Änderungen

Zur Navigation springen Zur Suche springen
K
Linkfix, + Kat.
Zeile 5: Zeile 5:     
Da das Gebiet um Lemberg nur zwei Jahre (1939–1941) lang zur Sowjetunion gehört hatte, wurde den Ukrainern aus Galizien eine [[Nationalsozialismus|NS]]-rechtliche Besserstellung gegenüber den stark diskriminierten  "Ostarbeitern" eingeräumt.  
 
Da das Gebiet um Lemberg nur zwei Jahre (1939–1941) lang zur Sowjetunion gehört hatte, wurde den Ukrainern aus Galizien eine [[Nationalsozialismus|NS]]-rechtliche Besserstellung gegenüber den stark diskriminierten  "Ostarbeitern" eingeräumt.  
 +
 
Die zweite Hälfte der im Pinzgau eingesetzten „Fremdarbeiter“ stammte vorwiegend aus [[Belgien]], [[Frankreich]], [[Italien]] und [[Kroatien]].
 
Die zweite Hälfte der im Pinzgau eingesetzten „Fremdarbeiter“ stammte vorwiegend aus [[Belgien]], [[Frankreich]], [[Italien]] und [[Kroatien]].
    
==Leben vor der Deportation==
 
==Leben vor der Deportation==
 
Schon vor ihrer Deportation erlitten viele der später im Pinzgau eingesetzten osteuropäischen Arbeitskräfte ein hartes Schicksal. Unter ihnen waren Waisenkinder und Kinder, deren Eltern nach Sibirien verschleppt worden waren. Andere hatten mit knapper Not die Hungerkatastrophe in der Ukraine Anfang der 30er-Jahre des [[20. Jahrhundert]]s überlebt. Einige waren Zeugen der Judenverfolgung in Galizien und der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg. Sie erlebten das Niederbrennen ihrer Elternhäuser und die Verhaftung oder den Tod von Familienangehörigen.  
 
Schon vor ihrer Deportation erlitten viele der später im Pinzgau eingesetzten osteuropäischen Arbeitskräfte ein hartes Schicksal. Unter ihnen waren Waisenkinder und Kinder, deren Eltern nach Sibirien verschleppt worden waren. Andere hatten mit knapper Not die Hungerkatastrophe in der Ukraine Anfang der 30er-Jahre des [[20. Jahrhundert]]s überlebt. Einige waren Zeugen der Judenverfolgung in Galizien und der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg. Sie erlebten das Niederbrennen ihrer Elternhäuser und die Verhaftung oder den Tod von Familienangehörigen.  
 +
 
==Rekrutierung und Deportation==
 
==Rekrutierung und Deportation==
 
In den nach dem Überfall auf Polen annektierten Gebieten wurden Arbeitskräfte von Anfang an mit Zwang rekrutiert. Im „Generalgouvernement“ – damit waren von den Deutschen besetzte, aber nicht dem Deutschen Reich eingegliederte zentralpolnische Gebiete während des Zweiten Weltkrieges gemeint – versuchte man die benötigten Arbeiter zunächst mittels Einsatz massiver Propaganda freiwillig zum „Arbeitseinsatz“ zu verpflichten.
 
In den nach dem Überfall auf Polen annektierten Gebieten wurden Arbeitskräfte von Anfang an mit Zwang rekrutiert. Im „Generalgouvernement“ – damit waren von den Deutschen besetzte, aber nicht dem Deutschen Reich eingegliederte zentralpolnische Gebiete während des Zweiten Weltkrieges gemeint – versuchte man die benötigten Arbeiter zunächst mittels Einsatz massiver Propaganda freiwillig zum „Arbeitseinsatz“ zu verpflichten.
Zeile 25: Zeile 27:     
Danach erging ein Sammeltransport nach [[Zell am See]]. Von dort wurden die Arbeitskräfte in die einzelnen Orte gebracht. Registrierungsmaßnahmen erfolgten auch noch einmal im [[Pinzgau]] selbst, wobei in den einzelnen Gemeinden die Daten auf- und die Fingerabdrücke abgenommen wurden. Die Aufteilung vor Ort führte die „Troika“ Ortsgruppenleiter, Ortsbauernführer und Bürgermeister durch.  
 
