Arnold von Hagenauer


Arnold von Hagenauer (* 20. November 1871 in Linz; † 25. Juni 1918 in Wien-Grinzing) war ein österreichischer Schriftsteller, Redakteur und Kritiker der Jahrhundertwende mit starkem Salzburgbezug. Seine Persönlichkeit und sein literarisches Werk standen zeitlebens im Spannungsfeld zwischen seiner hochrangigen Herkunft aus der bedeutenden Salzburger Beamtendynastie der Hagenauer, dem traumatischen Linzer Kassenskandal von 1883 und seinem späteren Dasein als exzentrischer Wiener Bohemien.
Leben
Herkunft und die Verbindung der Ahnen zu Mozart
Arnold von Hagenauer entstammte der traditionsreichen Bürger- und Beamtendynastie der Hagenauer. Die Familie, deren Wurzeln als edelfreies Geschlecht bis in das 10. Jahrhundert nach Freising zurückreichen, etablierte sich ab Mitte des 16. Jahrhunderts im salzburgisch-bayerischen Grenzgebiet und stieg im Fürsterzbistum Salzburg zu immensem Einfluss und Wohlstand auf.[1] Sein Urgroßvater war der berühmte hochfürstlich salzburgische Hofbaumeister Johann Georg von Hagenauer.
Die Epoche der Hagenauer-Ahnen im 18. Jahrhundert war untrennbar mit dem Leben von Wolfgang Amadé Mozart verwoben. Arnolds Ur-Ur-Großonkel, der wohlhabende Salzburger Handelsherr Johann Lorenz Hagenauer (* 1712; † 1792), war der Vermieter der Familie Mozart in der Getreidegasse. In diesem heute als Hagenauerhaus weltberühmten Gebäude kam der Komponist 1756 zur Welt. Lorenz Hagenauer agierte zudem als enger Freund, vertrauter Briefpartner und wichtigster Geldgeber von Leopold Mozart während dessen ausgedehnten Europareisen. Ein weiterer prominenter Ahn der Familie war Kajetan Rupert von Hagenauer (* 1746; † 1811), der unter dem Ordensnamen Dominikus Hagenauer als Abt des Benediktinerstiftes St. Peter wirkte und ein enger Jugendfreund Wolfgang Amadé Mozarts war, welcher für Dominikus' Primiz im Jahr 1769 die berühmte "Dominicusmesse" (KV 66) komponierte.
Der weitreichende Einfluss der Familie im Erzstift brach nach den Napoleonischen Kriegen und der Säkularisation des Landes im Jahr 1816 abrupt ein. Salzburg verlor seine Eigenständigkeit und wurde als Salzachkreis provisorisch dem Erzherzogtum Österreich ob der Enns unterstellt, dessen Verwaltungssitz in Linz lag. Da die einflussreichen Positionen im alten Erzstift verloren gingen, die Stadt Salzburg wirtschaftlich stark an Bedeutung verlor und zu einem "Betteldorf mit leeren Palästen" herabsank, war die nachfolgende Generation der Hagenauer gezwungen, in die neue Kreis-Hauptstadt Linz überzusiedeln.[1] Dort etablierte sich der Linzer Zweig der Familie, aus dem schließlich Arnolds Vater, der k.k. Landeskassendirektor Julius von Hagenauer, hervorging. Ein biografisches und staatsrechtliches Spezifikum des Schriftstellers zeigt sich in seiner Namensführung und seinen Unterschriften im Alltag als „Arnold Hagenauer“: Obwohl er aus dem uralten edelfreien Geschlecht stammte, durfte er das „von“ im offiziellen österreichischen Staatsgebiet rechtlich nicht führen. Die Ursache lag im Jahr 1816, als sein Großvater durch den endgültigen Anschluss des ehemaligen Erzstifts Salzburg an das Kaisertum Österreich automatisch die österreichische Staatsangehörigkeit erhielt. Da dieser fürstbischöfliche Landesadel vom kaiserlichen Hof in Wien jedoch nicht automatisch in die inländischen Adelsmatrikeln übertragen wurde, galt die Linie vor den österreichischen Behörden formal als bürgerlich. Seine Unterschrift ohne das Prädikat war somit die direkte rechtliche Konsequenz dieses staatsbürgerlichen Statuswechsels.
Der Linzer Kassenskandal von 1883
In Linz stand Julius (von) Hagenauer als k.k. Landeskassendirektor an der Spitze der oberösterreichischen Finanzverwaltung. Seine Frau und Arnolds Mutter, Clementine (geborene Mayr), stammte aus einer vermögenden Familie und pflegte in der Linzer Gesellschaft einen ausgeprägten Hang zu Luxus und Prunksucht.
