Änderungen

K
Zeile 201: Zeile 201:  
''Mödling 4 Sept. 1871/ Meine liebe Fanny! Heute Morgens 8 ½ Uhr - früher als ich gehofft hatte - erhielt ich Ihren lieben Brief, u. ich fühle mich verpflichtet, Ihnen insbesondere zu danken, d[a]ß Sie die lezten Augenblike Ihres Aufenthaltes in Adelholzen noch der Correspondenz mit mir widmeten, u. dann in Salzburg angelangt, sobald dieselbe fortsezten. - Daß Sie glüklich heimgekommen sind, freute mich zu hören, doch hatte ich dieß ohnehin gehofft. Auch danke ich Ihnen für die Beantwortung meiner Fragen, u. bin doppelt befriedigt dß jenes Ereigniß vom Fasching Dienstag 1869 Ihnen wieder eine angeneme Erinnerung verursacht, noch irgend welche Folgen nach sich gezogen hat. - Was die junge Baronin Haan betrifft so hoffe ich, dß Sie sich seinerzeit selbst überzeugen werden, dß eine "Schwärmerei" für dieselbe bei mir dann doch nicht vorhanden ist, u. dß Sie keine Ursache zu einer Eifersucht haben werden/ Uebrigens neme ich die Versicherung, dß Sie zu dieser Leidenschaft keine Anlage in sich verspüren mit Vergnügen zur Kenntniß; u. ich kann nur den Wunsch u[nd] die Hoffnung aussprechen, dß dieß eine Kapitel nie, das nie im Ernst zwischen uns verhandelt werden möge. - Ich glaube auch, dß dieselbe wir im Stadium glüklichen Besize ganz fremd sein werde, wenn gleich ich nicht behaupten will, dß sie mir bisher ganz fremd geblieben sei; denn insbes. zu jener Zeit, wo ich, - sei es mit Recht od[er] Unrecht, - Karl Schmid von Lida für bevorzugt hielt, war sie in mir ziemlich rege. Doch das liegt nun als längst vergangen u. abgeschloßen hinter mir, u[nd] soll auch auf sich beruhen. - Heute haben wir die Landtagswal gehabt, u der von uns aufgestellte verfassungstreue Candidat ist hier sowol, als in den 3. andern Orten, die zu unserm Walbezirk gehören, mit großer Majorität gewält worden. Hiermit ist auch die Funktion des Walcomité zu Ende/ das glüklicher Weise ohnehin nicht gar viel zu thun hatte, u uns ist die Sache - was mir sehr angenem ist, so abgelaufen, dß ich nicht einmal in die Notwendigkeit kam, meiner Opposition gegen das jezige Ministerium öffentlichen Ausdruk zu geben. - Wenn ich noch etwas aus meinen hiesigen Verhältnißen heute bespreche/ so ist es das, dß die von mir ausgedrükte Befürchtung einer Störung des bisherigen collegialen Verhältnißes im Amte nicht dahin geht, dß der neue College sich unaufrichtig od falsch gegen uns benemen, od sich Verdrehungen, od Verhezungen schuldig machen werde/ sondern dahin, daß er nicht gerne arbeitet, u daher stets bemüht sein wird, so viel Arbeit als möglich von sich u auf uns hinüber zu wälzen. -  
 
''Mödling 4 Sept. 1871/ Meine liebe Fanny! Heute Morgens 8 ½ Uhr - früher als ich gehofft hatte - erhielt ich Ihren lieben Brief, u. ich fühle mich verpflichtet, Ihnen insbesondere zu danken, d[a]ß Sie die lezten Augenblike Ihres Aufenthaltes in Adelholzen noch der Correspondenz mit mir widmeten, u. dann in Salzburg angelangt, sobald dieselbe fortsezten. - Daß Sie glüklich heimgekommen sind, freute mich zu hören, doch hatte ich dieß ohnehin gehofft. Auch danke ich Ihnen für die Beantwortung meiner Fragen, u. bin doppelt befriedigt dß jenes Ereigniß vom Fasching Dienstag 1869 Ihnen wieder eine angeneme Erinnerung verursacht, noch irgend welche Folgen nach sich gezogen hat. - Was die junge Baronin Haan betrifft so hoffe ich, dß Sie sich seinerzeit selbst überzeugen werden, dß eine "Schwärmerei" für dieselbe bei mir dann doch nicht vorhanden ist, u. dß Sie keine Ursache zu einer Eifersucht haben werden/ Uebrigens neme ich die Versicherung, dß Sie zu dieser Leidenschaft keine Anlage in sich verspüren mit Vergnügen zur Kenntniß; u. ich kann nur den Wunsch u[nd] die Hoffnung aussprechen, dß