Danach erging ein Sammeltransport nach [[Zell am See]]. Von dort wurden die Arbeitskräfte in die einzelnen Orte gebracht. Registrierungsmaßnahmen erfolgten auch noch einmal im [[Pinzgau]] selbst, wobei in den einzelnen Gemeinden die Daten auf- und die Fingerabdrücke abgenommen wurden. Die Aufteilung vor Ort führte die „Troika“ Ortsgruppenleiter, Ortsbauernführer und Bürgermeister durch.  
 +
 
==Arbeits- und Lebensbedingungen auf den Pinzgauer Bauernhöfen==
 
==Arbeits- und Lebensbedingungen auf den Pinzgauer Bauernhöfen==
 
=====Ankommen und Eingewöhnung=====
 
=====Ankommen und Eingewöhnung=====
 
Nach ihrer Abholung vom Dorfplatz erreichten sie - in manchen Fällen erst nach mehrstündigem Fußmarsch - ihren Einsatzort. Die Anfangsphase war für die größtenteils jungen Arbeiter aus Polen, Russland und der Ukraine aus mehreren Gründen sehr schwierig. Nach der oft gewaltsamen Trennung vom vertrauten Lebensort, von der eigenen Familie und von den Freunden und nach den traumatisierenden Transporterlebnissen fanden sie sich bei fremden Leuten in fremder Umgebung wieder. Die unverständliche Sprache, die fremden Gewohnheiten, eine meist ungewohnte Arbeit und eine unwirtliche Gebirgslandschaft, die bei Leuten aus der Ebene nicht selten Bedrückung bewirkte, tat zum Unwohlsein der eben Angekommenen das Übrige. Einigen wurde auch noch der eigene Name genommen, da dieser den Einheimischen zu fremdartig erschien. So wurde aus einer Helena beispielsweise eine Helga und aus Jan wurde Johann.  
 
Nach ihrer Abholung vom Dorfplatz erreichten sie - in manchen Fällen erst nach mehrstündigem Fußmarsch - ihren Einsatzort. Die Anfangsphase war für die größtenteils jungen Arbeiter aus Polen, Russland und der Ukraine aus mehreren Gründen sehr schwierig. Nach der oft gewaltsamen Trennung vom vertrauten Lebensort, von der eigenen Familie und von den Freunden und nach den traumatisierenden Transporterlebnissen fanden sie sich bei fremden Leuten in fremder Umgebung wieder. Die unverständliche Sprache, die fremden Gewohnheiten, eine meist ungewohnte Arbeit und eine unwirtliche Gebirgslandschaft, die bei Leuten aus der Ebene nicht selten Bedrückung bewirkte, tat zum Unwohlsein der eben Angekommenen das Übrige. Einigen wurde auch noch der eigene Name genommen, da dieser den Einheimischen zu fremdartig erschien. So wurde aus einer Helena beispielsweise eine Helga und aus Jan wurde Johann.  
 +
 
=====Arbeitseinsatz und Lebensalltag=====
 
=====Arbeitseinsatz und Lebensalltag=====
 
Der Arbeitseinsatz ließ nach der Ankunft nicht lange auf sich warten. Es wurden Arbeitsgeräte wie eine Sense oder ein Buckelkorb überreicht und die Eingliederung in die techniklose Gebirgslandwirtschaft mit ihren ungewohnt steilen Hängen, die in reiner Handarbeit unter Mithilfe von Zug- und Tragtieren zu bewältigen war, nahm ihren Lauf. Die Tage waren nun von früh bis spät mit der Versorgung des Viehs und mit Haus-, Holz-, Heu- und Feldarbeiten ausgefüllt. Die Sprachlosigkeit überbrückte man mit dem Vorzeigen und Abschauenlassen der erwarteten Arbeitsleistung. Man überließ den ungeübten Arbeitskräften bei der Viehversorgung anfangs nur die [[Hausschaf|Schafe]] und [[Hausziege|Ziegen]] und betraute sie erst später mit der Betreuung der für die Bauern wertvolleren [[Pinzgauer Rind|Rinder]]. Auf kleineren Höfen war die Arbeitsteilung gering und es fiel daher für alle ein größerer Aufgabenbereich an. Als man immer mehr einheimische Männer zum Militär einzog, übernahmen vor allem die Frauen die in der Landwirtschaft typischen Männerarbeiten. Waren ganze Ausländerfamilien auf einem [[Bauernhof]] im Einsatz, verrichteten die Erwachsenen die [[Landwirtschaft|landwirtschaftliche]] Arbeit, während man die Kinder mit Hilfsarbeiten wie Viehhüten oder Brennholztragen beauftragte.
 
