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'''SS-Todesschwadron jagte Deserteure am Böndlsee''', ein trauriges Kapitel [[Goldegg]]er Geschichte, das sich am [[2. Juli]] [[1944]] ereignete.
== Einleitung ==
Weil [[Gendarmerie|Gendarmen]] eine Gruppe von Wehrmachts-Deserteuren nicht fassen konnten, durchkämmten SS und [[Gestapo]] im [[Juli]] 1944 mit mehr als 1 000 Mann das Gebiet um den [[Böndlsee]]. Deserteure und Helfer wurden verhaftet, gefoltert und ermordet. Bis heute spaltet diese Geschichte den Ort.
Was sich im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] in der [[Pongau]]er Gemeinde Goldegg ereignet hat, ist nicht vielen bekannt. Wer davon weiß, dem sind die „''Partisanen vom Böndlsee''“ ein Begriff. Eigentlich handelte es sich um sechs Wehrmacht-Deserteure, die nicht für die [[Nationalsozialismus|Nazis]] in den Krieg ziehen oder nicht mehr an die Front zurückkehren wollten.
Der Begriff 'Partisanen' bezeichnet eine Truppe von Bewaffneten, die aktiv gegen die regulären Streitkräfte eines Regimes kämpft, indem sie zum Beispiel Versorgungstrupps überfällt. Die Goldegger Deserteure hielten sich aber lediglich versteckt, obschon sie über Waffen verfügten und mehrmals die nach ihnen suchenden Gendarmen bedrohten oder in die Flucht schlugen.
Obwohl sich die Deserteure dem NS-Regime nur etwa acht Monate lang widersetzten, wurden sie von diesem als große Bedrohung empfunden. Sie erhielten nämlich große Unterstützung von den Menschen im Ortsteil [[Weng (Goldegg)|Weng]]. Die örtlichen Gendarmerie-Beamten schalteten schließlich die Gestapo ein.
== Das Geschehen ==
Am Morgen des 2. Juli 1944 wurden die Bewohner von Goldegg-Weng von Schüssen und Geschrei aus dem Schlaf gerissen. Ein 1 000 Mann starkes SS-Todesschwadron sowie 60 Gestapo-Beamte durchsuchten bei der Aktion „Sturm“ den Ortsteil, der damals aus 100 Häusern bestand. Jeder Heustadl wurde mit Lanzen durchbohrt, jede Almhütte, jeder Stall, jeder Hof durchsucht.
Beim Unterdorfgut wurde der Anführer der Deserteure, [[Karl Rupitsch]], verhaftet. Im Zuge dessen wurden zwei der unbeteiligten Bauernsöhne, [[Simon Hochleitner|Simon]] und [[Alois Hochleitner]], erschossen. Tochter [[Elisabeth Hochleitner|Elisabeth]], die mit Rupitsch liiert war, wurde gefoltert und schließlich mit schweren Verletzungen ins [[KZ Ravensbrück]] deportiert. In Summe wurden mehr als 50 Menschen verhaftet und gefoltert, viele in KZ verschleppt.
== Hintergründe ==
Wer waren die Goldegger Deserteure? Ihr Anführer, Karl Rupitsch, war ein 33-jähriger Witwer aus [[Mühlbach am Hochkönig]] und Vater dreier Kinder. Dem Nazi-Regime war er bereits vor seiner Fahnenflucht ein Dorn im Auge, weil er illegal geschlachtetes Fleisch verkaufte – ein schwerer Verstoß gegen die damaligen kriegswirtschaftlichen Gesetze. Als er deshalb verhaftet wurde und mithilfe von Freunden aus [[Sankt Johann im Pongau]] fliehen konnte, erhielt er trotz einer Knieverletzung den Einberufungsbefehl zur Wehrmacht.
Doch Rupitsch wollte nicht kämpfen: „''Warum soll ich jemanden erschießen, der mir nichts getan hat?''“ – so wird er von Zeitzeugen zitiert. Er beschloss, sich im weitläufigen Almgebiet nördlich von Goldegg zu verstecken. Der Pongauer Historiker [[Michael Mooslechner]] erklärt: „''Damals haben die Menschen geglaubt, dass der Krieg bald vorbei sein muss. Die Schlacht von Stalingrad war verloren, alle Fronturlauber haben gesagt, der Krieg ist verspielt – sogar die Offiziere. Dass [[Adolf Hitler|Hitler]] den Untergang so lang hinauszögert, konnte niemand ahnen.''“
Rupitsch begann, befreundete Wehrmachtssoldaten abzuwerben. „''Der ,Pauss Karl‘, wie er genannt wurde, war ein beliebter, einnehmender und attraktiver Mann. Bei unseren Recherchen sind mein Kollege und ich in Goldegg die gesamte Sonnseite abgegangen, von Hof zu Hof. Nirgends haben wir ein schlechtes Wort über ihn gehört''“, beschreibt Mooslechner.
Rupitsch scharte seine Jugendfreunde Gustl Egger (Irrsteingut), Schorsch Kössner (Trogbauer), Franz Unterkirchner (Dürnbachhof), Richard Pfeiffenberger (Ziehsohn vom Doneibauer) und den [[Dienten am Hochkönig|Dientner]] Scheiberbauern Peter Ottino um sich. Die Bevölkerung des Ortsteils Goldegg-Weng versorgte sie mit Nahrungsmitteln.
