Medizinisch-chirurgische Lehranstalt Salzburg

Die medizinisch-chirurgische Lehranstalt Salzburg war eine von 1811 bis 1875 in der Stadt Salzburg bestehende höhere Bildungseinrichtung.
Geschichte
Johann Jakob Hartenkeil traf im August 1787 in Salzburg ein und begann – wie vorher mit Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo vereinbart – Vorlesungen für Chirurgen und Hebammen zu geben, was als Vorstufe der Lehranstalt gelten kann.[1]
Die Hebammenschule wurde mit Beginn des Jahres 1792 eröffnet, und Hartenkeil an derselben als Lehrer und Ober-Geburtshelfer angestellt.[2]
Hartenkeil hatte seiner Berufung gemäß gleichzeitig mit dem geburtshilflichen Unterrichte auch Vorträge über Anatomie und Chirurgie begonnen, und zwar trug er im Wintersemester die Osteologie vor, mit welcher er die Lehre von den Verrenkungen und Beinbrüchen verband; im Sommersemester lehrte er die Anfangsgründe der Wundarzneikunst; den Hebammenunterricht erteilte er im Winterkurs.
Im Jahre 1796 fing Dr. Johann Michael Steinhauser, hochfürstl. Rat und ordentlicher Arzt im St. Johannsspital, an den jungen Wundärzten, welchen dort der Zutritt bei den Ordinationen, Operationen und Verbänden gestattet wurde, die Anleitung zum Behufe praktischer Übung zu erteilen, durch welchen Vorgang der Grund zum klinischen Unterricht gelegt wurde. Im Jahre 1802 übernahm diese Anleitung der hochfürstl. Truchseß und Wundarzt im St. Johannsspital Joseph Weiglein, früher Obergehilfe im Juliusspital in Würzburg und 1796 an das St. Johannsspital in obiger Eigenschaft berufen.
Diese Vorträge und Übungen wurden ununterbrochen bis zur Errichtung der medizinischen Fakultät am 2. Juli 1804 fortgesetzt.[3]
An der Stelle der medizinischen Fakultät wurde zur Bildung von Civil-Wundärzten, Geburtshelfern und Hebammen ein sogenanntes großes chirurgisches Studium errichtet und auch das Medizinalwesen nach den in der österreichischen Monarchie eingeführten Normen umgestaltet. Dr. Hartenkeil wurde als k. k. Regierungsrat und Protomedicus an die Spitze desselben gestellt.
Die Lehrkanzeln des neuen chirurgischen Studiums
Das neue chirurgische Studium bestand aus sieben Lehrkanzeln:
I. Anatomie
II. theoretische Medizin
III. theoretische Chirurgie
IV. medizinische spezielle Therapie und med. Klinik im St. Johannsspital
V. praktische Chirurgie und chirurg. Klinik im St. Johannsspital
VI. theoretische und praktische Geburtshilfe
VII. Tierarzneikunde
Der erste dieser Lehrstühle wurde dem Wundarzt Franz Weber als Prosektor übertragen; die Lehrkanzel der theoretischen Medizin erhielt Dr. Johann Nepomuck Ehrhart. Dieser wurde schon im Jahre 1804 dem Professor Dr. Zandonatti als Assistent im St. Johannsspital beigegeben und nach dessen am 7. Mai 1805 im 28. Lebensjahr erfolgtem Ableben vom Kurfürsten zum außerordentlichen Professor der praktischen Medizin und ordentlichen Spitalsarzt ernannt.
Die Lehrkanzel der theoretischen Chirurgie erhielt der Magister der Chirurgie und Zögling des Wiener Operations-Institutes Anton Holzschuh; das Lehramt der speziellen medizinischen Therapie und medizinischen Klinik und zugleich die Stelle des Primararztes im St. Johannsspital wurde dem Dr. Joseph Polza, das der praktischen Chirurgie und chirurg. Klinik dem Dr. Alois Weißenbach und das der Geburtshilfe dem bisherigen außerordentlichen Professor desselben Gegenstandes Dr. Joseph Servatius d'Outrepont verliehen. Die siebente Lehrkanzel wurde vorläufig nicht besetzt, sondern ein Konkurs für dieselbe ausgeschrieben.[4]
Nach Hartenkeils Tod am 7. Juni 1808 wurde im Jahr 1809 die Zahl der Professoren durch die Ernennung des Doktors der Medizin Johann Georg Edlen von Am-Pach auf Grienfelden zum Professor der Tierarzneikunde vervollständigt.[5]
1811-1818 königlich bayerische Schule für Landärzte
Durch den Friedensschluss in Wien am 14. Oktober 1810 wurde unter anderem Salzburg zur Disposition Frankreichs gestellt und am 12. September 1810 samt der Fürstpropstei Berchtesgaden an das Königreich Bayern abgetreten.