dieß eine Kapitel nie, das nie im Ernst zwischen uns verhandelt werden möge. - Ich glaube auch, dß dieselbe wir im Stadium glüklichen Besize ganz fremd sein werde, wenn gleich ich nicht behaupten will, dß sie mir bisher ganz fremd geblieben sei; denn insbes. zu jener Zeit, wo ich, - sei es mit Recht od[er] Unrecht, - Karl Schmid von Lida für bevorzugt hielt, war sie in mir ziemlich rege. Doch das liegt nun als längst vergangen u. abgeschloßen hinter mir, u[nd] soll auch auf sich beruhen. - Heute haben wir die Landtagswal gehabt, u der von uns aufgestellte verfassungstreue Candidat ist hier sowol, als in den 3. andern Orten, die zu unserm Walbezirk gehören, mit großer Majorität gewält worden. Hiermit ist auch die Funktion des Walcomité zu Ende/ das glüklicher Weise ohnehin nicht gar viel zu thun hatte, u uns ist die Sache - was mir sehr angenem ist, so abgelaufen, dß ich nicht einmal in die Notwendigkeit kam, meiner Opposition gegen das jezige Ministerium öffentlichen Ausdruk zu geben. - Wenn ich noch etwas aus meinen hiesigen Verhältnißen heute bespreche/ so ist es das, dß die von mir ausgedrükte Befürchtung einer Störung des bisherigen collegialen Verhältnißes im Amte nicht dahin geht, dß der neue College sich unaufrichtig od falsch gegen uns benemen, od sich Verdrehungen, od Verhezungen schuldig machen werde/ sondern dahin, daß er nicht gerne arbeitet, u daher stets bemüht sein wird, so viel Arbeit als möglich von sich u auf uns hinüber zu wälzen. -  
   −
''Denn das ist eine Eigenschaft so vieler junger Leute, besonders derer die in sehr günstigen Vermögensverhältnissen aufgewachsen sind, zu glauben, dß sie dies Arbeiten anderen überlassen können/ dß sie für eine regelmäßige od gar angestrengte Thätigkeit zu gut seien. - Ich bin Gottlob dafür erzogen u auch durch meine bisherigen Verhältniße dazu geführt worden, die ehrliche Arbeit u. eine regelmäßige ernste, möglichst auch für andere Nuzen bringende Thätigkeit als eine Hpt[Haupt]aufgabe des Menschen anzusehen, treu dem schönen Worte Schillers. - Arbeit ist des Bürgers Zierde/ Segen ist der Mühe Preis/ Ehrt den König seine Würde,/ Ehret uns der Hände Fleiß. - Darin finde ich jene echte Bürgertugend, die den Staat u die menschliche Gesellschaft erhält u. stets neu belebt. Und ich hoffe u. erwarte, ja ich verlange von meiner Lebensgefährtin die gleiche Gesinnung, dieselbe echt bürgerliche Lebensanschauung u. diese Anschauung soll auch in meiner Familie - so Gott will - fortgepflanzt werden. - Diese Lebensauffassung ist aber gerade in Wien, wo es so viele mühelos reichgewordene Leute gibt, in manchen Kreisen abhanden gekommen, u gerade so häufig trifft man es daß die Söhne solcher Männer, die sich durch sich selbst durch ihre eigene Thätigkeit u. Zünftigkeit emporgebracht u. zu günstigen Vermögensverhältnißen u. einer schönen Lebensstellung erschwungen haben, statt nun den Genuß des von den Eltern erworbenen im Auge zu haben, aber es nicht mehr für nothwendig halten, diejenigen Eigenschaften ihres Vaters in sich zu pflegen, u. fortzu üben, durch die er u. mit ihm auch sie selbst das geworden sind was sie nun sind. - 5 Sept 1871 früh./  
+
''Denn das ist eine Eigenschaft so vieler junger Leute, besonders derer die in sehr günstigen Vermögensverhältnissen aufgewachsen sind, zu glauben, dß sie dies Arbeiten anderen überlassen können/ dß sie für eine regelmäßige od gar angestrengte Thätigkeit zu gut seien. - Ich bin Gottlob dafür erzogen u auch durch meine bisherigen Verhältniße dazu geführt worden, die ehrliche Arbeit u. eine regelmäßige ernste, möglichst auch für andere Nuzen bringende Thätigkeit als eine Hpt'' [Haupt-, Anm.] ''aufgabe des Menschen anzusehen, treu dem schönen Worte Schillers. - Arbeit ist