Betteln
Betteln bedeutet ursprünglich 'wiederholt bitten', gewöhnlich um Almosen[1]. Betteln ist in Stadt und im Land Salzburg von jeher ein Thema und hat 2012 einen neuerlichen Diskussionhöhepunkt erlebte.
Geschichtlicher Rückblick in Salzburg
Mittelalter
Almosen zu geben wurde als Ausgleich für die ungerechte Verteilung von Privateigentum angesehen und in weiterer Folge zum allgemeinen Gebot erhoben. So legt die von Karl des Großen einberufene Synode von Salzburg fest, dass alle guten Christen nach besten Kräften viermal im Jahr Almosen zu geben haben.
Diese Entscheidung, private Spenden als Christenpflicht anzusehen, trägt entscheidend dazu bei, dass das Almosen, gegenüber anderen Formen der Armenfürsorge an Bedeutung gewinnt. Der Anspruch auf Hilfe wird im Mittelalter also allgemein anerkannt und das Betteln gilt weder als Schande noch unterliegt es in irgendeiner Form der Ächtung. Bettelverbote sind der mittelalterlichen Gesellschaft fremd und auch mit den späteren Vorwürfen der Untüchtigkeit, Müßiggang der der Arbeitsscheu sind die Bettler in jener Zeit nicht konfrontiert.[2]
Spätes Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert
Dies änderte sich im späten Mittelalter, denn aufgrund von Missernten und infolge dessen Hungerperioden und Preissteigerung flohen immer mehr Menschen in die Städte [3]. Aufgrund der schlechten Situation kommt es zu mehr Menschen die betteln (müssen). Die bisherige Armenfürsorge – getragen von kirchlichen Institutionen – war überlastet und städtische Räte übernahmen (teilweise) diese Aufgabe. Die Verwaltung der städtischen Armenfürsorge galt es zu optimieren. Mit diesem Optimierungsprozess einher geht eine Wahrnehmungsveränderung des Bettelns. Nun wurde das Betteln stetig zu sozial unerwünschtem Verhalten. [4]
Die Folge waren jedenfalls Bettelordnungen, etwa Nürnberger Bettelordnung oder Bettelordnung in Wien (1443)[5]. Verbote und Bestrafungen folgen für jene die nicht aufgrund von Zeugen ihre Hilfsbedürftigkeit nachweisen können .[6]
Die weltliche Obrigkeit entschied über Almosen und Spenden, doch auch innerhalb der Kirche wurde die Bettelplage immer kritischer betrachtet. So befürwortete die im Jahr 1456 abgehaltene Provinzialkirchenversammlung zu Salzburg ebenso die Ausweisung von vagabundierenden Bettlern aus den Städten [7].
Die Ordnungen zielten keinesfalls auf eine Besserung der Lage der BettlerInnen ab. Stattdessen erfolgten stetige Stigmatisierung der Menschen die Betteln. Außerdem wurden die BettlerInnen in zwei Gruppen eingeteilt: Heimische und Fremde. Bei der ersten Gruppe waren gut und unverschuldet. Die Fremden waren schlecht und selbst an ihrer Lage Schuld. Ein wesentlicher Faktor der zur Veränderung der Ansicht über das Betteln beigetragen hat, wird wahrscheinlich der aufkommende Arbeitsethos darstellen. Wer körperlich und geistig fähig ist arbeiten zu gehen, dem ist nicht gestattet zu betteln. Die Verordnungen blieben zunächst allerdings nur auf dem Papier. Erst im 16. Jahrhundert verschärfte sich die Situation für Menschen die Betteln (müssen) weiter. Die Gemeinden hatten Sorge zu tragen, dass die Armen versorgt werden würden beziehungsweise diese zu arbeiten hätten. War dies den Gemeinden nicht möglich so konnten sie Bettlerbriefe ausstellen, mit diesen konnten die Menschen an anderen Orten versuchen zu überleben.[8]
Sagen und konkrete vergangene Beispiele
In der Weitmoser-Sage, die im ausgehenden [Mittelalter entstand, dreht es sich um das Verhalten gegenüber Bettlern.
