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| | Diese Entscheidung, private Spenden als Christenpflicht anzusehen, trägt entscheidend dazu bei, dass das Almosen, gegenüber anderen Formen der Armenfürsorge an Bedeutung gewinnt. Der Anspruch auf Hilfe wird im [[Mittelalter]] also allgemein anerkannt und das Betteln gilt weder als Schande noch unterliegt es in irgendeiner Form der Ächtung. Bettelverbote sind der mittelalterlichen Gesellschaft fremd und auch mit den späteren Vorwürfen der Untüchtigkeit, Müßiggang der der Arbeitsscheu sind die Bettler in jener Zeit nicht konfrontiert.<ref>Müller, Oliver: ''Vom Almosen zum Spendenmartk; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur'', Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, 2005, Seite 117 ff. zit. n. Watl, Anton: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011, Diplomarbeit [[Universität Salzburg]], Seite 39-40</ref> | | Diese Entscheidung, private Spenden als Christenpflicht anzusehen, trägt entscheidend dazu bei, dass das Almosen, gegenüber anderen Formen der Armenfürsorge an Bedeutung gewinnt. Der Anspruch auf Hilfe wird im [[Mittelalter]] also allgemein anerkannt und das Betteln gilt weder als Schande noch unterliegt es in irgendeiner Form der Ächtung. Bettelverbote sind der mittelalterlichen Gesellschaft fremd und auch mit den späteren Vorwürfen der Untüchtigkeit, Müßiggang der der Arbeitsscheu sind die Bettler in jener Zeit nicht konfrontiert.<ref>Müller, Oliver: ''Vom Almosen zum Spendenmartk; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur'', Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, 2005, Seite 117 ff. zit. n. Watl, Anton: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011, Diplomarbeit [[Universität Salzburg]], Seite 39-40</ref> |
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| − | === Spätes Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert === | + | === Spätes Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert === |
| | Dies änderte sich im späten Mittelalter, denn aufgrund von Missernten und infolge dessen Hungerperioden und Preissteigerung flohen immer mehr Menschen in die Städte <ref>Bräuer, Helmut: ''Bettler in frühzeitlichen Städten Mitteleuropas'' in: Althammer, Beate (Hrsg.): ''Bettler in der europäischen Stadt der Moderne'', Frankfurt am Main, Peter Lang Verlag GmbH, 2007, Seite 25, zit. n. Watl, Anton: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 40</ref>. Aufgrund der schlechten Situation kommt es zu mehr Menschen die betteln (müssen). Die bisherige Armenfürsorge – getragen von kirchlichen Institutionen – war überlastet und städtische Räte übernahmen (teilweise) diese Aufgabe. Die Verwaltung der städtischen Armenfürsorge galt es zu optimieren. Mit diesem Optimierungsprozess einher geht eine Wahrnehmungsveränderung des Bettelns. Nun wurde das Betteln stetig zu sozial unerwünschtem Verhalten. <ref>Müller, Oliver: ''Vom Almosen zum Spendenmartk; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur'', Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, 2005, Seite 145ff. zit. n. Watl, Anton (2011) 'Bettelverbote in Österreich' Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite: 40</ref> | | Dies änderte sich im späten Mittelalter, denn aufgrund von Missernten und infolge dessen Hungerperioden und Preissteigerung flohen immer mehr Menschen in die Städte <ref>Bräuer, Helmut: ''Bettler in frühzeitlichen Städten Mitteleuropas'' in: Althammer, Beate (Hrsg.): ''Bettler in der europäischen Stadt der Moderne'', Frankfurt am Main, Peter Lang Verlag GmbH, 2007, Seite 25, zit. n. Watl, Anton: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 40</ref>. Aufgrund der schlechten Situation kommt es zu mehr Menschen die betteln (müssen). Die bisherige Armenfürsorge – getragen von kirchlichen Institutionen – war überlastet und