Clemens Maria Hutter: Unterschied zwischen den Versionen
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[[1982]] wurde Clemens M. Hutter als Leiter des außenpolitischen Ressorts der Salzburger Nachrichten mit dem René-Marcic-Preis des [[Land Salzburg|Landes Salzburg]] ausgezeichnet. | [[1982]] wurde Clemens M. Hutter als Leiter des außenpolitischen Ressorts der Salzburger Nachrichten mit dem René-Marcic-Preis des [[Land Salzburg|Landes Salzburg]] ausgezeichnet. | ||
Lebensgeschichte von Clemens M. Hutter, aus "Das war unser Zeit in der Stadt Salzburg..." | |||
Dr. Clemens M. Hutter | |||
geboren am 8. August 1930 | |||
in Innsbruck | |||
,,Bleib gesund und neugierig!" | |||
Meine Eltern sind kurz nach meiner Geburt | |||
mit mir nach Salzburg übersiedelt | |||
Sie zogen in ein Haus der Brunnhausgasse. Mein Vater arbeitete für die Salzburger Landesregierung. Mir ist in Erinnerung, dass er nach dem | |||
Krieg unter anderem die fehlerhaften Verträge für die agrarischen Kleinseilbahnen, | |||
die während der Nazizeit abgeschlossen worden waren, zu | |||
erneuern hatte. | |||
Meine Kindheit verlief - entsprechend den turbulenten Zeiten - spannend. | |||
Ich habe selten anderen Kindern etwas geneidet, obwohl ich - und | |||
ebenso die anderen - damals bei weitem nicht das bekommen haben, was | |||
wir uns gewünscht hätten. Der Horizont unserer Wünsche war ohnehin | |||
sehr bescheiden, weil wir nicht viel kannten. Einen Roller zu haben, war | |||
schon etwas Besonderes. Dabei war ich auch mit einem zufrieden, der | |||
keine aufblasbaren Reifen hatte. Die Brunnhausgasse war damals noch | |||
geschottert. Das heißt, es ging mit oder ohne Lufträder schlecht mit dem | |||
Roller zu fahren. | |||
Politik hat mich als Kind nicht interessiert. Trotzdem habe ich die Ermordung | |||
von Engelbert Dollfuß mitbekommen. Ich war zwar erst vier | |||
Jahre alt und hatte von ihm schon gehört, der für mich gleich nach dem | |||
lieben Gott einzuordnen war. Mein Vater kam eines Tages nach Hause | |||
und berichtete, dass Dollfuss ermordet worden sei. Unter Mord habe ich | |||
mir etwas sehr Scheußliches vorgestellt. Ich kannte den Begriff bisher | |||
nur aus der Bibel. Der Moment der Erschütterung war bei mir aber sehr | |||
kurz. Damals ist für mich auch der Begriff „Nazi" aufgetaucht. Ich erhielt | |||
den Eindruck, dass die Nazis all das bekämpfen, was für uns wichtig | |||
war, insbesondere unseren Glauben. Die wenig zimperlichen Praktiken | |||
der Heimwehr waren mir nicht bekannt. 1933 hatten wir in Österreich | |||
eine Arbeitslosenrate von 26 O/oA. ußerdem waren weniger als 10 O/oF rauen | |||
- abgesehen von Bäuerinnen - in den beruflichen Arbeitsprozess integriert. | |||
Bis 1938 hat sich das nur wenig gebessert. Das heißt, wenn der | |||
Familienvater die Arbeit verloren hatte, hing die gesamte Familie in der | |||
Luft. So kann ich mich noch an viele Bettler erinnern, die unter unseren | |||
Fenstern vorbeizogen. Viele von ihnen hatten ein Musikinstrument dabei, | |||
auf dem sie einfache Lieder spielten. Wenn diese auf der Straße zu | |||
hören waren, gingen Fenster auf, und oft wurde ein in Papier gewickeltes | |||
Zehngroschenstück hinausgeworfen. Die Geigenspieler fiedelten mit | |||
