Jasmine Dum-Tragut
Jasmine Dum-Tragut (* 1965) ist Europas einzige Armenologin an einer Universität. Sie forscht in Salzburg.
Leben
Aufgewachsen in Voitsberg, Steiermark, studierte sie ab 1984 in Graz Sprachwissenschaft, Slawistik und Indogermanistik. Die Liebe für Armenien entflammte endgültig, als sie von 1988 bis 1990 ihre Sprachwissenschaft-Diplomarbeit in der Hauptstadt Jerewan schreiben konnte: "Damals war das Land in einem extremen Umbruch: 1988 gab es ein Erdbeben[1]. Dazu hat der erste Bergkarabach-Krieg begonnen. Da war ich als junge Österreicherin plötzlich voll integriert in die Probleme des Landes. Das Leid, das Mitempfinden und die Emotionen haben mich schon geprägt - und mich mit den Menschen dort sehr verbunden", erzählt sie.
Heute ist sie eine habilitierte Sprachwissenschafterin, Expertin für die umkämpfte Region Bergkarabach, Reiseführer-Autorin, Forscherin auch zu kulturellen, historischen und archäologischen Fragen sowie ausgebildete Pferdewissenschafterin.
Jasmine Dum-Tragut hat seit 35 Jahren Armenien als Schwerpunktland. Die mittlerweile einzige Armenologin an einer Universität in Europa wurde kürzlich erneut von zwei armenischen Universitäten ausgezeichnet. Von der Staatlichen Universität Jerewan erhielt sie ein Ehrendoktorat verliehen, von der Polytechnischen Universität Jerewan einen Verdienstorden.
Dass die in Europa führende Armenologin seit 1998 an der Universität Salzburg arbeitet und sich 2002 hier habilitierte, ist Zufall: "Mein Mann hat damals hier einen Job als Bautechniker bekommen." Die mittlerweile 57-Jährige hat im Laufe der Jahre ihr Forschungsfeld massiv erweitert: Sie war Wahlbeobachterin, später leitete sie zwei große archäologische Projekte der Uni Innsbruck. 2002 hat sie an der Theologischen Fakultät angedockt und forscht etwa zu armenisch-christlichen Traditionen und zum bedrohten armenischen Kulturerbe in Bergkarabach. Zudem hat Dum-Tragut auch, finanziert vom FWF, ein altarmenisches Heilbuch für Pferde übersetzt und kommentiert. Erst seit 2019 hat sie eine Halbtagsstelle als Senior Scientist an der Theologischen Fakultät, wo sie mittlerweile das Zentrum zur Erforschung des Christlichen Ostens (ZECO) leitet: "Ich musste fast 20 Jahre schauen, dass ich meine Forschung selbst über Drittmittel finanziere." Ihre gefragteste Publikation ist demnach auch keine wissenschaftliche, sondern ein Reiseführer zu Armenien: "Er hat eine Auflage von über 50 000 Stück; ich schreibe bereits an der Überarbeitung für die 14. Auflage." Zudem macht Dum-Tragut zu schaffen, dass sie für ihre Arbeit von der türkischen und der aserbaidschanischen Botschaft auch öffentlich kritisiert werde.
Ihr nach eigenen Worten "bisher aufwendigstes, emotionalstes und psychisch wie physisch anstrengendstes Forschungsprojekt" hat Dum-Tragut nach fünf Jahren 2016 abgeschlossen: Sie hat die Schicksale von 200 armenischen Soldaten recherchiert, die für das russische Zarenreich im Ersten Weltkrieg gekämpft haben und in österreichisch-ungarische Gefangenschaft gerieten - und teils in einem Lager in Grödig landeten. Die Forscherin hat bei einigen sogar Verwandte in Armenien ausgeforscht und interviewt - und dabei berührende Erlebnisse gehabt: "Ein Nachfahre hat mir erzählt, dass sein Vater oft geklagt hat, dass es für ihn besser gewesen wäre, wenn er in Österreich geblieben wäre." Denn manche Veteranen seien daheim erneut als Soldaten für den damaligen Bürgerkrieg zwischen Weißer und Roter Armee eingezogen oder später von Stalin deportiert worden.
Quelle
- www.sn.at, 12. Juli 2022
Einzelnachweis
- ↑ mit mindestens 25 000 Toten und bis zu einer Million Obdachlosen