Betteln: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Betteln''' bedeutet ursprünglich 'wiederholt bitten', gewöhnlich um Almosen<ref>Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, dtv, 8. Auflage 2005: 128.</ref>. Betteln ist in [[Stadt Salzburg|Stadt]] und [[Land Salzburg]] von jeher ein Thema und hat [[2012]] einen neuerlichen Diskussionhöhepunkt erlebt.
'''Betteln''' bedeutet ursprünglich 'wiederholt bitten', gewöhnlich um Almosen<ref>Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, dtv, 8. Auflage 2005: 128.</ref>. Betteln ist in [[Stadt Salzburg|Stadt]] und [[Salzburg (Bundesland)|Land Salzburg]] von jeher ein Thema und hat [[2012]] einen neuerlichen Diskussionshöhepunkt erlebt. Am [[20. Mai]] [[2015]] beschloss der [[Salzburger Gemeinderat]] ein [[Bettelverbot in Salzburg|Bettelverbot]] in Teile der [[Altstadt]].


== Geschichtlicher Rückblick in Salzburg ==
== Geschichtlicher Rückblick in Salzburg ==
=== Mittelalter ===
=== Mittelalter ===
 
Almosen zu geben wurde als Ausgleich für die ungerechte Verteilung von Privateigentum angesehen und in weiterer Folge zum allgemeinen Gebot erhoben. So legte die von [[Karl dem Großen]] einberufene [[Salzburger Provinzialsynode|Synode von Salzburg]] fest, dass alle guten Christen nach besten Kräften viermal im Jahr Almosen zu geben haben.
Almosen zu geben wurde als Ausgleich für die ungerechte Verteilung von Privateigentum angesehen und in weiterer Folge zum allgemeinen Gebot erhoben. So legte die von [[Karl der Große|Karl dem Großen]] einberufene [[Synode von Salzburg]] fest, dass alle guten Christen nach besten Kräften viermal im Jahr Almosen zu geben haben.


Diese Entscheidung, private Spenden als Christenpflicht anzusehen, trug entscheidend dazu bei, dass das Almosen, gegenüber anderen Formen der Armenfürsorge an Bedeutung gewann. Der Anspruch auf Hilfe wurde im [[Mittelalter]] also allgemein anerkannt und das Betteln galt weder als Schande noch unterlag es in irgendeiner Form der Ächtung. Bettelverbote waren der mittelalterlichen Gesellschaft fremd, und auch mit den späteren Vorwürfen der Untüchtigkeit, des Müßiggangs oder der Arbeitsscheu waren die Bettler in jener Zeit nicht konfrontiert.<ref>Müller, Oliver: ''Vom Almosen zum Spendenmarkt; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur'', Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, 2005, S.&nbsp;117&nbsp;ff. zitiert nach [[Anton Waltl|Waltl, Anton]]: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011, Diplomarbeit [[Universität Salzburg]], S.&nbsp;39-40.</ref>
Diese Entscheidung, private Spenden als Christenpflicht anzusehen, trug entscheidend dazu bei, dass das Almosen, gegenüber anderen Formen der Armenfürsorge an Bedeutung gewann. Der Anspruch auf Hilfe wurde im [[Mittelalter]] also allgemein anerkannt und das Betteln galt weder als Schande noch unterlag es in irgendeiner Form der Ächtung. Bettelverbote waren der mittelalterlichen Gesellschaft fremd, und auch mit den späteren Vorwürfen der Untüchtigkeit, des Müßiggangs oder der Arbeitsscheu waren die Bettler in jener Zeit nicht konfrontiert.<ref>Müller, Oliver: ''Vom Almosen zum Spendenmarkt; Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur'', Freiburg im Breisgau, Lambertus-Verlag, 2005, S.&nbsp;117&nbsp;ff. zitiert nach [[Anton Waltl|Waltl, Anton]]: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011, Diplomarbeit [[Universität Salzburg]], S.&nbsp;39-40.</ref>


=== Spätes Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert ===
=== Spätes Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert ===
Dies änderte sich im späten Mittelalter, denn aufgrund von Missernten und infolgedessen Hungerperioden und Preissteigerung flohen immer mehr Menschen in die Städte<ref>Bräuer, Helmut: ''Bettler in frühzeitlichen Städten Mitteleuropas'' in: Althammer, Beate (Hrsg.): ''Bettler in der europäischen Stadt der Moderne'', Frankfurt am Main, Peter Lang Verlag GmbH, 2007, S.&nbsp;25, zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;40.</ref>. Aufgrund der schlechten Situation kam es, dass immmer mehr Menschen betteln (und betteln mussten). Die bisherige Armenfürsorge – getragen von kirchlichen Institutionen – war überlastet, und städtische Räte übernahmen (teilweise) diese Aufgabe. Die Verwaltung der städtischen Armenfürsorge galt es zu optimieren. Mit diesem Optimierungsprozess ging eine Wahrnehmungsveränderung des Bettelns einher. Nun wurde das Betteln stetig zu sozial unerwünschtem Verhalten.<ref>Müller, ''Vom Almosen zum Spendenmarkt'', S.&nbsp;145&nbsp;ff., zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;40.</ref>
Dies änderte sich im späten Mittelalter, denn aufgrund von Missernten und infolgedessen Hungerperioden und Preissteigerung flohen immer mehr Menschen in die Städte<ref>Bräuer, Helmut: ''Bettler in frühzeitlichen Städten Mitteleuropas'' in: Althammer, Beate (Hrsg.): ''Bettler in der europäischen Stadt der Moderne'', Frankfurt am Main, Peter Lang Verlag GmbH, 2007, S.&nbsp;25, zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;40.</ref>. Aufgrund der schlechten Situation kam es, dass immmer mehr Menschen betteln (und betteln mussten). Die bisherige Armenfürsorge – getragen von kirchlichen Institutionen – war überlastet, und städtische Räte übernahmen (teilweise) diese Aufgabe. Die Verwaltung der städtischen Armenfürsorge galt es zu optimieren. Mit diesem Optimierungsprozess ging eine Wahrnehmungsveränderung des Bettelns einher. Nun wurde das Betteln stetig zu sozial unerwünschtem Verhalten.<ref>Müller, ''Vom Almosen zum Spendenmarkt'', S.&nbsp;145&nbsp;ff., zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;40.</ref>


