Der Kretinismus in den norischen Alpen
"Der Kretinismus in den norischen Alpen"[1] ist ein nach den Maßstäben der damaligen Zeit medizinisches Fachbuch, das 1844 von Dr.Karl Maffei verfasst wurde, dessen große Bedeutung darin liegt, dass Maffei Kretine besuchte, beobachtete, beschrieb und diese Beschreibungen forschend zusammenführte. Andere medizinische Werke dieser Zeit begnügen sich damit bereits beschriebenes neu zusammenzufassen und/oder einzelne Kretine (immer wieder) zu beschreiben wie zB. den Salzburger Anton Steinwendner.[2]
Entstehungsgeschichte und Rezensionen
Noch während seines Studiums begann Maffei im Jahr 1811 mit seiner wissenschaftlichen Arbeit, wie er am Beginn seines Werks "Der Kretinismus in den norischen Alpen“ darlegt. Auch seine Dissertation "De fexismo specie cretinismi"[3] verfasste er fußend auf seinen Beobachtungen und der damaligen wissenschaftlichen Literatur über das Thema "Kretinismus". Bei drei der 31 beschriebenen Kretinen, die mit "ziemlicher Vollständigkeit den Formen-Kreis" von angeborenem Kretinismus bezeichnen sollten, gab er an, sie in diesem Jahr beobachtet zu haben. Diese Beobachtungen und Beschreibungen führte Maffei bis in die frühen 1830er-Jahre fort.[4]
In seinem Buch führt er im Jahr 1833 eine letzte Beobachtung von zwei kretinoiden Schwestern an, die "am äussersten Ende des Salza-Stromgebietes in den letzten Hügeln gegen die bayerischen Donauflächen hin geboren" worden waren. "Die Heimath dieser Kretine ist in den Tiefen einer grossen etwas feuchten Waldregion, und 1460 P. F. über der Meeresfläche gelegen. Wahrscheinlich gab es auch in Ried im Innkreis, wo Maffei ab 1832 als Kreisarzt tätig war, kaum Kretine. Jedenfalls beendete Maffei hier seine seit über zwanzig Jahren getätigten Beobachtungen.
1844 trat Karl Maffei mittlerweile aus dem Staatsdienst entlassen und in Salzburg lebend mit der Veröffentlichung des Buches "Der Kretinismus in den norischen Alpen“ ins Licht der medizinischen Öffentlichkeit. Sein Buch war Teil eines zweibändigen Werks, das Dr. Rösch unter dem Titel "Neue Untersuchungen über den Kretinismus oder die Entartung des Menschen in ihren verschiedenen Graden und Formen“ herausgegeben hat. Im Jahr 1843 hatte Dr. Rösch alle Ärzte, die Beobachtungen über den Kretinismus gemacht hatten, dazu aufgerufen, diese Berichte gemeinsam mit seiner Arbeit über den Kretinismus in Württemberg zu veröffentlichen. Der Aufruf hatte nicht den erhofften Erfolg. Nur Dr. Maffei aus Salzburg zeigte sich bereit, seine Arbeit mit der von Dr. Rösch zu vereinigen. Es ist anzunehmen, dass Karl Maffei medizinische Zeitschriften konsumierte und auch Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Kretinismus-Forschung verfolgte und wohl dabei vom Aufruf des Dr. Rösch erfahren hatte.[5]
Die beiden Arbeiten stehen wie Aufsätze in einer Zeitschrift nebeneinander, ohne weitere Beziehung zueinander, als denselben Gegenstand zu behandeln. So bezog sich Rösch auf die Entstehungsbedingungen des Doppelbandes als Rechtfertigung dafür, dass er die Aussprüche Maffeis, die dieser über Dr. Troxler – "dem wir das Beste verdanken" – tätigte, nicht unterdrückt hatte. Diese Entschuldigung gegenüber Troxler aufgrund der Worte Maffeis veröffentlichte Rösch in einer Rezension zu Troxlers "Sendschreiben an Dr. Maffei“.[6] Ignaz Paul Troxler (* 1780; † 1866) fühlte sich durch Maffeis Bemerkungen so verunglimpft, dass er in seiner Erwiderung Maffei mit dem "neidischen Chirurgen" vergleicht, welcher einst Troxlers Landsmann Paracelsus in Salzburg "den Schädel gepalten hat". Sein Sendschreiben an Herrn Dr. Maffei, den Verfasser der Untersuchungen über den Kretinismus in den norischen Alpen, betitelt er "Der Kretinismus in der Wissenschaft“ und polemisiert darin auf über dreißig Seiten gegen Maffeis Schrift, die er unter anderem als "Fexismus=Diktatur" bezeichnet. Er schreibt, dass er nicht die Feder ergriffen hat, "um Andere zu richten, sondern nur um Anmaßung und Unbill abzuwehren".
Die "Illustrirte Zeitung“ druckte noch 1856 einen Artikel über den Kretinismus als Gegenstand der öffentlichen Fürsorge, in welchem Karl Maffeis These, dass der Kretinismus in den norischen Alpen nicht höher als beiläufig 3400 pariser Fuß und nicht niedriger als 1300 pariser Fuß vorkomme, zitiert wurde.[7]
Kretinismus
Nach einer von Veits-Falk zitierten Untersuchung im Jahr 1880 machten die Kretinen in der Stadt Salzburg 0,7 und im Lungau 1,3 Prozent der Bevölkerung aus.[8] Kretine waren sichtbar vielleicht allgegenwärtig in Salzburg und vor allem im Lungau, deswegen wurde einiges über sie geschrieben. Auch Augustin Winkelhofer berichtet von den "Lappen, Fexen und Kretins, welche beynahe ganz des Verstandes beraubt, nichts sprechen, sondern bloß durch weniges Mienenspiel Zeigen oder Deuten, sich verständlich machen, übrigens fast ein thierisches Leben führen, und hauptsächlich im Gebirge angetroffen werden." Dr. Oberlechner machte sich mit verschiedenen Veröffentlichungen einen Namen, darunter die "Beyträge zur Kenntnis und Verminderung des Kretinismus“, die 1926 im Salzburger Amtsund Intelligenzblatt erschienen.
Den Versuch einer ersten Erziehungsanstalt für Kretins gab es bereits zu Karl Maffeis Zeit, und zwar ausgerechnet in Salzburg. Von dem Lehrer Gotthard Guggenmoos (* um 1775; † 1838) gegründet, bestand sie von 1816 bis 1835.[9] Sowohl Dr. Outrepont als auch Dr. Ferchl erstellten zu Beginn des Wirkens von Guggenmoos in Hallein Gutachten über seine ersten drei tauben Schüler und deren Fortschritte.
Im Oktober 1829 erschien im "Salzburger Amtsund Intelligenzblatt" eine "Kundmachung und Aufforderung an alle Menschenfreunde“ aus der Feder des Grafen Welsperg, den größten Teil der zum Kretinismus veranlagten Kinder "durch eine zwar mühsame, aber sehr häufig vom günstigsten Erfolge belohnte Behandlung zu retten".[10]
Karl Maffei verfolgte zeitlebens einen anderen Ansatz. Er wollte den Zusammenhang zwischen dem endemischen Kretinismus und der Umgebung oder den Lebensbedingungen erkennen und fußend auf dieser Erkenntnis die Menschen heilen.
