Clemens Maria Hutter: Unterschied zwischen den Versionen
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[[1982]] René-Marcic-Preis als Leiter des außenpolitischen Ressorts der Salzburger Nachrichten mit dem René-Marcic-Preis des [[Land Salzburg|Landes Salzburg]] ausgezeichnet. | [[1982]] René-Marcic-Preis als Leiter des außenpolitischen Ressorts der Salzburger Nachrichten mit dem René-Marcic-Preis des [[Land Salzburg|Landes Salzburg]] ausgezeichnet. | ||
[[1989]] Konrad Lorenz Preis gemeinsam mit Peter Hasslacher, Peter Nindl, Organisatoren und Referenten des Symposiums | [[1989]] Konrad Lorenz Preis gemeinsam mit Peter Hasslacher, Peter Nindl, Organisatoren und Referenten des Symposiums "Transitland Österreich am Beispiel Pyhrn-Autobahn | ||
== Lebensgeschichte == | == Lebensgeschichte == | ||
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mir etwas sehr Scheußliches vorgestellt. Ich kannte den Begriff bisher | mir etwas sehr Scheußliches vorgestellt. Ich kannte den Begriff bisher | ||
nur aus der Bibel. Der Moment der Erschütterung war bei mir aber sehr | nur aus der Bibel. Der Moment der Erschütterung war bei mir aber sehr | ||
kurz. Damals ist für mich auch der Begriff | kurz. Damals ist für mich auch der Begriff "Nazi" aufgetaucht. Ich erhielt | ||
den Eindruck, dass die Nazis all das bekämpfen, was für uns wichtig | den Eindruck, dass die Nazis all das bekämpfen, was für uns wichtig | ||
war, insbesondere unseren Glauben. Die wenig zimperlichen Praktiken | war, insbesondere unseren Glauben. Die wenig zimperlichen Praktiken | ||
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hören waren, gingen Fenster auf, und oft wurde ein in Papier gewickeltes | hören waren, gingen Fenster auf, und oft wurde ein in Papier gewickeltes | ||
Zehngroschenstück hinausgeworfen. Die Geigenspieler fiedelten mit | Zehngroschenstück hinausgeworfen. Die Geigenspieler fiedelten mit | ||
Vorliebe das Lied | Vorliebe das Lied "Mei Muata war a Weanerin". | ||
1936 trat ich in die Volksschule Nonntal ein. Von der Brunnhausgasse | 1936 trat ich in die Volksschule Nonntal ein. Von der Brunnhausgasse | ||
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Hakenkreuzfahne geschmückt waren. Umgekehrt gab es 1945 kaum ein | Hakenkreuzfahne geschmückt waren. Umgekehrt gab es 1945 kaum ein | ||
Fenster ohne weiße Fahne. Wir wohnten im höchst gelegenen Haus an | Fenster ohne weiße Fahne. Wir wohnten im höchst gelegenen Haus an | ||
der [[Brunnhausgasse]], dem sogenannten | der [[Brunnhausgasse]], dem sogenannten "Beamtenhaus". Dort zweigte | ||
die Privatstraße zur [[Villa Warsberg]] ab, die sogleich als Residenz für den | die Privatstraße zur [[Villa Warsberg]] ab, die sogleich als Residenz für den | ||
Gauleiter beschlagnahmt wurde. Mein Vater wurde wegen seiner Gesinnung | Gauleiter beschlagnahmt wurde. Mein Vater wurde wegen seiner Gesinnung | ||
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lassen und dort durften die Leute aus der nächsten Umgebung auch | lassen und dort durften die Leute aus der nächsten Umgebung auch | ||
Schutz suchen. Weil ich mit vierzehn Jahren der älteste Bub war, wurde | Schutz suchen. Weil ich mit vierzehn Jahren der älteste Bub war, wurde | ||
ich zum | ich zum "Melder" ernannt. Sonst gab es nur mehr Männer über sechzig. | ||
Ich erhielt eine blaue Armbinde mit einem weißen | Ich erhielt eine blaue Armbinde mit einem weißen "M". Meine Aufgabe | ||
war es, nach einem Bombenangriff zu schauen, was passiert ist und - | war es, nach einem Bombenangriff zu schauen, was passiert ist und - | ||
für den Fall, dass es keine technische Verbindung gab - entsprechende | für den Fall, dass es keine technische Verbindung gab - entsprechende | ||
Nachrichten zu überbringen. Einmal hieß es, in der Altstadt habe es viele | Nachrichten zu überbringen. Einmal hieß es, in der Altstadt habe es viele | ||
Bombentreffer gegeben. Ich bin über das | Bombentreffer gegeben. Ich bin über das "Bürgermeisterloch" und das | ||
"Schartentor" zur Mittelstation der Festungsbahn gehastet, und da sah | |||
