Zwischen Kochtopf und Drudenfuß: Unterschied zwischen den Versionen
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[[Datei:Zwischen_Kochtopf_und_Drudenfuß.jpg|thumb|Titelbild Buch | [[Datei:Zwischen_Kochtopf_und_Drudenfuß.jpg|thumb|Titelbild Buch ''Zwischen Kochtopf und Drudenfuß'']] Buchtipp '''Zwischen Kochtopf und Drudenfuß'''. Die Entdeckung einer Handschrift aus dem [[Pinzgau]] des [[18. Jahrhundert]]s. | ||
:'''Autoren:''' [[Peter M. Kohlbacher]], [[Christina Nöbauer]] | :'''Autoren:''' [[Peter Kohlbacher|Peter M. Kohlbacher]], [[Christina Nöbauer]] | ||
:'''Herausgeber:''' Peter M. Kohlbacher | :'''Herausgeber:''' Peter M. Kohlbacher | ||
:'''Verlag:''' Eigenverlag [[edition Troglodyt]] | :'''Verlag:''' Eigenverlag [[edition Troglodyt]] | ||
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== Daten == | == Daten == | ||
256 Seiten, Harteinband, gedruckt bei [[Samson Druck]] in [[St. Margarethen]] | 256 Seiten, Harteinband, gedruckt bei [[Samson Druck]] in [[St. Margarethen im Lungau]] | ||
Bestellungen bei Peter M. Kohlbacher, E-Mail: peter.kohlbacher@sbg.at | |||
==Rezension 1== | ==Rezension 1== | ||
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Es war im Jahr [[1985]], als die [[Zell am See|Zellerin]] Christina Nöbauer einen Radausflug nach Piesendorf machte. Dort sah sie in einem Schutthaufen ein altes Buch. Es war mit der Hand in Kurrentschrift geschrieben. Nöbauer nahm das Manuskript mit und reinigte es. Dann blieb es jahrzehntelang liegen. Für die mühevolle Entzifferung des Buches fehlte die Zeit. | Es war im Jahr [[1985]], als die [[Zell am See|Zellerin]] Christina Nöbauer einen Radausflug nach Piesendorf machte. Dort sah sie in einem Schutthaufen ein altes Buch. Es war mit der Hand in Kurrentschrift geschrieben. Nöbauer nahm das Manuskript mit und reinigte es. Dann blieb es jahrzehntelang liegen. Für die mühevolle Entzifferung des Buches fehlte die Zeit. | ||
Inzwischen ist Nöbauer in Pension und machte sich [[2016]] zusammen mit dem [[Saalfelden am Steinernen Meer|Saalfeldner]] Peter Kohlbacher an die Arbeit. Kohlbacher entzifferte die Texte, deren Sprache die damals gesprochen Sprache ohne Rechtschreibregeln abbildete. Es handelte sich um 249 Kochrezepte und 66 Heilrezepte "''vor vich und Leit.''" Verfasst hat | Inzwischen ist Nöbauer in Pension und machte sich [[2016]] zusammen mit dem [[Saalfelden am Steinernen Meer|Saalfeldner]] Peter Kohlbacher an die Arbeit. Kohlbacher entzifferte die Texte, deren Sprache die damals gesprochen Sprache ohne Rechtschreibregeln abbildete. Es handelte sich um 249 Kochrezepte und 66 Heilrezepte "''vor vich und Leit.''" Verfasst hat das Buch größtenteils Bartholomäus Neumayr, der in den Jahren [[1784]] bis [[1803]] Neuwirt in Piesendorf war. Einen Teil hat wohl auch seine Frau Theresia Pfeffer (''Pfefferin'') geschrieben. | ||
Unter dem Titel "Zwischen Kochtopf und Drudenfuß" haben Nöbauer und Kohlbacher das Buch jetzt herausgegeben. Und sie verfassten dazu ausführliche Kommentare zu Piesendorf, der Kochkultur und der Sprache der damaligen Zeit. Am Freitag, den [[20. Oktober]] [[2018]] präsentierten sie das Buch im [[Museum Schloss Ritzen]] in Saalfelden am Steinernen Meer. | Unter dem Titel "Zwischen Kochtopf und Drudenfuß" haben Nöbauer und Kohlbacher das Buch jetzt herausgegeben. Und sie verfassten dazu ausführliche Kommentare zu Piesendorf, der Kochkultur und der Sprache der damaligen Zeit. Am Freitag, den [[20. Oktober]] [[2018]] präsentierten sie das Buch im [[Museum Schloss Ritzen]] in Saalfelden am Steinernen Meer. | ||
Neben | Neben heute noch Bekanntem, vor allem Mehlspeisen, bieten die Rezepte auch einige Kuriositäten. So gibt es für Fasttage ein Otterrezept. Weil Otter im Wasser leben, galten sie als Fische (Anm.: und Fisch war in der Fastenzeit erlaubt). Der Otter wird eingesalzen, gebeizt und gespickt. "''Stöckh ihm an den sPisß wie einen hasßen, vnd brathe ihm fein Lamgsam, vnd mach ein guete gapri Suppen'' [Kapernsauce] ''daran.''" | ||