Schon am 24. Dezember desselben Jahres verkündete ein königlicher Kommissär im großen akademischen Saal die Auflösung der Universität. An ihrer Stelle wurde ein Lyceum errichtet.
Auch das medic.-chirurg. Studium wurde mit Rescript vom 14. September 1811 in eine landärztliche Schule nach bayerischen Normen umgestaltet, und Dr. Weißenbach zum Professor der Zoonomie, Anthropologie, der theoretischen und praktischen Chirurgie und chirurg. Klinik sowie zum Direktor der Schule ernannt.
Professor Dr. Ehrhart erhielt die Lehrkanzel der allgemeinen und speziellen Therapie, der Semiotik und Pathologie nebst dem medizinischen Klinikum.
Professor Holzschuh jene der Bandagenlehre, Heilmittellehre und Receptirkunst.
Dr. d’Outrepont wurde Professor der Diätetik und Geburtshilfe, zugleich Leiter des geburtshilflichen Klinikums.
Dr. von Am-Pach Professor der gerichtlichen Arzneikunde, der Geschichte der Medizin und der Gewächskunde.
Dr. Mayr Professor der Chemie, Naturlehre und Pharmazie.
Zum Professor der Anatomie und Physiologie wurde Dr. Matthias Aberle, gewesener Prosektor an der gleichfalls aufgehobenen Universität zu Innsbruck, ernannt.
Der bisherige Professor Weber wurde als Prosektor und Repetitor der Anatomie mit Beibehaltung des Professorentitels bestimmt.
Im Juni 1812 wurde der Apotheker und Municipalrat in Salzburg Georg Hinterhuber zum Professor der Chemie am dortigen königl. Lyceum ernannt, und der "rühmlichst“ bekannte Botaniker Franz Anton von Braune, unter der fürsterzbischöflichen und kurfürstlichen Regierung Hofkammer-, unter der österreichischen Landeshoheit Regierungssekretär, bei der nunmehrigen königlichen Schule für Landärzte als Sekretär in Funktion gesetzt.[6]
Für die am 30. März 1814 stattfindenden "öffentlichen Endes-Prüfungen" aller Kandidaten die mit dem Schluss des Wintersemesters ihren Studienkurs vollendet haben, ist im "Königlich Baierischen Salzach Kreis-Blatt" vom 21. März 1814 eine Einladung abgedruckt. Sie wurde um 8h früh in dem Naturalienkabinett des königl. Lyzeums vorgenommen. Am folgenden Tag wurden die "schriftlichen Prüfungs-Elaborate" öffentlich benotet und es erfolgte die Approbation mittels "Diplome-Ertheilung" und die feierliche Verpflichtung derselben als angehende Landärzte. "Das unterfertigte Direktorium gibt sich daher die Ehre, das gebildete, vorzüglich das ärztliche Publikum, zum gefälligen Besuche dieser öffentlichen Final-Prüfungen und Preise-Vertheilung hiermit geziemend einzuladen. ... Dr. Alois Weissenbach, d. Z. Direktor".[7]
1818-1875 niedere medizinisch-chirurgische Lehranstalt
Infolge des Pariser Friedensschlusses 1814 und der besonderen zwischen Österreich und Bayern geschlossenen Verträge fiel Salzburg wieder an das Kaisertum Österreich zurück. Am 1. Mai 1816 nahm Österreich wieder Besitz vom Land und Kaiser Franz I. empfing am 12. Juni die Erbhuldigung persönlich in Salzburg.
Im September 1818 erfolgten die Bestimmungen der Umgestaltung der Studien nach den österreichischen Normen. Das Lyceum wurde in seinem Fortbestand bestätigt und die landärztliche Schule in eine niedere medicinisch-chirurg. Lehranstalt umgestaltet, und diese Studienabteilungen unter einen Rektor gestellt, welcher jährlich der Reihe nach aus den Mitgliedern derselben zu wählen war.
