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{{PAGENAME}} verkündete, seiner Frau [[Ursula Piëch|Ursula]] sein industrielles Erbe  übergeben zu wollen. Piëch ist mit sieben Prozent an Porsche beteiligt und mit zehn an der [[Porsche Holding]], die wiederum die Mehrheit an Porsche und VW hält. Die Privatstiftungen  „Ferdinand Alpha“ und „Ferdinand Beta“ verwalten sein Vermögen, das nach seinem Tod auf seine Frau vererbt wird.  
 
{{PAGENAME}} verkündete, seiner Frau [[Ursula Piëch|Ursula]] sein industrielles Erbe  übergeben zu wollen. Piëch ist mit sieben Prozent an Porsche beteiligt und mit zehn an der [[Porsche Holding]], die wiederum die Mehrheit an Porsche und VW hält. Die Privatstiftungen  „Ferdinand Alpha“ und „Ferdinand Beta“ verwalten sein Vermögen, das nach seinem Tod auf seine Frau vererbt wird.  
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==2015 Abgang ==
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Am [[10. April]] [[2015]] meldete das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", dass der VW-Patriarch und Aufsichtsratsboss Ferdinand Piëch völlig überraschend von Vorstandschef Martin Winterkorn abrückt. Er sagt dem "Spiegel" über seinen beruflichen Ziehsohn diesen einen Satz: "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn." Die Aussage versetzt den Wolfsburger Weltkonzern in Schockstarre.
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Wer die Sprengkraft des "Distanz"-Zitats verstehen will, muss wissen, dass Piëch fast ein Vierteljahrhundert lang das Machtzentrum des Konzerns bildete. Er ist selber VW-Großaktionär, führte den Konzernvorstand von 1993 bis 2002, lenkte zuvor als Audi-Chef die Premiummarke der Wolfsburger. Und nach seiner Zeit als Konzernchef wechselt er als Chefaufseher in den Aufsichtsrat.
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Und nun bricht Piëch mit seinem beruflichen Ziehsohn. In Wolfsburg überlegen Insider, ob Winterkorn hinschmeißt. "Dann würden sie ihm hier ein Denkmal bauen", sagt einer. Trotz, Wut, Fassungslosigkeit, Irritation, Verunsicherung - Wolfsburger Melange in diesen Tagen. Denn in all den vielen Jahren zuvor förderte Piëch seinen Vertrauten.
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Das Tandem führte den einst angeschlagenen Konzern gen Weltspitze, machte aus einem Übernahmekandidaten den heutzutage größten deutschen Konzern, der zuletzt 18 Milliarden Euro Betriebsgewinn einfuhr - eine eigene Liga im Dax. Weltweit verkauft nur noch Toyota mehr Fahrzeuge als das Unternehmen VW, das zwölf Marken unter seinem Dach versammelt hat. Winterkorn habe Tausende Arbeitnehmer "reich und glücklich gemacht", sagt einer in jenen ersten Tagen der Konfusion. Ein anderer kann nur den Kopf schütteln über das "Orakel" Piëch.
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Auch in der Öffentlichkeit steht Winterkorn nicht allein da. Schon am Wochenende kann er sich vor Rückendeckung kaum retten, Arbeitnehmer und das Land Niedersachsen als Großaktionär stellen sich hinter den VW-Chef. Auch Piëch-Cousin [[Wolfgang Porsche]], Sprecher seines Familien-Zweigs, kritisiert die Attacke als "Privatmeinung". Doch was sind die Beistandsbekundungen hinter verschlossenen Türen wert?
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In der Autowelt weiß jeder: Der Machtmensch Piëch hat schon viele Top-Manager, auch Vorstandschefs, mit solchen kurzen Sätzen über die Medien angezählt. Am Ende mussten sie alle gehen, Piëch entschied noch jeden Machtkampf für sich. In seiner Autobiografie schreibt er: "Wenn ich etwas erreichen will, gehe ich auf das Problem zu und ziehe es durch, ohne zu merken, was um mich herum stattfindet." Er plane für die "innere Unvermeidlichkeit des Erfolges" stets genau, "auf welche Schlüsselperson ich den Schlachtplan einrichte". Nun also im Fokus: Martin Winterkorn, 67 Jahre, Deutschlands bestbezahlter Dax-Manager und mächtigster Auto-Boss. Er ist der härteste Gegner, den Piëch sich suchen konnte. Ein Endgegner?
