Baugeschichte Tauernkraftwerke Kaprun
Die Baugeschichte Tauernkraftwerke Kaprun begann in den 1920er-Jahren.
Die Anfänge in den 1920er Jahren
Die Anfänge der Errichtung der Tauernkraftwerke Kaprun reichen in die 1920er Jahre zurück und hängen mit dem Bau der Großglockner Hochalpenstraße zusammen.
Einer der Gründe, weshalb der damalige Landeshauptmann Dr. Franz Rehrl in den 1920er und 1930er Jahren sich so vehement für den Bau der Großglockner Hochalpenstraße eingesetzt hatte, war die Vision der Errichtung eines Skizentrums in der Glocknergruppe. Die sollte mit der neuen Straße erschlossen werden. Eine weitere Idee von Dr. Rehrl war aber auch, dass diese Straße zur Errichtung einer riesigen Tauernkraftwerkgruppe von jenen Betreibern gebaut und bezahlt werden sollte; dann hätte sie später vom Land Salzburg ohne Kosten übernommen werden sollen und neben der Ausflugsstraßenfunktion auch für das Skigebiet als Zubringer gedient.
Auf die Nutzung der Wasserkraft zurück greifend ließ er 1928 ein gigantisches Projekt vorbereiten, für dessen Ausführung der Salzburger Landtag schließlich AEG Berlin gewinnen konnte: die Tauernkraftwerke sollten mit jährlich 3,3 Milliarden Kubikmeter Wasser aus dem Gebiet der Zentralalpen im Bereich der Hohen Tauern aus Kärnten, Osttirol und Salzburg 6,6 Milliarden kWh produzieren; 1.250 km Hangkanäle, 80 km Sammelkanäle, 120 km Sammelstollen in rund 2.100 m ü. A. sollten das Wasser aus einem Einzugsgebiet von etwa 2000 km² in drei Mega-Staubecken sammeln und ins Kapruner Tal leiten. Dort sollten zwei Wasserkraftwerke gespeist werden und durch gigantische Stollen - wie zweigleisige Bahntunnels - weiter nach Sankt Johann im Pongau fließen, wo ein drittes Kraftwerk errichtet werden sollte.
Dieses Projekt war mit 6,6 Milliarden Schilling (1928) veranschlagt gewesen und hätte im Endausbau 6,6 Milliarden kWh Strom erzeugen sollen - zum Vergleich: etwa das 2,75fache an der 1928 bestehenden österreichischen Gesamtstromproduktion!
Kernbestandteil dieses Megaprojekts war aber ein über mehrere Kilometer lange geplanter Stollen durch die Tauern, die die Wassermenge von Kärntner Gebiet nach Salzburg leiten sollten. Demnach auch ein wesentlicher Kostenbestandteil. Würde sich also ein solcher Wassertunnel in Kombination mit einem Straßentunnel in die Projektierung einfügen, wäre dies ein großer Vorteil für Salzburg - und Dr. Rehrl.
Um nun Erfahrungen mit langen Tunnels sammeln oder gar einen gleich bauen zu können, brachte Dr. Rehrl 1930 eine neue Trassenvariante für die gerade im Bau befindliche Großglockner Hochalpenstraße ins Spiel. Es kam zu einem drei Jahre dauernden Variantenstreit zwischen der Variante von Franz Wallack (die letztlich dann auch gebaut wurde) und jener von Dr. Rehrl. Damit und auch aufgrund des Ausstiegs von AEG Berlin aus diesem Projekt, waren vorerst die Pläne eines Tauernkraftwerkes ad acta gelegt. Eine deutliche magere Version wurde schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg in Form der heutigen Tauernkraftwerke Kaprun realisiert.