Den weiteren, am 14. November 1818 erlassenen Bestimmungen gemäß hatte die medic.-chirurg. Lehranstalt aus zwei Jahrgängen mit fünf Professuren zu bestehen, nämlich Anatomie, theoretische und praktische Chirurgie, theoretische und praktische Medizin, Geburtshilfe und Tierarzneikunde.
Diese Lehrkanzeln wurden unter die vorhandenen Professoren so verteilt, dass Professor Aberle die Anatomie, Professor Holzschuh die theoretische Chirurgie, Professor Weißenbach die praktische Chirurgie nebst der chirurgischen Klinik, Professor Ehrhart die theoretische und praktische Medizin nebst der mediz. Klinik und Professor von Am-Pach die Tierheilkunde erhielt. Für die Lehrkanzel der Geburtshilfe wurde ein Konkurs ausgeschrieben, in dessen Folge Dr. Johann Klein dieselbe erhielt.
Der jeweilige Kreisarzt zu Salzburg hatte das Direktorat zu führen.
Die durch den Abgang des Professor Ehrhart, der am 5. Februar 1820 zum Protomedicus in Innsbruck ernannt wurde, erledigte Lehrkanzel der theoretischen und praktischen Medizin wurde dem Assistenten der mediz. Klinik für Wundärzte zu Wien, Dr. Johann Josef Knolz, verliehen.[8]
Angeschlossen an die Lehranstalt war ein Botanischer Garten.
Professoren waren u. a. Matthias Aberle, Carl Aberle und Ignaz Schumacher.
1875 Schließung
Im Zuge der Einführung des "Doktorates der gesamten Heilkunde“ wurde im Jahre 1872 in Österreich die geteilte Ausbildung zum Chirurgen – d. h. Wundarzt – einerseits und zum Arzt (Mediziner) andererseits aufgehoben und 1875 die Salzburger medizinisch-chirurgische Lehranstalt – als letzte Anstalt dieser Art – geschlossen.
Absolventen
Im Buch "Die medicinisch-chirurgische Lehranstalt zu Salzburg“ von Carl Ozlberger findet sich auf Seite 45 ein "Verzeichniß der in den Jahren 1841–1863 an der Lehranstalt zu Salzburg approbirten Wundärzte und Geburtshelfer“.
Quellen
- Kaiserlich-königlicher Schematismus des Erzherzogthums Oesterreich ob der Enns. Linz 1825. S. 403 ff.
- Michael Sachs: Geschichte der operativen Chirurgie. Band 4: Vom Handwerk zur Wissenschaft. Die Entwicklung der Chirurgie im deutschen Sprachraum vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Kaden Verlag, Heidelberg 2003. ISBN 3-922777-28-7. S. 3 f., 181.
- Carl Ozlberger, Die medicinisch-chirurgische Lehranstalt zu Salzburg, Salzburg 1846.
- Anton Elmar Maier, Die niederärztliche Ausbildung zu Salzburg im 19-Jahrhundert. Das Große chirurgische Studium (1808-1811). Die Landarztschule (1811-1818). Die Medizinisch-chirurgische Lehranstalt (1818-1875), Diss.med., Erlangen 1972.
Einzelnachweise
- ↑ Carl Ozlberger, Die medicinisch-chirurgische Lehranstalt zu Salzburg, Salzburg 1846, 16.
- ↑ Carl Ozlberger, Die medicinisch-chirurgische Lehranstalt zu Salzburg, Salzburg 1846, 17.
- ↑ Carl Ozlberger, Die medicinisch-chirurgische Lehranstalt zu Salzburg, Salzburg 1846, 18–19.
- ↑ Carl Ozlberger, Die medicinisch-chirurgische Lehranstalt zu Salzburg, Salzburg 1846, 22.
- ↑ Carl Ozlberger, Die medicinisch-chirurgische Lehranstalt zu Salzburg, Salzburg 1846, 23.
- ↑ Carl Ozlberger, Die medicinisch-chirurgische Lehranstalt zu Salzburg, Salzburg 1846, 23–24.
- ↑ Königlich Baierisches Salzach-Kreis Blatt, Stück 23. Salzburg den 21. März 1814, Sp. 416-417.
- ↑ Carl Ozlberger, Die medicinisch-chirurgische Lehranstalt zu Salzburg, Salzburg 1846, 24–27.