städtische Räte übernahmen (teilweise) diese Aufgabe. Die Verwaltung der städtischen Armenfürsorge galt es zu optimieren. Mit diesem Optimierungsprozess einher geht eine Wahrnehmungsveränderung des Bettelns. Nun wurde das Betteln stetig zu sozial unerwünschtem Verhalten. <ref>Müller, Oliver: ''Vom Almosen zum Spendenmartk; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur'', Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, 2005, Seite 145ff. zit. n. Watl, Anton (2011) 'Bettelverbote in Österreich' Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite: 40</ref> |
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| | :"Daraus aber zu folgern, daß das Anwachsen der Bettlerscharen per se auch ein lineares, gleichrangiges Ansteigen ihrer Kleinkriminalität, insbesondere ihrer Diebstähle, zur Folge gehabt hätte, wie das zeitgenössisch üblich war, ist unsinnig und ganz und gar nicht zu belegen. Es gab keinen solchen stringten Weg, der vom Bettetl zum Diebstahl geführt hätte [...]. Da aber die Quote der Kleinkriminalität, deren Träger sich aus allen sozialen Schichten rekrutierten, generell stieg, mußte es wünschenswert sein, die Hauptlast der schuld jenen aufzubürden, die mit den bislang angewandten Mitteln seitens der geistlichen und weltlichen Obrigkeit nicht zu disziplinieren waren. [...] Wie der Hexenvorwurf und die sich darauf gründenden anatischen Verfolgungsexzesse zu einem erheblichen Teil gegen die Bettler gerichtet waren so stellte die Gleichsetzung von Bettlern und Dieben in ähnlicher Weise einen Versuch dar, die unerwünschten Altmosengeher mit Mitteln der Diskriminierung und Stigmatisierung öffentlich ins Abseits zu rücken." <ref>Bräuer, Helmut (1996)'...und hat seithero gebetlet. Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich während der Zeit Kaiser Leopolds I.' Böhlau Verlag Wien-Köln-Weimar, Seite 206-207</ref> | | :"Daraus aber zu folgern, daß das Anwachsen der Bettlerscharen per se auch ein lineares, gleichrangiges Ansteigen ihrer Kleinkriminalität, insbesondere ihrer Diebstähle, zur Folge gehabt hätte, wie das zeitgenössisch üblich war, ist unsinnig und ganz und gar nicht zu belegen. Es gab keinen solchen stringten Weg, der vom Bettetl zum Diebstahl geführt hätte [...]. Da aber die Quote der Kleinkriminalität, deren Träger sich aus allen sozialen Schichten rekrutierten, generell stieg, mußte es wünschenswert sein, die Hauptlast der schuld jenen aufzubürden, die mit den bislang angewandten Mitteln seitens der geistlichen und weltlichen Obrigkeit nicht zu disziplinieren waren. [...] Wie der Hexenvorwurf und die sich darauf gründenden anatischen Verfolgungsexzesse zu einem erheblichen Teil gegen die Bettler gerichtet waren so stellte die Gleichsetzung von Bettlern und Dieben in ähnlicher Weise einen Versuch dar, die unerwünschten Altmosengeher mit Mitteln der Diskriminierung und Stigmatisierung öffentlich ins Abseits zu rücken." <ref>Bräuer, Helmut (1996)'...und hat seithero gebetlet. Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich während der Zeit Kaiser Leopolds I.' Böhlau Verlag Wien-Köln-Weimar, Seite 206-207</ref> |
| | Natürlich gibt es auch BettlerInnen die kriminell agieren, doch gibt es wahrscheinlich keine Gruppe oder Unternehmen in der nicht korrupte, kriminelle u.ä. moralich verwerfliche Handlungen von Einzelnen, teils Mehreren an den Tag gelegt werden. Bräuer nennt hier etwa den Bettlersohn Veit Kirchpirchler; Fügt aber hinzu, dass der Umstand sich in einer sozialen Situation zu befinden, in dem es einem nicht mehr ermöglicht wird auf- bzw. herauszusteigen, dazu geführt hat, dass viele versuchten zwischen ihren Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit den größtmöglichen Gewinn zu erzielen <ref>Bräuer, Helmut (1996) '...und hat seithero gebetlet. Bettler und Bettelwesenin Wien und Niederösterreich während der Zeit Kaiser Leopolds I.' Böhlau Verlag Wien-Köln-Weimar, Seite 214-215</ref>. | | Natürlich gibt es auch BettlerInnen die kriminell agieren, doch gibt es wahrscheinlich keine Gruppe oder Unternehmen in der nicht korrupte, kriminelle u.