Wagner von Jauregg (* 1857; † 1940), der letztendlich eine vorbeugende Therapie zur Verhinderung des Kretinismus entwickelt hat, hebt die Wichtigkeit von Obduktionen bei Kretins und die Untersuchung der Schilddrüsen derselben hervor und erwähnt eine hohe Anzahl an Sektionsbefunden von Kretins, die bereits 1912 in der Literatur vorlagen. Über die früheren Erklärungsversuche des endemischen Kretinismus urteilt Wagner von Jauregg, dass alle Theorien über die Ursachen und das Wesen des Kretinismus aus der Zeit vor den 1880er-Jahren nur einen historischen Wert hätten.[11]
Kretinismus Prävention
Im Jahr 1820, neun Jahre nach der Entdeckung von Jod durch einen Pariser Salpetersieder, publizierte der Schweizer Arzt Jean Francois Coindet (* 1774; † 1834) in Genf seine ursprünglich auf einer eindrucksvollen Einzelbeobachtung basierende Erfahrung, dass Jod ein sehr wirksames Mittel zur Behandlung von Kröpfen sei. Da aber die noch unsichere Dosierung zu starken Nebenwirkungen führte, geriet die Anwendung wieder in Vergessenheit. Der deutsche Chemiker Eugen Baumann (* 1846; † 1896) wies Jod in der Schilddrüse nach und vermutete, dass das Jod ein lebenswichtiger Bestandteil der Schilddrüse sein könnte. In Österreich beschäftigte sich der Psychiater Julius Wagner von Jauregg mit der Gabe von Jod "als neues Heilmittel“ für Kretins in extremen Jodmangelgebieten der Steiermark, wo er aus eigenen Mitteln eine Anstalt für die Kropfforschung einrichtete. Er schlug 1898 prophylaktisch den Verkauf von jodiertem Kochsalz in Kropfgegenden vor, was in weiterer Folge dazu führte, dass Kropf und endemischer Kretinismus nach und nach aus den Alpengegenden verschwanden.
Eine wichtige Forschungsarbeit zum Skeptizismus gegenüber der Prävention mittels jodiertem Speisesalz hat Olaf Rittinger verfasst. Seine Masterarbeit "Skeptizismus und Irrglaube im Medizinhistorischen Kontext, unter besonderer Berücksichtigung des Endemischen Kretinismus" kann kostenlos in "ubsearch" heruntergeladen werden.[12]
Bedeutung
Die Bedeutung des Bucher "Der Kretinismus in den norischen Alpen" liegt heut zu Tage darin, dass 25 detaillierte Beschreibungen von Kretinen und deren Lebensumfeld vorliegen. Sie vermitteln uns ein vielfältiges Bild davon wie im 19. Jahrhundert mit behinderten Menschen umgegangen wurde und wie sich ihr Leben (dem Blick des Arztes) darstellte.
Gliederung
Erste Abtheilung.
Der norischen Kretine Wohnorte und deren Bevölkerung.
I. Generalia
II bis III. Wohnorte
IV bis VI. Wohnorte
VII. Bevölkerung dieser Thäler
VIII. Der Kretin
IX. Der Kretinismus
Zweite Abtheilung
Der angeborne Kretinismus Cretinismus a nativitate der geborne Kretin.
I. Literatur
II. Beschreibung einzeln. Kretine
Nr 1. Anton Steinwerdner bis Nr. 26
III. Körperliche Eigenschaften und Fähigkeiten
Nr. 1. Generalia
Nr. 2. Körpersgestalt
Nr. 3. Sehorgan
Nr. 4. Gehör
Nr. 5. Geruch
Nr. 6. Geschmack
Nr. 7. Tastsinn
Nr. 8. Stimme, Ton, Geschrei
Nr. 9. Sprache
Nr. 10. Körperliche Stärke
Nr. 11. Arbeiten u. Beschäftigung
Nr. 12. Körpershaltung
Nr. 13. Schlaf
Nr. 14. Hunger, Essen, Verdauung
Nr. 15. Durst, Getränke, Rausch
Nr. 16. Stuhlgang, Urin, Schweiss
Nr. 17. Reinlichkeit
Nr 18. Krankheiten
Nr. 19. Kleidung
Nr. 20. Epicrisis
§. IV. Geistige Eigenschaften und Fähigkeiten
Nr. 1. Generalia
Nr. 2. Selbsterhaltung a) Lebenstrieb b) Geschlechtstrieb c) Geselligkeitstrieb
Nr. 3. Verstand
Nr. 4. Wille
Nr. 5. Vernunft
Nr. 6. Gedächtniss
Nr. 7. Phantasie
Nr. 8. Neigung u. Abneigung
Nr. 9. Liebe u. Dankbarkeit
Nr. 10. Hass
Nr. 11. Zorn und Rache
Nr. 12. Furcht und Schrecken
Nr. 13. Freude und Lachen
Nr. 14. Schmerz und Weinen
Nr. 15. Eigensinn und Bosheit
Nr. 16. Faulheit u. Gutmüthigkeit
Nr.17. Geschlechtslustu.Schamhaftigkeit
Nr. 18. Affectionslosigkeit
Nr. 19. Dummheit
Nr. 20. Irrsinn, Wahnsinn, Narrheit
Nr. 21. Epicrisis
§. V. Der geborne Kretin als Kind
§. VI. Der geborne Kretin als Jüngling und Mann
§. VII. Der geborne Kretin im Alter
§. VIII. Unterschied des angebornen Kretinismus u. Missgeburt
§. IX. Unterschied des angebornen Kretinismus und der Taubstummheit
§. X. Unterschied des angebornen Kretinismus u. der Rhachitis
§. XI. Unterschied des angebornen Kretinismus und der Skropheln
§. XII. Unterschied des angebornen Kretinismus u. Halbkretinismus
§. XIII. Beschreibung von 6 gebornen Halbkretinen sammt Epicrisis
§. XIV. Ursachen des angebornen Kretinismus
Nr. 1. Generalia
Nr. 2. Lebensweise der Eltern
Nr. 3. Erblichkeit
Nr. 4. Das Gebirge
Nr. 5. Lage der Wohnungen
Nr. 6. Die Wohnungen
Nr. 7. Feuchte Dünste
Nr. 8. Winde
Nr. 9. Wasser als Getränke
Nr. 10. Struma oder Kropf
Nr. 11. Scrophulosis
Nr. 12. Wärme und Kälte
Nr. 13. Rhachitis
Nr. 14. Schädeleindruck
Nr. 15. Arthritis
Nr. 16. Dvscrasien
Nr. 17. Wasserkopf
Nr. 18. Endemie
Nr. 19. Organische Bildungsfehler
Nr. 20. Epicrisis der Ursachen
§. XV. Begriffsbestimmung des angeborenen Kretinismus
§. XVI. Schlusswort zu dieser II. Abtheilung
Textausschnitt
Seite 26 bis 37
Nro. 7. D.... Sch.... M.... Fex. Männlicher Kretin.
Die Eltern dieses Kretins sind, oder waren vielmehr, arme Tagwerkersleute im Besitze eines eigenthümlichen kleinen Häuschens, ganz von Holz erbaut, mit wenigem Graswuchs, kaum hinreichend, ein paar Kühe zu ernähren. Unser Kretin war ihr einziger Sohn, den die Eltern bei bereits vorgerückten Jahren erzeugt hatten. Dessen Vater soll ein sehr kräftig gebauter, grosser und starker Mann gewesen seyn, welcher als sehr fleissig und arbeitsam, aber auch als ein etwas düsterer und nicht munterer Mann gekannt war. Die Mutter, ein gesundes, ruhiges und gutes Weib, stand ihrem Hauswesen tadellos vor und hing mit ausserordentlicher Liebe an ihrem einzigen Kinde. Die Geburtsstätte und der ständige Aufenthalt dieses Kretinen und seiner Familie liegt an der nordöstlichen Abdachung eines ausgedehnten Kalkgebirges des Salzathales in einer sonnigen, flach muldenartigen Terasse desselben, zwischen Obstbäumen wie versteckt, in Mitte mehrerer derlei Anlagen. Der Vater meist abwesend vom Hause, konnte wohl keinen wirksamen Einfluss auf die Erziehung seines Sohnes nehmen, welcher ihm überdies nicht die geringste Erwiederung seiner Sorgfalt zu bieten im Stande war. Der Kleine blieb somit ganz den Händen seiner Mutter überlassen, die ihn liebte, nährte, pflegte und nach Lust gewähren liess.