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Dessen Bilanz nach über acht Jahren an der Konzernspitze liest sich beeindruckend: In der Ära Winterkorns, der seine Macht von Piëch nur geliehen hat, legten die Auslieferungen um 64 Prozent zu, der Umsatz um 86 Prozent, das operative Ergebnis vervierfachte sich. Bei seinem Amtsantritt 2007 zählte der Konzern 329.000 Mitarbeiter. Heute sind es auch dank vier neuer Marken mit fast 600.000 Menschen beinahe doppelt so viele. Für sie sind es Tage des Kopfschüttelns und der Unsicherheit. "Was treiben die da oben bloß?"
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Offiziell passiert tagelang nichts, doch im Hintergrund glühen die Drähte. Dann sickert durch: Am Donnerstag, sechs Tage nach Winterkorns öffentlicher Demontage, wollen sich die mächtigsten Aufsichtsräte mit Piëch zusammensetzen. In dessen Heimat Salzburg triff sich dieses Präsidium am Nachmittag des [[16. April]] zur Krisensitzung. Auch Winterkorn fliegt mit nach Österreich, will dort um seine berufliche Zukunft kämpfen.
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Hinter verschlossenen Türen macht Piëch nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur klar, dass er den Vorstandsboss absetzen will. Doch in dem Sextett hat er alle gegen sich. 5:1 steht es am Ende. Piëch habe inhaltlich nicht überzeugen können, verlautet später aus dem Sechserkreis. Seine erste Niederlage in einem Machtkampf? Am Abend rätselt die Öffentlichkeit noch, erst für den nächsten Tag wird eine Mitteilung angekündigt. Parallel sitzt Winterkorn wieder in Wolfsburg, schaut ein Fußballspiel des VfL gegen Neapel. Neben ihm: der oberste Betriebsrat Bernd Osterloh.
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Was dieses Bild schon andeutet, bestätigt VW am nächsten Tag: Winterkorn hat Piëchs Machtprobe überlebt, wird vom Präsidium als der "bestmögliche" VW-Chef gepriesen. Es ist mehr als eine Ehrenrettung für Winterkorn. Ausgerechnet an Piëchs 78. Geburtstag, am 17. April, wird dem Vorstandschef sogar eine Vertragsverlängerung über 2016 hinaus in Aussicht gestellt.
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Doch was ist mit Piëch? Von dem Patriarchen gibt es kein Wort der Versöhnung. Die Gründe für seine Attacke? Weiter unklar. Zwar hat der Autobauer Probleme in den USA und die Kernmarke VW-Pkw rund um Golf und Passat fährt zu schmale Renditen ein. Die Herausforderungen sind auch so groß wie nie: Alternative Antriebe, strikte Abgas-Vorgaben und der digitale Wandel hin zur vernetzten Mobilität. Doch entstand der Bruch zwischen Winterkorn und Piëch tatsächlich an diesen Themen?
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Die Welt will Antworten von einem der beiden - und blickt nach Shanghai. Dort soll Winterkorn zwei Tage später am Sonntag zur Automesse auf dem wichtigsten VW-Markt auftreten. Vor den Messen lädt VW Hunderte Gäste zu riesigen Partys mit Lasershow und glänzenden Autos, am Ende hält Winterkorn immer eine Rede. Doch dieses Mal nicht. Grippaler Infekt, heißt es aus Wolfsburg, der Chef sei gar nicht erst nach Asien geflogen. Bei so einem Timing fällt es nicht schwer, sich auch andere Gründe für die Absage auszudenken.
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VW will indes zurück zur Tagesordnung, Normalität demonstrieren. Doch es nützt nichts. Weil Piëch weiter schweigt, schießen sich am Wochenende erste Medien auf den Patriarchen ein, spekulieren über seine Entmachtung. Nun müssen die Winterkorn-Verteidiger sich auch hinter Piëch stellen. Einen Abgang des VW-Übervaters kann niemand gebrauchen. Doch die Dynamik ist längst entfesselt.
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Am 22. April springt sogar Altkanzler Gerhard Schröder dem Patriarchen zur Seite, der "unermesslich viel getan" habe für den Konzern. Doch schon am folgenden Donnerstag überschlagen sich die Ereignisse: Nach übereinstimmenden Informationen des NDR, der "Welt" und der dpa unterläuft Piëch den Präsidiums-Beschluss, sägt hinter den Kulissen weiter an Winterkorns Stuhl, damit der noch vor der Hauptversammlung am 5. Mai aus dem Amt scheidet.
