| | ''6. 12. dito 7 ¾ Uh Abend. Mein lieber Franz! Ich danke dir bestens für deine lieben Zeilen von gestern, wie du gesehen haben wirst, habe ich auch deinen Brief vom 3. richtig erhalten. Am Sonntag, obwol ich meine Gedanken so oft bei dir weilen ließ, hatte ich nicht daran gedacht, daß gerade ein halbes Jahr seit dem 3. Juni verfloßen ist, erst gestern oder vorgestern fiel es mir ein. Der 3. Juni ist für uns ein mindestens eben so wichtiger Tag wie der 8. September und wird als ein bedeutungsvolles Fest im Kalender unseres gemeinschaftlichen Lebens verzeichnet stehen, welches wir, so Gott will, auch nach manchem wechselvollen Jahr gerne als ein recht freudiges feiern werden. Wenn ich daran denke, welcher Sturm damals in mir sich erhoben hatte, will mir der 3. Juni eigentlich so wichtig vorkommen, daß nur der Tag der Trauung damit verglichen werden kann, denn das entscheidende Ja des Verlobungstages hatte sich im Laufe unserer Correspondenz allmälig vorbereitet, und ich hatte da auch wirklich eine weit geringere Aufregung als an jenem Nachmittag bei Zeller. Wer mir damals gesagt hätte, wie bedeutungsvoll die Gartenpromenade werden sollte. Ich fand, weißt du noch, das Wetter so gar nicht einladend zum Spazierengehen und hätte dir auch auf jenem Hügel beinahe nicht Stand halten wollen. Es kam mir überhaupt so eigen vor, daß du mit mir immer so aus der Nähe des Ehepaares Wahl zu kommen suchtest, aber doch ahnte ich nicht Arges. – Und der Schreck den du mir bereitetest war doch arg. – | | ''6. 12. dito 7 ¾ Uh Abend. Mein lieber Franz! Ich danke dir bestens für deine lieben Zeilen von gestern, wie du gesehen haben wirst, habe ich auch deinen Brief vom 3. richtig erhalten. Am Sonntag, obwol ich meine Gedanken so oft bei dir weilen ließ, hatte ich nicht daran gedacht, daß gerade ein halbes Jahr seit dem 3. Juni verfloßen ist, erst gestern oder vorgestern fiel es mir ein. Der 3. Juni ist für uns ein mindestens eben so wichtiger Tag wie der 8. September und wird als ein bedeutungsvolles Fest im Kalender unseres gemeinschaftlichen Lebens verzeichnet stehen, welches wir, so Gott will, auch nach manchem wechselvollen Jahr gerne als ein recht freudiges feiern werden. Wenn ich daran denke, welcher Sturm damals in mir sich erhoben hatte, will mir der 3. Juni eigentlich so wichtig vorkommen, daß nur der Tag der Trauung damit verglichen werden kann, denn das entscheidende Ja des Verlobungstages hatte sich im Laufe unserer Correspondenz allmälig vorbereitet, und ich hatte da auch wirklich eine weit geringere Aufregung als an jenem Nachmittag bei Zeller. Wer mir damals gesagt hätte, wie bedeutungsvoll die Gartenpromenade werden sollte. Ich fand, weißt du noch, das Wetter so gar nicht einladend zum Spazierengehen und hätte dir auch auf jenem Hügel beinahe nicht Stand halten wollen. Es kam mir überhaupt so eigen vor, daß du mit mir immer so aus der Nähe des Ehepaares Wahl zu kommen suchtest, aber doch ahnte ich nicht Arges. – Und der Schreck den du mir bereitetest war doch arg. – |
| − | ''Wo wir am nächsten 3.Juni sein werden? Hoffentlich in Mödling. Weist du, heute beschäftigete mich ziemlich lebhaft der Gedanke, es wäre doch Schade, wenn wir, kaum in unserer hübschen Wohnung eingerichtet, wieder anfangen müßten, in Wien eine zu suchen, wer weiß ob uns da das Glück auch so günstig wäre. Doch, wir wollen uns deshalb noch nicht beunruhigen, es wird ja Alles recht werden. Mein nächster Wunsch ist dermalen, daß wir zu Weihnachten uns recht froh und glücklich wiedersehen, und daß es das Befinden deines Collegen erlaubt, daß du doch eine Woche bei mir bleibst. Frl. Fanni Stölzl war früh einen Augenblick bei uns, und ich ersuchte sie, an Ludwig zu entrichten, was du mir hinsichtlich Dr. Kanisch schreibst. Natürlich wirst du ihn nicht wieder bestellen. Wenn er dich gerne sehen will, soll er einmal nach Mödling fahren. Ist der von dir oft genannte Dr.Kaserer nicht ein Sohn des hier lebenden Rechnungsrathes Kaserer? Eine Tochter des Lezteren Frl: Maria ist ein Mitglied unserer englischen Conversation, die andere Theilnehmerin ist Fräulein Worderegger, eine Nicht von Frl: Henf'' [Rosalie Henf] ''. Frl: Worderegger ist ein sonderbares Geschöpf. Anfangs war mir ihre Art gar nicht sympathisch, und nun finde ich sie ganz interessant und empfinde eine Art von Theilnahme für sie, da aus ihren Reden sooft hervorleuchtet, daß sie wenig Liebe von ihrer Umgebung genoßen hat, überhaupt eine ziemlich freudlose Jugend verlebte, was sie mit einer gewißen Bitterkeit und mit wenig Glauben an das Gute in der Welt erfüllte. Frl: Kaserer ist noch etwas Backfischchen und würde im Falle, Psyche käme als Amorettenspenderin, etwa von N: 2. der Beschenkten sich gebohren [?]