Die Höhenlage dieses Gütchens über das mittelländische Meer beträgt 2520 alt. Par. Fuss. Geschützt vor dem Westwinde, gegen Südost gekehrt, hat es zwar im Winter tiefen Schnee, der aber bald im Frühlinge schmilzt und einem langen Sommer und Herbste weicht. Im Frühlinge und Herbst legen sich gerne die stinkenden Hochnebel der Gebirge in derlei Einsattelungen oder Einbeugungen, sie verursachen aber keine dauernde Nässe. Die Lage ist schön, helle, luftig, der Boden gut, die Bevölkerung an diesem Gelände stark, und die Kröpfe an selben häufig. Der Kleine wurde, wie es in diesen Gegenden üblich ist, von seiner ersten Kindheit an mit Mehlbrei und fetter süsser Milch sattsam genährt und erhielt wohl lange auch nicht einen Tropfen reinen Wassers, im Gegentheil wurde seinen ohnehin genugsam nährenden Speisen gar bald Butter oder Schmalz zugesetzt. Es darf als ein Unglück für unseren Kretin betrachtet werden, dass er, als das einzige Kind, die Sorge seiner Mutter in einem zu hohen Grade erfahren hatte. Unser Kretin bewohnt dieses sein heimathliches Haus, seit er das Licht der Welt erblickte. Den eingezogenen Erkundigungen zu Folge kam er als ein starkes grossköpfiges Kind zur Welt, welches wenig schrie, sich stille verhielt, viel schlief, viel ass, sich oft erbrach, spät und nur mühsam das Gehen erlernte und sprachlos blieb.
Sein Knochenbau war von Jugend auf stark. Die Röhrenknochen der Extremitäten gross, die Gelenke voluminos. Wegen der Schwierigkeit ihn zu behandeln, mit ihm umzugehen, nannten ihn seine Eltern und Bekannten schon in den ersten Lebensjahren sinnarm (blöde). Allgemach entwickelte sich in ihm ein ungeduldiges Benehmen, er wurde heftig, wenn er nicht schnell seine Nahrung erhielt oder das nicht empfing, was er gerade sah und zu besitzen wünschte. Um Ruhe zu erhalten, bebefriedigte die Mutter des ungeduldigen Schreiers Wünsche auf jede Weise und so wuchs das Kind zum 12 jährigen Knaben heran, gross, stark, unbehülflich, zornig und sprachlos, dessen wallende Leidenschaften bei zunehmendem Wuchse und Körperkraft in Wildheit übergingen und täglich schwerer zu beschwichtigen waren. Seine Beschäftigung war zu dieser Zeit Essen, Trinken, Schlafen, Spielen, mässig kleine Strecken herumgehen etc. Er stand mit anderen Kindern nie in Umgang oder Berührung, ja er wurde von selben gemieden, da er sich mit Niemanden vertrug. Alle mit ihm vorgenommenen Versuche, ihm irgend eine Arbeit zu erlernen, scheiterten vollständig und man hörte mit diesen Versuchen auf, als man sich überzeugte, dass er blödsinnig, dass er ein Fex sey.
Bis zu seinem 10. Jahre beschmutzte er sich noch auf alle Weise und erst nach gewaltigen Schlägen, die ihm sein barscher Vater zumaass, begriff er, dass man Stuhlgang und Urin nicht überalll fallen lassen dürfe. Diess war vorzüglich die Ursache, dass man ihn nur mit einem langem Hemde und einem zwilchenen, knapp am Halse schliessenden Kittel bekleidete, den er nicht mehr weglegte und noch trägt, zu welchen man Halstuch, Schuhe und eine grobe ungebleichte Leinwandhose hinzufügte, als er häufiger aus dem Hause kam. Vollständig unbeschäftigt lebte er, wie seine Willkühr ihn trieb, mehrere Jahre fort; er wurde gross, stark und kräftig, von Niemanden wurde er gelenkt, geleitet oder beschränkt. Vom Vater, den er fürchtete und dem er auswich, nicht mehr beachtet, und von der Mutter, die ihn fürchtete und auf alle Weise begütigte und bediente, völlig verwöhnt, erreichte er, ich möchte sagen, halbwild sein zwanzigstes Lebensjahr und mit ihm den Anfang ganz geänderter Lebensverhältnisse.
Seine beiden Eltern starben schnell nacheinander und die ärmliche Heimath wurde von der Schwester seines Vaters mit der schweren Verbindlichkeit übernommen, den grossen vielessenden Vetter Kretin für immer zu erhalten und zu versorgen. Diese damals beiläufig 30 Jahr alte Person ist mittlerer Grösse, mageren, aber kräftigen Körperbaues, gesund, mit einem nicht grossen Kropfe versehen und in jeder Beziehung als sehr verständig und trefflich zu benennen. Ein kleiner mit ungemeinem Fleisse geführter Handel dortiger Producte machte ihr einen besseren Hausstand, eine Magd half eine in solchen Orten seltene Reinlichkeit erhalten und strenge Ordnung herrschte in ihrer Lebensweise. Diese einfache, wackere Frau beschloss mit ernstem Willen auf jede Verheirathung verzichtend, den Sohn ihres Bruders, welchen die Natur so stiefmütterlich ausgestattet und den eine sehr verkehrte Behandlung noch mehr verschroben hatte, so viel es ihr nur möglich sey, zu einem brauchbaren Menschen zu ziehen und ihn zu Arbeiten zu verwenden, die er erlernen und begreifen könne. Mit Reinlichkeit und einer fixen Hausund Lebensordnung wurde begonnen und die einfachsten Dienstesleistungen von Seite des Kretines allgemach gefordert und erhalten. Der wilde Widersand des starken Fexen, der sie nicht etwa einmal in Lebensgefahr brachte, wurde mit seltener Gewandheit und schneller Dexterität durch Hunger, Einsperrung und kräftige Züchtigungen gebändiget und gar bald fürchtete der zehnmal stärkere, aber langsame und unbehülfliche Kretin seine verständige Base und gehorchte ihr.
Mir schon lange bekannt, hatte ich Gelegenheit in den Jahren 1811, 1812 und 1813 diese Familie genau und genügend betrachten und beobachten zu können. In dem letzten dieser Jahre fand ich die immer noch gleich bewegliche Frau in einem Alter von beiläufig 54 J. gesund und ihre Geschäfte mit gleicher Emsigkeit und Ordnung versehend, wie früher.