Zimperlich ging es in den Küchen nicht zu. Flusskrebse wurden lebendig im Mörser zerstoßen. Um falsche [[Haselhühner]] zu kreieren flößte man normalen Hühnern Branntwein ein und hängte sie an den | Zimperlich ging es in den Küchen nicht zu. [[Krebse|Flusskrebse]] wurden lebendig im Mörser zerstoßen. Um falsche [[Haselhühner]] zu kreieren flößte man normalen Hühnern Branntwein ein und hängte sie an den Füßen auf, bis der Tod eintrat. Vor dem Servieren ersetzte man noch die Hühnerfüße durch Haselhühnerfüße. Auch Gamsschlögel machte man, indem man einem Geißenschlögel Gamsfüße anflickte. Ein weiteres Rezept beschreibt, wie man aus Rindfleisch einen schmackhaften Hirschbraten zubereitet. Dazu beizt man gutes Rindfleisch einfach wie Hirschfleisch ein. Das sei so gut wie das beste ''hirschwildprät'' und ''es Kents auch nit leicht wer''. | ||
==Rezension 2== | ==Rezension 2== | ||
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Nachdem die beiden Autoren diese Geheimnisse lüften konnten, machte sich Christina Nöbauer auf historische Spurensuche jenes Wirtes und seines Wirtshauses im Salzburger [[Pinzgau]], von dem dieses gefundene Buch, ein Kochbuch, stammt. Dieses Kapitel gibt dem Leser Einblick in die Wirtshauslandschaft des [[Oberpinzgau]]s und Lebensweisen kurz vor 1800. Peter M. Kohlbacher, der für die Entschlüsselung der Sprache zuständig war, hatte so seine liebe Not mit der damaligen Sprache. Woher das verwendete Papier stammte war rasch geklärt. Doch wer waren die Schreiber? Eine oder mehrere Personen? Handschriftvergleiche ließen auch dieses Rätsel lösen. Kohlbacher zeigt an Hand von Ausschnittvergrößerungen von Zeichen, wie er die Sache klären konnte. | Nachdem die beiden Autoren diese Geheimnisse lüften konnten, machte sich Christina Nöbauer auf historische Spurensuche jenes Wirtes und seines Wirtshauses im Salzburger [[Pinzgau]], von dem dieses gefundene Buch, ein Kochbuch, stammt. Dieses Kapitel gibt dem Leser Einblick in die Wirtshauslandschaft des [[Oberpinzgau]]s und Lebensweisen kurz vor 1800. Peter M. Kohlbacher, der für die Entschlüsselung der Sprache zuständig war, hatte so seine liebe Not mit der damaligen Sprache. Woher das verwendete Papier stammte war rasch geklärt. Doch wer waren die Schreiber? Eine oder mehrere Personen? Handschriftvergleiche ließen auch dieses Rätsel lösen. Kohlbacher zeigt an Hand von Ausschnittvergrößerungen von Zeichen, wie er die Sache klären konnte. | ||
Er fand dann auch die Struktur des Buches heraus: es besteht aus Kochrezepten und Heilrezepten. Auch ein Kaufvertrag befand sich unter den Seiten, was eine weitere spannende Geschichte ergab, führte doch dieser vom Ober- in den [[Mitterpinzgau]]. Dann aber hatte Kohlbacher einige harte sprachliche Nüsse zu knacken. | Er fand dann auch die Struktur des Buches heraus: es besteht aus Kochrezepten und Heilrezepten. Auch ein Kaufvertrag befand sich unter den Seiten, was eine weitere spannende Geschichte ergab, führte doch dieser vom Ober- in den [[Mitterpinzgau]]. Dann aber hatte Kohlbacher einige harte sprachliche Nüsse zu knacken. "''gbirz''", "''schogati''", "''klein gefänten''", eine wiederkehrende Zahl anstelle eines Buchstabens und andere heute nicht mehr bekannte Ausdrucke und Schreibweisen mussten erst für den Leser verständlich gemacht werden. Das mündet dann in ein Kapitel der Sprechweise der Pinzgauer. | ||
Bevor es zu den Rezepten geht, gibt es noch einen Versuch einer Rekonstruktion einer damaligen Wirtshausküche und eine Einführung, wie der Autor es nennt, in ein | Bevor es zu den Rezepten geht, gibt es noch einen Versuch einer Rekonstruktion einer damaligen Wirtshausküche und eine Einführung, wie der Autor es nennt, in ein "Gruselkabinett von seltsamen Kochpraktiken". Farbenlehre und dass man alle Sachen "''Doppelt nemben''" kann, also über Maße und Gewichte, runden die über 70seitige Einführung zu den Kochrezepten ab. | ||