Siehe auch
Baubeginn und Bauphasen
1938 - 1945
Nach dem Anschluss von Österreich an das Deutsche Reich folgte dann doch bald der erste Spatenstich - ausgeführt von Hermann Göring am 15. Mai 1939. Beim Spatenstich war auch der Salzburger Erzbischofs Ignaz Rieder dabei. Während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten auf der Baustelle bis zu 4.000 Kriegsgefangene und 6.339 zivile Ausländer[1]. Im September 1944 wurde mit dem ersten Maschinensatz im Kraftwerk Kaprun-Hauptstufe und dem Hilfsspeicher am Stausee Wasserfallboden, der Betrieb aufgenommen. Konkret wurden während der NS-Zeit (Bauphase 1) die Grundlagen für den nach dem Krieg erfolgten Weiterbau (Bauphase 2) des Tauernkraftwerkes gelegt. Dazu Margit Reiter: "Das Krafthaus war baulich fertig gestellt, von vier Aggregaten waren zwei errichtet und konnten mit Hilfe des kleinen Stausees betrieben werden. Die dazu gehörenden Druckrohrleitungen waren verlegt und in der Schiebekammer die entsprechenden Verschlussorgane eingebaut. Der gepanzerte Schrägschacht war ebenfalls fertig gestellt, das Wasserschloss in seiner unteren Kammer ausgebrochen und der Druckstollen bis zum Einlaufbauwerk fertig. Die dazu gehörenden elektrischen Einrichtungen waren so weit vorangetrieben, dass eine Übertragung der Energie nach Ostösterreich bereits möglich war. Für den Bau der Limbergsperre waren rund 50 % der notwendigen Arbeiten geleistet."
1945 - 1955
Die Mittel für die Errichtung der Kraftwerksanlage stammten nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Marshall Plan. 1946 war Leopold Müller-Salzburg Oberbauleiter. 1947 wurde der Bau des Großkraftwerkes wieder aufgenommen. 1951 war der Bau der 120 m hohe Gewölbemauer Limberg beendet worden, wodurch 1952 das Kraftwerk Kaprun-Hauptstufe eröffnet werden konnte. Mit dem Bau des Kraftwerkes Kaprun-Oberstufe wurde 1950 begonnen. Bis 1955 konnten die Mooser- und Drossensperre des Speichers Mooserboden, die beiden Sperren des Speichers Margaritze, das Oberstufenkraftwerk sowie der 12 km lange Möllüberleitungsstollen, fertiggestellt werden.
Baustelleneinrichtungen
Arbeiterlager
Insgeamt sind bis zum Jahr 1945 19 Barackenlager bekannt. Durch unterschiedliche Bezeichnungssysteme - einmal Nummern, ein andermal Namen - könnten einzelne Lager ident sein.
- Hauptlager
- Lager 1
- Lager 3
- Lager 4
- Lager 4a
- Lager 5
- Lager 5a
- Lager 6
- Lager 7
- Lager 8
- Lager 9
- Lager 25
- Lager Grubbach
- Lager Kesselfall
- Lager Mooserboden
- Lager Wasserfall
- Lager Zeferet
- Salzachlager
- Ostarbeiterlager
Für die Oberstufensperren
- Zement-Entladeanlage in Kaprun aus Silowaggons in Tiefsilos, Förderleistung pro Stunde: 120 Tonnen, der Hochsilo hatte ein Fassungsvermögen von 1.000 m³
- Zementseilbahn
- von Zement-Entladeanlage bis Limbergsperre: eine Umlaufbahn mit 7,4 km Länge, 920 m Höhenunterschied und einer Förderleistung von 35 Tonnen pro Stunde bei einer Geschwindigkeit von 2 m/sek, die Wagen hatten einen Abstand von 135 m;
- von der Limbergsperre zur Betonieranlage Stausee Mooserboden: 3,5 km Länge, 360 m Höhenunterschied, 30 t/Std Förderleistung bei einer Geschwindigkeit von 2,2 m/sek und einem Wagenabstand von 130 m;
- Kiesel-Seilbahn Mooserboden: 370 m Länge, 55 m Höhenunterschied, 320 t/Std. Förderleistung bei einer Geschwindigkeit von 2,2 m/sek, einem Wagenabstand von 40 m und einem Wagengewicht von 1,2 Tonnen;
- Schwerlast-Seilbahn zum Mooserboden: 1,2 km Länge, 160 m Höhenunterschied, die Nutzlast betrug zwei Tonnen bei einer Fahrgeschwindigkeit von 2,5 m/sek