Vorliebe das Lied „Mei Muata war a Weanerin". | |||
1936 trat ich in die Volksschule Nonntal ein. Von der Brunnhausgasse | |||
zur Volksschule ging es immer leicht bergab, was bedeutete, dass der | |||
Rückweg stetig bergauf führte. Das war insbesondere zur Zeit der Mittagshitze | |||
mühsam. Meine Familie war streng katholisch. Ich wurde schon | |||
mit sieben Jahren Ministrant und habe jeden Tag um halb sieben in der | |||
Früh in Nonntal ministriert. Ich bekam immer ein Frühstück mit, das ich | |||
im Pfarrhof zu mir nahm. Von dort ging es direkt in die Schule. Diese | |||
Gewohnheit behielt ich bis zur Matura bei. Während der Nazizeit war das | |||
für mich eine Form des Exhibitionismus:“Ich trau mir des, ich tue des!" | |||
Ich hatte in der Volksschule in Lesen und Schreiben immer schlechte | |||
Noten. Ständig sagte man mir:,,Du musst mehr üben! Du musst fleißiger | |||
sein!" Damals kannte man Legasthenie nicht, unter der ich auch heute | |||
teilweise noch leide. So bestand der Alltag für mich darin, meine Aufgaben | |||
zu machen und möglichst viel Zeit zum Spielen zu haben. Ich lebte in | |||
einer Gegend mit sehr vielen Kindern, und in unseren diversen Gruppen | |||
ging es immer hoch her. | |||
Ich erinnere mich lebhaft an den 12. oder 13. März, | |||
wie deutsche Truppen durch unsere Gasse marschierten | |||
Ich war verblüfft, dass fast alle Fenster in der ganzen Gasse mit der | |||
Hakenkreuzfahne geschmückt waren. Umgekehrt gab es 1945 kaum ein | |||
Fenster ohne weiße Fahne. Wir wohnten im höchst gelegenen Haus an | |||
der Brunnhausgasse, dem sogenannten „Beamtenhaus". Dort zweigte | |||
die Privatstraße zur Villa Warsberg ab, die sogleich als Residenz für den | |||
Gauleiter beschlagnahmt wurde. Mein Vater wurde wegen seiner Gesinnung | |||
nach Erfurt strafversetzt. Meine Eltern waren sich einig, dass die | |||
Familie nicht mit übersiedeln sollte. Das war, wie sich im Nachhinein | |||
herausgestellt hat, ein wahres Glück. Denn sonst wäre ich in der DDR | |||
aufgewachsen. Eineinhalb Jahre später begann der Krieg, und Vater | |||
musste einrücken. | |||
Nach dem Beginn der Luftangriffe auf Salzburg im Oktober 1944 standen | |||
im Keller immer zwei Koffer mit dem Nötigsten gepackt. Bei Fliegeralarm | |||
luden wir diese Koffer auf ein kleines Leiterwagerl und hasteten | |||
auf der Privatstraße hinauf zum Warsberg. Der Gauleiter hatte nämlich | |||
hinter der Villa einen Luftschutzstollen unter die Richterhöhe graben | |||
lassen und dort durften die Leute aus der nächsten Umgebung auch | |||
Schutz suchen. Weil ich mit vierzehn Jahren der älteste Bub war, wurde | |||
ich zum „Melder" ernannt. Sonst gab es nur mehr Männer über sechzig. | |||
Ich erhielt eine blaue Armbinde mit einem weißen „M". Meine Aufgabe | |||
war es, nach einem Bombenangriff zu schauen, was passiert ist und - | |||
für den Fall, dass es keine technische Verbindung gab - entsprechende | |||
Nachrichten zu überbringen. Einmal hieß es, in der Altstadt habe es viele | |||
Bombentreffer gegeben. Ich bin über das „Bürgermeisterloch" und das | |||
„Sehartentor" zur Mittelstation der Festungsbahn gehastet, und da sah | |||