Nun folgen die Kochrezepte in Originalschreibweise mit sprachlichen Erklärungen des Autors: | Nun folgen die Kochrezepte in Originalschreibweise mit sprachlichen Erklärungen des Autors: "''Greinen weigsel Dorthen" "…gäperi Brie…''" "''Bachne Semblen zu machen''", "''Guette Jerng wändl''", "''Daß sPänische biß goten brodt''" und schließlich noch ein Leichenschmaus-Vorschlag an einem Fasttag: "''Todten Zöhrung in Einem fastag''". Ob man beispielsweise das falsche Huhn im Teigmantel oder die Weichselsulz nachkochen könnte und sie unserem heutigen Geschmack entsprächen habe ich nicht ausprobiert. Mag aber durchaus möglich sein. | ||
Nicht ausprobieren hingegen sollte man | Nicht ausprobieren hingegen sollte man "''Storpianöhl und Saiftengeist''", also eines der nun folgenden Heilrezepte. Davor warnt dann Kohlbacher am Ende seiner Einführung in die Heilrezepte. Schon allein die Erklärungsversuche eines "''Laxier vor Die gal''" bringt einige Probleme mit sich. Auch befinden sich darunter Anwendungen für das Vieh (Kie Die Milch ver get oder mauckht). Aber interessant sind sie jedenfalls, die folgenden Rezepte: Einguss für Pferd, Rind und Mensch sowie Schwein; Lösungen für Halsweh, Fußbäder, etwas bei "Hundsucht" oder etwa eine Warzensalbe. Erklärungen bei den Rezepten und ein Arzneimittelverzeichnis helfen weiter. | ||
Als letztes Kapitel wird das Einschreibbuch eines Händlers beschrieben, also in etwa eine Buchhaltung oder eine Art Rechnungswesen. Wie bei den Rezepten bietet Kohlbacher auch in diesem Abschnitt Bildausschnitte dieser | Als letztes Kapitel wird das Einschreibbuch eines Händlers beschrieben, also in etwa eine Buchhaltung oder eine Art Rechnungswesen. Wie bei den Rezepten bietet Kohlbacher auch in diesem Abschnitt Bildausschnitte dieser "Rechnungen", damit sich der Leser auch ein optisches Bild machen kann. Ein Glossar (von "''ädämäni''" über "''fänten''" und "''Paißl börr''" bis "''zwirbnes Nißlen''") beendet dieses eindrucksvolle Buch. Und was es mit dem "Drudenfuß" auf sich, löst dieses Buch natürlich auch auf! Dieses sehr gut recherchierte Buch stellt einen interessanten Mosaikstein in der Salzburger Kulturgeschichte dar. | ||
==Rezension 3== | ==Rezension 3== | ||
<!--;bitte verlinke Wort / Begriffe, für die es bereits im | <!--;bitte verlinke Wort / Begriffe, für die es bereits im SALZBURGWIKI Artikel gibt oder noch geben sollte--> | ||
Hier können weitere Rezensionen eingetragen werden! | Hier können weitere Rezensionen eingetragen werden! | ||
==Damit es nicht noch einmal verloren geht== | |||
Das Original, das Jahrhunderte überdauert hatte und dann im Bauschutt entsorgt wurde, wurde 2019 dem [[Museum Schloss Ritzen]] in [[Saalfelden]] samt allen Rechten mittels Schenkungsvertrag übergeben und wird dort bei passender Gelegenheit ausgestellt werden. Exemplare des Buches ''Zwischen Kochtopf und Drudenfuß'' liegen von Gesetzes wegen in der Österreichischen Nationalbibliothek, im [[Salzburger Landesarchiv]] und in der [[Universitätsbibliothek Salzburg]] auf. | |||
Ankäufe tätigten: | |||
*Germanisches Nationalmuseum, Bibliothek - Nürnberg | |||
*Deutsche Nationalbibliothek – Leipzig | |||
*Bibliothèque interuniversitaire de la Sorbonne | |||
*Zentralbibliothek Zürich | |||
*Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel | |||
*Herzogin Anna Amalia Bibliothek / Klassik Stiftung Weimar | |||
*Deutsche Nationalbibliothek Leipzig | |||
*Princeton University, Bibliothek, New Jersey, USA | |||
*Library of Congress, Washington, DC, USA | |||
==Quellen== | ==Quellen== | ||
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* Rezension 1 von [[Anton Kaindl]] in den [[Salzburger Nachrichten]] am 19. Oktober 2018 | * Rezension 1 von [[Anton Kaindl]] in den [[Salzburger Nachrichten]] am 19. Oktober 2018 | ||
* Rezension 2 von [[Peter Krackowizer]] | * Rezension 2 von [[Peter Krackowizer]] | ||
* [[Christina Nöbauer]] | |||
[[Kategorie:Kultur und Bildung]] | [[Kategorie:Kultur und Bildung]] | ||