Der Kretin erschien mir in nachstehendem Bilde. Beiläufig 44 J. alt, misst er in aufrechter, nicht aber gestreckter Stellung 5 5/6 alt. Par. Fuss an Höhe und besitzt einen ungemein starken, festgebauten, knochigen Körper, den er, wenn er ohne Anregung sich selbst überlassen ist, etwas senkt. Sein Knochenbau ist durchaus massiv, stark und kräftig, der Körper ist nicht fett, aber flechsig und demohngeachtet sind dessen Bewegungen langsam und unbehülflich. Das Fleisch ist fest, die Sehnen sind dick und die Haut schlapp und wie locker über den Körper gezogen. Die Hautfarbe des gesammten Körpers ist ein schmutziges Weiss, die Hände und das Gesicht spielen ins Braune und dort, wo an den Wangen sonst schöne Röthe sitzt, haftet ein fahles Gelbbraun. Der Kopf ist etwas grösser als es sein Verhältniss zum Körper fordern würd, das Haupthaar ist struppig, dunkelbraun und nicht sonderlich dicht, die Kopfhaut ist leicht verschiebbar, die Schädeldecke sehr fühlbar knollig und uneben, das Hinterhauptbein ist sehr hügelig, oben übrigens gut gewölbt. Die Dicke der Schädelknochen muss sehr stark seyn, da viele Injurien dieser Gebilde durch Schlag, Fall und Stoss durchaus keine üblen Folgen zurückliessen. Die Stirne ist hoch, mehr gerade aufsteigend, mit 3 bis 4 Querfalten versehen, welche von einer Seite zur anderen reichen, die Stirnhügel sind völlig verflächt, die Augenbraunenhügel aber sehr stark, die Stirne ist durchaus nicht schmal, tritt aber an den beiden Schläfengegenden mit einem sehr kurzen Bogen, man könnte sagen Winkel, zurück und gibt dort sehr breite Flächen zur Anheftung der Kaumuskeln. Die dunkelbraunen Augen liegen, von schweren Augendeckeln belastet, scheinbar tiefer, aber in regelmässiger Enfernung. Der StirnbeinNasenbug ist nicht auffallend eingesenkt, die Nase ist stark, mit breiter Spitze, eine grosse aber nicht aufgestülpte Stumpfnase mit holperiger Oberfläche und grossen Nüstern. Der Mund ist gross, die Mundhöhle sehr geräumig, die Zähne gross und stark, aber unordentlich stehend, wenig vorwärts geneigt, an den Stockzähnen sitzt gelblicher Weinstein. Die Zunge ist gross, breit, nicht unförmlich dick und nur, wenn er lange gedankenlos sitzt oder mit offenem Munde etwas anstaunt, auf die untere Zahnreihe mit der Spitze aufliegend. Nur selten bemerkt man Speichelfluss. Die Lippen sind gross, die Unterlippe sehr gross, hängend und wulstig. Die Jochbeine sind breit und stark, sehr bemerkbar hervortretend; die Wangen und Backen sind nicht aufgeblasen, sondern etwas hängend, lang und muskulös. Das Unterkiefer ist äusserst stark gebaut, an den Seiten breit, nach vorne ohne eigentliche Spitze. Sogenanntes Unterkinn ist nicht vorhanden, die Ohren sind gross und stehen vom Kopfe ab. Sämmtliche Theile des Gesichtes sind sehr roh geformt, nicht ein zartes Lineament in selbem zu entdecken und der Anblick desselben unangenehm, unerfreulich. In der Ruhe gibt selbes ein Bild unaussprechlicher Dummheit und bei der geringsten Regung des Gemüthes treten die Züge von Rohheit und zaumloser Wildheit hervor. Der Bartwuchs am Kinn und den Backen ist spärlich und wird mit der Scheere gekürzt.
Der Hals von normaler Länge ist besonders im Nacken sehr kraftvoll und breit gebaut. Der grosse Kehlkopf steht sehr vor. Vom Kehlkopfe an bis zur Brust wird der Hals breiter, pastöser und beherbergt an der rechten Seite einen weichanzufühlenden, breiten, wie abgeplatteten Kropf. Der Brustkorb ist gut gebaut, breit, lang, mit nicht starker Wölbung, am Brustbeine behaart. Die beiden Schulterblätter sind gross, die Rückenwirbelsäule stark und in normaler Richtung. Das Becken ist breit und regelrecht gestellt, der Bauch klein und eingezogen. Die Genitalien sind für seine Grösse und Stärke klein, aber völlig erschlafft; der sehr hängende nicht grosse Hodensack enthält ungemein kleine ganz runde Hoden und am Membro virile ist die nicht sehr ausgebildete Eichel mit der Vorhaut völlig bedeckt: der Haarwuchs an dieser Gegend ist sparsam; die oberen und unteren Extremitäten sind von regelmässiger Länge, deren Knochen dick, grob, deren Knorren und Gelenkansätze stark und massiv.
Die Hände sowohl als Vorderfüsse sind gross, breit und stark; die Vorderfüsse gehören in die Reihe der Plattfüsse. Jene Fettschicht, die zwischen Haut und Muskeln gelegen, dem menschlichen Körper seine milde, schöne, wogige Form ertheilt, mangelt dem Anscheine nach ganz und namentlich sind es die Hände und Füsse, die mit ihrer straffen, sehnenreichen Muskelbedeckung sich wie hölzern ausnehmen.
Sein Sehvermögen ist sehr gut, namentlich in die Ferne; ganz nahe gelegene kleine Gegenstände scheint er gar nicht zu bemerken. Das Gehör fand ich weniger ausgebildet, kräftige Töne hört er schnell, schwache Laute beachtet er weniger. Bei den lustigen Weisen einer Geige oder Zither lächelt er, ob er aber die fröhliche Tonweise oder nur die ihm fremden Töne belächelt, getraue ich mir nicht mit Gewissheit auszusprechen, weil ich ihn auf die nämliche Weise bei den Tönen einer Trommel, eines Posthorns, bei feierlichem Orgelton und bei trüber Grabesmusik, lächeln sah, ohne dass irgend eine andere, dem Eindruck entsprechende, körperliche Bewegung Kunde gegeben hätte von der Bedeutung seines Lächelns. Ueberdies muss ich beifügen, dass dieses Belächeln des Gehörten nur beim Beginne irgend einer Musik erscheint und nach 5 oder 10 Minuten das Gesicht wieder seine vorige hölzerne Form annehme und die alte Gleichgültigkeit wieder ihr Recht behaupte. Gewitter, Donner, Blitz, das Abfeuern der Gewehre fürchtet er. Die Sinne des Geruches und Geschmackes stehen in ihrer Ausbildung unter den vorigen.
Als Beweise seines Geruches führe ich an, dass er den Geruch gebackener Speisen sehr wohl kennt, dass er Bier und Branntwein durch den Geruch allein wohl unterscheiden kann. Was den Geschmack betrifft, unterscheidet er sehr wohl das Süsse vom Saueren, vom Herben und Bitteren, kennt den Geschmack einzelner Getränke, scheint aber beim Genusse von Speisen ihn weniger zu beachten und sich blos bei derselben Genuss vom Hunger leiten zu lassen. Jedoch liebt er starkgesalzene Speisen gar nicht, liebt den Pfeffer nicht, trinkt keinen Branntwein und schätzt ganz besonders Zucker, Honig, Meth, süssen Wein und Obst. Gegen Schmerz, Schläge, Verwundungen und andere derlei Verletzungen ist er sehr empfindlich, Hitze und Kälte aber erträgt er mit aussergewöhnlicher Gleichgültigkeit, in hohen Graden ohne Klage, ohne Schaden. Tastsinn hat er wenig und angenommen, selber sitze in den Fingerspitzen und der Hand, so ist dessen Thätigkeit durch die ungemein dicke Oberhaut der Handfläche der Art gehindert, dass nur die rauheren Flächen der Gegenstände ihm wahrnehmbar seyn können. Man erkennt es aber auch aus seinem ganzen Benehmen, dass er sich auf seinen Tastsinn durchaus nicht verlässt, denn alles, was er befühlt, will er beschauen, und stellt seine Bewegungen und seine ganze Thätigkeit überhaupt ein, wenn ihm Licht mangelt. Er zeigt plötzliche und zwar grosse Furcht, wenn er unerwartet ins Dunkle versetzt wird.
Diese Eigenheit unseres Kretines bildete eines der Bändigungsmittel, deren sich die Base gegen ihren wilden Vetter bediente. Wenn er Abends, wo sie noch beim Kerzenlichte spann, ungebärdig und zornig wurde, so löschte sie schnell das einzige Kerzenlicht aus, und beinahe auf der Stelle erfolgte Ruhe und Stille, und der so eben wilde Kretin lächelte dem wieder erscheinenden Lichte freundlich entgegen. Dieser Kretin besitzt eine ungemeine Stärke, grösser, als sie sein kräftiger Körper vermuthen lässt. Namentlich äussert sich diese Körperkraft in seinem Zorne, wenn er selben an irgend einem Gegenstand auswüthen kann.
Er hebt, trägt und wirft Lasten, welche die Kraft zweier Männer zu ihrer Dislocation erfordern. Dieser grosse ungenützte Vorrath von Körper-Stärke, in Verbindung mit dem ungememein kleinen Vorrath geistiger Thätigkeiten, bestimmte seine wackere Base, die erstere in nützliche Verwendung zu ziehen. Durch Strenge sowohl, als passende Belohnungen gelangte selbe glücklich zu ihrem Zwecke. Er wird gegenwärtig zu allen im Hause vorkommenden schwereren Arbeiten verwendet. Er schneidet das Holz mit der Säge ab, trägt selbes, legt selbes zusammen, bringt selbes ins Haus oder in die Holzhütte, er bringt das Holz aus dem Walde zu Schlitten und auf andere Art, hilft bei der Feldarbeit, im Garten, bei der HeuAerndte, beim Umgraben des Gartchens, beim Dreschen u. dgl., und trägt, wohin sie es nöthig hat, die schweren Päcke ihrer HandelschaftsGegenstände.