ich, dass die Domkuppel weg war. Ich war entsetzt, dass man eine Kirche | |||
bombardiert hatte. Damals wusste ich nicht, dass sich daneben die Telegrafenzentrale | |||
befand, die wahrscheinlich getroffen werden sollte. Auf | |||
unserer Seite des Mönchsbergs sind wir glimpflich davongekommen. Es | |||
gab nur ein paar Krater in den Wiesen und einen Treffer im Weiher | |||
der Villa Bertha. Davon profitierten wir insofern, weil das Wasser beim | |||
Schwimmen nun tiefer geworden war und wir kaum mehr von Schlingpflanzen | |||
behindert wurden. | |||
;·,' | |||
Der Gauleiter ließ sich bei Fliegeralarm immer aus der Stadt herausfahren, | |||
weil er hier auch seine Kommandozentrale hatte. Er grüßte alle | |||
Leute mit „Heil Hitler" und wurde ebenso zurückgegrü.t. Mit einer Ausnahme: | |||
Meine Mutter erwiderte seinen Gruß geradezu provokant mit | |||
„Grüß Gott“ Bei einem der letzten Bombenangriffe war sie fast erheitert | |||
und erzählte mir, dass sie wieder gegrüßt hätte:,,Grüß. Gott, Herr Gauleiter!'' | |||
Daraufhin habe er auch zurückgegrüßt:,,Grüß. Gott!"· | |||
Die gefährlichsten Leute im dritten Reich waren nicht die | |||
von der Gestapo, sondern die Blockwarte in den Städten | |||
Am Land funktionierte dieses Bespitzelungssystem nicht. Die Blockwarte | |||
hatten ihre Augen und Ohren überall. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen | |||
habe, war:,,Mund halten! Mund halten! Mund halten!" Denn | |||
das Spitzelsystem der Blockwarte und Gestapo hatte zum Ziel, den „Kitt" | |||
einer Gesellschaft, ein gewisses Urvertrauen zum Nächsten, aufzulösen | |||
und durch Misstrauen zu ersetzen. Das machte Verschwörungen gegen | |||
die Nazis hoch riskant und erklärt das Machtsystem totalitärer oder | |||
diktatorischer Herrschaft: struktureller Terror von oben. Ich habe einen | |||
meiner Onkel nach den militärischen Katastrophen von Stalingrad und | |||
EI Alamein ertappt, wie er den Feindsender BBC abgehört hatte. Das | |||
war bei meinem Großvater im Unterinntal, wo ich im Sommer immer | |||
zwei Monate verbringen durfte. Ich war hellauf begeistert. Der Onkel | |||
hatte an der Wohnzimmertür eine große Landkarte angeheftet, wo er | |||
mit Nadeln und Faden den aktuellen Frontverlauf markierte. Ich war | |||
immer schon sehr an Geografie interessiert. So konnte ich feststellen, | |||
dass die Frontverläufe zu den offiziellen Angaben um bis zu 200 km divergierten. | |||
Mein Onkel meinte, das sei völlig klar, weil man offiziell nur | |||
das hörte, was der „Klumpfuss", gemeint war Goebbels, vorgab. Auch | |||
meine Großmutter in Bruck besaß ein Radio, einen „Volksempfänger''. | |||
Sie erlaubte mir das Gerät einzuschalten. Ich hatte von meinem Onkel | |||
schon Erfahrung und drehte an den Knöpfen herum, um auf BBC oder | |||
Radio Beromünster zu stoßen: Da sagte meine Großmutter zu mir: ,,Da | |||
kanns't drehen, was du willst, du kriags't allweil nur Radio Salzburg." | |||
Da wurde mir als erst Dreizehnjährigem schlagartig klar, dass das Aus- | |||
maß und Qualität der Information von dem bestimmt wird, der an der | |||
Informations-Schleuse sitzt. | |||
Um mir klar zu machen, dass man ja nie darüber reden soll, hat mir der | |||
Onkel ein Beispiel erzählt: Ein Lehrer kam in eine Klasse und sprach über | |||
