| Zeile 134: |
Zeile 134: |
| | [[Datei:Kobler-Spängler-Briefe Brief_vom_25._und_26._Juli_1871_Umschlag.JPG|thumb|Brief vom 25. und 26. Juli 1871, Umschlag.]] | | [[Datei:Kobler-Spängler-Briefe Brief_vom_25._und_26._Juli_1871_Umschlag.JPG|thumb|Brief vom 25. und 26. Juli 1871, Umschlag.]] |
| | | | |
| − | ''Die Seekirchner Parthie'' [Ausflug] ''ist Gott sei Dank, auch glücklich überstanden. Es war eigentlich gar nicht so übel. Durch Zufall trafen wir mit Fr: Kolb, deren Tochter auch mit Sch. u Lida zur Sommerfrische draußen ist, zusammen, bei dieser war Frl: Marie Tomaselli dann kam noch Fr. Bauernfeind u. Tochter dazu; so daß wir einschließlich der Fr. Sih. ZXX u. Frl. Kolb so wie der alten Fr. Laschensky eine Gesellschaft von 10 Pers. bildeten. Ich behaupte nicht, daß ich keine lustigeren Ausflüge gemacht habe, aber ich bekenne daß ich mich schon recht oft mehr gelangweilt habe als dießmal. // Der Segen der Arbeit zeigte sich im kleinen. Dank meiner alten Gewohnheit, hatte ich eine Handarbeit mit, deren Ausführung mich gerade interessierte und diese / beschäftigte mich einen guten Theil der Zeit, dabei ist von dem Hause ein wirklich überraschend schöner Blick auf unsere Berge, und war Sonntags ein prachtvoller Tag. Leider entlud sich Nachmittags ein tüchtiges Wetter mit heftigem Regenguß, allein wir kamen ganz gut durch. //'' | + | ''Die Seekirchner Parthie'' [Ausflug, Anm.] ''ist Gott sei Dank, auch glücklich überstanden. Es war eigentlich gar nicht so übel. Durch Zufall trafen wir mit Fr: Kolb, deren Tochter auch mit Sch. u Lida zur Sommerfrische draußen ist, zusammen, bei dieser war Frl: Marie Tomaselli dann kam noch Fr. Bauernfeind u. Tochter dazu; so daß wir einschließlich der Fr. Sih. ZXX u. Frl. Kolb so wie der alten Fr. Laschensky eine Gesellschaft von 10 Pers. bildeten. Ich behaupte nicht, daß ich keine lustigeren Ausflüge gemacht habe, aber ich bekenne daß ich mich schon recht oft mehr gelangweilt habe als dießmal. // Der Segen der Arbeit zeigte sich im kleinen. Dank meiner alten Gewohnheit, hatte ich eine Handarbeit mit, deren Ausführung mich gerade interessierte und diese / beschäftigte mich einen guten Theil der Zeit, dabei ist von dem Hause ein wirklich überraschend schöner Blick auf unsere Berge, und war Sonntags ein prachtvoller Tag. Leider entlud sich Nachmittags ein tüchtiges Wetter mit heftigem Regenguß, allein wir kamen ganz gut durch. //'' |
| | | | |
| | ''Was Sie über den Kreris meines Umganges'' [klein darüber:] ''Zeller u Plachetka nicht eingerechnet sagen, ist ganz richtig. Ich möchte durchaus nicht sagen, daß ich nicht einigen, ja den meisten Gliedern desselben gut bin, reicht für mich das Bekanntsein mit denselben doch bis in meine frühesten Erinnerungen zurück, aber geistige Anregung ist in dieser Gesellschaft schon manchmal verzweifelt gering. Gar so oft dreht sich die Conversation um die alltäglichen Dinge oder um längst verschollene Familiengeschichten, deren Vergeßenheit zum großen Theil wahrlich kein Schade wäre. Wenn man dann nur denken könnte, was man wollte, aber manchmal sitze ich so da und laße das Gespräch so über mich ergehen. / Für heute gute Nacht, Schlafen Sie wo[h]l! // '' | | ''Was Sie über den Kreris meines Umganges'' [klein darüber:] ''Zeller u Plachetka nicht eingerechnet sagen, ist ganz richtig. Ich möchte durchaus nicht sagen, daß ich nicht einigen, ja den meisten Gliedern desselben gut bin, reicht für mich das Bekanntsein mit denselben doch bis in meine frühesten Erinnerungen zurück, aber geistige Anregung ist in dieser Gesellschaft schon manchmal verzweifelt gering. Gar so oft dreht sich die Conversation um die alltäglichen Dinge oder um längst verschollene Familiengeschichten, deren Vergeßenheit zum großen Theil wahrlich kein Schade wäre. Wenn man dann nur denken könnte, was man wollte, aber manchmal sitze ich so da und laße das Gespräch so über mich ergehen. / Für heute gute Nacht, Schlafen Sie wo[h]l! // '' |
