Salzburger Glockenspiel
Das Glockenspiel befindet sich auf dem Turm der Neuen Residenz am Residenzplatz in der Salzburger Altstadt. Das Anlage steht wie die gesamte Neue Residenz unter Denkmalschutz.
Geschichte
1605 lies Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau über der Neuen Residenz einen aus der Fassade hervortretenden schlanken Turm errichten, der aus 3 Stockwerken bestand und (nur) etwa 25 Meter hoch und etwa halb so breit war. Er diente später als Unterbau für den Turm aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, errichtet unter Max Gandolf?.[1]
Um 1685 beauftragte Fürsterzbischof Johann Ernst Graf von Thun und Hohenstein den Glockengießer Melchior de Haze aus Antwerpen in den Niederlanden. Zwischen 1688 – 1689 wurden die 35 Glocken dann gegossen, das besagen deren Inschriften: "Melchior de Haze Antverpiae me fecit", "1688" oder "1689". Die Glocken kamen 1695 auf dem Landweg nach Salzburg, ein schwerer, langer und teurer Transport. Die schwerste Glocke wiegt etwa 300 Kilogramm, die kleinste etwa 5 Kilogramm. Die 35 Glocken wiegen insgesamt 4 Tonnen.
1701 wurde der viereckige Turm um ein gemauertes Achteck (Oktogon) mit ovalen Fenstern und darüber liegend um einen hölzernen Arkadenpavillon aus acht offenen Rundbogenfenstern auf 45 Meter bzw. 5 Stockwerke erhöht. Damit der Turm das gesamte Gewicht von Glocken und Spielwerk tragen kann, wurde er seitlich mit Zugstangen aus Eisen verstärkt.
1703 wurde der Hofuhrmacher Jeremias Sauter mit dem Zusammen- und Aufbau von Uhr und Glockenspiel beauftragt. Kein einfacher Auftrag, den die Mechanik musste teilweise erst angefertigt werden. Der Glockengießer Benedikt Eisenberger und der Büchsenmacher Franz Sulzer fertigten die Walze aus 38 Messingplatten, in die Jeremias Sauter die insgesamt 7.964 quadratische Löcher borte und feilte. Die Walze wurde über ein Zuggewicht angetrieben, das früher täglich mehrfach von Hand aufgezogen werden musste.
Die vier Zifferblätter der Uhr wurden aus technischen Gründen paarweise über zwei Stockwerke seitlich versetzt. Ein Paar befindet sich im viereckigen Turm in Richtung Nord-Süd, ein Paar befindet sich mit dem Uhrwerk und der Zugseilmechanik der Glocken im darüber liegenden Achteck in Richtung Ost-West.
Gegen Ende 1704 erklang das Salzburger Glockenspiel zum ersten Mal.
Über dem mit Kupfer gedeckten Arkadenpavillon an der Spitze des Turmes befindet sich eine vergoldete Weltmaschine, die astronomische Zusammenhänge dargestellt, jedoch keine astronomischen Beobachtungen der Sonne und Planeten erlaubt. Die Weltmaschine ist etwa 4 Meter hoch. Somit erreicht der Turm eine Höhe von fast 50 Metern.
1706 wurde das Stiegenhaus zum Aufgang auf den Glockenspielturm vom Stukkateur Giacomo Bertoletti mit besonders exquisiten Stuck in den Farben gelb und weiß, bestehend aus Obst- und Blumenornamenten, sowie Figuren, Masken und mehreren Wappenmedaillons der die Neue Residenz erbauenden Fürsterzbischöfe im Vollrelief ausgestattet.
Beschreibung
Die Glocken umfassen drei Oktaven mit allen Halbtönen und haben folgende Stimmung (Töne):
- 1. H4, C5, GIS 4, A4, B4, E4, F4, FIS4, G4
- 2. DIS4, CIS4, D4, B3, H3, C4
- 3. GIS3, G3, A3, E3, F3, FIS3
- 4. D3, CIS3, DIS3
- 5. H2, B2 und C3
- 6. GIS2, G2 und A2
- 7. FIS2, E2 und F2
- 8. C2 und D2
Die 35 Glocken sind in den acht Rundenbögen in Zweier-Reihen und Dreier-Reihen verteilt angeordnet.