Sie ist genöthiget, ihres Geschäftes wegen, als auch zur Herbeischaffung mancherlei Gegenstände, z. B. Mehl, Brod etc. oft in das Thal hinabzugehen, von dessen Fläche ihr Häuschen eine Stunde entfernt ist, bei durchaus steilem Wege Hierbei sind des Kretinen Dienstleistungen ausgezeichnet. Schwer beladen steigt er hinab und eben so wieder zurück, und kaum ist die Base im Stande, seinen ruhigen grossen Schritten folgen zu können. Nie läuft er und ungemein schwer nimmt sich sein Gang aus, denn er tritt mit voller Fusssohle auf, nie ist er, beladen, auch bei üblem Wege, gefallen.
Aber mit seinen Anstrengungen hält auch sein Hunger, sein Durst und seine Sehnsucht nach Ruhe und Rast, wenn er an den Ort seiner Bestimmung angelangt ist, gleichen Schritt, und angelegen wird für Befriedigung gesorgt. Alle jene Arbeiten, wobei stechende oder schneidende metallene Instrumente gebraucht werden, sind ihm erlassen, z. B. Heu schneiden, Mähen, Holzhacken u. dgl., theils wegen Gefahr der Selbstverletzung, theils wegen Missbrauch dieser Instrumente im Ausbruche seines Zornes.
So rettete sich seine Base eines Abends nur mit genauer Noth vor seiner Wuth. In der Stube drang er mit geschwungener Holzhacke auf sie ein; die Querbäume der Stubendecke, an die der grosse Mann beim Aufziehen der Hacke wiederholt schlug und mit um so grösserer Gewalt seine eigenen Arme prellte, je mehr er Gewalt zum Schwingen anwendete, verhinderten die Ausführung des Angriffes und gewährten ihr Zeit, dem Tobenden zu entspringen, ihn einzusperren und später fest zu machen und zu züchtigen.
Sind seine Beschäftigungen und Arbeiten geendet, und sein Hunger gestillt, so überlässt er sich, so bald er kann, dem Schlafe, welcher ununterbrochen viele Stunden dauert. Er muss täglich entweder aus dem Schlafe geweckt oder zum Aufstehen gemahnt werden, denn wenn er auch zu rechter Zeit erwacht, so liebt er doch, im wachen Zustande im Bette zu verweilen. Wenn mangelnde Arbeit im Verlaufe des Tages ihm Ruhe gönnt, so setzt er sich oder legt sich irgendwo im Hause oder in der Nähe desselben an einen Busch u. dgl. nieder, oder er macht in der Nachbarschaft kleine Besuche, von denen er meist mit kleinen Geschenken an essbaren Gegenständen zurückkehrt oder er geht zum nahen Kirchwege, stellt sich unter andere Bettler und empfängt Almosen. Erbettelt im eigentlichen Sinne des Wortes durchaus nicht, er bleibt ruhig stehen und empfängt das, was man ihm schenkt, ohne zu bitten, ohne zu danken. Manchmal lächelt er hiebei, manchmal brummt er.
Das Athemholen ist voll und gut, nie hört man Husten oder Stöhnen oder Rasseln. Seine Stimme ist stark, vernehmlich und weit hörbar. Er gibt nur Töne von sich, die mit Brummen, Schreien und Heulen verglichen werden können. Er besitzt keine Sprache, er ist sprachlos, aber nicht stumm, er versteht keine Sprache, obgleich er sie hört. Wenn man ihn anschreit oder anspricht, so wendet er sich gegen den Sprechenden und schaut, ob er keine Geberden ersehen kann, um aus selben zu erkennen, was man wolle. Seine Base ist in Kenntniss jener Deutungen und Gestikulationen, die den Raum seiner erkannten Objecte so ziemlich umfassen und deren er gewohnt ist, daher wird es ihr möglich, ihm manches begreiflich zu machen und manches anzuordnen, was er zu thun habe. Diese Geberden sind, als conventionell zwischen diesen beiden, einem dritten ganz unverständlich. So verwendet sie ihn, um Gegenstände durch ihn in ferne Häuser zu senden und verfuhr hiebei auf folgende Weise. Sie hat 3 bis 4 Familien im Thale, wohin sie manches sendet und woher sie manches empfängt. Sie geht nun ein oder zweimal in Begleitung ihres Pflegebefohlenen, der die abzugebende Sache trägt, in das Haus dieser Familie, macht ihn mit dem Hausherrn oder der Hausfrau bekannt, lässt ihm seine Bürde ablegen und übergibt selbe in seiner Gegenwart und zeigt ihm irgend ein Meuble, einen Gegenstand oder dergleichen, welches ihm auffällt, und welches sie selbst, wenigstens ähnlich, im eigenen Hause hat. Wenn sie ihn nun allein dorthin absenden will, so zeigt sie ihm das zu überbringende Stück, zeigt nach der Gegend hin, wohin er gehen soll und weisst ihm jenes Utensile, jenes Meuble, jenen Gegenstand vor, den sie ihm im fremden Hause genau vorgezeigt hat. Erinnert er sich an das Aehnliche oder Gleiche in jenem fremden Orte, so lächelt er und nickt mit dem Kopfe und bringt seine Bürde zuverlässlich dahin und übergibt sie. Der Empfänger reicht ihm etwas Nahrung und übergiebt ihm, was zurückgetragen werden soll, und er kehrt eben so sicher wieder mit dem Empfangenen nach Hause. Diese Zeichen, Bilder, Gebärden merkt er sich ungemein genau, und nach einiger Einübung erkennt er sie auf den ersten Blick und gibt stumm der Deutung Folge. Eine derlei AbfertigungsScene erregt bei einem mit den näheren Verhältnissen unbekannten Beobachter den Verdacht geheimer verständiger Verabredung oder Uebereinkunft, während selbe nichts ist, als das beinahe mechanische Ergebniss ganz einfacher Handlungen, welche mit seinen angeborenen Trieben in einfache Verbindung gebracht wurden. Auf diesen gewiss einfachen Educations Methoden beruht der Vollzug sämmtlicher von ihm vorgenommener Arbeiten und Verrichtungen.
Alle seine Geberden haben eine positive sächliche Unterlage, welche Unterlage er durch seine Sinne vollständig erkannt haben muss, um das Bild davon zu erkennen und zu behalten. Die Kunst, mit ihm umzugehen, ihn zu beschäftigen, ihm verständlich zu werden, besteht darin, diese Bilder von Gegenständen in einer solchen Aufeinanderfolge, in einer solchen Reihe ihm bekannt zu machen, in welcher Reihenfolge man seine Thätigkeit auf einander folgen lassen will. Unkörperliche Dinge sind ihm schlechterdings nicht begreiflich zu machen.
Die Hauptbedürfnisse dieses Kretines umfassen die Befriedigung seines Hungers und Durstes. Er isst viel, ohne Auswahl der Speisen, wenn ihm selbe nur bekannt sind, denn ganz fremd geformte, ihm unbekaunte Speisen berührt er erst dann, wenn er andere davon essen gesehen hat. Seine gewöhnliche Nahrung besteht in Mehl und Milch Kost: nur selten erhält er Fleisch, welches sowohl im frisch gesottenen, als geräucherten Zustande ihm sehr angenehm ist. Sein gewöhnliches Getränke ist Wasser, seltener Milch. Er kennt und liebt das Bier, den Meth. Im Zustande des Rausches, den er sich einigemal, verleitet durch reichlches Darreichen solcher Getränke in Gasthäusern, zuzog, wird er vorerst lustig, dann steigt die Aufregung, er wird ungeduldig, störrisch, stürmisch und bei geringem Anlasse wild und bereit zum Angriffe gegen jeden, der ihm in irgend einer Weise entgegen tritt. Bei vollkommener Ruhe geht seine gesteigerte Lustigkeit unter Beihülfe von Schwindel gar bald in einen langen und festen Schlaf über. Seine Verdauung ist vortrefflich. Er geniesst die verschiedensten Dinge unter einander ohne Schaden, und bricht nur dann, wenn er sehr grosse Mengen verschiedener Speisen zu sich genommen hat. Stuhlgang und Urinabsonderung sind regelmässig, und er beschmutzt sich nicht mehr bei deren Entleerung. Er war nie krank und schwitzt auch bei grosser Anstrengung nicht. Seine Kleidung ist noch gegenwärtig die oben beschriebene, und nie mehr liess er sich eine Aenderung hierin gefallen.