| Zeile 148: |
Zeile 148: |
| | [dritter Bogen:] ''Am 1. April 1865 hatte ich die erste englische Stunde bei Herrn Sokol. Ich se[t]zte das Erlernen dieser Sprache, jedoch mit Unterbrechungen von 3 u. 4 Monaten fort bis zum September 1869, und lernte aber genug, um englische Bücher der Hauptsache nach zu verstehen. Ich möchte sehr gerne eine Conversationsstunde bei einer Engländerin, um geläufiger sprechen zu lernen. // Bei Herrn Schnaubelt, später bei Frl: Ott machte ich vergebliche Singversuche, bis ich mich endlich zu meinem großen Leid von dem Mangel an Talent hiefür überzeugte. Ich weiß nicht, warum mich Großmutter durchaus nicht zeichnen lernen ließ. Öfters sprach ich den Wunsch aus, dieß zu lernen, aber immer umsonst. // Im Jahr 1867 wurde die Reise nach Marienbad unternommen. Ich hatte mich ungeheuer darauf gefreut, und doch sollte ich gerade dort durch die Krankheit der armen Mama Zeller eine ziemlich ernste Schule kennen lernen. Mir bleibt der Aufenthalt in Marienbad unvergeßlich. / So traurig dieser Aufenthalt war, so genußreich wurde die Heimreise, nur die Angst um Fr. v. Zeller, die ich todkrank in Marienbad wußte, beeinträchtigte das Vergnügen, das ich auf dieser Tour hatte. //'' | | [dritter Bogen:] ''Am 1. April 1865 hatte ich die erste englische Stunde bei Herrn Sokol. Ich se[t]zte das Erlernen dieser Sprache, jedoch mit Unterbrechungen von 3 u. 4 Monaten fort bis zum September 1869, und lernte aber genug, um englische Bücher der Hauptsache nach zu verstehen. Ich möchte sehr gerne eine Conversationsstunde bei einer Engländerin, um geläufiger sprechen zu lernen. // Bei Herrn Schnaubelt, später bei Frl: Ott machte ich vergebliche Singversuche, bis ich mich endlich zu meinem großen Leid von dem Mangel an Talent hiefür überzeugte. Ich weiß nicht, warum mich Großmutter durchaus nicht zeichnen lernen ließ. Öfters sprach ich den Wunsch aus, dieß zu lernen, aber immer umsonst. // Im Jahr 1867 wurde die Reise nach Marienbad unternommen. Ich hatte mich ungeheuer darauf gefreut, und doch sollte ich gerade dort durch die Krankheit der armen Mama Zeller eine ziemlich ernste Schule kennen lernen. Mir bleibt der Aufenthalt in Marienbad unvergeßlich. / So traurig dieser Aufenthalt war, so genußreich wurde die Heimreise, nur die Angst um Fr. v. Zeller, die ich todkrank in Marienbad wußte, beeinträchtigte das Vergnügen, das ich auf dieser Tour hatte. //'' |
| | | | |
| − | ''Wir reisten damals von Marienbad nach Karlsbad, Teplitz, Dresden, nach Leitmeritz wo ich die Mutter meines Vaters die sog: Böhmische Großmutter kennen lernte, die noch dort lebt jetzt im 88. Jahre. Gott erhalte sie! Von da ging es nach Prag und über Wien, wo wir uns 5 Tage aufhielten, heim. // Zu Ende des Jahres 1867 bekam ich meine liebe Nähmaschine und vom 1. Februar bis zu Ende Mai 1868 lernte ich Kleider nähen. Von da an begann ich erst wirklich mit dem Wunsche etwas zu leisten, zu arbeiten. Wie schon erwähnt lernte ich namentlich im Verfertigen der Kleider sehr viel von Lida. Im Herbste 1868 machten wir die Reise in die Schweiz, wo uns mein Vater begleitete. 1869 brachte die Reise nach Venedig. Im Winter 1869 bekam meine arme / Großmutter das böse Leiden an der Hand, das so viele Monate /: November 1869 bis Juli 1870 :/ dauerte. Ich kann mal sagen, das war auch für mich eine Leidenszeit. // Der vorjährige Landaufenthalt im Weinbründl<ref>vielleicht ein Vorgänger der [[Villa Weinbründl]]?