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Dem so genannten Todesmarsch von Brünn, Teil der kollektiven Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus [[Mähren]], der am [[30. Mai]] 1945 erfolgte, kann die Familie Schwarz mit Glück entkommen. Ihnen blieb die wochenlange Lagerhaft der Vertriebenen an der Grenze, die bis Anfang Juli dauerte, erspart. Dr. Mayer-Maly erzählte, dass sie noch einige Tage zuvor, es war zu Pfingsten, mit anderen Deutschen unter katastrophalen Umständen in einer Schule gefangen gehalten wurden. Weder Sitzen noch Liegen war in diesen Räumen möglich, in denen fünfzig Personen eingesperrt worden waren. Die Toiletten liefen über und in den Nächten ließen die tschechischen Wachen Russen zu den Frauen hinein. Doch die weiblichen Mitglieder der Familie Schwarz bleiben unangetastet.
 
Dem so genannten Todesmarsch von Brünn, Teil der kollektiven Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus [[Mähren]], der am [[30. Mai]] 1945 erfolgte, kann die Familie Schwarz mit Glück entkommen. Ihnen blieb die wochenlange Lagerhaft der Vertriebenen an der Grenze, die bis Anfang Juli dauerte, erspart. Dr. Mayer-Maly erzählte, dass sie noch einige Tage zuvor, es war zu Pfingsten, mit anderen Deutschen unter katastrophalen Umständen in einer Schule gefangen gehalten wurden. Weder Sitzen noch Liegen war in diesen Räumen möglich, in denen fünfzig Personen eingesperrt worden waren. Die Toiletten liefen über und in den Nächten ließen die tschechischen Wachen Russen zu den Frauen hinein. Doch die weiblichen Mitglieder der Familie Schwarz bleiben unangetastet.
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Dann erkläre Dorothea Schwarz dem tschechischen Kommandanten sie sei eine Halbjüdin und somit ein „Opfer des [[Nationalsozialismus]]“. Sie erhielt vom „tschechische Judenrat“ darüber eine Bestätigung und sie, ihre Tante und der Cousin durften nach zehn Kilometern Marsch südlich von Brünn den Todesmarsch verlassen und kehrten nach Brünn zurück. Als sie wieder bei ihrem Vater war, war dieser gerade im Begriff, sich umzubringen. Er dachte, sie kämen nie mehr wieder und wollte sich gerade erhängen, wovor ihn aber die tschechische Hausmeisterin gerettet hatte. Ihr Vater musste nun unter den Tschechen Zwangsarbeit leisten, musste Eisenbahnschienen schleppen, wog nur mehr 47 Kilo und litt an Tuberkulose. Die Mutter von Dorothea ging zum zuständigen Kommandanten und erklärte ihm, dass dieser Zwangsarbeiter ihr Mann sei und sie Halbjüdin. Der Kommandant ließ ihren Vater daraufhin nach Hause gehen.  
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Dann erkläre Dorothea Schwarz dem tschechischen Kommandanten sie sei eine Halbjüdin und somit ein „Opfer des [[Nationalsozialismus]]“. Sie erhielt vom „tschechischen Judenrat“ darüber eine Bestätigung und sie, ihre Tante und der Cousin durften nach zehn Kilometern Marsch südlich von Brünn den Todesmarsch verlassen und kehrten nach Brünn zurück. Als sie wieder bei ihrem Vater war, war dieser gerade im Begriff, sich umzubringen. Er dachte, sie kämen nie mehr wieder und wollte sich gerade erhängen, wovor ihn aber die tschechische Hausmeisterin gerettet hatte. Ihr Vater musste nun unter den Tschechen Zwangsarbeit leisten, musste Eisenbahnschienen schleppen, wog nur mehr 47 Kilo und litt an Tuberkulose. Die Mutter von Dorothea ging zum zuständigen Kommandanten und erklärte ihm, dass dieser Zwangsarbeiter ihr Mann sei und sie Halbjüdin. Der Kommandant ließ ihren Vater daraufhin nach Hause gehen.  
    
Der Familie gelang schließlich Mitte 1945 die Flucht nach [[Österreich]]. Da eine legale Einreise nicht möglich war - Dorlis Eltern waren vor dem Krieg tschechoslowakische Staatsbürger und deshalb nicht als „Altösterreicher“ angesehen wurden - erfolgte der Grenzübertritt in einem russischen Militärzug, der die Familie mitnahm.
 