Im größten Hexenprozess in der Salzburger Landesgeschichte und auf dem Boden des heutigen Österreich um den Zauberer Jackl, spielten Bettlerkinder eine zentrale Rolle und hatten die schlechtesten Karten gegenüber Fürsterzbischof Maximilian Gandolph Graf von Kuenburg - das war bereits im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts.
Durch das Ende der Bürmooser Glasindustrie um 1931 begann eine schwere Zeit für die Flachgauer Gemeinde Bürmoos angebrochen. Viele Familien mit bis zu zehn Kindern waren ohne Einkommen. Manche haben Arbeit beim Bau der Großglockner Hochalpenstraße bekommen. Andere zogen nach Niederösterreich, nach Brunn am Gebirge, weil es dort noch eine intakte Glashütte gab. Das Sozialsystem war damals noch dürftig, 20 Wochen Arbeitslosengeld gab es, danach galt man als „ausgesteuert“. So sollen die Bürmooser verschrien gewesen sein, „weil sie zu den Bauern bis ins Innviertel betteln gegangen sind. Viele haben durch Beeren- und Schwammerlbrocken überlebt“ erzählt Alexander Schwarz, der sich selbst zunächst als Bau- und Ziegeleiarbeiter durchgeschlagen, bis er schließlich nach dem Krieg als Schaffner bei der Salzburger Lokalbahn eine berufliche Heimat gefunden hatte[9].
2012
Ein in Salzburg seit 1979 bestandenes Bettelverbot wurde mit Erkenntnis vom 11. Juli 2012 vom Verfassungsgerichtshof gekippt. Grund dafür war die Beschwerde eines slowakischen Staatsbürgers im Oktober 2010. Das Höchstgericht stimmte zu, dass das Salzburger Bettelverbot gegen den Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoße, da es verhindere, dass jedermann ausnahmslos an öffentlichen Orten andere Menschen auf seine individuelle Notlage aufmerksam machen könne (Freiheit der Meinungsäußerung). Das Verbot von "aggressivem Betteln" ist verfassungskonform, nicht jedoch das von "stillem" Betteln, sagt der VfGH. Der VfGH räumte keine Frist zur Reparatur des Gesetzes ein.
In Salzburg prallten nämlich in den letzten Jahren zunehmend die Verfechter der "Alle-verhaften-Strategie" ungebremst auf auf jene, die den Gruppen aus Osteuropa am liebsten rote Teppiche ausrollen würden[10]. Immer wieder fühlten und fühlen sich Besucher in der Stadt Salzburg von Bettlern bedroht. Wobei der Ausdruck aggressives Betteln entstanden ist.
Vorkommnisse
Laut Stadtverwaltung kommen die Beschwerden wegen aggressiven Bettelns und illegalem Campierens samt Geruchsbelästigung mittlerweile aus allen Salzburger Stadtteilen. 41 Anzeigen gab es von Jänner bis August 2012 wegen Übertretung nach dem Forst- und Campingplatzgesetz, ein Drittel mehr als bisher. Jüngste Aktion: In der Nach vom 13. auf 14. September 2012 räumt das Amt für öffentliche Ordnung gemeinsam mit dem Strafamt und der Polizei auf dem Kapuzinerberg drei Zelte mit drei slowakischen Bettlern und einem Bosnier. Nur wenige Tage zuvor hatte der Magistrat slowakischen Bettlern zum zweiten Mal Hundewelpen abgenommen. Die Bettler hatte um Geld für die Hundewelpen gebeten oder wollten das Tier in der Getreidegasse verkaufen.