</ref> war mir einerseits eine Erholung und Erheiterung, durch den täglichen Verkehr mit der Familie Zeller doppelt verschönt, und doch gab es gerade im Sommer 1870 so manche Stunde, wo ich tief verstimmt war. Sie wißen ja wo[h]l, warum. – Ich sah, daß sich jener Traum nicht realisire und fand bald genug Stolz in mir, der Verstimmung nicht nachzugeben, sondern mich ruhig und heiter zu zeigen bis ich mich auch wirklich innerlich beruhigte, und die Bälle des le[t]zten Carnevals wirklich heiter und unbefangen mitmachte. Es war eine Zeit völliger Ruhe herangekommen. Wer diese Ruhe dann wenige Tage nach meinen vollendeten 23 Jahren'' [1. Juni] ''recht gründlich erschütterte, dürfte Ihnen nicht ganz unbekannt geblieben sein. – – – /'' | + | ''Wir reisten damals von Marienbad nach Karlsbad, Teplitz, Dresden, nach Leitmeritz wo ich die Mutter meines Vaters die sog: Böhmische Großmutter kennen lernte, die noch dort lebt jetzt im 88. Jahre. Gott erhalte sie! Von da ging es nach Prag und über Wien, wo wir uns 5 Tage aufhielten, heim. // Zu Ende des Jahres 1867 bekam ich meine liebe Nähmaschine und vom 1. Februar bis zu Ende Mai 1868 lernte ich Kleider nähen. Von da an begann ich erst wirklich mit dem Wunsche etwas zu leisten, zu arbeiten. Wie schon erwähnt lernte ich namentlich im Verfertigen der Kleider sehr viel von Lida. Im Herbste 1868 machten wir die Reise in die Schweiz, wo uns mein Vater begleitete. 1869 brachte die Reise nach Venedig. Im Winter 1869 bekam meine arme / Großmutter das böse Leiden an der Hand, das so viele Monate /: November 1869 bis Juli 1870 :/ dauerte. Ich kann mal sagen, das war auch für mich eine Leidenszeit. // Der vorjährige Landaufenthalt im Weinbründl<ref>vielleicht ein Vorgänger der [[Villa Weinbründl]]?</ref> war mir einerseits eine Erholung und Erheiterung, durch den täglichen Verkehr mit der Familie Zeller doppelt verschönt, und doch gab es gerade im Sommer 1870 so manche Stunde, wo ich tief verstimmt war. Sie wißen ja wo[h]l, warum. – Ich sah, daß sich jener Traum nicht realisire und fand bald genug Stolz in mir, der Verstimmung nicht nachzugeben, sondern mich ruhig und heiter zu zeigen bis ich mich auch wirklich innerlich beruhigte, und die Bälle des le[t]zten Carnevals wirklich heiter und unbefangen mitmachte. Es war eine Zeit völliger Ruhe herangekommen. Wer diese Ruhe dann wenige Tage nach meinen vollendeten 23 Jahren'' [1. Juni, Anm.] ''recht gründlich erschütterte, dürfte Ihnen nicht ganz unbekannt geblieben sein. – – – /'' |
| | | | |
| | ''Hiermit schließe ich meine Mittheilungen. Ich denke, meine weiteren Erlebnisse werden Ihnen schon bekannt werden. Sollte ich einiges nicht richtig erzählt oder übergangen haben so geschah dieß ohne es zu wollen. Wenn ich mein Geschreibsel überlese, drängt sich mir der Gedanke auf, um wie viel mehr Ordnung in Ihrer Erzählung ist, und wie sehr ich auf Ihre Nachsicht und Geduld rechnen muß, indem ich Ihnen in diesen Blättern so schmucklos über mein bisheriges Leben schrieb. Sollten Sie sich zu irgend einer Frage veranlaßt sehen, so werde ich unverhohlen und wahr antworten. // Ich denke hinsichtlich des Umfanges das Versäumte nachgeholt zu haben, ob Sie der Inhalt befriedigt weiß ich nicht. Ich schließe endlich indem ich Großmutters Gruß entrichte, wann werde ich sagen können auf baldig Wiedersehn. // Leben Sie immer recht wo[h]l und haben Sie ein wenig lieb, // Ihre aufrichtige // Fanni Sch.'' | | ''Hiermit schließe ich meine Mittheilungen. Ich denke, meine weiteren Erlebnisse werden Ihnen schon bekannt werden. Sollte ich einiges nicht richtig erzählt oder übergangen haben so geschah dieß ohne es zu wollen. Wenn ich mein Geschreibsel überlese, drängt sich mir der Gedanke auf, um wie viel mehr Ordnung in Ihrer Erzählung ist, und wie sehr ich auf Ihre Nachsicht und Geduld rechnen muß, indem ich Ihnen in diesen Blättern so schmucklos über mein bisheriges Leben schrieb. Sollten Sie sich zu irgend einer Frage veranlaßt sehen, so werde ich unverhohlen und wahr antworten. // Ich denke hinsichtlich des Umfanges das Versäumte nachgeholt zu haben, ob Sie der Inhalt befriedigt weiß ich nicht. Ich schließe endlich indem ich Großmutters Gruß entrichte, wann werde ich sagen können auf baldig Wiedersehn. // Leben Sie immer recht wo[h]l und haben Sie ein wenig lieb, // Ihre aufrichtige // Fanni Sch.'' |