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Müller, ''Vom Almosen zum Spendenmarkt'', S.&nbsp;146-149; Bräuer, ''"...und hat seithero gebetlet", Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich zur Zeit Kaiser Leopolds I.'', 1995, Wien-Köln-Weimar, Böhlau Verlag, zitiert nach Waltl, ''Bettelverbot in Österreich'', S.&nbsp;41).</ref>. Verbote und Bestrafungen folgten für jene, die nicht mit Hilfe von Zeugen ihre Hilfsbedürftigkeit nachweisen können.<ref>Müller, ''Vom Almosen zum Spendenmarkt'', S.&nbsp;146-149, zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;41.</ref>
Müller, ''Vom Almosen zum Spendenmarkt'', S.&nbsp;146-149; Bräuer, ''"...und hat seithero gebetlet", Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich zur Zeit Kaiser Leopolds I.'', 1995, Wien-Köln-Weimar, Böhlau Verlag, zitiert nach Waltl, ''Bettelverbot in Österreich'', S.&nbsp;41).</ref>. Verbote und Bestrafungen folgten für jene, die nicht mit Hilfe von Zeugen ihre Hilfsbedürftigkeit nachweisen können.<ref>Müller, ''Vom Almosen zum Spendenmarkt'', S.&nbsp;146-149, zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;41.</ref>


Die weltliche Obrigkeit entschied über Almosen und Spenden, doch auch innerhalb der Kirche wurde die Bettelplage immer kritischer betrachtet. So befürwortete die im Jahr [[1456]] abgehaltene [[Provinzialkirchenversammlung zu Salzburg]] ebenso die Ausweisung von vagabundierenden Bettlern aus den Städten<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet. Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich zur Zeit Kaiser Leopolds I.'', Wien-Köln-Weimar, Böhlau Verlag, 1995, S.&nbsp;48, zitiert nach Waltl, Anton: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, S.&nbsp;41.</ref>.
Die weltliche Obrigkeit entschied über Almosen und Spenden, doch auch innerhalb der Kirche wurde die Bettelplage immer kritischer betrachtet. So befürwortete die im Jahr [[1456]] abgehaltene [[Salzburger Provinzialsynode|Provinzialkirchenversammlung in Salzburg]] ebenso die Ausweisung von vagabundierenden Bettlern aus den Städten<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet. Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich zur Zeit Kaiser Leopolds I.'', Wien-Köln-Weimar, Böhlau Verlag, 1995, S.&nbsp;48, zitiert nach Waltl, Anton: ''Bettelverbote in Österreich'', 2011, Diplomarbeit Universität Salzburg, S.&nbsp;41.</ref>.


Die Ordnungen zielten keinesfalls auf eine Besserung der Lage der BettlerInnen ab. Stattdessen erfolgten stetige Stigmatisierung der Menschen, die bettelten. Außerdem wurden die BettlerInnen in zwei Gruppen eingeteilt: Heimische und Fremde. Die der ersten Gruppe waren gut und unverschuldet. Die Fremden waren schlecht und selbst an ihrer Lage schuld. Einen wesentlichen Faktor, der zur Veränderung der Ansichten über das Betteln beitrug, wird wahrscheinlich das aufkommende Arbeitsethos darstellen. Wer körperlich und geistig fähig ist, arbeiten zu gehen, dem ist nicht gestattet, zu betteln. Die Verordnungen blieben zunächst allerdings nur auf dem Papier. Erst im [[16. Jahrhundert]] verschärfte sich die Situation für Menschen, die betteln (müssen), weiter. Die Gemeinden hatten Sorge zu tragen, dass die Armen versorgt würden beziehungsweise diese zu arbeiten hätten. War dies den Gemeinden nicht möglich, so konnten sie Bettlerbriefe ausstellen, mit diesen konnten die Menschen an anderen Orten versuchen, zu überleben.<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet […]''; Bräuer in Althammer (Hrsg.), S.&nbsp;30ff, beides zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;43.</ref>
Die Ordnungen zielten keinesfalls auf eine Besserung der Lage der BettlerInnen ab. Stattdessen erfolgten stetige Stigmatisierung der Menschen, die bettelten. Außerdem wurden die BettlerInnen in zwei Gruppen eingeteilt: Heimische und Fremde. Die der ersten Gruppe waren gut und unverschuldet. Die Fremden waren schlecht und selbst an ihrer Lage schuld. Einen wesentlichen Faktor, der zur Veränderung der Ansichten über das Betteln beitrug, wird wahrscheinlich das aufkommende Arbeitsethos darstellen. Wer körperlich und geistig fähig ist, arbeiten zu gehen, dem ist nicht gestattet, zu betteln. Die Verordnungen blieben zunächst allerdings nur auf dem Papier. Erst im [[16. Jahrhundert]] verschärfte sich die Situation für Menschen, die betteln (müssen), weiter. Die Gemeinden hatten Sorge zu tragen, dass die Armen versorgt würden beziehungsweise diese zu arbeiten hätten. War dies den Gemeinden nicht möglich, so konnten sie Bettlerbriefe ausstellen, mit diesen konnten die Menschen an anderen Orten versuchen, zu überleben.<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet […]''; Bräuer in Althammer (Hrsg.), S.&nbsp;30ff, beides zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;43.</ref>
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BettlerInnen wurden verstärkt mit Kriminalität und Bandenwesen in Verbindung gebracht. Helmut Bräuer (* [[1938]]), Historiker und Archivar, schreibt hierzu, dass zwar die Kriminalität im Laufe des [[17. Jahrhundert]]s anstieg, dies aber folgende (Hinter-)Gründe hatte: "''Bevölkerungswachstum[s], das objektiv die Zunahme der Deliktmöglichkeiten einschloß, als auch der sich vertiefenden sozialen Gegensätze innerhalb der Gesellschaft sowie der materiellen und geistig-psychischen Folgen der militärischen Konflikte jener Zeit.''" Er meint weiters:
BettlerInnen wurden verstärkt mit Kriminalität und Bandenwesen in Verbindung gebracht. Helmut Bräuer (* [[1938]]), Historiker und Archivar, schreibt hierzu, dass zwar die Kriminalität im Laufe des [[17. Jahrhundert]]s anstieg, dies aber folgende (Hinter-)Gründe hatte: "''Bevölkerungswachstum[s], das objektiv die Zunahme der Deliktmöglichkeiten einschloß, als auch der sich vertiefenden sozialen Gegensätze innerhalb der Gesellschaft sowie der materiellen und geistig-psychischen Folgen der militärischen Konflikte jener Zeit.''" Er meint weiters:


:"''Daraus aber zu folgern, dass das Anwachsen der Bettlerscharen per se auch ein lineares, gleichrangiges Ansteigen ihrer Kleinkriminalität, insbesondere ihrer Diebstähle, zur Folge gehabt hätte, wie das zeitgenössisch üblich war, ist unsinnig und ganz und gar nicht zu belegen. Es gab keinen solchen stringten Weg, der vom Bettel zum Diebstahl geführt hätte [...]. Da aber die Quote der Kleinkriminalität, deren Träger sich aus allen sozialen Schichten rekrutierten, generell stieg, musste es wünschenswert sein, die Hauptlast der Schuld jenen aufzubürden, die mit den bislang angewandten Mitteln seitens der geistlichen und weltlichen Obrigkeit nicht zu disziplinieren waren. [...] Wie der Hexenvorwurf und die sich darauf gründenden fanatischen Verfolgungsexzesse zu einem erheblichen Teil gegen die Bettler gerichtet waren, so stellte die Gleichsetzung von Bettlern und Dieben in ähnlicher Weise einen Versuch dar, die unerwünschten Almosengeher mit Mitteln der Diskriminierung und Stigmatisierung öffentlich ins Abseits zu rücken.''"<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet. […]'', S.&nbsp;206-207.</ref>
:"''Daraus aber zu folgern, dass das Anwachsen der Bettlerscharen ''per se'' auch ein lineares, gleichrangiges Ansteigen ihrer Kleinkriminalität, insbesondere ihrer Diebstähle, zur Folge gehabt hätte, wie das zeitgenössisch üblich war, ist unsinnig und ganz und gar nicht zu belegen. Es gab keinen solchen stringten Weg, der vom Bettel zum Diebstahl geführt hätte [...]. Da aber die Quote der Kleinkriminalität, deren Träger sich aus allen sozialen Schichten rekrutierten, generell stieg, musste es wünschenswert sein, die Hauptlast der Schuld jenen aufzubürden, die mit den bislang angewandten Mitteln seitens der geistlichen und weltlichen Obrigkeit nicht zu disziplinieren waren. [...] Wie der Hexenvorwurf und die sich darauf gründenden fanatischen Verfolgungsexzesse zu einem erheblichen Teil gegen die Bettler gerichtet waren, so stellte die Gleichsetzung von Bettlern und Dieben in ähnlicher Weise einen Versuch dar, die unerwünschten Almosengeher mit Mitteln der Diskriminierung und Stigmatisierung öffentlich ins Abseits zu rücken.''"<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet. […]'', S.&nbsp;206-207.</ref>
 
Natürlich gab es auch BettlerInnen, die kriminell agierten, doch gab und gibt es wahrscheinlich keine Gruppe oder Unternehmen, wo nicht korrupte, kriminelle u.ä. moralisch verwerfliche Handlungen von Einzelnen, teils Mehreren an den Tag gelegt werden. Bräuer nennt hier etwa den Bettlersohn Veit Kirchpirchler; fügt aber hinzu, dass der Umstand, sich in einer sozialen Situation zu befinden, in der es einem nicht mehr ermöglicht wird, auf- bzw. herauszusteigen, dazu geführt hat, dass viele versuchten, zwischen ihren Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit den größtmöglichen Gewinn zu erzielen<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet […]'' S.&nbsp;214-215.</ref>.


Während etwa in Frankreich, England und Spanien die BettlerInnen in die Kolonien geschickt wurden<ref>Jütte, Robert: ''Arme, Bettler, Beutelschneider. Eine Sozialgeschichte der Armut in der Frühen Neuzeit'', 2000, Weimar, Hermann Böhlaus Nachfolger Verlag, S.&nbsp;222&nbsp;f., zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;40.</ref>, kammen sie in Österreich regelmäßig in Zuchthäuser und in ungarische Grenzhäuser, ebenso mit Verrichtung von Arbeit ohne Sold<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet […]'', S.&nbsp;59&nbsp;ff.</ref>.
Natürlich gab es auch Bettler, die kriminell agierten, doch gab und gibt es wahrscheinlich keine Gruppe oder Unternehmen, wo nicht korrupte, kriminelle u.ä. moralisch verwerfliche Handlungen von Einzelnen, teils Mehreren an den Tag gelegt werden. Bräuer nennt hier etwa den Bettlersohn Veit Kirchpirchler; fügt aber hinzu, dass der Umstand, sich in einer sozialen Situation zu befinden, in der es einem nicht mehr ermöglicht wird, auf- bzw. herauszusteigen, dazu geführt hat, dass viele versuchten, zwischen ihren Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit den größtmöglichen Gewinn zu erzielen<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet […]'' S.&nbsp;214-215.</ref>.


===17./18. Jahrhundert ===
Während etwa in Frankreich, England und [[Spanien]] die BettlerInnen in die Kolonien geschickt wurden<ref>Jütte, Robert: ''Arme, Bettler, Beutelschneider. Eine Sozialgeschichte der Armut in der Frühen Neuzeit'', 2000, Weimar, Hermann Böhlaus Nachfolger Verlag, S.&nbsp;222&nbsp;f., zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;40.</ref>, kammen sie in Österreich regelmäßig in Zuchthäuser und in ungarische Grenzhäuser, ebenso mit Verrichtung von Arbeit ohne Sold<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet […]'', S.&nbsp;59&nbsp;ff.</ref>.