Der Familie gelang schließlich Mitte 1945 die Flucht nach [[Österreich]]. Da eine legale Einreise nicht möglich war - Dorlis Eltern waren vor dem Krieg tschechoslowakische Staatsbürger und deshalb nicht als „Altösterreicher“ angesehen wurden - erfolgte der Grenzübertritt in einem russischen Militärzug, der die Familie mitnahm.
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Dorothea Schwarz studierte in Wien Jus. [[1955]] heiratete sie den Juristen [[Theo Mayer-Maly]] und wurde Assistentin bei Professor Verdroß am Institut für Völkerrecht. Dort lernte sie Koryphäen wie Hans Kelsen, den „Vater der österreichischen Verfassung“, und Adolf Merkl, einen der wichtigsten Vertreter der Wiener Rechtstheoretischen Schule, kennen. Sie erhielt eine Lehrverpflichtung am ''Institute of European Studies'' der Universität Wien. Dann übersiedelte die Familie nach Salzburg, wo sie wissenschaftliche Beamtin an der Universität Salzburg wurde. Sie schrieb Artikel und redigierte Sammelwerke.  
 
Dorothea Schwarz studierte in Wien Jus. [[1955]] heiratete sie den Juristen [[Theo Mayer-Maly]] und wurde Assistentin bei Professor Verdroß am Institut für Völkerrecht. Dort lernte sie Koryphäen wie Hans Kelsen, den „Vater der österreichischen Verfassung“, und Adolf Merkl, einen der wichtigsten Vertreter der Wiener Rechtstheoretischen Schule, kennen. Sie erhielt eine Lehrverpflichtung am ''Institute of European Studies'' der Universität Wien. Dann übersiedelte die Familie nach Salzburg, wo sie wissenschaftliche Beamtin an der Universität Salzburg wurde. Sie schrieb Artikel und redigierte Sammelwerke.  
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Sie war Mutter von zwei Töchtern und vier Enkelkinder.
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Sie war Mutter von zwei Töchtern und Großmutter von vier Enkelkindern.
    
Der Autor des Interviews  Vladimir Vertlib, beschreibt in zwei Absätze Hofrätin Dr. Mayer-Maly, die hier vollständig zitiert wiedergegeben werden:<blockquote>''Dorothea Mayer-Maly gehört zu den letzten noch lebenden Zeugen einer Zeit, die uns bis heute stärker prägt als das meiste, was unseren Vorfahren sonst in den letzten hundert Jahren widerfahren ist. Ich bin dankbar dafür, dass ich Frau Mayer-Maly persönlich interviewen durfte. Kein noch so raffiniertes Wiedergabegerät wird eine durch physische Präsenz erzeugte, nur einmal und unmittelbar erlebbare Stimmung simulieren können. Frau Mayer-Malys Mischung aus emotionaler Betroffenheit und analytischem Blick, der Widerspruch von vermeintlicher Abgeklärtheit durch zeitliche Distanz und spürbarer starker Betroffenheit erzeugt eine Intensität, die durch Beschreibungen nicht wiedergegeben werden kann.''
 
Der Autor des Interviews  Vladimir Vertlib, beschreibt in zwei Absätze Hofrätin Dr. Mayer-Maly, die hier vollständig zitiert wiedergegeben werden:<blockquote>''Dorothea Mayer-Maly gehört zu den letzten noch lebenden Zeugen einer Zeit, die uns bis heute stärker prägt als das meiste, was unseren Vorfahren sonst in den letzten hundert Jahren widerfahren ist. Ich bin dankbar dafür, dass ich Frau Mayer-Maly persönlich interviewen durfte. Kein noch so raffiniertes Wiedergabegerät wird eine durch physische Präsenz erzeugte, nur einmal und unmittelbar erlebbare Stimmung simulieren können. Frau Mayer-Malys Mischung aus emotionaler Betroffenheit und analytischem Blick, der Widerspruch von vermeintlicher Abgeklärtheit durch zeitliche Distanz und spürbarer starker Betroffenheit erzeugt eine Intensität, die durch Beschreibungen nicht wiedergegeben werden kann.''
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