| Zeile 8: |
Zeile 8: |
| | [[1934]] gründete Tobi Reiser die noch heute existierenden [[Flachgauer Musikanten]], aus deren ursprünglicher Besetzung [[1953]] das "[[Ensemble Tobias Reiser|Tobi Reiser Quintett]]" entsteht. | | [[1934]] gründete Tobi Reiser die noch heute existierenden [[Flachgauer Musikanten]], aus deren ursprünglicher Besetzung [[1953]] das "[[Ensemble Tobias Reiser|Tobi Reiser Quintett]]" entsteht. |
| | | | |
| − | Bis zum Anschluss Österreichs an Deutschland [[1938]] arbeitete Tobi Reiser als Metzger in Salzburg, die Nationalsozialisten ermöglichten ihm dann aber, sein Hobby zum Beruf zu machen: Am [[1. November]] [[1938]] wurde er Volksmusikpfleger, ab Jänner [[1939]] ([[1. Mai]] [[1932]]?<ref>Quelle [[Straßennamengeber der Stadt Salzburg und ihr Verhalten im Nationalsozialismus]]</ref> gehörte er der [[NSDAP]] an. Er setzte sich für die Pflege der Volkskultur ein und warnte vor ''volksfremden jüdischen Ballast''. | + | Bis zum Anschluss Österreichs an Deutschland [[1938]] arbeitete Tobi Reiser als Metzger in Salzburg, die [[Nationalsozialisten]] ermöglichten ihm dann aber, sein Hobby zum Beruf zu machen: Am [[1. November]] [[1938]] wurde er Volksmusikpfleger, ab Jänner [[1939]] ([[1. Mai]] [[1932]]?<ref>Quelle [[Straßennamengeber der Stadt Salzburg und ihr Verhalten im Nationalsozialismus]]</ref> gehörte er der [[NSDAP]] an. Er setzte sich für die Pflege der Volkskultur ein und warnte vor ''volksfremden jüdischen Ballast''. |
| | | | |
| | Im Juli [[1944]] starb sein Sohn Josef an der Westfront. | | Im Juli [[1944]] starb sein Sohn Josef an der Westfront. |
| Zeile 21: |
Zeile 21: |
| | | | |
| | Tobi Reiser starb in den Armen seines Sohn [[Tobias Reiser d. J.|Tobias Reiser]], der das Adventsingen nach [[1974]] weiterführte, an Herzversagen. Tobi Reiser ist auf dem Friedhof [[Morzg]] begraben. | | Tobi Reiser starb in den Armen seines Sohn [[Tobias Reiser d. J.|Tobias Reiser]], der das Adventsingen nach [[1974]] weiterführte, an Herzversagen. Tobi Reiser ist auf dem Friedhof [[Morzg]] begraben. |
| − |
| + | |
| − | == 2012: Tobi Reiser polarisiert noch immer == | + | == Tobias Reise und seine Nähe zum Nationalsozialismus == |
| − | Die einen sehen in ihm den Gründer des Salzburger Adventsingens und den Volksmusikanten, der mit seinen Musikstücken und Arrangements Generationen begeistern konnte. Andere sehen in ihm jemanden, der sich den Nationalsozialisten andiente, der schon früh der NSDAP beitrat und öffentlich vor dem "''volksfremden jüdischen Ballast''" warnte. | + | === 2012: Tobias Reiser polarisiert noch immer === |
| | + | Die einen sehen in ihm den Gründer des Salzburger Adventsingens und den Volksmusikanten, der mit seinen Musikstücken und Arrangements Generationen begeistern konnte. Andere sehen in ihm jemanden, der sich den Nationalsozialisten andiente, der schon früh der [[NSDAP]] beitrat und öffentlich vor dem "''volksfremden jüdischen Ballast''" warnte. |
| | | | |