In den 1690er-Jahren waren in Wien von insgesamt 1&nbsp;051
===17. und 18. Jahrhundert ===
bettelnden Menschen (die aufgezeichnet wurden) 102 Kinder/Jugendliche
[[1678]] erließ [[Fürsterzbischof]] [[Maximilian Gandolf Graf von Kuenburg]] die Almosenordnung mit der Einführung eines "Bettlerkatasters". In den [[1690er]]-Jahren waren in Wien von insgesamt 1&nbsp;051 bettelnden Menschen (die aufgezeichnet wurden) 102 Kinder/Jugendliche bis 14 Jahre. In Salzburg waren es 460 Kinder von insgesamt 3&nbsp;540 offiziellen BettlerInnen.<ref>Bräuer, Helmut: ''Kinderbettel und Bettelkinder Mitteleuropas zwischen 1500 und 1800. Beobachtungen - Thesen - Anregungen'', 2010, Leipziger Universitätsverlag, S. 34.</ref>
bis 14 Jahre. In Salzburg waren es 460 Kinder von insgesamt
3&nbsp;540 offiziellen BettlerInnen.<ref>Bräuer, Helmut:
''Kinderbettel und Bettelkinder Mitteleuropas zwischen 1500 und 1800.
Beobachtungen - Thesen - Anregungen'', 2010, Leipziger
Universitätsverlag, S. 34.</ref>


Menschen, die bettelten, taten dies als Einzelbettler,
Menschen, die bettelten, taten dies als Einzelbettler, Geschwisterbettler oder in Gruppen von Fremden. So meinte Margaretha Wucherer im [[Pfleggericht]] [[Bezirksgericht Neumarkt|Neumarkt]], sie sei von zu Hause weggelaufen, der Stiefvater habe sie nicht gut behandelt, und seither sei sie ''"mit verschiedenen Leuten im Bettel vagirt"'' [...].<ref>[[Sabine Veits-Falk|Veits-Falk, Sabine]], ''"Zeit der Noth". Armut in Salzburg 1803 - 1870''. Salzburg: [[Verein Freunde der Salzburger Geschichte|Verein "Freunde der Salzburger Geschichte"]], 2000. S.&nbsp;70. Zitiert nach Bräuer, Helmut, ''Kinderbettel und Bettelkinder Mitteleuropas zwischen 1500 und 1800. Beobachtungen - Thesen - Anregungen'', 2010, Leipziger Universitätsverlag, S. 60.</ref>
Geschwisterbettler oder in Gruppen von Fremden. So meinte Margaretha
Wucherer im [[Pfleggericht]] [[Bezirksgericht Neumarkt|Neumarkt]],
sie sei von zu Hause weggelaufen, der Stiefvater habe sie nicht gut
behandelt, und seither sei sie ''"mit verschiedenen Leuten im
Bettel vagirt"'' [...].<ref>[[Sabine
Veits-Falk|Veits-Falk, Sabine]], ''„Zeit der Noth“ : Armut in
Salzburg 1803 - 1870''. Salzburg: [[Verein Freunde der Salzburger
Geschichte|Verein "Freunde der Salzburger Geschichte"]],
2000. S.&nbsp;70. Zitiert nach Bräuer, Helmut, ''Kinderbettel
und Bettelkinder Mitteleuropas zwischen 1500 und 1800. Beobachtungen
- Thesen - Anregungen'', 2010, Leipziger Universitätsverlag, S.
60.</ref>


Nachweise für Bettlerbanden gibt es allerdings nicht. Höchstens
Nachweise für Bettlerbanden gibt es allerdings nicht. Höchstens Bettlerkleingruppen bei Kindern und Jugendlichen oder größere Familienverbände hätte es gegeben. Größere Gruppen wären auch kaum möglich gewesen, denn sie wären zu sehr aufgefallen und hätten die Obrigkeit gegen sich aufgebracht.<ref>Bräuer, ''...und hat seithero gebetlet […]'' S.&nbsp;206-207.</ref>
Bettlerkleingruppen bei Kindern und Jugendlichen oder größere
Familienverbände hätte es gegeben. Größere Gruppen wären auch
kaum möglich gewesen, denn sie wären zu sehr aufgefallen und hätten
die Obrigkeit gegen sich aufgebracht.<ref>Bräuer, ''...und hat
seithero gebetlet […]'' S.&nbsp;206-207.</ref>


Im größten [[Hexenprozesse|Hexenprozess]] der Salzburger
Im größten [[Hexenprozesse|Hexenprozess]] der Salzburger Landesgeschichte und auf dem Boden des heutigen Österreich, dem um den [[Zauberer Jackl]], spielten Bettlerkinder eine zentrale Rolle und hatten die schlechtesten Karten gegenüber [[Fürsterzbischof]] [[Maximilian Gandolf Graf von Kuenburg]] - das war bereits im letzten Viertel des [[18. Jahrhundert]]s. [[1678]] erließ Max Gandolf Graf von Kuenburg die Almosenordnung mit der Einführung eines "Bettlerkatasters". 
Landesgeschichte und auf dem Boden des heutigen Österreich, dem um
den [[Zauberer Jackl]], spielten Bettlerkinder eine zentrale Rolle
und hatten die schlechtesten Karten gegenüber [[Salzburger
Erzbischöfe#Fürsterzbischöfe|Fürsterzbischof]] [[Maximilian
Gandolph Graf von Kuenburg]] - das war bereits im letzten Viertel des
[[18. Jahrhundert]]s.