ein nettes Radioprogramm, fragte, wer das kennt und sang die Kennmelodie | |||
dieses Senders vor. Es handelte sich um die Kennmelodie von | |||
BBC. Drei Schüler zeigten auf. Am nächsten Tag tauchte die Gestapo | |||
bei diesen drei Familien auf. Das Hören eines Feindsenders an sich war | |||
ja noch nicht so gefährlich. Häufig kam man mit einer Beschlagnahme | |||
des Geräts und einer Verwarnung davon. Gefährlich war das Weitererzählen | |||
des Gehörten. Das wurde als Wehrkraftzersetzung gewertet und | |||
konnte mit dem Tod bestraft werden. Ich habe bei jeder Gelegenheit | |||
Feindsender gehört und kam mir schon wie eine Art Geheimnisträger | |||
vor. Ich konnte schon recht gut unterscheiden: Was ist Propaganda, was | |||
ist Hetze, was ist systematische Lügerei? Das hat mich für mein weiteres | |||
Leben geprägt, und nach diesen gewonnenen Erkenntnissen weiß ich | |||
auch heute noch mit Wahlpropaganda umzugehen. | |||
Seit der Universität hat mich das Thema Totalitarismus sehr beschäftigt. | |||
So war etwa am Beispiel Lenin zu sehen, wie Agitation und Propaganda | |||
funktionieren: Man zimmert sich eine Ideologie zurecht und baut dann | |||
dazu einen Kontroll-, sprich Terrorapparat auf. Im Dritten Reich war | |||
es ja auch nicht anders. Etwa 300.000 Spione und Spitzel bezogen aus | |||
dieser Tätigkeit einen Nebenverdienst. So wusste niemand, wem man | |||
was sagen darf. Wenn Misstrauen und Propaganda zusammenkommen, | |||
ist das Ergebnis klar. | |||
Ich gehörte bis zum Alter von vierzehn Jahren zum „Jungvolk" | |||
Trotz meiner fast exhibitionistisch praktizierten Religiosität genoss ich | |||
dort Achtung, weil man mich in meiner Sportlichkeit brauchte. So habe | |||
ich bei diversen Wettkämpfen immer irgendwelche Nadeln gewonnen. | |||
Obwohl es dort recht lustig war, ließ ich mich aufgrund der Verankerung | |||
in meiner Familie und im Glauben nie vereinnahmen. | |||
Nach dem Einmarsch der Amerikaner kam nach wenigen Tagen ein Soldat | |||
zur Prüfung in unser Haus, ob es zur Unterbringung amerikanischer | |||
Soldaten geeignet sei. Die Amerikaner hatten nämlich die Villa Warsberg | |||
beschlagnahmt und zur Residenz des Generals gemacht. Und da brauchte | |||
es Wachmannschaften an der Abzweigung der Privatstraße hinauf. | |||
Wir waren zur damaligen Zeit an die zwanzig Kinder im Haus. Eine Dame | |||
im Haus sprach - mehr schlecht als recht - Englisch. Sie übersetzte uns | |||
dann, dass der Offizier gesagt habe, das seien zu viele Kinder. Sie würden | |||
sich etwas Anderes suchen. So blieben wir in unseren Wohnungen und | |||
freundeten uns sehr bald mit den Wachsoldaten an. Die waren immer | |||
freigebig mit Kaugummi oder Schokolade. Ich brauchte etwas ganz anderes, | |||
nämlich Pickzeug für das Fahrrad. Es war schon schwierig genug, | |||
dem Soldaten mit meinen mangelhaften Englischkenntnissen deutlich | |||
zu machen, was ich mir von ihm erhoffte. Als er es dann doch verstand, | |||
brachte er mir tatsächlich Pickzeug, allerdings für Autos. Mit entsprechender | |||
Bastelarbeit machte ich mein Fahrrad wieder fahrfähig. | |||
Gleich nach dem Krieg habe ich mich | |||
den Pfadfindern angeschlossen | |||
