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| − | Das '''Lager Glasenbach''' ''Marcus W. Orr'' war ein Internierungslager der Amerikaner für Nazi-Verdächtige im Stadtgebiet von [[Salzburg]]. Es war das größte Internierungslager für Nationalsozialisten und Kriegsverbrecher auf österreichischem Gebiet, das von rund 20.000 Personen durchlaufen wurde. Ein Teil der ehemaligen Insassen des Lagers, die "Glasenbacher", gelten als Begründer des rechtsgerichteten Dritten Lagers in der österreichischen Politik nach dem Zweiten Weltkrieg (Verband der Unabhängigen, später: Freiheitliche Partei Österreichs). | + | Das '''Lager Glasenbach''' ''Marcus W. Orr'' war ein Internierungslager der Amerikaner für [[Nationalsozialismus|Nazi]]-Verdächtige im Stadtgebiet von [[Salzburg]]. Es war das größte Internierungslager für Nationalsozialisten und Kriegsverbrecher auf österreichischem Gebiet, das von rund 20 000 Personen durchlaufen wurde. Ein Teil der ehemaligen Insassen des Lagers, die "Glasenbacher", gelten als Begründer des rechtsgerichteten Dritten Lagers in der österreichischen Politik nach dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] (Verband der Unabhängigen, später: Freiheitliche Partei Österreichs). |
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| | ==Lage und Bezeichnung== | | ==Lage und Bezeichnung== |
| | Obwohl das Lager den Namen ''Glasenbach'' trug, hatte es mit diesem Ortsteil von [[Elsbethen]] im Grunde nichts zu tun, sieht man davon ab, dass sich dort die nächstgelegene Bahnstation und das nächstgelegene Postamt befanden. Das Internierungslager selbst dehnte sich auf der linken [[Salzach]]seite auf dem Gebiet der heutigen [[Alpensiedlung]] aus, etwa im Bereich zwischen der [[Hans-Webersdorfer-Straße]], des heutigen [[Ginzkeyplatz]]es und der [[Karl-Emminger-Straße]]. | | Obwohl das Lager den Namen ''Glasenbach'' trug, hatte es mit diesem Ortsteil von [[Elsbethen]] im Grunde nichts zu tun, sieht man davon ab, dass sich dort die nächstgelegene Bahnstation und das nächstgelegene Postamt befanden. Das Internierungslager selbst dehnte sich auf der linken [[Salzach]]seite auf dem Gebiet der heutigen [[Alpensiedlung]] aus, etwa im Bereich zwischen der [[Hans-Webersdorfer-Straße]], des heutigen [[Ginzkeyplatz]]es und der [[Karl-Emminger-Straße]]. |
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| − | Der Name ''Marcus W. Orr'' geht auf den letzten im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] schwer verwundeten amerikanischen Soldaten dieses Namens zurück.<ref>Der am 19. März 1925 im US-amerikanischen Bundesstaat Arkansas auf die Welt gekommene Soldat der 42nd Rainbow Infantry Division ("[[Rainbow Division]]") wurde bei Kampfhandlungen in Süddeutschland schwer verwundet und blieb den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt. Er studierte nach dem Krieg und wurde Historiker. In dieser Funktion kam er mehrmals nach Europa, wurde Professor an der Memphis State University und starb am 1. November 1990. (Vgl. Dohle/Eigelsberger 2009.)</ref> | + | Der Name ''Marcus W. Orr'' geht auf den letzten im Zweiten Weltkrieg schwer verwundeten amerikanischen Soldaten dieses Namens zurück.<ref>Der am 19. März 1925 im US-amerikanischen Bundesstaat Arkansas auf die Welt gekommene Soldat der 42nd Rainbow Infantry Division ("[[Rainbow Division]]") wurde bei Kampfhandlungen in Süddeutschland schwer verwundet und blieb den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt. Er studierte nach dem Krieg und wurde Historiker. In dieser Funktion kam er mehrmals nach Europa, wurde Professor an der Memphis State University und starb am 1. November 1990. (Vgl. Dohle/Eigelsberger 2009.)</ref> |
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| | ==Geschichte== | | ==Geschichte== |
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| | Gegen Kriegsende veranlasste die vorrückende sowjetische Rote Armee viele Funktionäre des Nationalsozialismus, sich aus Ostösterreich nach Westen in den amerikanischen Sektor abzusetzen. Im amerikanischen Bereich wurden sie vom "automatic arrest" erfasst, einer Entnazifizierungsmaßnahme, die alle festsetzen sollte, die in bestimmten Positionen für das nationalsozialistische Regime tätig waren. Dazu errichteten die Amerikaner im Herbst [[1945]] das "Lager W. Marcus Orr" und sammelten dort Insassen von mehreren kleineren Lagern in Oberösterreich und dem SS-Lager in [[Hallein]]. | | Gegen Kriegsende veranlasste die vorrückende sowjetische Rote Armee viele Funktionäre des Nationalsozialismus, sich aus Ostösterreich nach Westen in den amerikanischen Sektor abzusetzen. Im amerikanischen Bereich wurden sie vom "automatic arrest" erfasst, einer Entnazifizierungsmaßnahme, die alle festsetzen sollte, die in bestimmten Positionen für das nationalsozialistische Regime tätig waren. Dazu errichteten die Amerikaner im Herbst [[1945]] das "Lager W. Marcus Orr" und sammelten dort Insassen von mehreren kleineren Lagern in Oberösterreich und dem SS-Lager in [[Hallein]]. |