Diese privilegierte Kindheit endete im September 1883 abrupt und ging als einer der größten Finanzskandale der Region in die Justizgeschichte ein.[2] Bei einem unangekündigten Kassensturz wurde eine massive Defraudation (Unterschlagung) in der Landeskasse aufgedeckt: Julius von Hagenauer hatte über Jahre hinweg Staatsgelder, staatliche Anleihen und staatliche Wertpapiere im Gesamtwert von über 300.000 Gulden (ca. 5,5 Millionen Euro) veruntreut. Motiv für den systematischen Betrug war der Versuch des Kassendirektors, den exzessiven Repräsentations- und Prunklebensstil seiner Ehefrau Clementine zu finanzieren.
Die zeitgenössische Presse begleitete den Fall mit scharfer moralischer Verurteilung und machte Clementine öffentlich zur Mitschuldigen. Zur Schadensdeckung leitete die k.k. Justiz die sofortige Pfändung des gesamten Privatvermögens und eine öffentliche Lizitation (Zwangsversteigerung) des Hausrates im Hagenauerhaus ein. Clementines Versuche, Teile des Luxusinventars gerichtlich als ihr geschütztes "eingebrachtes Frauengut" zu retten, wurden abgewiesen. Julius von Hagenauer wurde vom Linzer Landesgericht aufgrund einer zugesprochenen Teilschuld und der Schwere der Veruntreuung zu vier Jahren schwerem Kerker verurteilt.[2] Er verstarb jedoch bereits nach kurzer Zeit, gesundheitlich und psychisch gebrochen durch die harten Haftbedingungen, um 1884/1885 im Gefängnis. Seine Ehefrau Clementine erlag kurz darauf verarmt und gesellschaftlich geächtet dem körperlichen Zusammenbruch. Arnold von Hagenauer wurde im Alter von rund 13 Jahren zum völlig mittellosen Vollwaisen.[3]
Jugend und Einbettung in den Wiener Familienzweig
Der heraufziehende Kriminalfall hatte zu tiefen Rissen innerhalb der eng verbundenen Dynastie geführt. Arnolds leiblicher Onkel, der k.k. Versicherungsdirektor Franz de Paula (III.) Baron von Hagenauer (* 1824; † 1886), galt in Wien als unbescholtene moralische Instanz und stand zu dieser Zeit als Barone Romano kurz vor Bestätigung seines erblichen Baronats.[4] Aus Sorge um seine eigene gesellschaftliche Reputation und die bevorstehende Nobilitierung distanzierte sich Franz de Paula formell und hatte keinerlei Interesse, aktiv in den Skandal seines Bruders Julius hineingezogen zu werden. Nach dem frühen Tod des Onkels im Jahr 1885 übernahm schließlich dessen Sohn, Arnolds älterer Cousin Simon (II.) Baron von Hagenauer (* 1852; † 1920), die finanzielle Verantwortung für den verwaisten Neffen im Hintergrund und bezahlte dessen weitere Ausbildung am Linzer Gymnasium.
Nach der Matura übersiedelte Arnold um 1890 nach Wien, um an der dortigen Hochschule das Studium der Veterinärmedizin aufzunehmen. Er wurde Mitglied der 1891 an der Tierärztlichen Hochschule gegründeten Wiener akademischen Burschenschaft Vandalia (nicht zu verwechseln mit der namensgleichen 1908 gegründeten deutschnationalen schlagenden Burschenschaft Vandalia). Das praktische familiäre Auffangnetz im Wiener Zweig der Familie bildeten seine leiblichen Tanten väterlicherseits (die Schwestern seines Vaters): Helene Elßler (geborene von Hagenauer), die seit 1852 mit dem k.k. Major Karl Franz Elßler verheiratet war, sowie Maria Henriette Ludovika von Kummer (geborene von Hagenauer), die Ehefrau des bekannten Literarhistorikers und kaiserlichen Pädagogen Karl Ferdinand von Kummer.[4] Durch Major Elßler bestand eine direkte Verbindung zur Musikgeschichte: Er war der Sohn von Johann Florian Elßler, dem persönlichen Notenkopisten und Faktotum von Joseph Haydn, sowie der Bruder der weltberühmten Tänzerin Fanny Elßler. Unter der Obhut der Tanten und gefördert durch das intellektuelle Umfeld seines Onkels Karl Ferdinand von Kummer fand Arnold rasch Anschluss an die Wiener Literaturszene.
Literarische Verbindungen und Italienreisen
Obwohl er ausgebildeter Tierarzt war, widmete sich Hagenauer bald ganz dem Dasein als freier Schriftsteller und Kritiker in Wien.[5] Hier fand er rasch Anschluss an das „Jung-Wien“, jene prägende Kaffeehaus-Literaturgruppe, die sich zunächst im Café Griensteidl und nach dessen Abbruch im Jahr 1897 vorwiegend im Café Central traf. Er unterhielt enge, teils freundschaftliche Kontakte zu literarischen Schwergewichten wie Hugo von Hofmannsthal, Richard Beer-Hofmann und Hermann Bahr, der ihm im Jahr 1900 eine persönliche Buchwidmung zukommen ließ. Im März 1901 setzte sich Hagenauer in seinem vieldiskutierten Essay "Neues über Kultur und Bildung" in der Ostdeutschen Rundschau intensiv mit Bahr und Peter Altenberg auseinander. Bereits 1899 hatte er gemeinsam mit Altenberg, Hofmannsthal und Ferdinand von Saar an einer lyrischen Festschrift für Detlev von Liliencron mitgewirkt.