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Ich konnte daher den Unterschied zum „Jungvolk" der Nazis sehr gut | |||
einschätzen: Bei den Pfadfindern war die freie Entfaltung möglich, | |||
beim Jungvolk handelte es sich um bewusste Manipulation. Ich habe die | |||
Pfadfinderzeit sehr genossen. Wir hatten einen hervorragenden Führer, | |||
Axel Stachowitsch. Er gründete später das Werkschulheim Felbertal. Von | |||
den dort gelernten Regeln habe ich mir für mein ganzes weiteres Leben | |||
mitgenommen: Ein Pfadfinder tut seine Pflicht, macht nichts halb und | |||
verrichtet jeden Tag eine gute Tat. Dazu zählt sicher auch ein freundliches | |||
Wort. Als Legastheniker konnte ich schlecht lesen und schreiben, | |||
weshalb mir immer gepredigt wurde:,,Üb mehr!'' Das waren keine guten | |||
Voraussetzungen für mich im Staatsgymnasium. Besonders in Griechisch | |||
kam auch noch eine neue Schrift dazu. Ich war daher eher ein durchschnittlicher | |||
Schüler. Meine Eltern schickten mich deshalb zwei Jahre in | |||
die Hauptschule, weil sie mich nicht reif genug für das Gymnasium hielten. | |||
Aber das Problem war nicht meine Reife, sondern die Legasthenie. | |||
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Sie trauten mir nie zu, Latein zu schaffen, aber es ist schließlich doch | |||
gegangen. Dann sperrte 1946 das Borromäum (erzbischöfliches Gymnasium) | |||
wieder auf, und zu meinem Glück gab es auch eine fünfte Klasse. | |||
Wir waren nur zwölf Schüler da. Daher wurden wir intensiv betreut | |||
und kamen praktisch jede Stunde dran, und ich entwickelte mich vom | |||
durchschnittlichen zum Vorzugsschüler. So war die Schule kein Problem | |||
mehr für mich und ich hatte Zeit für den Sport. Ich ging damals schon | |||
gern auf den Berg, aber die Anreise war meist das große Problem. Deshalb | |||
war mein Aktionsradius sehr eingeschränkt. | |||
Ich maturierte 1950 und ging nach Innsbruck, um Sport und Germanistik zu studieren. | |||
In Sport war gleich am Ende des ersten Semesters ein Schikurs in St. | |||
Christoph am Arlberg zu machen. Mit einem Tiroler Freund waren wir | |||
uns einig, wir wollten in die Schilehrerausbildung kommen. Der Chef | |||
der Ausbildung am Arlberg war Prof. Kruckenhauser. Er fragte unseren | |||
Professor an der Uni, ob er jemand Geeigneten wüsste. Der nannte uns | |||
beide, Hoppichler und Hutter - meine Schikarriere begann. Das Schifahren | |||
hat mir später sehr viel gebracht. | |||
Germanistik habe ich nach drei Semestern „geschmissen" (aufgegeben). | |||
Anlass war eine Seminararbeit über das althochdeutsche „sunu fatarungo" | |||
aus dem Hildebrandslied. Nachdem ich mich durch die Arbeit | |||
durchgewürgt hatte, ist mir klar geworden:,,Wozu brauche ich diesen | |||
Quatsch?" Ich sattelte daher auf Philosophie um, das in den Anfängen | |||
auch Soziologie und Politikwissenschaften umfasste. Dann ging ich | |||
nach Graz. Zwischendurch bekam ich ein Stipendium für Amerika und | |||
wurde gefragt, wo ich hin möchte. Ich sagte dorthin, wo ich Schifahren | |||
kann. So kam ich nach Vermont im Nordosten der USA, wo es traumhafte | |||
Winter gibt. Mein Englisch war verheerend. Ich dachte mir, an der | |||