- Betonierungsanlage Mooserboden, bestehend aus sechs Großraumsilos je 3.500 Tonnen Inhalt, einer Betonmischanlage aus den USA mit neun Wiegevorrichtungen je 2.400 kg und einer theoretischen maximalen Tagesleistung von etwas 7.000 m³ Frischbeton;
- Einbringungsanlage - Betontransport mittels sechs Kabelkränen mit maximaler Spannweite von 570 m und einer Tragkraft an der Flasche von 8,5 Tonnen; die Fahrgeschwindigkeit der Katze betrug 3,33 m/sek; Inhalt eines Betonkübels: 3 m³ Festbeton;
- Kiesaufbereitungsanlage Mooserboden mit einer Stundenleistung von 300 Tonnen
Verkehrsanlagen und Transportmittel
- Schleppbahn Kaprun vom Bahnhof Bruck-Fusch zum Krafthaus Kaprun: 6,8 km Länge inkl. 130 m Tunnelstrecke und einer Stahlbrücke über die Kapruner Ache
- Werkstraße im Kapruner Tal:
- Kaprun - Kesselfall: 7,0 km Länge, 5,5 m Breite, 254 m Höhenunterschied und einer maximalen Steigung von 12 %
- Kesselfall - Talstation Lärchwand-Schrägaufzug: 1,6 km Länge, 3,5 m Breite, 177 m Höhenunterschied und einer maximalen Steigung von 12 %
- Schrägaufzug Mittelstation - Krafthaus Limberg: 0,9 km Länge, 3,5 m Breite,
- Bergstation Schrägaufzug - Mooserboden Mooserbodenstraße: 6,8 km Länge, 3,5 m Breite, 400 m Höhenunterschied und einer maximalen Steigung von 12 %, Trassenführung auch durch einen 1.700 m langen Tunnel
- Schrägaufzüge:
- Schrägaufzug Maiskogel längs der Druckrohrleitungen: auf einer Länge von 1.450 m wurde ein Höhenunterschied von 755 m überwunden, die Nutzlast betrug 60 Tonnen bei einer Spurweite von 8,2 m; maximale Steigung: 86 %, Fahrtdauer bei einer Geschwindigkeit von 0,78 m/sek und 10 t Last: 18 min; Fahrtdauer bei einer Geschwindigkeit von 0,39 m/sek und 60 t Last: 36 min;
- Lärchwand-Schrägaufzug
- Schrägaufzug im Limbergstollen: auf einer Länge von 923 m wurde ein Höhenunterschied von 590 m überwunden, die Nutzlast betrug 5 Tonnen bei einer Spurweite von 800 mm; maximale Steigung: 87 %, Geschwindigkeit 2 m/sek;
- Schrägaufzug Limberg-West (vom Sperrenfuß zur Sperrenkrone): auf einer Länge von 186,2 m wurde ein Höhenunterschied von 131,4 m überwunden, die Nutzlast betrug zwei Tonnen oder 12 Personen bei einer Spurweite von 880 mm; maximale Steigung: 119 % (?), Geschwindigkeit 2 m/sek;
- Schrägaufzug Limberg-Ost (von der Sperrenkrone zur oberen Schiebekammer): auf einer Länge von ca. 400 m wurde ein Höhenunterschied von 258 m überwunden, die Nutzlast betrug zwei Tonnen oder acht Personen bei einer Spurweite von 650 mm; maximale Steigung: 90 %, Geschwindigkeit von 1,8 m/sek
- Schrägaufzug Möllpumpwerk: auf einer Länge von ca. 160 m wurde ein Höhenunterschied von 97 m überwunden, die Nutzlast betrug 20 Tonnen oder 48Personen bei einer Spurweite von 2.400 mm; maximale Steigung: 81 %, Geschwindigkeit von 30 cm/sek
- Seilbahnen:
- Seilbahn Maiskogel: auf einer Länge von 1.600 m wurde ein Höhenunterschied von 713 m überwunden, die Nutzlast betrug 12 Tonnen oder 90 Personen pro Stunde in eine Richtung, Geschwindigkeit von 4 m/sek;
- Seilbahn Heidnische Kirche: auf einer Länge von 1.560 m wurde ein Höhenunterschied von 237 m überwunden, die Nutzlast betrug zwei Tonnen oder 22 Personen pro Stunde in eine Richtung, Geschwindigkeit von 4 m/sek;
Beteiligte Baufirmen
1938 - 1945
Stellvertretend für das Deutsche Reich waren die Alpen-Elektrowerke (AEW) oberster Bauherr und Auftraggeber. Auftragnehmer waren folgende Firmen und Firmengruppen:
- AEG-Union
- AEW
- Arge Butzer & Holzmann
- Arge Kleßheim
- Arge Rogge & Wessels
- Arge Tauernsperre (bestehend aus: Beton- und Monierbau AG, Lenz & Co, Polensky & Zöllner
- Bacher G.