Das Repertoir des Glockenspiels umfasst 49 Musikstücke, von denen sechszehn Johann Michael Haydn zugeschrieben werden. Die Musikstücke von Leopold Mozart und Wolfgang Amadé Mozart sind Bearbeitungen aus dem 19. Jahrhundert. Die jeweiligen Musikstücke werden mit etwa 400 Metallstiften von Hand in die Löcher der Messingwalze gesetzt. Werden längere Melodien und mehr Stifte gesetzt, so führt dies zu einer mechanischen Überlast und einem Leiern der Musik. Die kurzen Musikstücke werden deshalb 3 mal abgespielt und monatlich gewechselt.
1873 baute der Salzburger Uhrmachermeister Johann Baptist Fischer neben der Antriebsmechanik eine Uhr ein, die mit Hilfe einer speziellen Vorrichtung das Spielwerk des Glockenspiels automatisch auslöste. Ende der 1960er Jahre wurde eine elektrische Uhr für die Auslösung eingebaut.
Im Erdgeschoß ist dem Turm ein zweiseitige Arkade vorgestellt. Früher befand sich dort die Hauptwache. Die nördliche Arkade wurde 1701, die südliche Arkade hingegen erst 1860 errichtet. Heute befindet sich dort der Eingang zum Salzburger Heimatwerk.
Besichtigung und Spielzeit
Das Glockenspiel erklingt täglich um 07:00, 11:00 und 18:00 Uhr, jeweils 4 Minuten nach der vollen Stunde, somit nach den Dom-Glocken und vor dem Salzburger Stier.
Führungen auf den Glockenspielturm finden von Ende März bis Ende Oktober jeweils am Donnerstag um 17:30 Uhr und am Freitag um 10:30 Uhr statt. Karten sind im Salzburg Museum und im Panorama Museum erhältlich.
Es sind 190 Stufen hinauf bis zum Aussichtspunkt bei den Rundbogenarkaden. Kein Aufstieg für gehbehinderte Personen. Nur für maximal zwanzig Personen.
Die Technik
Das Salzburger Glockenspiel besteht aus 35 Glocken und einem 6,3 Tonnen schweren Spielwerk, das aus 3.655 Einzelteilen besteht. Es wird über eine Walze und eine mechanische, später eine elektrische Uhr gesteuert. Im 18. Jahrhundert war es für einen Carillonneur auch möglich, über eine Handspielanlage zu improvisieren oder selbst Stücke zu spielen. Die Mechanik dieser Spielanlage war bereits von Glockengießer Melchior de Haze errichtet worden, wurde aber, vermutlich im 19. Jahrhundert, entfernt. Immer wieder wurde über die nicht ganz harmonische Stimmung des Glockenspiels gerätselt. Hermann Spies wies darauf hin, dass die Glocken vor 1690 im "sogenannten Chorton" gestimmt waren und die "gleichschwebende" Stimmung nach dem Quintenzirkel erst zu dieser Zeit aufkam.
Das mechanische Werk besteht aus der Uhr, dem Antriebsmechanismus mit Wellbaum, dem Hammerwerk samt Federn, Drahtwerk, Zungen und der großen Walze mit den Stacheln. Diese lösen ursprünglich über Seilzug, heute über Abstrakte, Kadenzen und Glockenketten den Hammerschlag auf die jeweilige Glocke aus. Bei jeder Glocke, außer der größten, befinden sich zwei gleich große eiserne Hämmer. Das Gewicht der großen Hämmer zieht die Kette, das Gestänge (Kadenzen), Abstrakte und die Claves wieder in die Ausgangsposition zurück.
Restaurierungen
1954 konnte Dank einer großzügigen Spende von Lady Mabel Dunn, einer langjährigen Freundin der Mozartstadt Salzburg, das historische Glockenspiel wieder Instand gesetzt werden.[2]
Am 18. Dezember 2008 wurden die Glocken abgenommen und nach Wien in die Werkstätte der Restauratorin Elisabeth Krebs transportiert. Das Antriebswerk folgte im Frühjahr 2009. Zu den veranschlagten 360.000 Euro kamen im Laufe der Arbeiten weitere 50.000 bis 60.000 Euro hinzu. Diese Kostenüberschreitung wurde notwendig, weil beispielsweise Malereien auf den Metallsäulen des Glockenwerks entdeckt wurden, die aus der Ursprungszeit um 1703 stammen. Auch die Adlerköpfe auf den Glocken sind nun wieder zu sehen, die bisher unter mehren Lackschichten verborgen waren. Außerdem wurde zusätzlich zum elektrischen auch der historische mechanische Antrieb wieder gangbar gemacht. Für Vorführungen kann das Antriebswerk seit der Restaurierung wieder mit der Handkurbel aufgezogen werden.