Der Arbeitseinsatz ließ nach der Ankunft nicht lange auf sich warten. Es wurden Arbeitsgeräte wie eine Sense oder ein Buckelkorb überreicht und die Eingliederung in die techniklose Gebirgslandwirtschaft mit ihren ungewohnt steilen Hängen, die in reiner Handarbeit unter Mithilfe von Zug- und Tragtieren zu bewältigen war, nahm ihren Lauf. Die Tage waren nun von früh bis spät mit der Versorgung des Viehs und mit Haus-, Holz-, Heu- und Feldarbeiten ausgefüllt. Die Sprachlosigkeit überbrückte man mit dem Vorzeigen und Abschauenlassen der erwarteten Arbeitsleistung. Man überließ den ungeübten Arbeitskräften bei der Viehversorgung anfangs nur die [[Hausschaf|Schafe]] und [[Hausziege|Ziegen]] und betraute sie erst später mit der Betreuung der für die Bauern wertvolleren [[Pinzgauer Rind|Rinder]]. Auf kleineren Höfen war die Arbeitsteilung gering und es fiel daher für alle ein größerer Aufgabenbereich an. Als man immer mehr einheimische Männer zum Militär einzog, übernahmen vor allem die Frauen die in der Landwirtschaft typischen Männerarbeiten. Waren ganze Ausländerfamilien auf einem [[Bauernhof]] im Einsatz, verrichteten die Erwachsenen die [[Landwirtschaft|landwirtschaftliche]] Arbeit, während man die Kinder mit Hilfsarbeiten wie Viehhüten oder Brennholztragen beauftragte.
Zeile 51: Zeile 55:  
Zu Diebstählen von Nahrung und Bekleidung auf den Höfen durch die Zwangsarbeiter kam es aufgrund der unzureichenden Versorgung durch das NS-Regime und die Dienstgeber oder als Vorbereitung für eine beabsichtigte Flucht. Sie wurden den Betroffenen im Falle einer Flucht aber in umgekehrter Reihenfolge angelastet: man bezichtigte sie gestohlen zu haben und aufgrund dessen aus Angst vor Strafe geflüchtet zu sein.
 
Zu Diebstählen von Nahrung und Bekleidung auf den Höfen durch die Zwangsarbeiter kam es aufgrund der unzureichenden Versorgung durch das NS-Regime und die Dienstgeber oder als Vorbereitung für eine beabsichtigte Flucht. Sie wurden den Betroffenen im Falle einer Flucht aber in umgekehrter Reihenfolge angelastet: man bezichtigte sie gestohlen zu haben und aufgrund dessen aus Angst vor Strafe geflüchtet zu sein.
   −
Sog. „Geschlechtsverkehrsverbrechen“ wurden im Pinzgau in mehreren Fällen mit der Hinrichtung der beteiligten ausländischen Männer geahndet. So geschehen in Saalfelden in der Ortschaft [[Bsuch]] und in den [[Hohlwegen]], sowie bei der [[Antoniuskapelle]] in [[Hallenstein]] bei [[Lofer]]. Der Leichnam der Hingerichteten wurde nicht bestattet, sondern dem anatomischen Institut in Innsbruck zur Verfügung gestellt.
+
Sog. „Geschlechtsverkehrsverbrechen“ wurden im Pinzgau in mehreren Fällen mit der Hinrichtung der beteiligten ausländischen Männer geahndet. So geschehen in Saalfelden in der Ortschaft [[Bsuch]] und in den [[Hohlwegen]], sowie bei der [[Antoniuskapelle]] in [[Hallenstein (Lofer)|Hallenstein]] in [[Lofer]]. Der Leichnam der Hingerichteten wurde nicht bestattet, sondern dem anatomischen Institut in Innsbruck zur Verfügung gestellt.
    