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Kurz nach den brisanten Insiderinformationen dementiert Piëch über verschiedene Medien und sagt: "Wir haben uns letzte Woche ausgesprochen. Und uns auf eine Zusammenarbeit geeinigt. Ich betreibe die Ablösung von Martin Winterkorn nicht." Heute klingt es wie der letzte Versuch, nach verlorenem Kampf nicht reuig von der Bühne gescheucht zu werden.
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Piëch ist in der Defensive, als es am Samstag, dem [[25. April]], 15 Tage nach Beginn des Ausnahmezustandes zum Showdown kommt. Um kurz vor 13.00 Uhr geht es los am Braunschweiger Flughafen. Mit dabei: Piëch, seine Ehefrau und Aufsichtsrätin Ursula sowie ein enger Berater. In einem Büro auf dem Airport-Gelände steigt die entscheidende Sitzung des Präsidiums. Stundenlang ringen die führenden Aufsichtsräte um Lösungen. Volkswagen steht an einem historischen Scheideweg.
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27 Jahre lang wirkte Piëch als Vorstandschef (zunächst bei Audi und dann bei VW) und Chefkontrolleur im Konzern. Sein Wort war Gesetz. Manager sagen, die eigentliche Konzernzentrale sei Salzburg. Volkswagen ist Piëchs Lebenswerk. Porsche-Gründer Ferdinand Porsche war sein Großvater, er legte mit dem VW-Käfer die Keimzelle für den heutigen Weltkonzern VW.
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Für Piëch hatte das Präsidium eine Brücke gebaut: Mit der Ehrenerklärung für Winterkorn und der parallelen Versicherung, die Doppelspitze mit Piëch sei noch immer ihr Wunsch, hatten die Aufsichtsräte dem Patriarchen ein Friedensangebot gemacht. Doch der reißt die Brücke wieder ein. "Er oder ich" - nach diesem Prinzip handelte Piëch stets. Und so kommt am Ende der Hammer: Der 78-Jährige schmeißt sein Amt als Chefkontrolleur hin, auch seine Frau gibt ihren Aufsichtsratsposten auf. "Vor Piëchs Entscheidung haben sicherlich alle den größten Respekt", sagt einer aus dem engsten Führungszirkel.
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Die Fünf aus dem Präsidium konnten am Ende nicht anders, sie konnten keine Rücksicht mehr nehmen auf den Patriarchen. Damit hielten sie am Ende auch nach außen nicht mehr hinterm Berg. "Die Diskussion der vergangenen zwei Wochen ist schädlich gewesen für Volkswagen", sagt Niedersachsens Regierungschef Stefan Weil (SPD) am Samstagabend. Und Aufsichtsratsvize Berthold Huber, der kommissarisch Piëchs Amt führt, beschreibt den Vertrauensverlust zum Patriarchen als endgültig, er habe "sich in den letzten Tagen als nicht mehr lösbar erwiesen"<ref>{{Quelle SN|26. April 2015, online}}</ref>.
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Am Ende bleibt tragische Ironie: Zwei Wochen nach Piëchs Zitat "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn" ist es schließlich der Konzern und damit das Lebenswerk des Patriarchen, das auf Distanz zu Piëch ist.
 
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==Quellen==
 
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* Salzburger Nachrichten (Karin Zauner), 24. Dezember 2009
 
* Salzburger Nachrichten (Karin Zauner), 24. Dezember 2009
 
* [http://www.cicero.de/97.php?ress_id=9&item=5578 www.cicero.de]
 
* [http://www.cicero.de/97.php?ress_id=9&item=5578 www.cicero.de]
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<references/>
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[[Kategorie:Person|Piëch, Ferdinand]]
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[[Kategorie:Person]]
[[Kategorie:Person (Familie)|Piëch, Ferdinand]]
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[[Kategorie:Person (Familie)]]
[[Kategorie:Unternehmer|Piëch, Ferdinand]]
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[[Kategorie:Unternehmer]]
[[Kategorie:Automobil|Piëch, Ferdinand]]
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[[Kategorie:Automobil]]
[[Kategorie:Zuagroaste|Piëch, Ferdinand]]
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[[Kategorie:Zuagroaste]]