. Welchen Platz würdest du mir etwa zuspielen? Zum Schluß muß ich dir noch mittheilen, daß wir F. J. Arma XXX Lida und ich, heute zum ersten Mal wieder am Eis waren, zwar nicht in Leopoldskron, sondern in der Nähe der Lederfabrik. Ich habe das Eislaufen nicht verlernt, doch scheint mir, ich werde es heuer nicht mit solcher Passion betreiben wie in den letzten Wintern. Indem ich mich auf deinen nächsten ausführlicheren Brief freue bleibe ich deine treue Fanni. – Großmutter grüßt.'' | + | ''Wo wir am nächsten 3.Juni sein werden? Hoffentlich in Mödling. Weist du, heute beschäftigete mich ziemlich lebhaft der Gedanke, es wäre doch Schade, wenn wir, kaum in unserer hübschen Wohnung eingerichtet, wieder anfangen müßten, in Wien eine zu suchen, wer weiß ob uns da das Glück auch so günstig wäre. Doch, wir wollen uns deshalb noch nicht beunruhigen, es wird ja Alles recht werden. Mein nächster Wunsch ist dermalen, daß wir zu Weihnachten uns recht froh und glücklich wiedersehen, und daß es das Befinden deines Collegen erlaubt, daß du doch eine Woche bei mir bleibst. Frl. Fanni Stölzl war früh einen Augenblick bei uns, und ich ersuchte sie, an Ludwig zu entrichten, was du mir hinsichtlich Dr. Kanisch schreibst. Natürlich wirst du ihn nicht wieder bestellen. Wenn er dich gerne sehen will, soll er einmal nach Mödling fahren. Ist der von dir oft genannte Dr. Kaserer nicht ein Sohn des hier lebenden Rechnungsrathes Kaserer? Eine Tochter des Lezteren Frl: Maria ist ein Mitglied unserer englischen Conversation, die andere Theilnehmerin ist Fräulein Worderegger, eine Nicht von Frl: Henf'' [Rosalie Henf] ''. Frl: Worderegger ist ein sonderbares Geschöpf. Anfangs war mir ihre Art gar nicht sympathisch, und nun finde ich sie ganz interessant und empfinde eine Art von Theilnahme für sie, da aus ihren Reden sooft hervorleuchtet, daß sie wenig Liebe von ihrer Umgebung genoßen hat, überhaupt eine ziemlich freudlose Jugend verlebte, was sie mit einer gewißen Bitterkeit und mit wenig Glauben an das Gute in der Welt erfüllte. Frl: Kaserer ist noch etwas Backfischchen und würde im Falle, Psyche käme als Amorettenspenderin, etwa von N: 2. der Beschenkten sich gebohren [?]. Welchen Platz würdest du mir etwa zuspielen? Zum Schluß muß ich dir noch mittheilen, daß wir F. J. Arma XXX Lida und ich, heute zum ersten Mal wieder am Eis waren, zwar nicht in Leopoldskron, sondern in der Nähe der Lederfabrik. Ich habe das Eislaufen nicht verlernt, doch scheint mir, ich werde es heuer nicht mit solcher Passion betreiben wie in den letzten Wintern. Indem ich mich auf deinen nächsten ausführlicheren Brief freue bleibe ich deine treue Fanni. – Großmutter grüßt.'' |
| − | In der "grünen Mappe" Briefchen an Franz Spängler, Glückwunsch 1871, auf Visitenkarte von Dr. Josef Kaserer. – "Nachmittag bei Zeller": dazu Umschlag mit Visitenkarte "Fanni Schlegel" mit zwei getrockneten Blättern: handschriftlich "Weinlaub Zellerhügel 13/9 Nachm." [da hat er um die Hand angehalten; vgl. das Jahr der Verlobung 1871] und "Eichenblatt Maria Plain 13/9 1871 Vorm."/ "Ich stelle hiemit den vergeßnen Hut zu, und wünsche recht gute Nacht. Morgen auf Wiedersehen in der Franziskanerkirche zur 8 Uhr Messe."
| + | Vgl. Briefchen an Franz Spängler, ''derzeit Salzburg, Mozartplatz'': Visitenkarte von Dr. Josef Kaserer: Lieber Freund! Eine der ersten Nachrichten, die ich nach meiner Ankunft heute erfahre, war die Lüftung des Geheimnisses'' [Verlobung] ''. Da wir uns jetzt vielleicht nicht sehen, so bringe ich Dir hiemit schriftlich meinen herzlichsten Glückwunsch entgegen. 10/9 1871''. – "Nachmittag bei Zeller": dazu Umschlag mit Visitenkarte "Fanni Schlegel" mit zwei getrockneten Blättern: handschriftlich "Weinlaub Zellerhügel 13/9 Nachm." [da hat er um die Hand angehalten; vgl. das Jahr der Verlobung 1871] und "Eichenblatt Maria Plain 13/9 1871 Vorm."/ "Ich stelle hiemit den vergeßnen Hut zu, und wünsche recht gute Nacht. Morgen auf Wiedersehen in der Franziskanerkirche zur 8 Uhr Messe." |