ich, dass die Domkuppel weg war. Ich war entsetzt, dass man eine Kirche | ich, dass die Domkuppel weg war. Ich war entsetzt, dass man eine Kirche | ||
bombardiert hatte. Damals wusste ich nicht, dass sich daneben die Telegrafenzentrale | bombardiert hatte. Damals wusste ich nicht, dass sich daneben die Telegrafenzentrale | ||
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Der Gauleiter ließ sich bei Fliegeralarm immer aus der Stadt herausfahren, | Der Gauleiter ließ sich bei Fliegeralarm immer aus der Stadt herausfahren, | ||
weil er hier auch seine Kommandozentrale hatte. Er grüßte alle | weil er hier auch seine Kommandozentrale hatte. Er grüßte alle | ||
Leute mit | Leute mit "Heil Hitler" und wurde ebenso zurückgegrüßt. Mit einer Ausnahme: | ||
Meine Mutter erwiderte seinen Gruß geradezu provokant mit | Meine Mutter erwiderte seinen Gruß geradezu provokant mit | ||
"Grüß Gott“ Bei einem der letzten Bombenangriffe war sie fast erheitert | |||
und erzählte mir, dass sie wieder gegrüßt hätte:,,Grüß. Gott, Herr Gauleiter!'' | und erzählte mir, dass sie wieder gegrüßt hätte:,,Grüß. Gott, Herr Gauleiter!'' | ||
Daraufhin habe er auch zurückgegrüßt:,,Grüß. Gott!"· | Daraufhin habe er auch zurückgegrüßt:,,Grüß. Gott!"· | ||
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hatten ihre Augen und Ohren überall. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen | hatten ihre Augen und Ohren überall. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen | ||
habe, war:,,Mund halten! Mund halten! Mund halten!" Denn | habe, war:,,Mund halten! Mund halten! Mund halten!" Denn | ||
das Spitzelsystem der Blockwarte und Gestapo hatte zum Ziel, den | das Spitzelsystem der Blockwarte und Gestapo hatte zum Ziel, den "Kitt" | ||
einer Gesellschaft, ein gewisses Urvertrauen zum Nächsten, aufzulösen | einer Gesellschaft, ein gewisses Urvertrauen zum Nächsten, aufzulösen | ||
und durch Misstrauen zu ersetzen. Das machte Verschwörungen gegen | und durch Misstrauen zu ersetzen. Das machte Verschwörungen gegen | ||
| Zeile 138: | Zeile 138: | ||
dass die Frontverläufe zu den offiziellen Angaben um bis zu 200 km divergierten. | dass die Frontverläufe zu den offiziellen Angaben um bis zu 200 km divergierten. | ||
Mein Onkel meinte, das sei völlig klar, weil man offiziell nur | Mein Onkel meinte, das sei völlig klar, weil man offiziell nur | ||
das hörte, was der | das hörte, was der "Klumpfuss", gemeint war Goebbels, vorgab. Auch | ||
meine Großmutter in Bruck besaß ein Radio, einen | meine Großmutter in Bruck besaß ein Radio, einen "Volksempfänger". | ||
Sie erlaubte mir das Gerät einzuschalten. Ich hatte von meinem Onkel | Sie erlaubte mir das Gerät einzuschalten. Ich hatte von meinem Onkel | ||
schon Erfahrung und drehte an den Knöpfen herum, um auf BBC oder | schon Erfahrung und drehte an den Knöpfen herum, um auf BBC oder | ||
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ist das Ergebnis klar. | ist das Ergebnis klar. | ||
Ich gehörte bis zum Alter von vierzehn Jahren zum | Ich gehörte bis zum Alter von vierzehn Jahren zum "Jungvolk". | ||
Trotz meiner fast exhibitionistisch praktizierten Religiosität genoss ich | Trotz meiner fast exhibitionistisch praktizierten Religiosität genoss ich | ||
dort Achtung, weil man mich in meiner Sportlichkeit brauchte. So habe | dort Achtung, weil man mich in meiner Sportlichkeit brauchte. So habe | ||
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Gleich nach dem Krieg habe ich mich den Pfadfindern angeschlossen | Gleich nach dem Krieg habe ich mich den Pfadfindern angeschlossen | ||
Ich konnte daher den Unterschied zum | Ich konnte daher den Unterschied zum "Jungvolk" der Nazis sehr gut | ||
einschätzen: Bei den Pfadfindern war die freie Entfaltung möglich, | einschätzen: Bei den Pfadfindern war die freie Entfaltung möglich, | ||
beim Jungvolk handelte es sich um bewusste Manipulation. Ich habe die | beim Jungvolk handelte es sich um bewusste Manipulation. Ich habe die | ||
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hat mir später sehr viel gebracht. | hat mir später sehr viel gebracht. | ||
Germanistik habe ich nach drei Semestern | Germanistik habe ich nach drei Semestern "geschmissen" (aufgegeben). | ||
