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| | Das Ende des Kriegs erlebte die Familie Schwarz in Brünn. Nicht die vorrückenden Soldaten der Roten Armee machten damals der Vierzehnjährigen Angst, sondern ihre tschechischen Mitbürger. Es waren dann auch Tschechen, die sie einige Wochen später zusammen mit ihrer Mutter, einer Tante und einem drei Jahre jüngeren Cousin aus ihrem Haus holten und mit anderen Deutschen zusammen in Richtung Österreich getrieben haben. Dr. Mayer-Maly erinnerte sich in dem Interview, dass man sie durch die Vororte von Brünn trieb, Frauen, Kinder, alte Männer; wer starb, blieb einfach im Straßengraben liegen. Bei den Tätern, die sich „Partisanen“ nannten, waren Widerstandskämpfer der letzten Monate vor Kriegsende. Viele von ihnen hatten noch Anfang Mai [[1945]] für die deutschen Besatzer gearbeitet. | | Das Ende des Kriegs erlebte die Familie Schwarz in Brünn. Nicht die vorrückenden Soldaten der Roten Armee machten damals der Vierzehnjährigen Angst, sondern ihre tschechischen Mitbürger. Es waren dann auch Tschechen, die sie einige Wochen später zusammen mit ihrer Mutter, einer Tante und einem drei Jahre jüngeren Cousin aus ihrem Haus holten und mit anderen Deutschen zusammen in Richtung Österreich getrieben haben. Dr. Mayer-Maly erinnerte sich in dem Interview, dass man sie durch die Vororte von Brünn trieb, Frauen, Kinder, alte Männer; wer starb, blieb einfach im Straßengraben liegen. Bei den Tätern, die sich „Partisanen“ nannten, waren Widerstandskämpfer der letzten Monate vor Kriegsende. Viele von ihnen hatten noch Anfang Mai [[1945]] für die deutschen Besatzer gearbeitet. |
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| − | Dem so genannten Todesmarsch von Brünn, Teil der kollektiven Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus [[Mähren]], der am [[30. Mai]] 1945, kann die Familie Schwarz mit Glück entkommen. Ihnen blieb die wochenlange Lagerhaft der Vertriebenen an der Grenze, die bis Anfang Juli dauerte, erspart. Dr. Mayer-Maly erzählte, dass sie noch einige Tage zuvor, es war zu Pfingsten, in einer Schule mit anderen Deutschen unter katastrophalen Umständen in einer Schule gefangen gehalten wurden. Weder Sitzen noch Liegen war in diesen Räumen möglich, in denen fünfzig Personen eingesperrt worden waren. Die Toiletten liefen über und in den Nächten ließen die tschechischen Wachen Russen zu den Frauen hinein. Doch die weiblichen Mitglieder der Familie Schwarz bleiben unangetastet. | + | Dem so genannten Todesmarsch von Brünn, Teil der kollektiven Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus [[Mähren]], der am [[30. Mai]] 1945 erfolgte, kann die Familie Schwarz mit Glück entkommen. Ihnen blieb die wochenlange Lagerhaft der Vertriebenen an der Grenze, die bis Anfang Juli dauerte, erspart. Dr. Mayer-Maly erzählte, dass sie noch einige Tage zuvor, es war zu Pfingsten, mit anderen Deutschen unter katastrophalen Umständen in einer Schule gefangen gehalten wurden. Weder Sitzen noch Liegen war in diesen Räumen möglich, in denen fünfzig Personen eingesperrt worden waren. Die Toiletten liefen über und in den Nächten ließen die tschechischen Wachen Russen zu den Frauen hinein. Doch die weiblichen Mitglieder der Familie Schwarz bleiben unangetastet. |
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| − | Dann erkläre Dorothea Schwarz dem tschechischen Kommandanten sie Halbjüdin und somit ein „Opfer des [[Nationalsozialismus]]“. Sie erhielt vom „tschechische Judenrat“ darüber eine Bestätigung und sie, ihre Tante und der Cousin durften nach zehn Kilometer Marsch südlich von Brünn den Todesmarsch verlassen und kehrten nach Brünn zurück. Als sie wieder bei ihrem Vater war, war dieser gerade im Begriff, sich umzubringen. Er dachte, sie kämen nie mehr wieder und wollte sich gerade erhängen, wovor ihn aber die tschechische Hausmeisterin gerettete hatte. Ihr Vater musste nun unter den Tschechen Zwangsarbeit leisten, musste Eisenbahnschienen schleppen, wog nur mehr 47 Kilo und litt an Tuberkulose. Die Mutter von Dorothea ging zum zuständigen Kommandanten und erklärte ihm, dass dieser Zwangsarbeiter ihr Mann sei und sie Halbjüdin. Der Kommandant ließ ihren Vater daraufhin nach Hause gehen. | + | Dann erkläre Dorothea Schwarz dem