=== 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart ===
=== 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart ===
Auch die nächsten Jahrhunderte änderten nichts am Umgang mit Menschen, die bettelten. In allen größeren österreichischen Städten, wie Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz und Wien, existierten zu Beginn des 19. Jahrhunderts Zwangsarbeitshäuser, in die all jene Menschen über 12 Jahren geschickt wurden, die entweder nicht arbeiten wollten oder konnten oder denen dies einfach vielfach unterstellt wurde.<ref>Kleinwächter, Friedrich: ''Armenwesen und Armengesetzgebung in Österreich'', 1870, in Emminghaus, Arwed (Hrsg.): ''Das Armenwesen und die Armengesetzgebung in europäischen Staaten'', Berlin, Verlag von F. A. Herbig, zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;49.</ref>
Auch die nächsten Jahrhunderte änderten nichts am Umgang mit Menschen, die bettelten. In allen größeren österreichischen Städten, wie Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz und Wien, existierten zu Beginn des 19. Jahrhunderts Zwangsarbeitshäuser, in die all jene Menschen über 12 Jahren geschickt wurden, die entweder nicht arbeiten wollten oder konnten oder denen dies einfach vielfach unterstellt wurde.<ref>Kleinwächter, Friedrich: ''Armenwesen und Armengesetzgebung in Österreich'', 1870, in Emminghaus, Arwed (Hrsg.): ''Das Armenwesen und die Armengesetzgebung in europäischen Staaten'', Berlin, Verlag von F. A. Herbig, zitiert nach Waltl, ''Bettelverbote in Österreich'', S.&nbsp;49.</ref>


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Viel schlimmer noch war die Situation für [[Roma|Roma und Sinti]].
Viel schlimmer noch war die Situation für [[Roma|Roma und Sinti]].


Erst in den [[1970er]]-Jahren wurde Betteln als Strafbestand aus den Gesetzbüchern des Bundes gestrichen. Allerdings finden sich nun in manchen Bundesländern Bettelverbote. Allerdings war hier noch nicht geklärt, ob die Bundesländer überhaupt ein Recht für solche Verbote hätten. Salzburg war eines der ersten Bundesländer in Österreich, die das generelle Bettelverbot erneut einführten (§ 29 des Landessicherheitsgesetzes). Dieses wurde 2012 vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben und ist aus dem Salzburger Landessicherheitsgesetz gestrichen worden (LGBl Nr 53/2012 - Kundmachung über die Aufhebung einer Bestimmung des Salzburger Landessicherheitsgesetzes durch den Verfassungsgerichtshof).<ref>[http://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Lgbl/LGBL_SA_20120716_53/LGBL_SA_20120716_53.pdf www.ris.bka.gv.at/Dokumente PDF]</ref> Begründet wurde die Aufhebung des generellen Bettelverbotes mit dem Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention (Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens).
Erst in den [[1970er]]-Jahren wurde Betteln als Strafbestand aus den Gesetzbüchern des Bundes gestrichen. Allerdings finden sich nun in manchen Bundesländern Bettelverbote. Allerdings war hier noch nicht geklärt, ob die Bundesländer überhaupt ein Recht für solche Verbote hätten. Salzburg war eines der ersten Bundesländer in Österreich, die das generelle Bettelverbot erneut einführten (§ 29 des Landessicherheitsgesetzes). Dieses wurde 2012 vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben und ist aus dem Salzburger Landessicherheitsgesetz gestrichen worden ([[LGBl]] Nr 53/2012 - Kundmachung über die Aufhebung einer Bestimmung des Salzburger Landessicherheitsgesetzes durch den Verfassungsgerichtshof).<ref>[http://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Lgbl/LGBL_SA_20120716_53/LGBL_SA_20120716_53.pdf www.ris.bka.gv.at/Dokumente PDF]</ref> Begründet wurde die Aufhebung des generellen Bettelverbotes mit dem Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention (Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens).


Nur durch das Betteln können sich manche Menschen am Leben erhalten und es darf keinem Menschen verweigert werden, seine (Mit-)Menschen darauf aufmerksam zu machen; der Rechtsanwalt des Antragstellers hatte dem Verfassungsgerichtshof vorgetragen:
Nur durch das Betteln können sich manche Menschen am Leben erhalten und es darf keinem Menschen verweigert werden, seine (Mit-)Menschen darauf aufmerksam zu machen; der Rechtsanwalt des Antragstellers hatte dem Verfassungsgerichtshof vorgetragen:
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Kritische Meldungen gibt es unter anderem von der [[Salzburger Armutskonferenz]]:
Kritische Meldungen gibt es unter anderem von der [[Salzburger Armutskonferenz]]:


:"''Mit dem neuen Sicherheitsgesetz [...] ist die Landesregierung auf dem Holzweg''", so [[Robert Buggler]], Sprecher der Salzburger Armutskonferenz. ''Erstens ist es grundsätzlich der falsche Weg, ausschließlich mit Verboten und Strafen ein soziales Problem lösen zu wollen. Zweitens schießen die neuen Bestimmungen maßlos über das Ziel hinaus, Stichwort: Bettelverbotszonen. Drittens fehlen völlig begleitende soziale und deeskalierende Maßnahmen. Und Viertens widerspricht die neue Regelung den Intentionen der Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes.''"<ref>Presseartikel vom 16. Oktober 2012 Betteln: Landesregierung auf dem Holzweg [http://www.salzburger-armutskonferenz.at/?page_id=24 www.salzburger-armutskonferenz.at]</ref>
:"''Mit dem neuen Sicherheitsgesetz [...] ist die Landesregierung auf dem Holzweg''", so [[Robert Buggler]], Sprecher der Salzburger Armutskonferenz. "''Erstens ist es grundsätzlich der falsche Weg, ausschließlich mit Verboten und Strafen ein soziales Problem lösen zu wollen. Zweitens schießen die neuen Bestimmungen maßlos über das Ziel hinaus, Stichwort: Bettelverbotszonen. Drittens fehlen völlig begleitende soziale und deeskalierende Maßnahmen. Und Viertens widerspricht die neue Regelung den Intentionen der Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes.''"<ref>Presseartikel vom 16. Oktober 2012 Betteln: Landesregierung auf dem Holzweg [http://www.salzburger-armutskonferenz.at/?page_id=24 www.salzburger-armutskonferenz.at]</ref>