Ein skurriler Vorfall trug sich am 28. August 2012 um 11 Uhr am Rosenhügel hinter dem Schloss Mirabell zu. Vor den Augen von Stadtbeamten gingen zwei Gruppen von Bettlern aufeinander los, wobei die Beteiligten ihre Krücken wegwarfen und zum Angriff auf ihre Kontrahenten los gingen.
Dienststellenleiter Rudolf Stolzer vom Magistrat berichtet, dass im öffentlichen WC in der Salzburger Wiener-Philharmoniker-Gasse die Umsätze im Sommer 2012 merklich zurückgingen. Der Grund sei von Reinigungsfrauen beobachtet worden: Bettler nutzten Kabinen als Aufenthaltsbereich und um ihre "Bettlerkluft" überzuwerfen bzw. sich nach Dienstende wieder ihre Alltagskleidung anzuziehen. Man habe die Betreffende mehrfach zum Verlassen der Anlagen aufgefordert.
Was ist erlaubt, was verboten
Ein neues Gesetz ist in der Begutachtungsphase (Stand September 2012). Strafbar macht sich demnach nur noch, wer "in aufdringlicher und aggressiver Weise" bettelt. Wer still auf der Straße sitzt, kann nicht mehr bestraft werden. Nicht erlaubt ist, an Engstellen allein oder als "Bettler-Team" Passanten aufzuhalten. Auch soll verboten werden, eine Behinderung vorzutäuschen.
Quellen
- "Salzburger Nachrichten", 14. September 2012
- ↑ Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, dtv, 8. Auflage 2005: 128
- ↑ Müller, Oliver: Vom Almosen zum Spendenmartk; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur, Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, 2005, Seite 117 ff. zit. n. Watl, Anton: Bettelverbote in Österreich, 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 39-40
- ↑ Bräuer, Helmut: Bettler in frühzeitlichen Städten Mitteleuropas in: Althammer, Beate (Hrsg.): Bettler in der europäischen Stadt der Moderne, Frankfurt am Main, Peter Lang Verlag GmbH, 2007, Seite 25, zit. n. Watl, Anton: Bettelverbote in Österreich, 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 40
- ↑ Müller, Oliver: Vom Almosen zum Spendenmartk; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur, Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, 2005, Seite 145ff. zit. n. Watl, Anton (2011) 'Bettelverbote in Österreich' Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite: 40
- ↑ Müller, Oliver: Vom Almosen zum Spendenmarkt; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur, 2005 Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, Seite 146-149; Bräuer, Helmut: "...und hat seithero gebetlet", Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich zur Zeit Kaiser Leopolds 1., 1995, Wien-Köln-Weimar, Böhlau Verlag, zit. n. Waltl, Anton: Bettelverbot in Österreich, 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 41)
- ↑ Müller, Oliver: Vom Almosen zum Spendenmarkt; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur, 2005, Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, Seite 146-149, zit. n. Watl, Anton: Bettelverbote in Österreich, 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 41
- ↑ Bräuer, Helmut: ...und hat seithero gebetlet. Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich zur Zeit Kaiser Leopolds 1, Wien-Köln-Weimar, Böhlau Verlag, 1995, Seite 48, zit. n. Watl, Anton: Bettelverbote in Österreich, 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 41
- ↑ Bräuer, Helmut: ...und hat seithero gebetlet. Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich zur Zeit Kaiser Leopolds 1, Wien-Köln-Weimar, Böhlau Verlag, 1995, Seite; Bräuer, Helmut: Bettler in frühzeitlichen Städten Mitteleuropas, 2007, in Althammer, Beate (Hrsg.): Bettler in der europäischen Stadt der Moderne, Frankfurt am Main, Peter Lang Verlag GmbH, Seite 30ff, beides zit. n. Watl, Anton: Bettelverbote in Österreich, 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 43
- ↑ Quelle Salzburgwiki-Beitrag Bürmooser Glasindustrie
- ↑ Zitat "Standpunkt": Kontrollieren und hefen, von Christian Resch, Salzburger Nachrichten, 14. September 2012