| − | 2012 wollten manche bei offiziellen Veranstaltungen der [[Pädagogische Hochschule Salzburg|Pädagogischen Hochschule Salzburg]] keine Musik mehr von Tobias Reiser. Dort spielt bei den Weihnachtsfeiern traditionell die hochschulinterne Volksmusikgruppe, die auch Werke von Reiser aufführt. Die Diskussion darüber war vor der Weihnachtsfeier am Donnerstagabend, den [[20. Dezember]] [[2012]] erneut aufgeflammt. | + | 2012 wollten manche bei offiziellen Veranstaltungen der [[Pädagogische Hochschule Salzburg|Pädagogischen Hochschule Salzburg]] keine Musik mehr von Tobias Reiser. Dort spielt bei den Weihnachtsfeiern traditionell die hochschulinterne Volksmusikgruppe, die auch Werke von Reiser aufführt. Die Diskussion darüber war vor der Weihnachtsfeier am Donnerstagabend, den [[20. Dezember]] [[2012]] erneut aufgeflammt. |
| − |
| + | |
| − | Das ging so weit, dass in der Volksmusikszene das Gerücht die Runde machte, dass Reiser an der Salzburger Lehrerausbildungsanstalt generell "verboten" werden soll. Dieser Schritt ist zwar noch nicht gesetzt. Vizerektor [[Christoph Kühberger]] bestätigte aber, dass man die Aufführung von Reisers Musik bei offiziellen Anlässen "überdenken" werde. Es gehe um die Frage, welche "Signale" mit der nicht hinterfragten Wiedergabe der Reiser-Musik ausgesandt würden. Denn: "''Reiser hat sich nie von seinen antisemitischen Aussprüchen distanziert.''" Ähnlich äußert sich Rektorin [[Elfriede Windischbauer]]. Sie sei froh, dass Reisers Musik kritisch hinterfragt werde, schließlich sei er "''Teil des NS-Systems''" gewesen. "''Darüber wollen wir eine Diskussion führen.''" Das Rektorat will zu Jahresbeginn 2013 eine Expertenrunde rund um [[Ulrike Kammerhofer-Aggermann]], Leiterin des [[Landesinstitut für Volkskunde|Landesinstituts für Volkskunde]], und den Literaturwissenschafter Karl Müller einladen. Reiser habe "''ein für seine Zeit und für die Menschen in den Heimat- und Trachtenvereinen typisches Genre von populärer Musik geschaffen''", sagte Kammerhofer-Aggermann. Seine Musik werde von kompetenten Musikern und Musikwissenschaftern als qualitätsvoll eingestuft. "''Dass Reiser und seine Musik im NS-Regime gefördert und auch missbraucht wurden, ist eine andere Seite der Medaille.''" Und diese Seite dürfe "''nicht ignoriert werden''". Müller wollte zu der laufenden Debatte nichts sagen. Nur so viel: Er sei gegen jegliche "Zensur". | + | Das ging so weit, dass in der Volksmusikszene das Gerücht die Runde machte, dass Reiser an der Salzburger Lehrerausbildungsanstalt generell "verboten" werden soll. Dieser Schritt ist zwar noch nicht gesetzt. Vizerektor [[Christoph Kühberger]] bestätigte aber, dass man die Aufführung von Reisers Musik bei offiziellen Anlässen "überdenken" werde. Es gehe um die Frage, welche "Signale" mit der nicht hinterfragten Wiedergabe der Reiser-Musik ausgesandt würden. Denn: "''Reiser hat sich nie von seinen antisemitischen Aussprüchen distanziert.''" Ähnlich äußert sich Rektorin [[Elfriede Windischbauer]]. Sie sei froh, dass Reisers Musik kritisch hinterfragt werde, schließlich sei er "''Teil des NS-Systems''" gewesen. "''Darüber wollen wir eine Diskussion führen.''" Das Rektorat will zu Jahresbeginn 2013 eine Expertenrunde rund um [[Ulrike Kammerhofer-Aggermann]], Leiterin des [[Landesinstitut für Volkskunde|Landesinstituts für