Kritik kam ebenfalls von den [[Grüne]]n - welche Angaben der Gesetzesentwürfe wären im 'Husch-Pfusch-Verfahren' gemacht worden - und der [[Bürgerliste]]<ref>[http://salzburg.orf.at/news/stories/2546249/ salzburg.orf.at/news/stories], [http://derstandard.at/1348283820938/Salzburger-Landesregierung-einigte-sich-ueber-Bettelverbot derstandard.at]</ref>. Auch die Plattform für Menschenrechte kritisierte den neuen Antrag.
Kritik kam ebenfalls von den [[Grüne]]n - welche Angaben der Gesetzesentwürfe wären im 'Husch-Pfusch-Verfahren' gemacht worden - und der [[Bürgerliste]]<ref>[http://salzburg.orf.at/news/stories/2546249/ salzburg.orf.at/news/stories], [http://derstandard.at/1348283820938/Salzburger-Landesregierung-einigte-sich-ueber-Bettelverbot derstandard.at]</ref>. Auch die Plattform für Menschenrechte kritisierte den neuen Antrag.
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Trotzdem stimmten SPÖ, ÖVP, FPÖ zu. Der Antrag wurde am 31. Oktober 2012 im Salzburger Landtag beschlossen. Das Salzburger Landesgesetz, genauer der § 29 (Bettelei), wurde in abgeschächter Form wieder eingeführt.<ref>[http://www.salzburg.gv.at/00201lpi/14Gesetzgebungsperiode/5Session/068.pdf www.salzburg.gv.at PDF]</ref>
Trotzdem stimmten SPÖ, ÖVP, FPÖ zu. Der Antrag wurde am 31. Oktober 2012 im Salzburger Landtag beschlossen. Das Salzburger Landesgesetz, genauer der § 29 (Bettelei), wurde in abgeschächter Form wieder eingeführt.<ref>[http://www.salzburg.gv.at/00201lpi/14Gesetzgebungsperiode/5Session/068.pdf www.salzburg.gv.at PDF]</ref>


==== Salzburg-Splitter im Überblick ====
Im [[Bundesland Salzburg]] geht die Namensgebung der [[Pongau]]er Gemeinde [[St. Martin am Tennengebirge]] auf den hl. Martin zurück, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt. In der  [[Filialkirche zum heiligen Martin in Pfongau]] in der [[Flachgau]]er Stadt [[Neumarkt am Wallersee]]  schuf [[Johann Scheidl]] eindrucksvoll diese Bettlerszene.


Ab dem [[Mittelalter]] waren Bettler in [[Hexenprozess]]es oft Anklagte. So finden sich u. a. Berichte über Bettler, die im Zusammenhang mit Zauberei gefoltert wurden, in den Geschichtsbüchern des [[Lungau]]er [[Schloss Moosham|Schlosses Moosham]]. Auch in den der [[Pest]] waren Bettler oft Leidtragende, wurden sie doch manchmal nicht mehr in Dörfer und Städte gelassen.
== Sagen, Beispiele und Vorkommnisse ==


Wer früher in einer Gemeinde einen ununterbrochenen Aufenthalt von zehn Jahren erreichte, erwarb das [[Heimatrecht]] ([[1820]] – [[1938]], einige Male novelliert) und damit den Anspruch auf das Armenhaus bzw. die [[Einliegerwesen|Einlage]]. Wer kein [[Heimatrecht]] erwerben konnte, weil man in manchen Gemeinden dem [[Dienstboten]] vor Ablauf der Zehnjahresfrist keine Arbeit mehr gab und sich dieser in einer anderen Gemeinde verdingen musste, endete oftmals als Bettler, wenn er arbeitsunfähig geworden war.
=== Sage ===


Der [[Gasthof zum Noisternig]] trug im [[19. Jahrhundert]] den Namen ''"Bettelmanns Umkehr"''. Dieser etwas seltsame Name rührt von einem damals dort angebrachten und von Kontrollorganen bewachten Zollschranken her, vor dem Bettler und Walzbrüder umkehren mussten.  
In der [[Die Weitmoser#Weitmoser-Sage|Weitmoser-Sage]], die im
ausgehenden Mittelalter entstand, dreht es sich um das Verhalten
gegenüber Bettlern.


In der [[Seuchenspital St. Rochus|Rochuskaserne]] in [[Maxglan]] wurden Bettler, Unterstandslose und Kleinkriminelle eingesperrt und mussten sich ihre Verpflegung selbst erarbeiten.
=== Beispiele und Vorkommnisse im 20. und 21. Jahrhundert ===


== Sagen, Beispiele und Vorkommnisse ==
Durch das Ende der [[Bürmooser Glasindustrie]] um 1931 begann
=== Sage ===
eine schwere Zeit für die [[Flachgau]]er Gemeinde [[Bürmoos]].
In der [[Weitmoser#Weitmoser-Sage|Weitmoser-Sage]], die im ausgehenden Mittelalter entstand, dreht es sich um das Verhalten gegenüber Bettlern.
Viele Familien mit bis zu zehn Kindern waren ohne Einkommen. Manche
bekamen Arbeit beim Bau der [[Großglockner Hochalpenstraße]].
Andere zogen nach Niederösterreich, nach Brunn am Gebirge, weil es
dort noch eine intakte Glashütte gab. Das Sozialsystem war damals
noch dürftig, 20 Wochen Arbeitslosengeld gab es, danach galt man als
„ausgesteuert“. So sollen die Bürmooser verschrien gewesen sein,
„''weil sie zu den Bauern bis ins [[Innviertel]] betteln gegangen
sind. Viele haben durch Beeren- und Schwammerlbrocken überlebt''“,
erzählt Alexander Schwarz, der sich selbst zunächst als Bau- und
Ziegeleiarbeiter durchschlug, bis er schließlich nach dem Krieg als
Schaffner bei der [[Salzburger Lokalbahn]] eine berufliche Heimat
fand.<ref>Quelle Salzburgwiki-Beitrag [[Bürmooser
Glasindustrie]].</ref>