Das Grundmotiv seiner gesammten freien Thätigkeit ist der Selbsterhaltungstrieb in seinen verschiedenen einfachen Formen, welcher sich bei ihm vorzüglich durch Befriedigung des Hungers, des Durstes, des Schlafes und durch auffallende Neigung zur Ruhe kund gibt. Er ergreift, ohne Ueberlegung, jedes Mittel, welches er kennt, oder welches sich ihm gerade darbietet, zu diesem Zwecke. Der Trieb der Geselligkeit mangelt ihm ganz. Er ist gerne allein, kann sich mit Niemanden vertragen und meidet, wenn nicht Bettelei es verbietet, jede zahlreichere Gesellschaft. Er perzipirt viele Eindrücke der Aussenwelt durch seine Sinne, er empfängt viele Bilder von äusseren Dingen, er behält diese Bilder in seiner Erinnerung und erkennt sie, wenn selbe ihm wieder erscheinen. Er kennt von einzelnen Gegenständen einen bestimmten Gebrauch, er kennt den Einfluss, welchen selbe auf ihn haben, er unterscheidet zwischen Dingen, die ihm angenehm, und jenen, die ihm unangenehm sind, und wählt die ersteren, sobald er die Wahl hat. Er kennt die Folgen einzelner Handlungen und benützt diese Kenntniss. Jedoch müssen alle diese Wahrnehmungen in direkter Beziehung zu seinem Selbsterhaltungstrieb stehen, sonst gehen sie unbemerkt und spurlos an ihm vorüber. Freiwillig wird er nie eine Handlung unternehmen, wenn durch selbe nicht die Befriedigung seiner angebornen natürlichen Triebe gefördert wird und er nicht diese Befriedigung erkennt und selbe bereits erfahren hat. So weiss er gegegenwärtig, und benützt sie, viele Gelegenheiten, in Gesellschaft anderer zu betteln und bringt das hiedurch Erhaltene richtig nach Hause.
Dieses Geschäft erlernte er auf folgende Weise. Zu Lebzeiten seiner Eltern ganz ohne Beschäftigung lebend, streifte er viele Stunden des Tages in der Nachbarschaft herum und kam häufig zu einer Reihe von Bettlern, die am Wege und dem Vorplatze der nahen Wallfahrtskirche sich täglich einfanden. Er sah, dass sie gegen die Vorübergehenden ihre Hände ausstreckten und etwas Geld empfingen, ein Ding, welches er bei seiner Mutter oft sah und somit kannte. — Er machte den nämlichen Versuch und empfing auch Geld, was er seiner Mutter heimbrachte und auch Brod, was er verzehrte. Als seine Base seine Herrin wurde, konnte er diese Gänge zwar seltener machen; indessen brachte er, wie früher, seine Geschenke regelmässig nach Hause und er erhielt hiefür, wie früher, irgend eine Speise, ein Stück Brod oder Obst, oder anderwärtige Nahrung. erste Folge hievon war, dass er das Geld wohl bewahrte, nichts verlor, nichts wegwarf und die fernere Folge, dass er in Kenntniss kam, dass man um dieses Geld allerlei Nahrungsmittel erhalte. Er suchte nun selbst die Gelegenheit zu betteln auf und schloss sich derlei Personen, so oft er konnte, an, wurde mit anderen Bettlerplätzen bekannt und durchzog mit selben oder auch allein die umliegenden Bauerngüter, wo er beinahe durchaus bloss Lebensmittel als Almosen erhielt. Die Base, welche anfangs von diesem Unfug nicht volle Kenntniss hatte, nahm ihm bei seiner Zurückkunft das Erbettelte ab, bezeigte ihm ihren Unwillen und suchte diese Wanderungen zu verhüten. Es gelang ihr das letztere unvollkommen, wogegen der Kretin, um den Vorwürfen auszuweichen, anfing, die erhaltenen Lebensmittel, welche meist aus Butter, Schmalz, Käse und Brod bestanden, zu verstecken, theils im Hause, theils ausser dem Hause, wodurch jene Parthien, auf welche er bald vergass, dem Verderben überantwortet wurden. Dieses Verstecken der Nahrungsmittel hat er sich ohngeachtet aller Bemühungen nicht mehr abgewöhnt und seiner Erhalterin bleibt nichts übrig als die ihr bekannten Niederlagsplätze zum Theile auszuräumen, was er nicht sehr zu bemerken scheint und seine etwaigen frischen Sammlungen verdachtlos wieder dort verbirgt. Da er gegenwärtig zu vielen Dienstleistungen verwendet wird, so vermindern sich schon dadurch seine Wanderungen, noch mehr aber durch die absichtliche Bemühung seiner Base, ihn, wie es nur immer bei dem kleinen Hauswesen möglich ist, in stäter Beschäftigung zu erhalten.
Sein Ortsgedächtniss ist ausgezeichnet gut. Man weiss keinen Fall, dass er sich je auf einem einmal gegangenen Weg verirrte. Er kehrt nicht selten bei Nacht von entlegenen Orten zurück und verfehlt nie die Strasse oder den Fussweg, die er bei Tage ging. Das Sachgedächtniss, in so weit die Sachen mit seinen Trieben in direkter Beziehung sich befinden, ist eben so verlässlich, betreffen die Sachen aber ihm fremde Verhältnisse und Interessen, so ist deren Bild in Schnelle vergessen. Die Erinnerung der Ereignisse, Handlungen, Begebenheiten bleibt um so länger bei ihm lebendig, je grösser der sinnliche Eindruck war, den diese Dinge auf ihn ausübten. An Personen, die mit ihm in fühlbare Berührung kamen, denkt er lange. Für Töne und Zahlen scheint er gar kein Gedächtniss zu besitzen. Einmal genossene Speisen und Getränke erkennt er wieder, ja er kennt das Bier aus dem Geruche in einem undurchsichtigen Gefässe, ebenso den Branntwein.
Er hat Traume, und wie Träume das Bestehen von Phantasie voraussetzen, so hat er auch Phantasie. Es ist ja wohl unbestreitbar, dass Thiere, z. B. Hunde, Affen, Träume haben; es möchte unter dieser Voraussetzung auch bei selben das Vermögen der Phantasie nicht geläugnet werden können. Willen oder die verständige Selbstbestimmung hat er nicht und kann ihn nicht haben. Ein Wollen findet sich aber bei ihm wiebei allenThieren vor; abhängig und hervorgerufen von und bezüglich aufseine natürlichen Triebe und deren Befriedigung. Neigung und Abneigung finden sich bei ihm deutlich ausgesprochen. Er hat Sachen, Thiere und ersonen, die er nicht leiden mag, denen er ausweicht, die er meidet und eben solche, deren Erscheinen, deren Ankunft, deren Nähe ihm angenehm ist und Freude macht. Den grössten Antheil an seinen Abneigungen hat bestimmtest die Erinnerung an empfangene Beleidigungen, Verletzungen, Schläge und die Furcht vor ihnen. Liebe und Hass, die Ergebnisse ausgebildeten Gefühles und Verstandes, kennt er nicht.