Uni werde ich sicher einen Englischkurs machen können. Es stellte sich | |||
heraus, dass unter den 2500 Studenten nur sieben Ausländer waren. | |||
An einen Englischkurs war also nicht zu denken. Da kam mir die Idee, | |||
Spanisch für Anfänger zu nehmen. Ich hatte ja Kenntnisse in Latein, | |||
Italienisch und ein wenig in Französisch. Ich kam im Kurs deshalb gut | |||
mit und habe vor allem damit besser Englisch gelernt. An der dortigen | |||
Universität fand ich gute Freunde, die mir den Tipp gaben, Schikurse | |||
abzuhalten. Ich verdiente so viel Geld damit, dass ich mir das erste Auto | |||
kaufen konnte. Die Fahrprüfung war kurz und einfach, ich hatte keine | |||
Ahnung, ob sich der Motor vorne oder hinten befand. Mit diesem | |||
Auto sind wir zu viert drei Monate durch die USA, Kanada und Mexico | |||
getourt. Hier kamen mir die beim Spanisch/Englischkurs erworbenen | |||
Kenntnisse sehr zugute. | |||
Zurück in Europa verschlug es mich nach Wien. Im Winter habe ich mir | |||
als Schilehrer in einer Schischule Geld verdient. In der Mittagspause | |||
unterrichtete ich die Frau eines deutschen Industriellen privat. Als ich | |||
ihr von meiner USA-Zeit erzählte, fragte sie mich, ob ich wieder einmal | |||
ins Ausland wolle. Ich bejahte begeistert. Sie schickte mich schon am | |||
nächsten Tag nach Zürs in das Hotel Edelweiß zu einem Monsieur Ketani | |||
aus dem Libanon. Er suchte einen für den Libanon. | |||
So war ich zwei Winter im Libanon Schilehrer | |||
Hier lernte ich viel über den Nahen Osten nach dem Zusammenbruch | |||
des Osmanischen Reichs. Wir haben hier ja nicht viel mehr über diese | |||
Region mitbekommen als die Gründung Israels und die Konflikte mit den | |||
Arabern. Damals wurde auch mein Interesse am Islam geweckt und ich | |||
begriff die Wurzeln des Nahost-Konflikts. Im Libanon hatte ich den Chef | |||
der Air France für den Nahen Osten jedes Wochenende als Schischüler. | |||
Der machte mich aufmerksam, dass ich aus meinem Flugticket nach | |||
Wien viel mehr herausholen könne. So kam ich einmal über Amman , | |||
Kairo und Rom nach Wien und ein anderes Mal ähnlich im Mittelmeerraum | |||
herum. Meine angeborene Neugierde brachte mich zum Beispiel | |||
auch zur Felsenstadt Petra im südlichen Jordanien, die damals noch | |||
fast unbekannt war. Durch einen einheimischen Taxifahrer konnte ich | |||
mich ganz alleine in Petra aufhalten mit 200 Schafen samt zwei Hirten. | |||
Ein einzigartiges Erlebnis! Und Schotterstraßen von einem Wadi | |||
zum nächsten in schier endloser Folge. Wir stießen immer wieder auf | |||
Beduinenzelte, bei denen mein Fahrer gerne stehen blieb. Dort erfuhr | |||
ich, was arabische Gastfreundschaft heißt. Die Beduinen hatten noch | |||
nicht viele Ausländer gesehen, begrüßten mich sofort freudig und boten | |||
Tee oder Kaffee und etwas zu essen an. Das Interesse an mir und | |||
meinem Herkommen war groß. Ich habe es damals leider verabsäumt, | |||
Arabisch zu lernen. Gut in Erinnerung ist mir noch die Handbewegung | |||
für „Schwei, schwei" (Zeit lassen), oder andrerseits „yalla, yalla" (Mach | |||
schon, tu weiter). | |||
Durch einen Zufall kam ich zu den Salzburger Nachrichten, | |||
nachdem ich mein Studium in Graz abgeschlossen hatte | |||
