Der Kretinismus in den norischen Alpen: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 25. November 2025, 19:19 Uhr

"Der Kretinismus[1] in den norischen Alpen"[2] ist ein - nach den Maßstäben der damaligen Zeit - medizinisches Fachbuch, das 1844 von Dr.Karl Maffei verfasst wurde.

1844 Maffei Kretinismus.jpg

Entstehungsgeschichte und Rezensionen

Noch während seines Studiums begann Maffei im Jahr 1811 mit seiner wissenschaftlichen Arbeit, wie er am Beginn seines Werks „Der Kretinismus in den norischen Alpen“ darlegt. Auch seine Dissertation "De fexismo specie cretinismi"[3] verfasste er fußend auf seinen Beobachtungen und der damaligen wissenschaftlichen Literatur über das Thema "Kretinismus". Bei drei der 31 beschriebenen Kretinen, die mit "ziemlicher Vollständigkeit den Formen-Kreis" von angeborenem Kretinismus bezeichnen sollten, gab er an, sie in diesem Jahr beobachtet zu haben. Diese Beobachtungen und Beschreibungen führte Maffei bis in die frühen 1830er-Jahre fort.[4]

In seinem Buch führt er im Jahr 1833 eine letzte Beobachtung von zwei kretinoiden Schwestern an, die "am äussersten Ende des Salza-Stromgebietes in den letzten Hügeln gegen die bayerischen Donauflächen hin geboren" worden waren. "Die Heimath dieser Kretine ist in den Tiefen einer grossen etwas feuchten Waldregion, und 1460 P. F. über der Meeresfläche gelegen. Wahrscheinlich gab es auch in Ried im Innkreis, wo Maffei ab 1832 als Kreisarzt tätig war, kaum Kretine. Jedenfalls beendete Maffei hier seine seit über zwanzig Jahren getätigten Beobachtungen.

1844 trat Karl Maffei - mittlerweile aus dem Staatsdienst entlassen und in Salzburg lebend - mit der Veröffentlichung des Buches „Der Kretinismus in den norischen Alpen“ ins Licht der medizinischen Öffentlichkeit. Sein Buch war Teil eines zweibändigen Werks, das Dr. Rösch unter dem Titel „Neue Untersuchungen über den Kretinismus oder die Entartung des Menschen in ihren verschiedenen Graden und Formen“ herausgegeben hat. Im Jahr 1843 hatte Dr. Rösch[5] alle Ärzte, die Beobachtungen über den Kretinismus gemacht hatten, dazu aufgerufen, diese Berichte gemeinsam mit seiner Arbeit über den Kretinismus in Württemberg zu veröffentlichen. Der Aufruf hatte nicht den erhofften Erfolg. Nur Dr. Maffei aus Salzburg zeigte sich bereit, seine Arbeit mit der von Dr. Rösch zu vereinigen. Es ist anzunehmen, dass Karl Maffei medizinische Zeitschriften konsumierte und auch Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Kretinismus-Forschung verfolgte und wohl dabei vom Aufruf des Dr. Rösch erfahren hatte.[6]

Die beiden Arbeiten stehen wie Aufsätze in einer Zeitschrift nebeneinander, ohne weitere Beziehung zueinander, als denselben Gegenstand zu behandeln. So bezog sich Rösch auf die Entstehungsbedingungen des Doppelbandes als Rechtfertigung dafür, dass er die Aussprüche Maffeis, die dieser über Dr. Troxler[7] – "dem wir das Beste verdanken" – tätigte, nicht unterdrückt hatte. Diese Entschuldigung gegenüber Troxler aufgrund der Worte Maffeis veröffentlichte Rösch in einer Rezension zu Troxlers „Sendschreiben an Dr. Maffei“.[8] Ignaz Paul Troxler (1780–1866)fühlte sich durch Maffeis Bemerkungen so verunglimpft, dass er in seiner Erwiderung Maffei mit dem "neidischen Chirurgen" vergleicht, welcher einst Troxlers Landsmann Paracelsus in Salzburg "den Schädel gepalten hat". Sein Sendschreiben an Herrn Dr. Maffei, den Verfasser der Untersuchungen über den Kretinismus in den norischen Alpen, betitelt er „Der Kretinismus in der Wissenschaft“ und polemisiert darin auf über dreißig Seiten gegen Maffeis Schrift, die er unter anderem als "Fexismus=Diktatur" bezeichnet. Er schreibt, dass er nicht die Feder ergriffen hat, "um Andere zu richten, sondern nur um Anmaßung und Unbill abzuwehren".