Er fühlt Freude über viele Dinge und gibt selbe zu erkennen durch ein mehr oder minderes Lächeln oder Lachen. Letzteres ist nur sparsam mit Ausstossung von kurzen kreischenden Tönen verbunden. Der Kreis seiner Freude ist im Ganzen sehr klein, Befriedigung seines Hungers und seines Durstes mit ihm angenehmen Speisen und Getränken, Ueberraschungen mit diesen Gegenständen nach gepflogener Arbeit reichlicher und schneller, als er es vermuthete, besser, als er sie gewöhnlich empfängt, führen am sichersten eine freudige Gemüthsstimmung herbei. Er erfreut sich, wenn er zufällig einem ihm Bekannten begegnet, den er als einen Freund seines Magens wiederholt erprobte. Er erfreut sich, wenn man ihm milde, freundlich begegnet, ihm etwas schenkt, ihm schmeichelt, z. B. auf die Schultern klopft und ihn anlächelt. Gegen körperliche Schmerzen ist er ungemein empfindlich, er schreit sehr, wenn ihn seine Base schlägt und klagt über die geringste Körperverletzung. Ganz anders benimmt er sich, wenn sein Gemüth aufgeregt wird. Angegriffen oder selbst angreifend stösst er ein wildes Brüllen aus und gibt und empfängt stumm Schläge und Verwundungen. In vollem Zorne weicht er nicht mehr zurück und er muss entweder überlistet oder durch eine hinlängliche Gewalt zu Boden geschlagen werden. Er weint mit starken Verzerrungen des Gesichtes; fliessende Thränen sah ich nie. Beim Weinen stösst er ein jammerndes, gedehntes Gestöhne oder Geheul aus.
Ich sah ihn einige Male weinen, weil ihn seine Base nicht fortgehen liess und als er nicht schnelle gehorchen wollte, ein paar Streiche über den Rücken mit einem kurzen Stocke zutheilte. Im ruhigen Gemüthszustande fürchtet er gar vielerlei Dinge, z. B. fremde Hunde, den Donner, plötzliches starkes Getöse und Gekrache, grosses Feuer u. dgl. Im aufgeregten Zustande scheint er von allen diesen Erscheinungen keine Kenntniss zu nehEine ganz eigene Furcht besserer Art beherrscht ihn gegen seine Base; sie hat ihm den Muth genommen, er gehorcht ihr, lässt sich strafen, lässt sich schlagen und weint, leistet aber keinen Widerstand. Viele Jahre sind bereits verlaufen, dass er es nie mehr wagte, eine Hand gegen sie aufzuheben.
Neugierde besitzt er durchaus nicht; Dankbarkeit getraue ich mir aber nicht ihm abzusprechen, indem er jene Menschen, die ihm Gutes gethan haben, sich nicht nur lange und bestimmt merkt, sondern selbe, wenn es sich gerade schickt, begleitet und gerne Sachen, die ihnen gehören, ihnen nachträgt und gewiss nicht aus den Händen lässt; während er das von einer ihm unangenehmen Person Ueberreichte mit möglichster Schnelle wegwirft und bei wiederholten derlei Anträgen in Zorn geräth.
Geschlechtslust und Frauenliebe liess sich an ihm nie und unter keinem Verhältnisse bemerken. Er behandelt Männer wie Weiber mit gleichem Lächeln, mit gleicher Freundlichkeit, im Gegentheil scheint er die Gesellschaft der Weiber mehr zu fliehen, denn er verlässt seine Wohnstube, wenn selbe zu seiner Base kommen und bleibt, wenn bloss Männer eintreten. Er ist nicht ungelehrig, indessen hat die Erfahrung bei ihm erwiesen, dass er nur solche Geschäfte, Handlungen, Verrichtungen erlernen und ausüben könne, welche eine nicht unterbrochene Reihe mechanischer Functionen bilden und ohne Beurtheilung der Ergebnisse beendet werden können. Wenn im Verlaufe einer Arbeit ein Abschnitt derselben erscheint, welcher eine Beurtheilung erfordert, auf welche Weise diese Arbeit fortgesetzt und vollendet werden solle, kann sie von unserem Kretin nur dann fortgesetzt und vollendet werden, wenn ihm die Art und Weise vorgezeigt wird.
Die eben nicht zahlreichen Geberden, mittels welcher er sich mit seiner Base verständigt, kennt er sehr wohl und erkennt sie schnell. Will daher ein anderer Mensch mit ihm umgehen, so hat er sich mit diesen Zeichen bekannt zu machen. Sie beziehen sich sämmtlich auf Dinge, Sachen und Verrichtungen, welche sinnlich wahrnehmbar sind. Für einen Schluss, ein Urtheil, einen Begriff hat er keine Zeichen. Man kann ihm sehr wohl unter Vorzeigung der betreffenden Objecte begreiflich machen, er solle in einem Kruge Bier oder Wasser holen, Holz herbeitragen und er wird es thun, sobald er es verstanden hat. Meint er den Auftrag verstanden zu haben, so nickt er etwas lächelnd mit dem Kopfe, 1 hat er den Auftrag nicht verstanden, so schaut er ruhig dem Anschaffenden ins Gesicht, versteht er die Sache nach wiederholtem Anreden nicht, so schüttelt er den Kopf, brummt und wird endlich ungeduldig und böse und es ist dann an der Zeit, ihn in Ruhe zu lassen. Er hat mittels der 5 Finger seiner Hand etwas dem Zählen Aehnliches erlernt, in der Art, dass er unter Vorzeigen eines Apfels z. B. und Aufheben von 3 Fingern drei Aepfel bringt, selbst zählt er aber ungerne und hat es nie über 5 gebracht, denn wenn er die fünf Finger der einen Hand ausgestreckt hat und man zum fünften vor ihm liegenden Stück das sechste legt und zugleich ihm den ersten Finger der zweiten Hand öffnet, so schliesst er die eine Hand und scheint im vollen Erstaunen seinem Rechnungslehrer ins Gesicht zu schauen und hört zu denken auf und kümmert sich nicht weiter mehr um eine Vermehrung der vor ihm liegenden Objecte oder er lächelt und verwendet beide Hände zu etwas anderem. Will man mit ihm reden, ihm begreiflich machen, dass er aufmerksam sey, dass die Sache ihn angehe, so muss man ihm ein oder ein paarmal gelinde an die Seite oder den Oberarm stossen, wornach er auch kleinere Geberden und Winke beachtet und vollzieht. Kann er nach einer vollendeten Arbeit ruhen, so setzt er sich entweder auf eine Bank in der Stube oder an den Tisch oder er legt sich vor das Haus ins Grüne, spielt sich mit irgend etwas und rastet mit vollstem Behagen, bis er einschläft oder durch irgend eine äussere Erscheinung aus seiner Ruhe aufgerüttelt wird.
Seinem Benehmen ist er übrigens äusserst affectionslos und gleichgültig gegen die äusseren Eindrücke und das Leben um sich herum und setzt sich erst in körperliche und geistige Bewegung, wenn er direckt dazu durch irgend ein von aussen kommendes Motiv aufgefordert wird, z. B. durch die Aufmahnung seiner Base, durch Neckerei, durch Beleidigungen, durch eine auffallende Erscheinung eines Menschen, eines Thieres u. dergl. - Wenn die Züge nicht durch Zorn aufgewühlt, hohe Wildheit darstellen, so drückt die Gestaltung seines Gesichtes Lethargie, Gedankenlosigkeit und Dummheit aus, welche sich im Weinen und lauten starken Lachen unter Verzerrung der Muskulatur noch etwas steigert. Beim ruhigen leisen Lächeln scheint seine Gesichtsbildung etwas zu gewinnen. Im völlig affectlosen Zustande ist sein Antlitz mit jener unbeschreiblichen Ruhe und Genügsamkeit übergossen, welche das unveräusserliche Geschenk der am Geiste vollkommen verarmten Menschenkinder bilden.