des Bürgers Zierde/ Segen ist der Mühe Preis/ Ehrt den König seine Würde,/ Ehret uns der Hände Fleiß. - Darin finde ich jene echte Bürgertugend, die den Staat u die menschliche Gesellschaft erhält u. stets neu belebt. Und ich hoffe u. erwarte, ja ich verlange von meiner Lebensgefährtin die gleiche Gesinnung, dieselbe echt bürgerliche Lebensanschauung u. diese Anschauung soll auch in meiner Familie - so Gott will - fortgepflanzt werden. - Diese Lebensauffassung ist aber gerade in Wien, wo es so viele mühelos reichgewordene Leute gibt, in manchen Kreisen abhanden gekommen, u gerade so häufig trifft man es daß die Söhne solcher Männer, die sich durch sich selbst durch ihre eigene Thätigkeit u. Zünftigkeit emporgebracht u. zu günstigen Vermögensverhältnißen u. einer schönen Lebensstellung erschwungen haben, statt nun den Genuß des von den Eltern erworbenen im Auge zu haben, aber es nicht mehr für nothwendig halten, diejenigen Eigenschaften ihres Vaters in sich zu pflegen, u. fortzu üben, durch die er u. mit ihm auch sie selbst das geworden sind was sie nun sind. - 5 Sept 1871 früh./  
   −
''Wir haben nun wenigstens die Zusicherung einer Aushilfe erhalten, u ich hoffe daß der Auskultant der hieher kömmt, im Laufe dieser Woche kommen wird, u. dß er verwendbar ist; hievon wird es abhängen, ob ich noch Ende dieser Woche werde abkommen können, doch hoffe ich wenigstens das als gesichert betrachten zu dürfen, dß ich im Laufe des September nach Salzburg kommen kann. Wenn es möglich ist, werde ich sicher bis Freitag od Sonntag nach Salzburg [zu] kommen. Ich bitte Sie daher die Antwort auf diesen Brief mir entweder wo möglich schon bis Donnerstag hieher zu kommen zu lassen, od sonst ihn erst am Freitag, wenn ich nicht inzwischen nach Salzburg gekommen sein sollte abzusenden. Soll ich es Ihnen noch zuvor anzeigen, ob und wann ich komme? - Wenn ich mich nun auch so sehr freue, das zur festen Gestaltung gelangen zu sehen, was vor nun vollen 3 Monaten begonnen wurde, so kann ich mich doch öfters des Gedankens nicht erwehren/ ob ich denn wol Sie glüklich zu machen im Stande sein werde ob nicht so manche Eigenschaft sich in mir finden wird, die Ihnen mißfallen wird/ ob endlich nicht jene Stimmung, die schon einmal in einer Sie beunruhigenden Weise in einem meiner Briefe Ausdruk fand, u. die manchesmal - wenn auch nur vorübergehend - auch später noch sich einstellte, jene Stimmung in der ich von einem nicht auf ein würdiges Ziel gerichteten Ehrgeize, von einer zu großen Wertschäzung bloß an Äußerlichkeiten befangen, ja vielleicht geneigt war, selbst von jener echt bürger[lichen] Gesinnung/ die ich oben betonte, abzuweichen, sich in störender Weise wieder geltend machen könnte, u. Ihnen Schmerz bereiten könnte. Nemen Sie diese offenheit nicht übel, mißdeuten Sie diese Worte nicht; ich mußte dieß sagen, um offen gegen Sie zu sein; ich hoffe aber, dß insbesondere auch diese lezte Befürcht[un]g sich als grundlos herausstellen werde; ich hoffe, dß die getroffene glükliche Entscheidung u. Ihre Liebe mir die Kraft geben wird, solche Störungen, wenn sie überhaupt noch hereintreten sollten glüklich zu beseitigen. Gott gebe dazu die Gnade! - Doch ich muß mich für heute dem Schluße zuwenden; baldige Fortsetzung, sei es mündlich od schriftlich! - Zum Schluße nun noch das eine, dß mir die Mutter in ihrem lezten Briefe mittheilte, daß in Salzburg bereits von uns als Brautpaar gesprochen würde. Mein Bruder, den die Mutter vor kurzer Zeit die Sache mittheilte, hat mir auch bereits in diesem Sinne gratuliert/ Nun leben Sie recht wol, schreiben Sie mir recht bald, grüßen Sie die Großmutter u. seien Sie herzlichst gegrüßt u geküßt von Ihrem treuen/ D[r] Spängler''
+