== Aus der Sicht des Historikers Michael Mooslechner ==
Historiker Mooslechner: „''Das war damals eine besondere Situation: Weng war bis 1938 eine eigene Gemeinde und es gab eine Rivalität zwischen Goldegg und Weng.''“ In Goldegg sei man der NSDAP zugeneigt gewesen, in Weng den Deserteuren. „''Das hat nach dem Krieg zu einer Opfer-Täter-Umkehr geführt''“, sagt Mooslechner. Die Partisanen seien als „Landplage“ abgestempelt worden. Sie seien „übermütig“ gewesen, hätten in Saus und Braus gelebt und zum „Hiatatanz“ geladen, während die Soldaten an der Front ihr Leben riskiert hätten. Zudem hätten die Partisanen nach ihrer Verhaftung alle ihre Helfer verraten – Geständnisse, die unter Folter zustande gekommen seien. Mooslechner: „''Ich habe die Vernehmungsprotokolle gelesen – es war furchtbar.''“ Wer aus dem KZ wieder nach Hause zurückkehrte, lernte deshalb, zu schweigen.
== Zankapfel Gedenktafel ==
Bis heute gibt es keine Gedenktafel, die an alle Opfer erinnert. Das stört die Tochter von Karl Rupitsch, Brigitte Höfert. Sie war vier Jahre alt, als ihr Vater ermordet wurde. „''Ich bin bei Zieheltern in [[Bischofshofen]] aufgewachsen. Sie haben mir ein sehr positives Vaterbild vermittelt''“, erinnert sie sich, „''aber erst später habe ich realisiert, wie wichtig es war, dass sich jemand gegen die Nazis aufgelehnt hat.''“ Rupitsch hat sich aus dem [[KZ Mauthausen]] noch nach seiner Tochter erkundigt. Am [[28. Oktober]] 1944 wurde er dort erhängt, „''auf Befehl des Reichsführers SS''“.
Auf eigene Kosten will Höfert nun eine Gedenktafel im Schloss Goldegg verlegen lassen. Am 19. Februar 2014 entscheidet die Goldegger Gemeindevertretung darüber. Doch dieser Tagesordnungspunkt scheint allerdings nicht auf.
Für die Gestaltung der Tafel konnte sie den [[Kaprun]]er Bildhauer [[Anton Thuswaldner]] gewinnen. Er schlägt als Ort den Innenhof des [[Schloss Goldegg|Goldegger Schlosses]] vor, das der Gemeinde gehört. Unterstützt wird Brigitte Höfert vom Pongauer Historiker Michael Mooslechner. Er ist durch Zufall bei Recherchen über das Kriegsgefangenenlager „[[Kriegsgefangenenlager Stalag XVIII C (317) Markt Pongau|Stalag Markt Pongau]]“ auf die Goldegger Deserteure gestoßen.
=== Mooslechner: „Die Geschichte spaltet den Ort bis heute.“ ===
Höfert und Mooslechner sagen, ihnen habe [[Bürgermeister der Gemeinde Goldegg|Bürgermeister]] [[Johann Fleißner]] ([[ÖVP]]) im Herbst 2013 zugesichert, das Thema in der nächsten Gemeindevertretungssitzung zu behandeln. Auf der Tagesordnung scheint der Punkt allerdings nicht auf.
Bürgermeister Fleißner verweist auf den [[Goldegger Kulturverein]] (KV): „''Das ist ein Projekt des Kulturvereins. Wir brauchen eine sachliche Aufbereitung, bevor wir etwas entscheiden können.''“ Der Kulturverein müsse darlegen, wie die Tafel aussehen und warum sie im Schloss verlegt werden solle. „''Für mich persönlich würde eine Tafel besser am Ort des Geschehens passen''“, sagt Fleißner. Er spielt damit auf den Böndlsee an. Dass dieser Ortsteil „versteckt“ sei, will Fleißner nicht gelten lassen.
Höfert würde die Gedenktafel gerne am [[2. Juli]] [[2014]] enthüllen lassen, dem 70. Jahrestag des „Goldegger Sturms“. Diesen Zeitplan halte er für unrealistisch, sagt [[Cyriak Schwaighofer]]. Der [[Die Grünen|grüne]] Landtagsklubchef ist Obmann des Kulturvereins Schloss Goldegg. „''Das Projekt ist auf Schiene. Es wird am 2. Juli eine Veranstaltung geben. Aber für eine Gedenktafel braucht es eine ordentliche Vorbereitung. Der Sache ist nicht gedient, wenn es keinen breiten Konsens gibt''“, betont Schwaighofer.
Offene Zustimmung kommt von [[SPÖ]]-Gemeindevertreter Martin Goller, seines Zeichens ÖGB-Regionalsekretär im Pongau: „''Ich kann nicht für die Fraktion sprechen. Aber ich persönlich unterstütze das. Weil wir das, was gewesen ist, nicht vergessen dürfen.''“
==Quellen==
* {{Quelle SN|12. Februar und 13. Februar 2014, Beiträge von Karin Portenkirchner}}
[[Kategorie:Pongau]]
[[Kategorie:Goldegg]]
[[Kategorie:Geschichte]]
[[Kategorie:Zweiter Weltkrieg]]