Karl Schmidt (Wagrain): Unterschied zwischen den Versionen
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Karl Schmidt, wie er allgemein in Quellen genannt wird, kam als viertes legitimes von neun Kindern eines bürgerlichen Baders im bayerischen Marktort Regen zur Welt. Sein Vater war [[ | Karl Schmidt, wie er allgemein in Quellen genannt wird, kam als viertes legitimes von neun Kindern eines bürgerlichen Baders im bayerischen Marktort Regen zur Welt. Sein Vater war [[Kärntner]] und hatte eine aus Regen stammende Weberstochter geheiratet. Vater Schmidt dürfte bis zu seinem Tod in Regen als Bader tätig gewesen sein. Ob sein Sohn von ihm das Wissen und die Schulung erhielt oder an einem anderen Ort ist unbekannt. | ||
Die ersten Nachweise finden sich [[1780]]. Am [[12. Juni]] dieses Jahres hatte Karl Schmidt in der Vikariatskirche in Wagrain Barbara Hiebl geheiratet. Sie war die eheliche Tochter eines [[Fürsterzbistum|hochfürstlichen]] Fuhrknechtsaus Salzburg. Im August [[1781]] kam ihr erstes Kind, eine Tochter, zur Welt, deren Taufpatin die Vikarsköchin Scolastica Hiebl war. Sie war mit der Mutter des Kindes verwandt und ihr Onkel, Vikar Rupert Hiebl ([[1767]]–[[1784]]/[[1785]]) taufte es. Als Vetter von Karl Schmidt dürfte dieses verwandschaftliche Verhältnis Schmidt seinen beruflichen Beginn in Wagrain sehr stark erleichtert haben. | Die ersten Nachweise finden sich [[1780]]. Am [[12. Juni]] dieses Jahres hatte Karl Schmidt in der Vikariatskirche in Wagrain Barbara Hiebl geheiratet. Sie war die eheliche Tochter eines [[Fürsterzbistum|hochfürstlichen]] Fuhrknechtsaus Salzburg. Im August [[1781]] kam ihr erstes Kind, eine Tochter, zur Welt, deren Taufpatin die Vikarsköchin Scolastica Hiebl war. Sie war mit der Mutter des Kindes verwandt und ihr Onkel, Vikar Rupert Hiebl ([[1767]]–[[1784]]/[[1785]]) taufte es. Als Vetter von Karl Schmidt dürfte dieses verwandschaftliche Verhältnis Schmidt seinen beruflichen Beginn in Wagrain sehr stark erleichtert haben. | ||
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1784 hatte Vikar Rupert Hiebl aufgrund von ''Leibesgebrechlichkeiten'' resigniert und verbrachte seinen Lebensabend im Baderhaus von Schmidt, wo er am [[31. Oktober]] [[1785]] starb. Nach seinem Tod kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Koadjutor Johann Michael Schwaighofer und Schmidt, der den Koadjutor beschuldigte, die Sackuhr des Vikars entwendet zu haben. Schwaighofer soll Schmidt gewürgt und ihm einen Zinnteller ins Gesicht geschleudert haben. Bei den Erbverhandlungen musste [[Dechant]] Johann Adam Rieger in [[Altenmarkt]] die Vorwürfe prüfen. Aufgrund der nicht beweisbaren gegenseitigen Vorwürfe sollte Schwaighofer nach "[[Bad Hofgastein|Hof]] in [[Gasteinertal|Gastein]]" abreisen, um weitere Streitigkeiten zu vermeiden. | 1784 hatte Vikar Rupert Hiebl aufgrund von ''Leibesgebrechlichkeiten'' resigniert und verbrachte seinen Lebensabend im Baderhaus von Schmidt, wo er am [[31. Oktober]] [[1785]] starb. Nach seinem Tod kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Koadjutor Johann Michael Schwaighofer und Schmidt, der den Koadjutor beschuldigte, die Sackuhr des Vikars entwendet zu haben. Schwaighofer soll Schmidt gewürgt und ihm einen Zinnteller ins Gesicht geschleudert haben. Bei den Erbverhandlungen musste [[Dechant]] Johann Adam Rieger in [[Altenmarkt]] die Vorwürfe prüfen. Aufgrund der nicht beweisbaren gegenseitigen Vorwürfe sollte Schwaighofer nach "[[Bad Hofgastein|Hof]] in [[Gasteinertal|Gastein]]" abreisen, um weitere Streitigkeiten zu vermeiden. | ||