''Wir haben nun wenigstens die Zusicherung einer Aushilfe erhalten, u ich hoffe daß der Auskultant der hieher kömmt, im Laufe dieser Woche kommen wird, u. dß er verwendbar ist; hievon wird es abhängen, ob ich noch Ende dieser Woche werde abkommen können, doch hoffe ich wenigstens das als gesichert betrachten zu dürfen, dß ich im Laufe des September nach Salzburg kommen kann. Wenn es möglich ist, werde ich sicher bis Freitag od Sonntag nach Salzburg'' [zu] ''kommen. Ich bitte Sie daher die Antwort auf diesen Brief mir entweder wo möglich schon bis Donnerstag hieher zu kommen zu lassen, od sonst ihn erst am Freitag, wenn ich nicht inzwischen nach Salzburg gekommen sein sollte abzusenden. Soll ich es Ihnen noch zuvor anzeigen, ob und wann ich komme? - Wenn ich mich nun auch so sehr freue, das zur festen Gestaltung gelangen zu sehen, was vor nun vollen 3 Monaten begonnen wurde, so kann ich mich doch öfters des Gedankens nicht erwehren/ ob ich denn wol Sie glüklich zu machen im Stande sein werde ob nicht so manche Eigenschaft sich in mir finden wird, die Ihnen mißfallen wird/ ob endlich nicht jene Stimmung, die schon einmal in einer Sie beunruhigenden Weise in einem meiner Briefe Ausdruk fand, u. die manchesmal - wenn auch nur vorübergehend - auch später noch sich einstellte, jene Stimmung in der ich von einem nicht auf ein würdiges Ziel gerichteten Ehrgeize, von einer zu großen Wertschäzung bloß an Äußerlichkeiten befangen, ja vielleicht geneigt war, selbst von jener echt bürger'' [lichen, Anm.] ''Gesinnung/ die ich oben betonte, abzuweichen, sich in störender Weise wieder geltend machen könnte, u. Ihnen Schmerz bereiten könnte. Nemen Sie diese offenheit nicht übel, mißdeuten Sie diese Worte nicht; ich mußte dieß sagen, um offen gegen Sie zu sein; ich hoffe aber, dß insbesondere auch diese lezte Befürcht[un]g sich als grundlos herausstellen werde; ich hoffe, dß die getroffene glükliche Entscheidung u. Ihre Liebe mir die Kraft geben wird, solche Störungen, wenn sie überhaupt noch hereintreten sollten glüklich zu beseitigen. Gott gebe dazu die Gnade! - Doch ich muß mich für heute dem Schluße zuwenden; baldige Fortsetzung, sei es mündlich od schriftlich! - Zum Schluße nun noch das eine, dß mir die Mutter in ihrem lezten Briefe mittheilte, daß in Salzburg bereits von uns als Brautpaar gesprochen würde. Mein Bruder, den die Mutter vor kurzer Zeit die Sache mittheilte, hat mir auch bereits in diesem Sinne gratuliert/ Nun leben Sie recht wol, schreiben Sie mir recht bald, grüßen Sie die Großmutter u. seien Sie herzlichst gegrüßt u geküßt von Ihrem treuen/ D[r] Spängler''
    
Franz Spängler (Mödling, Wien) an seine spätere Frau Fanni [er schreibt Fanny] Schlegel (Salzburg). Viele Wörter zusammengeschrieben (hier nicht vermerkt); Abkürzungen (‘u’ bzw. ‘u.’ für ‘und’; ‘od’ für ‘oder’) sind belassen; mehrfach ‘k’ für [heute] ‘ck’, ebenso belassen. Briefumschlag, ohne Absender, gestempelt Mödling 5. 9. 71, Wien 5. 9. 71 und Salzburg 6. 9. 71: "Fräulein Fanny Schlegel, Salzburg, Marktplatz N 10, II Stok". "Lida" [Guttenberg; Freundin]), auch genannt in weiteren Briefen. – Abbildung = undatiertes Foto der Fanny Schlegel in jungen Jahren
 
Franz Spängler (Mödling, Wien) an seine spätere Frau Fanni [er schreibt Fanny] Schlegel (Salzburg). Viele Wörter zusammengeschrieben (hier nicht vermerkt); Abkürzungen (‘u’ bzw. ‘u.’ für ‘und’; ‘od’ für ‘oder’) sind belassen; mehrfach ‘k’ für [heute] ‘ck’, ebenso belassen. Briefumschlag, ohne Absender, gestempelt Mödling 5. 9. 71, Wien 5. 9. 71 und Salzburg 6. 9. 71: "Fräulein Fanny Schlegel, Salzburg, Marktplatz N 10, II Stok". "Lida" [Guttenberg; Freundin]), auch genannt in weiteren Briefen. – Abbildung = undatiertes Foto der Fanny Schlegel in jungen Jahren