=== Beispiele und Vorkommnisse im 20. und 21. Jahrhundert ===
Ein in Salzburg seit [[1979]] bestandenes Bettelverbot wurde mit
Durch das Ende der [[Bürmooser Glasindustrie]] um 1931 begann eine schwere Zeit für die [[Flachgau]]er Gemeinde [[Bürmoos]]. Viele Familien mit bis zu zehn Kindern waren ohne Einkommen. Manche bekamen Arbeit beim Bau der [[Großglockner Hochalpenstraße]]. Andere zogen nach Niederösterreich, nach Brunn am Gebirge, weil es dort noch eine intakte Glashütte gab. Das Sozialsystem war damals noch dürftig, 20 Wochen Arbeitslosengeld gab es, danach galt man als "ausgesteuert". So sollen die Bürmooser verschrien gewesen sein, "''weil sie zu den Bauern bis ins [[Innviertel]] betteln gegangen sind. Viele haben durch Beeren- und Schwammerlbrocken überlebt''", erzählt Alexander Schwarz, der sich selbst zunächst als Bau- und Ziegeleiarbeiter durchschlug, bis er schließlich nach dem Krieg als Schaffner bei der [[Salzburger Lokalbahn]] eine berufliche Heimat fand.<ref>Quelle SALZBURGWIKI-Beitrag  [[Bürmooser Glasindustrie]].</ref>
Erkenntnis vom [[11. Juli]] [[2012]] vom Verfassungsgerichtshof
gekippt. Grund dafür war die Beschwerde eines slowakischen
Staatsbürgers im Oktober 2010. Das Höchstgericht stimmte zu, dass
das [[Salzburger Bettelverbot]] gegen den Art. 10 der Europäischen
Menschenrechtskonvention verstoße, da es verhindere, dass
''jedermann ausnahmslos an öffentlichen Orten andere Menschen auf
seine individuelle Notlage aufmerksam machen'' könne (Freiheit der
Meinungsäußerung). Das Verbot von "aggressivem Betteln"
ist verfassungskonform, nicht jedoch das von "stillem"
Betteln, sagt der VfGH. Der VfGH räumte keine Frist zur Reparatur
des Gesetzes ein.


Ein in Salzburg seit [[1979]] bestandenes Bettelverbot wurde mit Erkenntnis vom [[11. Juli]] [[2012]] vom Verfassungsgerichtshof gekippt. Grund dafür war die Beschwerde eines slowakischen Staatsbürgers im Oktober 2010. Das Höchstgericht stimmte zu, dass das [[Salzburger Bettelverbot]] gegen den Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoße, da es verhindere, dass ''jedermann ausnahmslos an öffentlichen Orten andere Menschen auf seine individuelle Notlage aufmerksam machen'' könne (Freiheit der Meinungsäußerung). Das Verbot von "aggressivem Betteln" ist verfassungskonform, nicht jedoch das von "stillem" Betteln, sagt der VfGH. Der VfGH räumte keine Frist zur Reparatur des Gesetzes ein.
In Salzburg prallten nämlich in den letzten Jahren zunehmend die
Verfechter der "''Alle-verhaften-Strategie''" ungebremst
auf auf jene, die den Gruppen aus Osteuropa am liebsten rote Teppiche
ausrollen würden<ref>Zitat "Standpunkt":
Kontrollieren und helfen, von Christian Resch, [[Salzburger
Nachrichten]], 14. September 2012.</ref>. Immer wieder fühlten
und fühlen sich Besucher in der Stadt Salzburg von Bettlern bedroht.
Wobei der Ausdruck ''aggressives Betteln'' entstanden ist.


In Salzburg prallten nämlich in den letzten Jahren zunehmend die Verfechter der "''Alle-verhaften-Strategie''" ungebremst auf auf jene, die den Gruppen aus Osteuropa am liebsten rote Teppiche ausrollen würden<ref>Zitat "Standpunkt": Kontrollieren und helfen, von Christian Resch, [[Salzburger Nachrichten]], 14. September 2012.</ref>. Immer wieder fühlten und fühlen sich Besucher in der Stadt Salzburg von Bettlern bedroht. Wobei der Ausdruck ''aggressives Betteln'' entstanden ist.


Laut Stadtverwaltung kommen die Beschwerden wegen aggressiven
==== Bettler in Salzburg ====
Bettelns und illegalen Campierens samt Geruchsbelästigung
: ''Hauptartikel [[Bettler in Salzburg]]''
mittlerweile aus allen [[Salzburger Stadtteile]]n. 41 Anzeigen gab es
von Jänner bis August 2012 wegen Übertretung nach dem Forst- und
dem Campingplatzgesetz, ein Drittel mehr als bisher. Jüngste Aktion:
In der Nacht vom 13. auf den 14. September 2012 räumte das Amt für
öffentliche Ordnung gemeinsam mit dem Strafamt und der Polizei auf
dem [[Kapuzinerberg]] drei Zelte mit drei slowakischen Bettlern und
einem Bosnier. Nur wenige Tage zuvor hatte der [[Magistrat
Salzburg|Magistrat]] slowakischen Bettlern zum zweiten Mal
Hundewelpen abgenommen. Die Bettler hatten um Geld für die
Hundewelpen gebeten oder wollten das Tier in der [[Getreidegasse]]
verkaufen.


Laut Stadtverwaltung kommen die Beschwerden wegen aggressiven Bettelns und illegalen Campierens samt Geruchsbelästigung mittlerweile aus allen [[Salzburger Stadtteile]]n. 41 Anzeigen gab es von Jänner bis August 2012 wegen Übertretung nach dem Forst- und dem Campingplatzgesetz, ein Drittel mehr als bisher. Jüngste Aktion: In der Nacht vom 13. auf den 14. September 2012 räumte das Amt für öffentliche Ordnung gemeinsam mit dem Strafamt und der Polizei auf dem [[Kapuzinerberg]] drei Zelte mit drei slowakischen Bettlern und einem Bosnier. Nur wenige Tage zuvor hatte der [[Magistrat Salzburg|Magistrat]] slowakischen Bettlern zum zweiten Mal Hundewelpen abgenommen. Die Bettler hatten um Geld für die Hundewelpen gebeten oder wollten das Tier in der [[Getreidegasse]] verkaufen.
   
   
Ein skurriler Vorfall trug sich am 28. August 2012 um 11 Uhr am
Ein skurriler Vorfall trug sich am 28. August 2012 um 11 Uhr am [[Rosenhügel]] hinter dem [[Schloss Mirabell]] zu. Vor den Augen von Stadtbeamten gingen zwei Gruppen von Bettlern aufeinander los, wobei die Beteiligten ihre Krücken wegwarfen und zum Angriff auf ihre Kontrahenten los gingen. ''(Angabe von Quellen etc. fehlt!)''
[[Rosenhügel]] hinter dem [[Schloss Mirabell]] zu. Vor den Augen von
Stadtbeamten gingen zwei Gruppen von Bettlern aufeinander los, wobei
die Beteiligten ihre Krücken wegwarfen und zum Angriff auf ihre
Kontrahenten los gingen. ''(Angabe von Quellen etc. fehlt!)''
 