Die „Illustrirte Zeitung“ druckte noch 1856 einen Artikel über den Kretinismus als Gegenstand der öffentlichen Fürsorge, in welchem Karl Maffeis These, dass der Kretinismus in den norischen Alpen nicht höher als beiläufig 3400 pariser Fuß und nicht niedriger als 1300 pariser Fuß vorkomme, zitiert wurde.[9]

Kretinismus

Nach einer von Veits-Falk zitierten Untersuchung im Jahr 1880 machten die Kretinen in der Stadt Salzburg 0,7 und im Lungau 1,3 Prozent der Bevölkerung aus.[10] Kretine waren sichtbar - vielleicht allgegenwärtig in Salzburg und vor allem im Lungau, deswegen wurde einiges über sie geschrieben. Auch Augustin Winkelhofer berichtet von den "Lappen, Fexen und Kretins, welche beynahe ganz des Verstandes beraubt, nichts sprechen, sondern bloß durch weniges Mienenspiel Zeigen oder Deuten, sich verständlich machen, übrigens fast ein thierisches Leben führen, und hauptsächlich im Gebirge angetroffen werden." Dr. Oberlechner machte sich mit verschiedenen Veröffentlichungen einen Namen, darunter die „Beyträge zur Kenntnis und Verminderung des Kretinismus“, die 1926 im Salzburger Amts- und Intelligenzblatt erschienen.

Den Versuch einer ersten Erziehungsanstalt für Kretins gab es bereits zu Karl Maffeis Zeit, und zwar ausgerechnet in Salzburg. Von dem Lehrer Gotthard Guggenmoos (um 1775–1838) gegründet, bestand sie von 1816 bis 1835.[11] Sowohl Dr. Outrepont als auch Dr. Ferchl erstellten zu Beginn des Wirkens von Guggenmoos in Hallein Gutachten über seine ersten drei tauben Schüler und deren Fortschritte.

Im Oktober 1829 erschien im Salzburger Amts- und Intelligenzblatt eine „Kundmachung und Aufforderung an alle Menschenfreunde“ aus der Feder des Grafen Welsperg, den größten Teil der zum Kretinismus veranlagten Kinder "durch eine zwar mühsame, aber sehr häufig vom günstigsten Erfolge belohnte Behandlung zu retten".[12]

Karl Maffei verfolgte zeitlebens einen anderen Ansatz. Er wollte den Zusammenhang zwischen dem endemischen Kretinismus und der Umgebung oder den Lebensbedingungen erkennen und fußend auf dieser Erkenntnis die Menschen heilen.

Wagner von Jauregg (1857–1940), der letztendlich eine vorbeugende Therapie zur Verhinderung des Kretinismus entwickelt hat, hebt die Wichtigkeit von Obduktionen bei Kretins und die Untersuchung der Schilddrüsen derselben hervor und erwähnt eine hohe Anzahl an Sektionsbefunden von Kretins, die bereits 1912 in der Literatur vorlagen. Über die früheren Erklärungsversuche des endemischen Kretinismus urteilt Wagner von Jauregg, dass alle Theorien über die Ursachen und das Wesen des Kretinismus aus der Zeit vor den 1880er-Jahren nur einen historischen Wert hätten.