Einen wesentlichen Einfluss auf seine ästhetische Entwicklung und sein Werk hatten ausgedehnte Reisen nach Italien, die er im Sinne der klassischen Künstler-Tradition unternahm. Die Eindrücke der italienischen Kultur, Landschaft und Geschichte spiegelten sich direkt in seiner Literatur wider: Seine historischen Novellensammlungen wie "Perlen der Chloe" und "Das Ende der Salome" zeugten von einer tiefen Begeisterung für mediterrane Stoffe und die Antike.
So zog es Arnold Hagenauer immer wieder von der Hauptstadt fort. Entweder nach Capri (Italien), wo er den Hamburger Maler und Schriftsteller Christian Wilhelm Allers (Pseudonym: 'W. Andresen') besuchte, oder nach München und Hamburg (Deutschland), wo er bei seinem Förderer und Freund Detlev Freiherrn von Liliencron weilte. Meistens aber zog es ihn in die Heimat seiner Ahnen nach Salzburg, wo er von seinem Schriftstellerkollegen und Freund Karl Schloßleitner, der zum Kreis des Salzburger "Pan" um Georg Trakl gehörte. Trotz seines Wiener Lebensmittelpunkts und der südländischen Einflüsse blieb er der Heimatstadt seiner Vorfahren stets tief verbunden. Der Stadt Salzburg setzte er mit seinem historischen Biedermeier-Roman "Der Knabe Leonhard" ein bleibendes literarisches Denkmal. In diesem Werk übte Hagenauer unter dem Deckmantel der historischen Erzählung scharfe Kritik an der falschen Moral, der gesellschaftlichen Heuchelei und den erdrückenden, starren Konventionen des Bürgertums. Neben diesem Roman beschäftigte sich Hagenauer in seinen letzten Lebensjahren intensiv mit den großen, glanzvollen Epochen der Salzburger Landesgeschichte. Er plante und begann die Arbeit an einem umfassenden, historisch tief angelegten Roman über die barocke Ära und die Epoche der Salzburger Erzbischöfe. Dieses literarische Großprojekt, mit dem er der klerikalen und barocken Pracht der Stadt seiner Ahnen nachspüren wollte, verblieb jedoch durch seinen plötzlichen Tod im Zustand eines unvollendeten Fragments.
In seinen letzten Lebensjahren erschien der Bohémien vielen schwer zugänglich und als Sonderling. In einer zeitgenössischen Beschreibung hieß es: "In seiner kontrastierenden Lebensart schwang immer ein wenig Poesie mit."
Werke
- Illusionen, (Gedichte) 1895
- Adah Hellmer, (Schauspiel) 1896
- Das lyrische Wien, 1899
- Muspilli, Österreichische Verlagsanstalt, 1900
- Die Perlen der Chloë, Österreichische Verlagsanstalt, (verm.) 1901
- Gottfrieds Sommer, (Autobiograph. Roman) Georg Müller Verlag, München, 1906
- Das Ende der Salome, Novelle, Hans Hübner Verlag, Hannover, 1916
- Historische Novellen, 1918
- Leonhard und Rosa (Roman), 1919
- Der Knabe Leonhard (Roman) im Salzburger Volksblatt, 1919
- Der Knabe Leonhard, in Buchform, R. Kiesel Verlag, Salzburg, ph. 1930
- Muspilli auf Wiki-Source als e-book
Quellen
- Freifrau Marianne Hauser: Hagenauer´sches Familienarchiv, Wien 1943
- Franz Martin: Hundert Salzburger Familien (Verlag der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, Salzburg 1946), S. 192 ff
- Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 2, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1959, S. 144.
- ↑ 1,0 1,1 Hagenauer - Genealogie der Familie. In: Salzburgwiki, abgerufen am 18. August 2026.
- ↑ 2,0 2,1 Finanzakten der oberösterreichischen Landeskasse (Fall Julius Hagenauer 1883). Oberösterreichisches Landesarchiv, Linz, abgerufen am 18. August 2026.
- ↑ Arnold Hagenauer - Biografisches Archiv OÖ. Adalbert-Stifter-Institut / Stifterhaus Linz, abgerufen am 18. August 2026.
- ↑ 4,0 4,1 Hagenauer - der Wiener Zweig
- ↑ Hagenauer, Arnold. In: Österreichisches Biografisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 2, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1959, S. 142.