Ich schrieb einen Artikel zur neuen Schitechnik, dem Wedeln, da ich | |||
eines der ersten Versuchskaninchen von Prof. Kruckenhauser dafür gewesen | |||
war. Am Tag nach Erscheinen rief mich ein Herr Schaffler vom | |||
Residenz Verlag an, der meinte, das sei eine „klasse" Geschichte, da sollte | |||
man ein Buch daraus machen. Bei einem Abendessen klärte er mich auf, | |||
wie so ein Buch aussehen könnte. Nach dieser einen Stunde kam ich mir | |||
schon vor wie der geborene Literat. So entstand das Buch übers Wedeln | |||
und war das erste Buch des Residenz Verlags und gleichzeitig mein erstes. | |||
Ein Exemplar gelangte auch in die USA. Von dort erreichte mich eine | |||
Einladung. Beim Schifahren am Arlberg traf ich dann das für mich ideale | |||
„Schihaserl" aus Köln und verliebte mich. Beim Sandwirt von Andreas | |||
Hofer in Südtirol fiel bei Käse und Wein unsere Entscheidung:,,Wir gehen | |||
nach Amerika!"Vorher heirateten wir. Meine Frau brachte einen VW | |||
in die Ehe mit. Diesen überführten wir per Schiff in die USA. Drei Winter | |||
arbeitete ich dort. Die übrige Zeit sahen wir uns Amerika an. So schaffte | |||
unser VW Käfer die 18.000 km nach Buenos Aires. | |||
1961 kehrten wir nach Salzburg zurück, und ich konnte wieder bei den | |||
Salzburger Nachrichten beginnen. In den eineinhalb Jahren vor dem USA | |||
Aufenthalt war ich nur ein besserer Lehrbub gewesen. Aber jetzt kamen | |||
mir meine Kenntnisse und Erfahrungen aus Süd- und Nordamerika und | |||
dem Orient sehr zugute. So machte mir die Arbeit im Ressort Außenpolitik | |||
große Freude. Die heiklen Themen der Innenpolitik konnte ich mir | |||
ersparen. Die Kluft zwischen hochindustrialisierten und armen Ländern | |||
bot auch so genug Sprengstoff. Einmal erhielt ich eine Einladung nach | |||
Südafrika: Ich tourte vier Monate durch ganz Afrika, wobei ich mir nach | |||
meinen Interessen Kultur, Zivilisation und Volkskunde die einzelnen Stationen | |||
genau aussuchte. Mit diesen Erfahrungen und meiner Ambition, | |||
vor dem Totalitarismus zu warnen, hielt ich es in der Zeitung so: ,,Lasst | |||
mich in Ruhe arbeiten und redet mir nicht drein!" | |||
Ich bin mit fünfundsechzig in Pension gegangen | |||
Das genieße ich sehr, weil ich systematisch arbeiten kann, ohne dass mir | |||
Routinearbeiten laufend in die Quere kommen. Meine sportlichen Ambitionen | |||
haben durch den Alterungsprozess natürlich Einschränkungen | |||
erfahren. In Amerika stieß ich das erste Mal auf den Begriff „Joggen". | |||
Damit war das Warm laufen vor einem sportlichen Wettbewerb gemeint. | |||
Bei uns hieß das damals noch Wald- oder Morgenlauf. In den ersten | |||
harten Arbeitsjahren war es mir ein Bedürfnis, täglich Bewegung zu machen. | |||
So bin ich aufs Laufen gekommen und jeden Tag in der Früh fünf | |||
bis zehn Kilometer gejoggt. Die kürzere Strecke bei schlechtem Wetter, | |||
aber eisern täglich. Am Samstag und Sonntag stand jeweils eine Bergtour | |||
am Programm. Der Beruf war dafür ideal, weil der Arbeitsbeginn | |||
um halb zwei am Nachmittag genug Zeit bot. Der Nachteil war, dass ich | |||
meine Kinder an normalen Tagen kaum gesehen habe. Wenn sie von der | |||