Anlass war eine Seminararbeit über das althochdeutsche | Anlass war eine Seminararbeit über das althochdeutsche "sunu fatarungo" | ||
aus dem Hildebrandslied. Nachdem ich mich durch die Arbeit | aus dem Hildebrandslied. Nachdem ich mich durch die Arbeit | ||
durchgewürgt hatte, ist mir klar geworden:,,Wozu brauche ich diesen | durchgewürgt hatte, ist mir klar geworden:,,Wozu brauche ich diesen | ||
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meinem Herkommen war groß. Ich habe es damals leider verabsäumt, | meinem Herkommen war groß. Ich habe es damals leider verabsäumt, | ||
Arabisch zu lernen. Gut in Erinnerung ist mir noch die Handbewegung | Arabisch zu lernen. Gut in Erinnerung ist mir noch die Handbewegung | ||
für | für "Schwei, schwei" (Zeit lassen), oder andrerseits "yalla, yalla" (Mach | ||
schon, tu weiter). | schon, tu weiter). | ||
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eines der ersten Versuchskaninchen von Prof. Kruckenhauser dafür gewesen | eines der ersten Versuchskaninchen von Prof. Kruckenhauser dafür gewesen | ||
war. Am Tag nach Erscheinen rief mich ein Herr [[Wolfgang Schaffler|Schaffler]] vom | war. Am Tag nach Erscheinen rief mich ein Herr [[Wolfgang Schaffler|Schaffler]] vom | ||
[[Residenz Verlag]] an, der meinte, das sei eine | [[Residenz Verlag]] an, der meinte, das sei eine "klasse" Geschichte, da sollte | ||
man ein Buch daraus machen. Bei einem Abendessen klärte er mich auf, | man ein Buch daraus machen. Bei einem Abendessen klärte er mich auf, | ||
wie so ein Buch aussehen könnte. Nach dieser einen Stunde kam ich mir | wie so ein Buch aussehen könnte. Nach dieser einen Stunde kam ich mir | ||
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Beim Schifahren am Arlberg traf ich dann das für mich ideale | Beim Schifahren am Arlberg traf ich dann das für mich ideale | ||
"Schihaserl" aus Köln und verliebte mich. | |||
[[Datei:Marietheres Hutter (geb. Haupt).jpg|mini|Marietheres Hutter, geborene Haupt]] | [[Datei:Marietheres Hutter (geb. Haupt).jpg|mini|Marietheres Hutter, geborene Haupt]] | ||
Beim Sandwirt von Andreas | Beim Sandwirt von Andreas | ||
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Routinearbeiten laufend in die Quere kommen. Meine sportlichen Ambitionen | Routinearbeiten laufend in die Quere kommen. Meine sportlichen Ambitionen | ||
haben durch den Alterungsprozess natürlich Einschränkungen | haben durch den Alterungsprozess natürlich Einschränkungen | ||
erfahren. In Amerika stieß ich das erste Mal auf den Begriff | erfahren. In Amerika stieß ich das erste Mal auf den Begriff "Joggen". | ||
Damit war das Warm laufen vor einem sportlichen Wettbewerb gemeint. | Damit war das Warm laufen vor einem sportlichen Wettbewerb gemeint. | ||
Bei uns hieß das damals noch Wald- oder Morgenlauf. In den ersten | Bei uns hieß das damals noch Wald- oder Morgenlauf. In den ersten | ||
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waren sie schon im Bett. Die gemeinsamen Zeiten beschränkten | waren sie schon im Bett. Die gemeinsamen Zeiten beschränkten | ||
sich daher auf das Wochenende. Da war es gut, dass meine Frau als | sich daher auf das Wochenende. Da war es gut, dass meine Frau als | ||
"Nur-Hausfrau" die Familien-Managerin war. Sie hat die Buben erzogen | |||
und mir damit den Rücken freigehalten. | und mir damit den Rücken freigehalten. | ||
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sich. Meine Frau stammte aus Köln. Sie hat sich sofort in Salzburg eingewöhnt. | sich. Meine Frau stammte aus Köln. Sie hat sich sofort in Salzburg eingewöhnt. | ||
Es dauerte nicht lange, etwa vier bis fünf Jahre, dass sie nie | Es dauerte nicht lange, etwa vier bis fünf Jahre, dass sie nie | ||
wieder nach Köln zurückwollte. Die | wieder nach Köln zurückwollte. Die "Kölsche" Mundart hörte man ihr | ||
zwar immer an, aber das war Teil ihrer Identität und war gut so. | zwar immer an, aber das war Teil ihrer Identität und war gut so. | ||
Im Sommer unternahm ich die Bergtouren, bei denen meine Frau immer | Im Sommer unternahm ich die Bergtouren, bei denen meine Frau immer | ||