Volkskunde]], und den Literaturwissenschafter Karl Müller einladen. Reiser habe "''ein für seine Zeit und für die Menschen in den Heimat- und Trachtenvereinen typisches Genre von populärer Musik geschaffen''", sagte Kammerhofer-Aggermann. Seine Musik werde von kompetenten Musikern und Musikwissenschaftern als qualitätsvoll eingestuft. "''Dass Reiser und seine Musik im NS-Regime gefördert und auch missbraucht wurden, ist eine andere Seite der Medaille.''" Und diese Seite dürfe "''nicht ignoriert werden''". Müller wollte zu der laufenden Debatte nichts sagen. Nur so viel: Er sei gegen jegliche "Zensur". |
| − |
| + | |
| − | Die Hochschulleitung will jedenfalls nicht nur überdenken, ob Reisers Musik bei öffentlichen Anlässen noch aufgeführt werden soll. Man werde auch prüfen, was das alles für die Lehre bedeute, sagt Kühberger. Ziel müsse in jedem Fall ein "kritischer Umgang" mit der Zeit des Nationalsozialismus sein. | + | Die Hochschulleitung will jedenfalls nicht nur überdenken, ob Reisers Musik bei öffentlichen Anlässen noch aufgeführt werden soll. Man werde auch prüfen, was das alles für die Lehre bedeute, sagt Kühberger. Ziel müsse in jedem Fall ein "kritischer Umgang" mit der Zeit des Nationalsozialismus sein. |
| | | | |
| − | == 2013: Brisanter Akt: Tobi Reiser nannte sich NS-Putschist == | + | === 2013: Brisanter Akt: Tobi Reiser nannte sich NS-Putschist === |
| − | Im März 2013 war ein Personalakt aus Berliner Archiv aufgetaucht: in diesem gab Tobi Reiser an, 1934 "kämpferisch" tätig gewesen zu sein. | + | Im März 2013 war ein Personalakt aus Berliner Archiv aufgetaucht: in diesem gab Tobi Reiser an, 1934 "kämpferisch" tätig gewesen zu sein. |
| | | | |
| | Reisers Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus sind schon länger bekannt. Doch Anfang 2013 aufgetauchte Akten werfen ein ganz anderes Licht auf Salzburgs Volksmusikidol. Demnach war Reiser Überzeugungstäter - das geht aus dem Personalakt des "Reichsnährstandes" hervor, der im Bundesarchiv in Berlin lagert und auf den die Südtiroler Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer im Zuge von Recherchen gestoßen ist. Im Personalakt zu "Tobias Franz Reiser" antwortet der Gastwirtesohn auf die Frage, ob er sich "kämpferisch" betätigt habe, mit: "beim [[Juliputsch]]" - also jenem gescheiterten Putschversuch der (damals illegalen) Nationalsozialisten von 1934, in dessen Verlauf Kanzler [[Engelbert Dollfuß]] ermordet wurde. Konkret schreibt Reiser in einem Lebenslauf, der einem mit [[21. Oktober]] [[1938]] datierten Fragebogen für den "Reichsnährstand" angefügt ist, er habe sich 1931 beim "Motorsturm der NSDAP" angemeldet und dann am Juliputsch beteiligt. | | Reisers Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus sind schon länger bekannt. Doch Anfang 2013 aufgetauchte Akten werfen ein ganz anderes Licht auf Salzburgs Volksmusikidol. Demnach war Reiser Überzeugungstäter - das geht aus dem Personalakt des "Reichsnährstandes" hervor, der im Bundesarchiv in Berlin lagert und auf den die Südtiroler Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer im Zuge von Recherchen gestoßen ist. Im Personalakt zu "Tobias