Kretinismus Prävention

Im Jahr 1820, neun Jahre nach der Entdeckung von Jod durch einen Pariser Salpetersieder, publizierte der Schweizer Arzt Jean Francois Coindet (1774–1834) in Genf seine ursprünglich auf einer eindrucksvollen Einzelbeobachtung basierende Erfahrung, dass Jod ein sehr wirksames Mittel zur Behandlung von Kröpfen sei. Da aber die noch unsichere Dosierung zu starken Nebenwirkungen führte, geriet die Anwendung wieder in Vergessenheit. Der deutsche Chemiker Eugen Baumann (1846–1896) wies Jod in der Schilddrüse nach und vermutete, dass das Jod ein lebenswichtiger Bestandteil der Schilddrüse sein könnte. In Österreich beschäftigte sich der Psychiater Julius Wagner von Jauregg mit der Gabe von Jod „als neues Heilmittel“ für Kretins in extremen Jodmangelgebieten der Steiermark, wo er aus eigenen Mitteln eine Anstalt für die Kropfforschung einrichtete. Er schlug 1898 prophylaktisch den Verkauf von jodiertem Kochsalz in Kropfgegenden vor, was in weiterer Folge dazu führte, dass Kropf und endemischer Kretinismus nach und nach aus den Alpengegenden verschwanden.

Eine wichtige Forschungsarbeit zum Skeptizismus gegenüber der Prävention mittels jodiertem Speisesalz hat Olaf Rittinger verfasst. Seine Masterarbeit "Skeptizismus und Irrglaube im Medizinhistorischen Kontext, unter besonderer Berücksichtigung des Endemischen Kretinismus" kann kostenlos in "ubsearch" heruntergeladen werden.[13]

Bedeutung

Die Bedeutung des Bucher "Der Kretinismus in den norischen Alpen" liegt heut zu Tage darin, dass duzende detaillierte Beschreibungen von Kretinen und deren Lebensumfeld vorliegen. Sie vermitteln uns ein vielfältiges Bild davon wie im 19. Jahrhundert mit behinderten Menschen umgegangen wurde und wie sich ihr Leben (dem Blick des Arztes) darstellte.

Gliederung

Textausschnitt

Einzelnachweise

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Kretinismus.
  2. online in: https://books.google.at/books?id=az-vdE0hLwoC&pg=RA1-PP7&dq=Die+Natur+schafft+keine+urspr%C3%BCnglich&hl=de&newbks=1&newbks_redir=0&sa=X&ved=2ahUKEwjFue_iyIqRAxXZExAIHd0gAoUQ6AF6BAgLEAM#v=onepage&q&f=false
  3. Karl MAFFEI, de Fexismo specie cretinismi, Landshut 1814. online: https://books.google.at/books?id=XlpPAAAAcAAJ&pg=PA4&dq=%22De+fexis+in+genere%22&hl=de&newbks=1&newbks_redir=0&sa=X&ved=2ahUKEwja6b-RyIqRAxXdKhAIHTeSE_EQ6AF6BAgHEAM#v=onepage&q=%22De%20fexis%20in%20genere%22&f=false
  4. Karl MAFFEI, Der Kretinismus in den norischen Alpen, Erlangen 1844, 1-57.
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Heinrich_R%C3%B6sch
  6. Karl Heinrich RÖSCH, Rezension, in: Jahrbücher der in- und ausländischen gesammten Medizin 1845, 125-128, hier: 125.
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Ignaz_Paul_Vital_Troxler.
  8. Rösch, Jahrbücher, 126.
  9. Illustrirte Zeitung 22. November 1856, 330-331.
  10. Veits-Falk, Zeit der Not, 76.
  11. J. P. GERHARDT, Zur Geschichte und Literatur des Idiotenwesens in Deutschland, Hamburg 1904, 13-14; Lisa Maria Hofer, "Die Schuljugend erscheint (...) in Feyertagskleidung, vorzüglich reinlich gewaschen und gekämmt." : zwischen Appeasement-Pädagogik und Inklusion im Salzburger Elementarschulwesen von 1810 bis 1830, Salzburg 2018, Hochschulschrift
  12. Karl WAGNER, Gotthard Guggenmoos und seine Lehranstalt in Hallein und Salzburg, in: MGSL, 58 (1919), 103- 130, hier: 103-111.
  13. https://eplus.uni-salzburg.at/urn/urn:nbn:at:at-ubs:1-42821