Im Zuge der Restaurierung sollte auch die Handspielanlage rekonstruiert werden. Dies wurde von Erich Marx verhindert, da er eine Beeinträchtigung des Betriebes im Salzburg Museum durch einen Carillonneur befürchtete.
Nach zweijähriger Pause durch die Restaurierung fand am 28. Jänner 2011 um 11:00 Uhr die Wiederinbetriebnahme statt.
Der Stiftungsbrief von 1702
zu Salzburg Legat des heiligen apostolischen Stuhls zu Rom ec. ec. Urkunden und Bekennen hiemit, daß Wür zur Bezaigung und Unserer guten Affection Unserer Ehrsam und getreuen Landschaft ein von Uns in Niderland erkauft und mit zimlichen Unkosten allher verbrachtes Gloggenspiel oder Carillon sambt Vier Tausend Gulden dergestalten geschenkht und Ueberlassen haben, das iezermeltes Capital an sichern Orthen Unsers Erz-Stifts angelegt, und von den hievon jährlich fallenden jnteresse berühmtes Gloggenspiel in all- und jedem gebührend unterhalten werden solle; thuen solche Donation und Ueberlassung auch Kraft diess auf mass und weis, wie es von Rechts und gewohnheit wegen am Kräftigst, und beständigsten geschehen solln khan oder mag: jedoch mit der ausdrükhlichen Condition und Bedingnuß, dass im fall obersagt; Unsren Landschaft solches Gloggenspiel mit angeregten Interesse nicht mehr Unterhalten wollte, selbiges sodann mit denen Vier tausend Gulden dem von Uns neu gestifteten St. Johanns Spital zu Mülln zuefallen, auch außer Lands versilbert, und das daraus erlösende Geld zu dem ende mehrangezogenen Capital der vier Tausend Gulden addirt werden solle, damit von den jährlichen Ertragnuss im gedachten Spital mehr Krankenwärther und Warterinen aufgestellt und gehalten oder andere Nothdurften alldort besser bestritten werden mögen.
Zu Urkundt haben Wür diesen Donation-Brief eigenhändig Unterschrieben und mit Unseren angehängt fürstl. Secret Insigl bekräftigen lassen.
Actum in Unserer Stadt Salzburg den zwanzigsten Monatstag Februarii 1702.
Alte Ansichten
Salzburg (Kupferstich) Matthäus Seutter, 1740, Detail: Neue Residenz und Glockenspielturm
- Salzburg Kupferstich 1740 Detail Nr 08 Neue Residenz.jpg
- Salzburg Kupferstich 1750 Detail Nr 04 Neue Residenz.jpg
Bilder
Salzburger Glockenspiel – Sammlung von weiteren Bildern, Videos und Audiodateien im SALZBURGWIKI
Quellen
- Beitrag Altstadt von Salzburg
- Judas Thaddäus Zauner: Corbinian Gärtner: Chronik von Salzburg, Bd. IX = Neue Chronik von Salzburg, Bd. III (Salzburg 1818), S. 424 424 f und S. 522 f.
- Gerhard Plasser: Das Salzburger Glockenspiel, Manuskript im Salzburg Museum, 2007
- Haslinger, Adolf, Mittermayr, Peter (Hrsg.): "Salzburger Kulturlexikon", Residenz Verlag, Salzburg-Wien-Frankfurt/Main 2001, ISBN 3-7017-1129-1
- Salzburg Stadtinfo
- Salzburger Nachrichten, 23. September 2010
- Salzburger Nachrichten, 28. Oktober 2010 (Lokalteil, Salzburg Aktuell, S. 8, Heidi Huber)
- Informationen über die Entstehung einer Video-Dokumentation über die Restaurierung des Salzburger Glockenspiels zw. 2008 und 2011. Alle Rechte des Videos liegen beim Salzburg Museum.
- Führung am 25.08.2019, Informationstafeln vor Ort
Einzelnachweise
- ↑ vergleiche: Stadtansicht von Matthäus Merian, 1644 www.ubs.sbg.ac.at/Merian aus: Topographia Bavariae/Salzburg_1644
- ↑ Gedenktafel im Glockenspielturm