Schule heimkamen, musste ich zur Arbeit. Wenn ich am Abend heimkam, | |||
waren sie schon im Bett. Die gemeinsamen Zeiten beschränkten | |||
sich daher auf das Wochenende. Da war es gut, dass meine Frau als | |||
„Nur-Hausfrau" die Familien-Managerin war. Sie hat die Buben erzogen | |||
und mir damit den Rücken freigehalten. Es gab nie größere Differenzen | |||
und die Dauer der Ehe von sechsundfünfzig Jahren spricht ja auch für | |||
sich. Meine Frau stammte aus Köln. Sie hat sich sofort in Salzburg eingewöhnt. | |||
Es dauerte nicht lange, etwa vier bis fünf Jahre, dass sie nie | |||
wieder nach Köln zurückwollte. Die „Kölsche" Mundart hörte man ihr | |||
zwar immer an, aber das war Teil ihrer Identität und war gut so. | |||
Im Sommer unternahm ich die Bergtouren, bei denen meine Frau immer | |||
mitgegangen ist und im Winter die Schitouren. Wir verbrachten | |||
Bergurlaube in den Dolomiten, den Ötztaler Alpen usw. Meine Gattin | |||
verfügte immer über eine gigantische Konstitution, was ich nur durch eine | |||
gute Kondition wettmachen konnte. Vor fünf Jahren fuhr ich bei einer | |||
Schitour im Lungau einen Hang im wunderschönen Pulverschnee ab. | |||
Ich übersah eine kleine Rinne und baute einen fürchterlichen Sturz. | |||
Das war der Anlass, die Schier an den berühmten Nagel zu hängen. Die | |||
Ausdauerfähigkeit nimmt von den körperlichen Fähigkeiten im Alter | |||
am langsamsten ab, wenn man sie pflegt. Die Früchte eines Jahrzehnte | |||
lang gepflegten Trainings kann man dann reichlich genießen. Wenn | |||
annähernd Gleichaltrige einen runden Geburtstag feiern, lautet mein | |||
Wunsch:,,Bleib gesund und neugierig!" Also nicht herumsitzen und | |||
,,sumpern", sondern Augen auf und schauen, etwas Gescheites lesen, selektiv | |||
Fernsehen. Es gibt zwei Dinge, die unstillbar sind: die Gier und das | |||
Gehirn. Das Gehirn sucht doch dauernd was zum Fressen. Wenn ich ihm | |||
nichts liefere, kommt die Langeweile und in weiterer Folge vielleicht der | |||
Trübsinn. | |||
Ende 2016 (korr. Jörg Hutter 24.Juni 2014) ist meine Frau verstorben. Ich bemühe mich das rational zu | |||
erfassen, denn jede Geburt ist doch ein Todesurteil mit verzögerter Vollstreckung. | |||
Ich bin jetzt sechsundachtzig, habe viel Vergangenheit und | |||
wenig Zukunft. Klar, dass man in diesen umfangreichen Erinnerungen | |||
gerne wühlt. Aber es hat überhaupt keinen Sinn, sich mit der Vergangenheit | |||
zu sehr zu beschäftigen, denn ich kann überhaupt nichts mehr | |||
an ihr verändern. | |||
== Werke == | == Werke == | ||
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* ''[[Augen auf]]. Wegweiser für Neugierige.'', Verlag Anton Pustet, 2015, ISBN 978-3-7025-0774-9 | * ''[[Augen auf]]. Wegweiser für Neugierige.'', Verlag Anton Pustet, 2015, ISBN 978-3-7025-0774-9 | ||
* ''[[Großglockner Saumpfad Römerweg Hochalpenstraße]]'', mit [[Lothar Beckel]], [[Residenz Verlag]], 1995, ISBN 3-7017-0395-7 | * ''[[Großglockner Saumpfad Römerweg Hochalpenstraße]]'', mit [[Lothar Beckel]], [[Residenz Verlag]], 1995, ISBN 3-7017-0395-7 | ||
* ''[['Das war unsere Zeit!' - Band 6 Eine Generation in der Stadt Salzburg erinnert sich .........]]'' 2017, ISBN 978-3-902932-27-3 | |||
== Quellen == | == Quellen == | ||