Geistliches Singspiel, 26. März(?) 1767, Salzburg, feb. Residenz, Rittersaal
- Hannibal Capuanae urbis hospes, Schuldrama (Finalkomödie), 28. August 1767, Salzburg, Universitätstheater
- Freund in der Not, Geistliches Singspiel, 21. Jänner 1768, Schärding
- Der Kampf der Buße und Bekehrung, 1. Teil, Geistliches Singspiel, 2. April 1768, Salzburg, Residenz
- Philemonis cum Baucide felicitas, 10. April 1768, Salzburg, Universität, Sacellum
- Clementia Theodosii, Schuldrama (Finalkomödie), 30. August 1768, Salzburg, Universitätstheater
- Kaiser Constantin I., 1. Teil, Geistliches Singspiel, 28. Februar 1768, Salzburg, Residenz, Weißer Saal (Marcus Sitticus-Saal)
- Synorix et Camma, Schuldrama (Finalkomödie), 1. September 1769, Salzburg, Universitätstheater
- Drei Beispiele wahrhafter Buße, 1. Teil (Die gereinigte Magdalena), Geistliches Singspiel, 3. April 1770, Salzburg, Residenz
- Die menschliche Wanderschaft, 1. Teil (Der laue Christ), Geistliches Singspiel, März 1771, Salzburg, Residenz
- Pietas in Deum, Schuldrama (Visitation), 8. Juli 1772, Salzburg, Universitätstheater
- Pietas in hospitem, Schuldrama (Finalkomödie) mit dem Singspiel Die reichlich vergoltene Bewirtung, 2. September 1772, Salzburg, Universitätstheater
- Oratorium de Passione Domini Nostri Jesu Christi, Karfreitag, 1773(?), Berchtesgaden
Oper
- La Nitteti, Oper, 7. April 1766, Salzburg, Residenz, Hoftheater
Instrumentalwerke
- zehn Sinfonien
- vier Klavierkonzerte
- zwei Klaviersonaten, fünf Sätze für Klavier
- vier Orgelwerke
- 103 Versetten. herausgegeben und bearbeitet von Josef Friedrich Doppelbauer. Publiziert bei Alfred Coppenrath, Altötting. ISMN 979-0-0071-2666-7
Theoriewerke, Briefe
- Partitur Fundament von berühmten Auctoren, H. Cajetan Adelgasser und H. Michael Haydn
- neun Briefe an Leopold Mozart, 1762–1771 (verloren)
- drei Briefe an Giovanni Baptista Martini in Bologna, 1764
Quellen
- Rainer, Werner: Anton Cajetan Adlgasser, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde (MGSLK), Bd. 105 (1965), S. 205-237.
- Boberski, Heiner: Das Theater der Benediktiner an der Alten Universität Salzburg (1617-1778), Theatergeschichte Österreichs, Bd. 6,1, Wien 1978.
- de Catanzaro, Christine D.; Rainer, Werner: Anton Cajetan Adlgasser (1729-1777): A Thematic Catalogue of His Works, Thematic Catalogues No. 22, Stuyvesant 1999.
- Rainer, Werner: Anton Cajetan Adlgasser, in: Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), 2. Ausg., Personenteil Bd 1, Sp. 156-160.
- Hintermaier, Ernst: Die Organisten am Salzburger Dom von den Anfängen bis zur Gegenwart, in: derselbe (Red.): Festschrift zur Weihe der neuen großen Orgel im Salzburger Dom. Salzburg 1988, S. 46.
- Bernhard Paumgartner, Residenz Verlag Salzburg, 1966
- Schuler, Heinz: Mozarts Salzburger Freunde und Bekannte. Biographien und Kommentare, Wilhelmshaven 1998. (Taschenbücher zur Musikwissenschaft, hg. von Richard Schaal, Nr. 119), ISBN 3-7959-0653-9
- Valentin, Erich: Adlgasser, Anton Cajetan, in Blume, Friedrich (Hg): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Band 1. Kassel (Bärenreiter) 1951, Sp. 88.
- Valentin, Erich: Eberlin, Johann Ernst, in Blume, Friedrich (Hg): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Band 3. Kassel (Bärenreiter) 1954, Sp. 1057ff.
- Homepage der Stadt Salzburg: Musikalischer Spaziergang von Reinhard Medicus
- Haslinger, Adolf, Mittermayr, Peter (Hrsg.): "Salzburger Kulturlexikon", Residenz Verlag, Salzburg-Wien-Frankfurt/Main 2001, ISBN 3-7017-1129-1
- Publikationen der Salzburger Landesausstellungen: Mozart - Bilder und Klänge zur Salzburger Landesausstellung Mozart - Bilder und Klänge, 6. Landesausstellung vom 23. März bis 3. November 1991 im Schloss Kleßheim, Seite 112
- Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia zum Thema "Cajetan Adlgasser"
Einzelnachweise
- ↑ Sterbebuch der Dompfarre Salzburg, Band iV, S. 520.
- ↑ October. / 1 Caietanus legitimus filius Vdalrici Adlgasser Editui et ludimagistri ad B.V.M. et Mariæ läderin coniugis ... (Taufbuch Inzell-St. Michael, p. 126).
- ↑ eitel Papier = harmloses Papier.
- ↑ Heinz Schuler: Mozarts Salzburger Freunde und Bekannte. Biographien und Kommentare, Wilhelmshaven 1998, S. 140.
- ↑ Siehe: dme.mozarteum.at, aufgerufen am 4. August 2017.