ä. moralich verwerfliche Handlungen von Einzelnen, teils Mehreren an den Tag gelegt werden. Bräuer nennt hier etwa den Bettlersohn Veit Kirchpirchler; Fügt aber hinzu, dass der Umstand sich in einer sozialen Situation zu befinden, in dem es einem nicht mehr ermöglicht wird auf- bzw. herauszusteigen, dazu geführt hat, dass viele versuchten zwischen ihren Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit den größtmöglichen Gewinn zu erzielen <ref>Bräuer, Helmut (1996) '...und hat seithero gebetlet. Bettler und Bettelwesenin Wien und Niederösterreich während der Zeit Kaiser Leopolds I.' Böhlau Verlag Wien-Köln-Weimar, Seite 214-215</ref>. |
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| | + | Während etwa in Frankreich, England und Spanien die BettlerInnen in die Kolonien geschickt wurden <ref>Jütte, Robert (2000) 'Arme, Bettler, Beutelschneider. Eine Sozialgeschichte der Armut in der Frühen Neuzeit' Weimar: hermann Böhlaus Nachfolger Verlag, S. 222f. zit. n. Watl, Anton: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 40</ref>, kammen sie in Österreich regelmäßig in Zuchthäuser und in ungarische Grenzhäuser, ebenso mit verricht von Arbeit ohne Sold <ref>Bräuer, Helmut (1996) '...und hat seithero gebetlet. Bettler und Bettelwesenin Wien und Niederösterreich während der Zeit Kaiser Leopolds I.' Böhlau Verlag Wien-Köln-Weimar, Seite 59ff</ref>. |
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| | + | === 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart === |
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| | + | Auch die nächsten Jahrhunderte änderten nichts am Umgang mit Menschen die betteln. In allen größeren österreichischen Städten, wie Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz und Wien, existierten zu Beginn des 19. Jahrhunderts Zwangsarbeitshäuser, in die all jene Menschen über 12 Jahre geschickt wurden die entweder nicht arbeiten wollten oder konnten oder denen dies einfach vielfach unterstellt wurde. <ref>Kleinwächter, Friedrich (1870): Armenwesen und armengesetzgebund in Österreich. In: Emminghaus, Arwed (Hrsg.) 'Das Armenwesen und die Armengesetzgebung in europäischen Staaten' Berlin: Verlag von F. A. Herbig zit. n. Watl, Anton: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011,Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 49</ref>. |
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| | + | In den 1930er Jahren gibt es erneut sehr viele Bettler in Österreich. Doch als Ursache wird weder die Not der Nachkriegsjahre noch die Wirtschafts- bzw. Finanzkrise genannt, die die USA und Europa erschüttern, und die damit einhergehende Arbeitslosigkeit. Stattdessen wurde die Polizei beschuldigt zu wenig gegen die BettlerInnen zu tun und zudem wurden Annoncen in Zeitschriften, Zeitungen und ähnlichem geschalten, um die BürgerInnen vor den BettlerInnen zu warnen und anzuhalten diesen nichts mehr zu geben. <ref>Wadauer, Sigrid (2007)'Betteln – Arbeit – Arbeitsscheu (Wien 1918-1938)' In: Beate Althammer (Hg.) (2007): Bettler in der europäischen Stadt der Moderne. Zwischen Barmherzigkeit, Repression und Sozialreform. Frankfurt a.M. u.a., Seite 257-300 zit. n. zit. n. Watl, Anton: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011,Diplomarbeit Universität Salzburg, Seite 49</ref> |
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| | + | Viel schlimmer noch war die Situation für Roma und Sinti. |
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| | ===Sagen, Quantitatives und konkrete vergangene Beispiele === | | ===Sagen, Quantitatives und konkrete vergangene Beispiele === |