| | ''Salzburg, 21. Dezember 1871 8 ½ Uhr Abends. Mein lieber Franz! Ich hatte heute nicht Zeit, deinen lieben Brief bald zu beantworten. Ahne, dass dir schon morgen mein Schreiben zukommen könnte. Meinen besten Dank für deine lieben Zeilen, den letzten in diesem Jahre, denn ich hoffe immer, du wirst doch die kommende Woche hier zubringen können. Endlich kommt der ersehnte Augenblick des Wiedersehens so nahe, und übermorgen um diese Stunde führt dich das Dampfross schon der lieben Heimat zu. Wie ich mich freue! Du sprichst die Erwartung aus, mich Sonntag am Bahnhof zu sehen, sei nicht böse, wenn ich diesen Wunsch dir nicht erfülle. Siehst du, ich finde es so viel schöner und, offen gesagt, auch passender, dich daheim erwarten und begrüßen zu dürfen. Ich meine auch, es ist für dich besser, wenn du nach der nächtlichen Fahrt so rasch als möglich einen Platz in einem Omnibus zu erreichen suchst, damit wir dann ungestört beisammen bleiben können. Freilich wird dadurch das Wiedersehen ein wenig verzögert und ich werde ungeduldig genug die Minuten zählen, bis ich mit herzinnigem Gruße in deine Arme eilen kann! Aber auch diese letzten Minuten werden verfließen und dann winkt uns ja eine kleine Weile seligen Beisammenseins! Und um noch einmal, nicht wahr, du zürnst mir nicht, dass ich dir so offen meinen Entschluss, nicht auf den Bahnhof zu gehen, darlege? Vor allem anderen muss ich dir berichten, dass sich vorgestern die Zahl meiner Geschwister um ein kleines Schwesterchen vergrößerte. Das kleine Prinzesschen befindet sich sehr wohl und wurde gestern auf den Namen Bertha Franziska Maria getauft. | | ''Salzburg, 21. Dezember 1871 8 ½ Uhr Abends. Mein lieber Franz! Ich hatte heute nicht Zeit, deinen lieben Brief bald zu beantworten. Ahne, dass dir schon morgen mein Schreiben zukommen könnte. Meinen besten Dank für deine lieben Zeilen, den letzten in diesem Jahre, denn ich hoffe immer, du wirst doch die kommende Woche hier zubringen können. Endlich kommt der ersehnte Augenblick des Wiedersehens so nahe, und übermorgen um diese Stunde führt dich das Dampfross schon der lieben Heimat zu. Wie ich mich freue! Du sprichst die Erwartung aus, mich Sonntag am Bahnhof zu sehen, sei nicht böse, wenn ich diesen Wunsch dir nicht erfülle. Siehst du, ich finde es so viel schöner und, offen gesagt, auch passender, dich daheim erwarten und begrüßen zu dürfen. Ich meine auch, es ist für dich besser, wenn du nach der nächtlichen Fahrt so rasch als möglich einen Platz in einem Omnibus zu erreichen suchst, damit wir dann ungestört beisammen bleiben können. Freilich wird dadurch das Wiedersehen ein wenig verzögert und ich werde ungeduldig genug die Minuten zählen, bis ich mit herzinnigem Gruße in deine Arme eilen kann! Aber auch diese letzten Minuten werden verfließen und dann winkt uns ja eine kleine Weile seligen Beisammenseins! Und um noch einmal, nicht wahr, du zürnst mir nicht, dass ich dir so offen meinen Entschluss, nicht auf den Bahnhof zu gehen, darlege? Vor allem anderen muss ich dir berichten, dass sich vorgestern die Zahl meiner Geschwister um ein kleines Schwesterchen vergrößerte. Das kleine Prinzesschen befindet sich sehr wohl und wurde gestern auf den Namen Bertha Franziska Maria getauft. |
| − | ''Die Mutter'' [Stiefmutter] ''ist Gott sei Dank auch ganz wohl. Heute Mittag wurde der arme Stiebitz in die Irrenanstalt nach Linz gebracht. Wahl begleitet ihn nebst einem Diener. Die arme Frau Rosa ist krank vor Aufregung, ist auch kein Wunder. Dr. Zillner<ref>vermutlich [[Franz Valentin Zillner]] (* 1816; † 1896)</ref> gibt allerdings alle Hoffnung, dass Stiebitz wieder ganz gesund wird, allein Gott weiß, wie lange sein Leiden dauert. Weißt du, das neueste Brautpaar Frl. Resi [[Angelo Saullich|Saullich]] ist die Braut eines Herrn Wöss, welcher Compagnon des Fritz Krockauer in der ehemals Volderauer’schen Handlung ist. Wie man hört, soll die Trauung im April stattfinden. Ich träume ziemlich oft von dir, dass du kommst und so fort. Sehr häufig spielt in meinen Träumen das Bewusstsein hinein, dass ich deine Braut bin. Kürzlich träumte ich, wir wären in Venedig gewesen und ich konnte dich beim Herabgehen vom Markusturm auf einmal nicht finden. Sind wir denn mit der Geschichte in der Ordnung? Meiner Rechnung nach trifft für heut: Muth, Im Grafenschlosse und Der Einsiedler. So werden wir gerade am Samstag fertig'' [sie lesen zeitgleich einen Roman] ''. Und nun du Lieber, gute Nacht, die Antwort auf diese Zeilen kannst du mir mündlich sagen, bis dahin behalte lieb deine treue Fanni. Großmutter grüßt dich, es geht ihr gut.'' | + | ''Die Mutter'' [Stiefmutter, Anm.] ''ist Gott sei Dank auch ganz wohl. Heute Mittag wurde der arme Stiebitz in die Irrenanstalt nach Linz gebracht. Wahl begleitet ihn nebst einem Diener. Die arme Frau Rosa ist krank vor Aufregung, ist auch kein Wunder. Dr. Zillner<ref>vermutlich [[Franz Valentin Zillner]] (* 1816; † 1896)</ref> gibt allerdings alle Hoffnung, dass Stiebitz wieder ganz gesund wird, allein Gott weiß, wie lange sein Leiden dauert. Weißt du, das neueste Brautpaar Frl. Resi [[Angelo Saullich|Saullich]] ist die Braut eines Herrn Wöss, welcher Compagnon des Fritz Krockauer in der ehemals Volderauer’schen Handlung ist. Wie man hört, soll die Trauung im April stattfinden. Ich träume ziemlich oft von dir, dass du kommst und so fort. Sehr häufig spielt in meinen Träumen das Bewusstsein hinein, dass ich deine Braut bin. Kürzlich träumte ich, wir wären in Venedig gewesen und ich konnte dich beim Herabgehen vom Markusturm auf einmal nicht finden. Sind wir denn mit der Geschichte in der Ordnung? Meiner Rechnung nach trifft für heut: Muth, Im Grafenschlosse und Der Einsiedler. So werden wir gerade am Samstag fertig'' [sie lesen zeitgleich einen Roman, Anm.] ''. Und nun du Lieber, gute Nacht, die Antwort auf diese Zeilen kannst du mir mündlich sagen, bis dahin behalte lieb deine treue Fanni. Großmutter grüßt dich, es geht ihr gut.'' |