tschechischen Kommandanten sie sei eine Halbjüdin und somit ein „Opfer des [[Nationalsozialismus]]“. Sie erhielt vom „tschechische Judenrat“ darüber eine Bestätigung und sie, ihre Tante und der Cousin durften nach zehn Kilometern Marsch südlich von Brünn den Todesmarsch verlassen und kehrten nach Brünn zurück. Als sie wieder bei ihrem Vater war, war dieser gerade im Begriff, sich umzubringen. Er dachte, sie kämen nie mehr wieder und wollte sich gerade erhängen, wovor ihn aber die tschechische Hausmeisterin gerettet hatte. Ihr Vater musste nun unter den Tschechen Zwangsarbeit leisten, musste Eisenbahnschienen schleppen, wog nur mehr 47 Kilo und litt an Tuberkulose. Die Mutter von Dorothea ging zum zuständigen Kommandanten und erklärte ihm, dass dieser Zwangsarbeiter ihr Mann sei und sie Halbjüdin. Der Kommandant ließ ihren Vater daraufhin nach Hause gehen. |
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| | Der Familie gelang schließlich Mitte 1945 die Flucht nach [[Österreich]]. Da eine legale Einreise nicht möglich war - Dorlis Eltern waren vor dem Krieg tschechoslowakische Staatsbürger und deshalb nicht als „Altösterreicher“ angesehen wurden - erfolgte der Grenzübertritt in einem russischen Militärzug, der die Familie mitnahm. | | Der Familie gelang schließlich Mitte 1945 die Flucht nach [[Österreich]]. Da eine legale Einreise nicht möglich war - Dorlis Eltern waren vor dem Krieg tschechoslowakische Staatsbürger und deshalb nicht als „Altösterreicher“ angesehen wurden - erfolgte der Grenzübertritt in einem russischen Militärzug, der die Familie mitnahm. |
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| − | In Wien konnte der Vater wieder als Richter arbeiten. Er stellte sich beim österreichischen Justizminister vor, und der froh war, weil sie im Justizbereich sonst keine Leute hätten, die nicht in der Partei waren. Dr. Schwarz, der nie Mitglied der NSDAP war, wurde dem Volksgerichtshof zugeteilt. In dieser Funktion musste er über ehemalige NS-Verbrecher Recht sprechen, jedoch war er bei keiner von ihm verhängten Todesurteil Vollstreckung dabei. Diese fanden immer um drei Uhr morgens statt und Dr.Schwarz hatte die Ausrede gehabt, dass er mitten in der Nacht nicht nach Hause kommen könne, weil er sich eine Taxifahrt - damals - nicht leisten könne. | + | In Wien konnte der Vater wieder als Richter arbeiten. Er stellte sich beim österreichischen Justizminister vor, und der froh war, weil sie im Justizbereich sonst keine Leute hätten, die nicht in der Partei gewesen waren. Dr. Schwarz, der nie Mitglied der NSDAP war, wurde dem Volksgerichtshof zugeteilt. In dieser Funktion musste er über ehemalige NS-Verbrecher Recht sprechen, jedoch war er bei keiner Vollstreckung eines von ihm verhängten Todesurteils dabei. Diese fanden immer um drei Uhr morgens statt und Dr. Schwarz hatte die Ausrede gehabt, dass er mitten in der Nacht nicht nach Hause kommen könne, weil er sich eine Taxifahrt - damals - nicht leisten könne. |
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| | Dorothea Schwarz studierte in Wien Jus. [[1955]] heiratete sie den Juristen [[Theo Mayer-Maly]] und wurde Assistentin bei Professor Verdroß am Institut für Völkerrecht. Dort lernte sie Koryphäen wie Hans Kelsen, den „Vater der österreichischen Verfassung“, und Adolf Merkl, einen der wichtigsten Vertreter der Wiener Rechtstheoretischen Schule, kennen. Sie erhielt eine Lehrverpflichtung am ''Institute of European Studies'' der Universität Wien. Dann übersiedelte die Familie nach Salzburg, wo sie wissenschaftliche Beamtin an der Universität Salzburg wurde. Sie schrieb Artikel und redigierte Sammelwerke. | | Dorothea Schwarz studierte in Wien Jus. [[1955]] heiratete sie den Juristen [[Theo Mayer-Maly]] und wurde Assistentin bei Professor Verdroß am Institut für Völkerrecht. Dort lernte sie Koryphäen wie Hans Kelsen, den „Vater der österreichischen Verfassung“, und Adolf Merkl, einen der wichtigsten Vertreter der Wiener Rechtstheoretischen Schule, kennen. Sie erhielt eine Lehrverpflichtung am ''Institute of European Studies'' der Universität Wien. Dann übersiedelte die Familie nach Salzburg, wo sie wissenschaftliche Beamtin an der Universität Salzburg wurde. Sie schrieb Artikel und redigierte Sammelwerke. |