   
   
Dienststellenleiter Rudolf Stolzer vom [[Magistrat
Dienststellenleiter Rudolf Stolzer vom [[Magistrat Salzburg|Magistrat]] berichtet, dass im öffentlichen WC in der Salzburger [[Wiener-Philharmoniker-Gasse]] die Umsätze im Sommer 2012 merklich zurückgingen. Der Grund sei von Reinigungsfrauen beobachtet worden: Bettler nutzten Kabinen als Aufenthaltsbereich und um ihre "Bettlerkluft" überzuwerfen bzw. sich nach ''Dienstende'' wieder ihre Alltagskleidung anzuziehen. Man habe die Betreffenden mehrfach zum Verlassen der Anlagen aufgefordert.
Salzburg|Magistrat]] berichtet, dass im öffentlichen WC in der
Salzburger [[Wiener-Philharmoniker-Gasse]] die Umsätze im Sommer
2012 merklich zurückgingen. Der Grund sei von Reinigungsfrauen
beobachtet worden: Bettler nutzten Kabinen als Aufenthaltsbereich und
um ihre "Bettlerkluft" überzuwerfen bzw. sich nach
''Dienstende'' wieder ihre Alltagskleidung anzuziehen. Man habe die
Betreffenden mehrfach zum Verlassen der Anlagen aufgefordert.
 


== Warum betteln Menschen? ==
== Warum betteln Menschen? ==
 
Gründe die sich wechselseitig bedingen sind folgende: <ref>Thuswald, Marion (2008) 'Betteln als Beruf? Wissensaneignung und Kompetenzerwerb von
Gründe die sich wechselseitig bedingen sind folgende: <ref>Thuswald, Marion (2008)
'Betteln als Beruf? Wissensaneignung und Kompetenzerwerb von
BettlerInnen in Wien' Diplomarbeit Wien S. 76-94</ref>
BettlerInnen in Wien' Diplomarbeit Wien S. 76-94</ref>


: Armut
:: staatliche Unterstützung reicht nicht zum Leben, z. B. in [[Bulgarien]], [[Rumänien]] besonders niedrig:


- Armut
: Arbeitslosigkeit
        (staatliche Unterstützung reicht nicht zum Leben, zB in Bulgarien, Rumänien besonders niedrig)
:: in Slowakei nicht eingestellt wegen Kindern – weil Frauen nicht immer arbeiten können z. B. bei Krankheit von Kindern; oder weil sie bei den Kindern zu Hause bleiben sollten; in Österreich: keine Papiere – keine Arbeit; können nicht mehr nach Hause zu den Kindern fahren – Betteln ist dann die flexiblere Lösung;
 
- Arbeitslosigkeit
        (in Slowakeit et. Nicht eingestellt wegen Kindern – weil Frauen
        nicht immer arbeiten können zB bei Krankheit von Kindern; oder weil
        sie bei den Kindern zu Hause bleiben sollten; in Ö: keine Papiere –
        keine Arbeit; können nicht mehr nach Hause zu den Kindern fahren –
        Betteln ist dann die flexiblere Lösung)
   
   
- geringe Schulausbildung bzw. fehlende Ausbildung  
: geringe Schulausbildung bzw. fehlende Ausbildung  
 
:: aufgrund wirtschaftlicher Situation der Eltern, hohe Anzahl an Geschwistern; Pflege kranker Elternteile; kein Geld für die Schule, Nachhilfe u.ä. Aufgrund fehlender Ausbildung bekommen die Menschen keine Arbeit, eine Ausbildung können sie sich aber nicht leisten;
      (aufgrund wirtschaftlicher Situation der Eltern, hohe Anzahl an Geschwistern; Pflege kranker
        Elternteile; kein Geld für die Schule, Nachhilfe u.ä.
        Aufgrund fehlender Ausbildung bekommen die Menschen keine Arbeit, eine
        Ausbildung können sie sich aber nicht leisten)
 
- Krankheit
 
- Betreuungspflichten
 
- Diskriminierung am Arbeitsmarkt (aufgrund Frauen, ethnischer Zugehörigkeit)


: Krankheit
:: - Betreuungspflichten
:: - Diskriminierung am Arbeitsmarkt (aufgrund Frauen, ethnischer Zugehörigkeit)
   
   
Als übergeordnetes Motiv lässt sich 'Überlebensunsicherheit' angeben.
Als übergeordnetes Motiv lässt sich 'Überlebensunsicherheit' angeben.


== Was ist erlaubt, was verboten ==
== Was ist erlaubt, was verboten ==
Strafbar macht sich nur noch, wer "''in aufdringlicher und aggressiver Weise''" bettelt. Wer still auf der Straße sitzt, kann nicht mehr bestraft werden. Nicht erlaubt ist, an Engstellen allein oder als "''Bettler-Team''" Passanten aufzuhalten. Auch soll verboten werden, eine Behinderung vorzutäuschen.
Strafbar macht sich nur noch, wer "''in aufdringlicher und aggressiver Weise''" bettelt. Wer still auf der Straße sitzt, kann nicht mehr bestraft werden. Nicht erlaubt ist, an Engstellen allein oder als "''Bettler-Team''" Passanten aufzuhalten. Auch soll verboten werden, eine Behinderung vorzutäuschen.


== Quellen ==
== Quellen ==
* {{Quelle SN|14. September 2012 - Abschnitte „2012“ und „Vorkommnisse“}}
* {{Quelle SN|14. September 2012 - Abschnitte "2012" und "Vorkommnisse"}}
 
== Einzelnachweise ==
<references/>
<references/>


[[Kategorie:Soziales]]
[[Kategorie:Soziales]]
[[Kategorie:Gesellschaftliches]]
[[Kategorie:Gesellschaft]]
[[Kategorie:Recht]]
[[Kategorie:Recht]]