Noch erübrigt, einige Worte über sein Verhältniss zu seiner Base beizufügen. um nichts zurückzubehalten, was über den Stand seiner Geisteskräfte, über sein Seelen Leben irgend eine Aufklärung geben könne. Sie übernahm ihn, wie gesagt, in einem erbärmlichen Zustande. Alle Untugenden verzogener Kinder waren bei ihm durch die blinde Liebe einer schwachen Mutter zur Blüthe gebracht. Unfolgsamkeit, Eigensinn, Zorn in allen Graden, Widersetzlichkeit, gränzenlose Faulheit und die Lust an unordentlichem Umherstreifen boten sich gegenseitig die Hand. Er war nichts als ein undressirtes zweihändiges Thier von grosser Stärke. seltener Kühnheit und Ausdauer unternahm sie den Versuch, diesen Kretin zur möglichsten Brauchbarkeit heranzuziehen, um ihn der menschlichen Gesellschaft näher zu bringen, von der er sich unter seinen bis dahin waltenden Verhältnissen von Tag zu Tag mehr entfernte. Schmeicheleien, Bitten, Freundlichkeit. bessere Speisen und Getränke wechselten mit Hunger, Einsperren, Lichtentziehung und Schlägen ab. Sie bedurfte in den ersten Zeiten nicht selten der Hülfe mehrerer Männer, welche ihn binden und festhalten mussten. Mehrere Jahre dauerte mit sichtlichem Erfolge diese Schule, und gegenwärtig hat sie ihrem Lehrlinge gegenüber eine solche Superiorität erlangt, dass kaum ein leiser Widerstand gegen ihre Aufträge von seiner Seite zu befürchten ist. Wenn er Strafe von ihr fürchtet oder erhält, so ist dessen einzige Vertheidigung die Flucht, die er sucht. Ich sah es mit meinen eigenen Augen, dass sie, mit einem kurzen Stocke bewaffnet, dem zur Thüre fliehenden Kretin den Weg ablief und ihn derb züchtigte, und sah es selbst, dass er ohne Widerstand, unter grossem Heulen, sich schlagen liess. Dieser ganze Vorgang ereignete sich plötzlich und dauerte nur wenige Minuten. Der Kretin, gerade ohne Hunger, erhielt zu Mittag eine Schüssel mit Speisen, die er nicht sehr liebte; anstatt selbe unberührt zu lassen, nahm er den Topf sammt den Inhalt und warf ihn unter Brummen in eine Stubenecke, dass die Trümmer umher flogen. Im nämlichen Augenblicke erreichte ihn die Strafe, denn die Base hatte es sich zum Grundsatze gemacht, ihn, koste es, was es wolle, immer auf der Stelle nach verübter That, die Strafe fühlen zu lassen, damit sie ihm verständlich sey und That und Strafe in gleicher Erinnerung bleiben mögen.
Seine Base ist die einzige Person, die er fürchtet, der er gehorcht.Selbst die von ihr eingeführte Reinlichkeit hält er genau. Täglich muss er sich Kopf, Gesicht, Hals und Hände waschen und zu gehöriger Zeit Wäsche wechseln. Selbst seine Kleider darf er sich nicht muthwillig beschmutzen. Eine andere Kleiderform aber, als die ihm gewohnte oben bezeichnete, lässt er sich nicht gefallen. Er widersetzt sich zwar nicht, anderes Gewand anzuziehen, aber gar bald, nach den ersten Gängen ins Freie, bringt er selbes mehr minder in Stücken zerrissen wieder nach Hause zurück und greift um sein altes Gewand, welches er übrigens gerne mit einem neuen von der nämlichen Form und dem nämlichen Stoffe umtauscht. Durch die nun seit mehreren Jahren geleisteten Dienste und Verrichtungen der Hauswirthschaft, welche meist regelmässig zu gewissen Perioden sich wiederholen, hat er über die Zeit und Weise dieser ihn treffenden Arbeiten so sattsame Erfahrungen gemacht, dass er ihr Erscheinen häufig voraus schon weiss. So sucht er im Herbste, kaum dass die ersten Schneeflocken fallen, ohne Aufforderung jene Schlitten hervor, die er zum Holzziehen benöthiget, — so bringt er häufig Holz und Wasser zur Küche, ohne hiezu aufgemahnt zu werden; so kennt er den kommenden Festtag aus dem Kirchengeläute und aus den gewöhnlichen Hausarbeiten des Feier Abendes und freut sich dessen; denn er weiss, dass diese Tage ihm Ruhe oder freies Herumwandern gestatten. Er geht auch manchmal in die nahe Kirche, in welcher er sich nie niedersetzt, sondern ruhig stehend den Tönen der Orgel zuzuhorchen scheint. Er verlässt selbe manchmal vor, manchmal nach beendetem Gottesdienste, und nicht selten findet man ihn, angezogen durch frühere Uebung, in Mitte der die Ausgänge umlagernden Bettler. Gottesdienste ohne Orgelspiel besucht er nie.
Gerne findet er sich bei Aufzügen und Feierlichkeiten ein, wo Musik zu finden ist, z. B. bei Hochzeiten, Kirchweihen und derlei öffentlichen Spektakeln.
Allgemach alternd, wird er im Ganzen ruhiger, wallt weniger auf, verrichtet stiller und ergebener das Erlernte und Eingeübte; - scheint aber alljährlich unaufgelegter zu werden, etwas Neues zu begreifen, zu erlernen und auszuüben.
Literatur
- Inghwio aus der Schmitten, Schwachsinnig in Salzburg. Zur Geschichte einer Aussonderung, Salzburg 1985.
- Gertraud Steiner, Lebensweisen und Medizinische Versorgung, in: Klaus Heitzmann / Anton Heitzmann / Josefine Heitzmann, Hg., Tamsweg. Die Geschichte eines Marktes und seiner Landgemeinden, Tamsweg 2008, 112-157.
- Sabine Veits-Falk, Zeit der Noth, Salzburg 2000.
- Nora Watteck, Lappen, Fexen und Sonderlinge in Salzburg, in: MGSL, 118 (1978), 225 256.
- Franz Valentin Zillner, Ueber Idiotie mit besonderer Rücksicht auf das Stadtgeiet Salzburg. Pathologisch-anatomische und statistische Studien zur Naturgeschichte dieser Volkskrankheit, Salzburg 1857.
Einzelnachweise
- ↑ online in: books.google.at
- ↑ Der frühere Eigenthümer des Schädels 348 war der bekannte Anton Steinwendner, des andern der s. g. "Bruderhausbartl"; dieser ein "Halbkretin", jener ein vollkommener Idiot, der wohl auch sogar als Prototyp (!) Salzburgischer Kretine aufgestellt worden ist (Knolz) und 48 (nach andern 54) Jahre alt im Salzburger Leprosenhause starb; Zillner, Idiotie, 197.
- ↑ Karl MAFFEI, de Fexismo specie cretinismi, Landshut 1814. online: books.google.at
- ↑ Karl MAFFEI, Der Kretinismus in den norischen Alpen, Erlangen 1844, 1–57.
- ↑ Karl Heinrich RÖSCH, Rezension, in: Jahrbücher der inund ausländischen gesammten Medizin 1845, 125–128, hier: 125.
- ↑ Rösch, Jahrbücher, 126.
- ↑ "Illustrirte Zeitung", 22. November 1856, 330–331.
- ↑ Veits-Falk, Zeit der Not, 76.
- ↑ J. P. GERHARDT, Zur Geschichte und Literatur des Idiotenwesens in Deutschland, Hamburg 1904, 13-14; Lisa Maria Hofer, "Die Schuljugend erscheint (...) in Feyertagskleidung, vorzüglich reinlich gewaschen und gekämmt." : zwischen Appeasement-Pädagogik und Inklusion im Salzburger Elementarschulwesen von 1810 bis 1830, Salzburg 2018, Hochschulschrift
- ↑ Karl WAGNER, Gotthard Guggenmoos und seine Lehranstalt in Hallein und Salzburg, in: MGSL, 58 (1919), 103–130, hier: 103–111.
- ↑ Julius WAGNER VON JAUREGG, Myxödem und Kretinismus, Band 2 Teil 1, Leipzig / Wien 1912, 47–57.
- ↑ https://eplus.uni-salzburg.at/urn/urn:nbn:at:at-ubs:1-42821