[[1787]] erhob dann Koadjutor August Meilinger schriftliche Anklage gegen Schmidt, dieser hätte einen Hirschen unerlaubter Weise erlegt. Schmidt wurde auf Anordnung von Landrichter Franz Jakob Gold in den landesgerichtlichen Arrest gebracht. Dort legte er aber kein Geständnis ab. Bei einer Hausdurchsuchung fand man Gewehre und Munition. Schmidt verteidigte sich damit, dass er als eingeschriebener Feuerschütze zum ''Vortl Schüssen'' (Preisgeldschießen) diese Gewehre auf der Schießstätte benötigte. Nachdem der Koadjutor seine Vorwürfe neuerlich bekräftigte, musste Schmidt weiter in Haft bleiben. Erst ein medizinischer Notfall (eine komplizierte Geburt) und seine bisherige Unbescholtenheit verhalfen ihm zur Haftentlassung. Meilinger hingegen erneuerte in einem Protokoll im [[Franziskanerkloster]]. Nun begann man aber kirchlicherseits an seinen Angaben zu zweifeln und so entschloss sich Meilinger, wohl auch unter dem Druck der Kirchenbehörde und dem Landesherrn [[ | [[1787]] erhob dann Koadjutor August Meilinger schriftliche Anklage gegen Schmidt, dieser hätte einen Hirschen unerlaubter Weise erlegt. Schmidt wurde auf Anordnung von Landrichter Franz Jakob Gold in den landesgerichtlichen Arrest gebracht. Dort legte er aber kein Geständnis ab. Bei einer Hausdurchsuchung fand man Gewehre und Munition. Schmidt verteidigte sich damit, dass er als eingeschriebener Feuerschütze zum ''Vortl Schüssen'' (Preisgeldschießen) diese Gewehre auf der Schießstätte benötigte. Nachdem der Koadjutor seine Vorwürfe neuerlich bekräftigte, musste Schmidt weiter in Haft bleiben. Erst ein medizinischer Notfall (eine komplizierte Geburt) und seine bisherige Unbescholtenheit verhalfen ihm zur Haftentlassung. Meilinger hingegen erneuerte in einem Protokoll im [[Franziskanerkloster]]. Nun begann man aber kirchlicherseits an seinen Angaben zu zweifeln und so entschloss sich Meilinger, wohl auch unter dem Druck der Kirchenbehörde und dem Landesherrn [[Fürsterzbischof]] [[Hieronymus Graf Colloredo]], die angelaufenen Gerichtskosten von zwei Gulden und 39 Kreuzer zu übernehmen. | ||
Ganz unschuldig dürfte Schmidt allerdings nicht gewesen sein. Denn vier Jahre später, im Juni [[1791]], wurde er von einem Forstpraktikant mit einer gerade geschossenen Wildtaube und einer Flinte in seinen Händen überrascht. Es kam zu einer Verurteilung zu vier Stockhieben und einer Geldstrafe von zwei Gulden. Durch sein wortgewandtes Reden konnte er sich herausreden und musste letztlich nur die Gerichtskosten samt Strafgeld von vier Gulden und 26 Kreuzer bezahlen. | Ganz unschuldig dürfte Schmidt allerdings nicht gewesen sein. Denn vier Jahre später, im Juni [[1791]], wurde er von einem Forstpraktikant mit einer gerade geschossenen Wildtaube und einer Flinte in seinen Händen überrascht. Es kam zu einer Verurteilung zu vier Stockhieben und einer Geldstrafe von zwei Gulden. Durch sein wortgewandtes Reden konnte er sich herausreden und musste letztlich nur die Gerichtskosten samt Strafgeld von vier Gulden und 26 Kreuzer bezahlen. | ||
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Nicht beurteilt werden kann, inwieweit es Schmidt tatsächlich ein Anliegen war, der modernen Geburtshilfe den Durchbruch in den Dörfern zu bescheren. Tatsache blieb, dass die einflussreichen Frauen des Marktes Wagrain weiterhin der ''empirischen Hebamme''' ihre Unterstützung gaben. Teilweise dürfte es sogar zu Behinderungen gekommen sein, wenn eine Schwangere die ausgebildete Geburtshelferin aufsuchen wollte. Diese ''empirischen Hebammen'' war bereits eine alte Witwe und war sich ihrer Macht so sicher, dass sie sogar Kranke an Pfuscher verwies. Damit war ein Konflikt mit Schmidt vorprogrammiert gewesen. | Nicht beurteilt werden kann, inwieweit es Schmidt tatsächlich ein Anliegen war, der modernen Geburtshilfe den Durchbruch in den Dörfern zu bescheren. Tatsache blieb, dass die einflussreichen Frauen des Marktes Wagrain weiterhin der ''empirischen Hebamme''' ihre Unterstützung gaben. Teilweise dürfte es sogar zu Behinderungen gekommen sein, wenn eine Schwangere die ausgebildete Geburtshelferin aufsuchen wollte. Diese ''empirischen Hebammen'' war bereits eine alte Witwe und war sich ihrer Macht so sicher, dass sie sogar Kranke an Pfuscher verwies. Damit war ein Konflikt mit Schmidt vorprogrammiert gewesen. | ||