Franz Reiser" antwortet der Gastwirtesohn auf die Frage, ob er sich "kämpferisch" betätigt habe, mit: "beim [[Juliputsch]]" - also jenem gescheiterten Putschversuch der (damals illegalen) Nationalsozialisten von 1934, in dessen Verlauf Kanzler [[Engelbert Dollfuß]] ermordet wurde. Konkret schreibt Reiser in einem Lebenslauf, der einem mit [[21. Oktober]] [[1938]] datierten Fragebogen für den "Reichsnährstand" angefügt ist, er habe sich 1931 beim "Motorsturm der NSDAP" angemeldet und dann am Juliputsch beteiligt. |
| Zeile 43: |
Zeile 44: |
| | | | |
| | Der Salzburger Historiker Gert Kerschbaumer hat den Verlauf des [[Juliputsch]]es in [[Lamprechtshausen]], [[Seekirchen am Wallersee|Seekirchen]] und [[Liefering]] erforscht. Auf Reisers Name sei er aber nicht gestoßen. "''Wäre er namhaft geworden, hätte er mit Sicherheit ein Verfahren gehabt. Er taucht aber nirgendwo als Aktivist auf.''" Ähnlich wie der Reiser-Kenner Karl Müller glaubt auch Historiker Kerschbaumer, dass Reiser mit der Juliputsch-Version nur Eindruck beim NS-Regime schinden wollte. Einen Reiser-Preis sollte man dennoch nicht mehr verleihen, sagt Kerschbaumer: "''Reiser ist jedenfalls kein Vorbild.''" | | Der Salzburger Historiker Gert Kerschbaumer hat den Verlauf des [[Juliputsch]]es in [[Lamprechtshausen]], [[Seekirchen am Wallersee|Seekirchen]] und [[Liefering]] erforscht. Auf Reisers Name sei er aber nicht gestoßen. "''Wäre er namhaft geworden, hätte er mit Sicherheit ein Verfahren gehabt. Er taucht aber nirgendwo als Aktivist auf.''" Ähnlich wie der Reiser-Kenner Karl Müller glaubt auch Historiker Kerschbaumer, dass Reiser mit der Juliputsch-Version nur Eindruck beim NS-Regime schinden wollte. Einen Reiser-Preis sollte man dennoch nicht mehr verleihen, sagt Kerschbaumer: "''Reiser ist jedenfalls kein Vorbild.''" |
| | + | |
| | + | === 2020: Diskussion um die Straßenbenennung nach ihm === |
| | + | Seine nationalsozialistische Vergangenheit sorgte um [[2020]] für [[Der Stadt Salzburgs "braune" Straßennamen|Diskussion bezüglich der Straßenbenennung]] in der Stadt Salzburg. |
| | | | |
| | == Ehrungen == | | == Ehrungen == |
| | [[Datei:Tobi-Reiser-Straße.jpg|thumb|Tobi-Reiser-Straße in Salzburg-Maxglan; Bild vom Beginn beim [[Haslbergerweg]]]] | | [[Datei:Tobi-Reiser-Straße.jpg|thumb|Tobi-Reiser-Straße in Salzburg-Maxglan; Bild vom Beginn beim [[Haslbergerweg]]]] |
| − | Nach ihm sind der [[Tobi-Reiser-Preis]], der vom [[Verein der Freunde des Salzburger Adventsingens]] seit [[1992]] vergeben wird und die [[Tobi-Reiser-Straße]] im [[Salzburg]]er Stadtteil [[Maxglan]] benannt worden. Der Musikant Reiser wird im [[Monatsschlössl]] in [[Hellbrunn]] als "Salzburgs berühmtester Volksmusikant des 20. Jahrhunderts" gefeiert. | + | Nach ihm sind der [[Tobi-Reiser-Preis]], der vom [[Verein der Freunde des Salzburger Adventsingens]] seit [[1992]] vergeben wird und die [[Tobi-Reiser-Straße]] im [[Salzburg]]er Stadtteil [[Maxglan]] benannt worden. Der Musikant Reiser wird im [[Monatsschlössl]] in [[Hellbrunn]] als "''Salzburgs berühmtester Volksmusikant des 20. Jahrhunderts''" gefeiert. |
| | | | |
| | ==Quellen== | | ==Quellen== |