==Zusammenfassung==
 
==Zusammenfassung==
Zeile 59: Zeile 63:  
   
 
   
 
Einige „Fremdarbeiter“ kehrten nach dem Krieg besuchsweise an ihren ehemaligen Arbeitsplatz zurück, andere blieben auch nach 1945 im Pinzgau. Sie gründeten eine Familie, bauten ein Haus und stellten am Arbeitsplatz ihren „Mann“ oder ihre „Frau“. Dennoch scheint ihr Leben von den damaligen Ereignissen überschattet zu sein, ihr Verhalten einem höheren Anpassungsdruck und ihre Herkunft und Geschichte im eigenen und dem Bewusstsein ihrer Kinder einer gewissen Tabuisierung zu unterliegen.  
 
Einige „Fremdarbeiter“ kehrten nach dem Krieg besuchsweise an ihren ehemaligen Arbeitsplatz zurück, andere blieben auch nach 1945 im Pinzgau. Sie gründeten eine Familie, bauten ein Haus und stellten am Arbeitsplatz ihren „Mann“ oder ihre „Frau“. Dennoch scheint ihr Leben von den damaligen Ereignissen überschattet zu sein, ihr Verhalten einem höheren Anpassungsdruck und ihre Herkunft und Geschichte im eigenen und dem Bewusstsein ihrer Kinder einer gewissen Tabuisierung zu unterliegen.  
* '''Siehe auch:'''
+
 
 +
== Siehe auch ==
 
* [[NS-Zwangsarbeit am Beispiel Tauernkraftwerke Kaprun]]
 
* [[NS-Zwangsarbeit am Beispiel Tauernkraftwerke Kaprun]]
 
* [[KZ-Nebenlager im Pinzgau]]
 
* [[KZ-Nebenlager im Pinzgau]]
 
* [[KZ-Nebenlager Uttendorf-Weißsee]]
 
* [[KZ-Nebenlager Uttendorf-Weißsee]]
   −
* '''Weiterführende Literatur:'''
+
==  Literatur ==
* Herbert, Ulrich, Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 bis 1980, Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH. Berlin, Bonn 1986
+
* Herbert, Ulrich: ''Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 bis 1980, Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter'', Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH. Berlin, Bonn 1986
* Herbert, Ulrich, Fremdarbeiter, Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH. Berlin, Bonn 1985
+
* Herbert, Ulrich: ''Fremdarbeiter, Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches'', Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH. Berlin, Bonn 1985
* [[Oskar Dohle| Dohle, Oskar]] / [[Nicole Slupetzky|Slupetzky, Nicole]], Arbeiter für den Endsieg, Zwangsarbeit im Reichsgau Salzburg 1939 – 1945
+
* [[Oskar Dohle| Dohle, Oskar]]; [[Nicole Slupetzky|Slupetzky, Nicole]]: ''Arbeiter für den Endsieg, Zwangsarbeit im Reichsgau Salzburg 1939–1945''
* [[Alois Nußbaumer|Nußbaumer, Alois]], „Fremdarbeiter“ im Pinzgau, Zwangsarbeit / Lebensgeschichten, Edition Tandem, Salzburg 2011
+
* [[Alois Nußbaumer|Nußbaumer, Alois]]: ''„Fremdarbeiter“ im Pinzgau, Zwangsarbeit, Lebensgeschichten,'' [[Edition Tandem]], Salzburg 2011
    
==Quellen==
 
==Quellen==
* Alois Nußbaumer, „Fremdarbeiter“ im Pinzgau, Zwangsarbeit/Lebensgeschichten, Edition Tandem, Salzburg 2011
+
* Nußbaumer, Alois: „Fremdarbeiter“ im Pinzgau, Zwangsarbeit/Lebensgeschichten, Edition Tandem, Salzburg 2011
 
* Gespräche mit und Text-Korrekturvorschläge von Alois Nußbaumer, Historiker aus [[Maishofen]]
 
* Gespräche mit und Text-Korrekturvorschläge von Alois Nußbaumer, Historiker aus [[Maishofen]]
 +
 +
[[Kategorie:Pinzgau]]
 
[[Kategorie:Geschichte]]
 
[[Kategorie:Geschichte]]
 
[[Kategorie:Zweiter Weltkrieg]]
 
[[Kategorie:Zweiter Weltkrieg]]
 
[[Kategorie:Landwirtschaft]]
 
[[Kategorie:Landwirtschaft]]
[[Kategorie:Pinzgau]]
+
[[Kategorie:Landwirtschaft (Geschichte)]]
 
[[Kategorie:Nationalsozialismus]]
 
[[Kategorie:Nationalsozialismus]]

Navigationsmenü