Dazu kam, dass die Tochter von Schmidt, Anna Schmidt, [[1799]] im Alter von 18 Jahren den Hebammenkurs in der [[Stadt Salzburg]] absolviert hatte. Sie kehrte nach Wagrain zurück und gebar bereits im Jänner [[1800]] ein uneheliches Kind. Der Vater war der Badergeselle Anton Preißler, den sie in der Stadt Salzburg kennengelernt haben dürfte. | Dazu kam, dass die Tochter von Schmidt, Anna Schmidt, [[1799]] im Alter von 18 Jahren den Hebammenkurs in der [[Stadt Salzburg]] absolviert hatte. Sie kehrte nach Wagrain zurück und gebar bereits im Jänner [[1800]] ein uneheliches Kind. Der Vater war der Badergeselle Anton Preißler, den sie in der Stadt Salzburg kennengelernt haben dürfte. | ||
== Seine letzten Jahre == | |||
Karl Schmidt bemühte sich nach 1800 für seine Tochter das Auskommen als Hebamme in Wagrain zu sichern. Aber die Streitigkeiten im Laufe der Jahre mit der Landbevölkerung trug nicht dazu bei, dass diese in Krankheitsfällen oder für Geburtshilfen die Familie Schmidt aufsuchten. So kam es, dass der Vater ihr ''Hebammengeschäft'' bald wieder niederlegen ließ. Erst Anna Brantnerinn, die sich [[1807]] als geprüfte Hebamme in Wagrain niederließ, konnte sich allmählich gegen die ''empirischen Hebammen'' durchsetzen. Sie hatte ebenfalls den Lehrkurs in Salzburg absolviert und vom Medizinalrat Geschicklichkeit in der Geburtshilfe bescheinigt bekommen. | |||
Über die Tätigkeiten von Karl Schmidt lassen sich ab 1800 bis zu seinem Tod im Jahr 1820 kaum mehr Quellen finden. Seine einst so erfolgreich angewandte ''Inokulaton'' (Impfung) und auch die neue, vom englischen Arzt Eduard Jenner (* [[1749]]; † [[1823]]) eingeführte Vakzination nach 1800, durfte Schmidt nicht mehr anwenden. Dies war nunmehr dem jeweiligen Landgerichtsphysikus (Landgerichtsarzt) als verantwortlicher Impfarzt vorbehalten. | |||
Als [[1818]] das ''gallichte Nervenfieber'' (es wurde auf schlechte und karge Nahrung zurückgeführt<ref>1815 war der Vulkan Tambora östlich von Java im heutigen Indonesien ausgebrochen; es war dies der größte Vulkanausbruch der letzten Jahrtausende, dessen Asche sich in der gesamten Atmosphäre um den Erdball verbreitete und in den folgenden Jahren aufgrund des einsetzenden schlechten Wetters - Regen, Schnee das gesamte Jahr über - zu Missernten führte. Daraus resultierte eine weltweite Hungersnot. Quelle u. a. [https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.das-jahr-ohne-sommer-1816-massenexodus-aus-dem-armenhaus.0771767e-12c5-43a4-bae1-749473685cfb.html www.stuttgarter-zeitung.de], "Das Jahr ohne Sommer 1816"</ref>) und die grassierende ''Lustseuche'' (Syphilis) bereiteten noch einmal Schmidt besondere Schwierigkeiten. Er wurde nun genau über seine beruflichen Kenntnisse und seine Arzneivorräte kontrolliert. Eine Apothekenvisitation im Oktober [[1815]] stellte Mängel in Hinblick auf die Ausstattung an Medikamenten fest. Schmidt entschuldigte sich damit, dass es ihm an Geld mangelt. Die allgemeine Armut seiner Patienten führe oft dazu, dass sie schleppend oder gar nicht bezahlten. | |||
Sein Enkel gleichen Namens studierte die niedere Chirurgie und folgte seinem Großvater nach dessen Tod nach. Karl Schmidt starb im Alter von 70 Jahren an Lungentzündung. Sein Enkel starb bereits im Alter von 42 Jahren am [[28. Jänner]] [[1843]] an ''Brustwassersucht''. | |||
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* [[Alfred Stefan Weiß]]: ''Leben zwischen Tradition und Aufklärung - der Wagrainer Bader Karl Schmidt''. Ein Beitrag zur ländlichen Medizin- und Sozialgeschichte am Beginn der Moderne (ca. 1780–1820), erschienen in [[Salzburg Archiv]], Band 18, 1994, Seite 151ff | * [[Alfred Stefan Weiß]]: ''Leben zwischen Tradition und Aufklärung - der Wagrainer Bader Karl Schmidt''. Ein Beitrag zur ländlichen Medizin- und Sozialgeschichte am Beginn der Moderne (ca. 1780–1820), erschienen in [[Salzburg Archiv]], Band 18, 1994, Seite 151ff | ||
== Fußnote == | |||
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