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| − | So wurden bis zu 12.000 dieser tatsächlichen oder unter dem Verdacht stehenden Sympathisanten mit dem NS-Regime im Camp Marcus W. Orr interniert. Darunter befanden sich sehr unterschiedliche Personen wie Chargen der SS, der Waffen-SS, Wehrmachtsgeneräle wie Kesselring und Rendulic, Bürgermeister, Ortsgruppenleiter, Gauhauptleute, Richter und Staatsanwälte, Industrielle, aber auch Kriegsverbrecher wie Walter Reder oder KZ-Kommandanten wie Franz Stangl und Anton Burger. | + | So wurden bis zu 12 000 dieser tatsächlichen oder unter dem Verdacht stehenden Sympathisanten mit dem NS-Regime im Camp Marcus W. Orr interniert. Darunter befanden sich sehr unterschiedliche Personen wie Chargen der SS, der Waffen-SS, Wehrmachtsgeneräle wie Kesselring und Rendulic, Bürgermeister, Ortsgruppenleiter, Gauhauptleute, Richter und Staatsanwälte, Industrielle, aber auch Kriegsverbrecher wie Walter Reder oder KZ-Kommandanten wie Franz Stangl und Anton Burger. |
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| | Die so gemischte Lagergemeinschaft von Tätern und tatsächlichen Unschuldigen nannte ihr Lager selbst "Konzentrationslager", wohl auch als Reaktion der Verleugnung der tatsächlich von manchen der Lagerinsassen angestifteten oder durchgeführten unrechten Handlungen während der NS-Zeit. Die Entnazifizierungsbemühungen im Lager beschränkten sich auf Vernehmungen und das Ausfüllen von Fragebögen. So wurden nur die Schwerbelasteten gefiltert, die dann den Volksgerichten übergeben oder zu den NS-Prozessen in Dachau überstellt wurden. | | Die so gemischte Lagergemeinschaft von Tätern und tatsächlichen Unschuldigen nannte ihr Lager selbst "Konzentrationslager", wohl auch als Reaktion der Verleugnung der tatsächlich von manchen der Lagerinsassen angestifteten oder durchgeführten unrechten Handlungen während der NS-Zeit. Die Entnazifizierungsbemühungen im Lager beschränkten sich auf Vernehmungen und das Ausfüllen von Fragebögen. So wurden nur die Schwerbelasteten gefiltert, die dann den Volksgerichten übergeben oder zu den NS-Prozessen in Dachau überstellt wurden. |
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| | Die Bewachung und die Behandlung der Insassen wurden eher großzügig gehandhabt. Das Lager war zu Sicherungszwecken zwar von einem Stacheldrahtzaun umgeben, der aber trotz Bewachung Lebensmittel- und Wäschepakete von Angehörigen durchließ, und es kam auch zu gelegentlichen Fluchtversuchen. So konnte sich Anton Burger seiner Auslieferung an die Tschechoslowakei durch Flucht 1947 entziehen. Auch wurde den Lagerinsassen ein eigener Ordnerdienst und eine weitgehende Selbstverwaltung zugestanden, was zum raschen Wiederaufleben alter Hierarchien und zur Bildung von politischen Seilschaften führte. | | Die Bewachung und die Behandlung der Insassen wurden eher großzügig gehandhabt. Das Lager war zu Sicherungszwecken zwar von einem Stacheldrahtzaun umgeben, der aber trotz Bewachung Lebensmittel- und Wäschepakete von Angehörigen durchließ, und es kam auch zu gelegentlichen Fluchtversuchen. So konnte sich Anton Burger seiner Auslieferung an die Tschechoslowakei durch Flucht 1947 entziehen. Auch wurde den Lagerinsassen ein eigener Ordnerdienst und eine weitgehende Selbstverwaltung zugestanden, was zum raschen Wiederaufleben alter Hierarchien und zur Bildung von politischen Seilschaften führte. |
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| − | Lagerkommandant war Colonel Wooten, der die Inhaftierten mit "meine Freunde" anzusprechen pflegte. Diese legere Behandlung wurde aber den amerikanischen Bewachern nicht gedankt. Denn bei einer Häftlingsüberstellung zu den Dachauer Prozessen am [[19. März]] 1947 kam es zu einem Aufstand, der durch den Einsatz von Schusswaffen von der österreichischen Gendarmerie beendet werden konnte. Dennoch machten die Amerikaner weitere Zugeständnisse. So wurde die Haftzeit in Glasenbach auf Volksgerichtsstrafen angerechnet. | + | Lagerkommandant war Colonel Wooten, der die Inhaftierten mit "meine Freunde" anzusprechen pflegte. Diese legere Behandlung wurde aber den amerikanischen Bewachern nicht gedankt. Denn bei einer Häftlingsüberstellung zu den Dachauer Prozessen am [[19. März]] 1947 kam es zu einem Aufstand, der durch den Einsatz von Schusswaffen von der österreichischen [[Gendarmerie]] beendet werden konnte. Dennoch machten die Amerikaner weitere Zugeständnisse. So wurde die Haftzeit in Glasenbach auf Volksgerichtsstrafen angerechnet. |
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| | ==Literaturhinweis== | | ==Literaturhinweis== |