- Deuring & Ritzert
- Hallinger-Siess-Karrer
- Heimann & Littmann
- Hilscher & Hanseli
- Hinteregger & Fischer
- Hinterleitner
- Holzmann Philipp AG
- Mannesmann
- Matzek & Co
- Moll Leonhard
- Ortner Peter & Co
- Redlich & Berger
- Ritter
- Thiele
- Union Baugesellschaft
- Union Baugesellschaft Mitterberghütten
- Universale Hoch- und Tiefbau AG
- Waagner-Biro AG
- Bezirksarbeitsgemeinschaft Wartheland-Posen
- Wayss & Freytag
- Winklbauer
Den höchsten Anteil an ausländischen Beschäftigten hatten die Firmen Arge Tauernsperre, Union Baugesellschaft, Hinteregger & Fischer, Moll Leonhard, Deuring & Ritzert, Bezirksarbeitsgemeinschaft Wartheland-Posen, Universale Hoch- und Tiefbau AG, Wayss & Freytag und die Arge Kleßheim.
1945 - 1955
(unvollständig)
Bauleitung und Arbeiterschaft
1938 – 1945
Dipl.-Ing. DDr. Hermann Grengg, seit April 1938 Vorstandsmitglied der Alpen-Elektrowerke (AEW), wurde einen Tag vor dem Spatenstich zum hauptverantwortlichen Direktor der Tauernkraftwerke Kaprun bestellt. Sein Stellvertreter war Dipl.-Ing. Robert Steiner, geb. 1884. Als Bauleiter fungierte Dr.-Ing. Rudolf Bratschko, der als Mitglied von Grenggs Führungsteam die wichtigste Funktion vor Ort bekleidete. Alle Genannten waren Mitglied der NSDAP.
Der Anteil ausländischer Arbeitskräfte an der Arbeiterschaft der Baustelle war mit ca. 6300 sehr hoch, anfangs darunter auch viele freiwillige Arbeitskräfte. Ab Beginn des Krieges arbeiteten in Kaprun mehr und mehr zwangsbeschäftigte Zivilarbeiter und Kriegsgefangene. Von 1939 bis 1941 wurden jährlich bis zu 600 Ausländer eingestellt, 1942 und 1943 war der Anteil an Ausländern am höchsten. Die Zwangsbeschäftigung der Kriegsgefangenen ist bisher am wenigsten erforscht, da ihre Daten im Melderegister nicht aufscheinen. Eine Gesamtzahl zwischen 4000 und 6000 liegt nach dem bisherigen Stand des Wissens nahe. Es handelte sich um polnische, belgische, französische und russische Kriegsgefangene, die unter unterschiedlich schlechten Bedingungen eingesetzt waren.
Quellen
- Website Oberpinzgau Salzburger Land
- Homepage Tauerntouristik
- Salzburgwiki-Beiträge
- Buch Tauernkraftwerke Glockner-Kaprun, J. Götz, 1958
- Reiter, Margit, Das Tauernkraftwerk Kaprun in NS-Zwangsarbeit in der Elektrizitätswirtschaft der "Ostmark", 1938 - 1945, HG Rathkolb, Oliver und Freund, Forian, Verlag Böhlau, Wien 2002
- ↑ Quelle: gmy.scp.ac.at