Marko Feingold: Unterschied zwischen den Versionen
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[[Datei:Signatur Marko M. Feingold 2016.jpg|miniatur|rechts|Signatur von Marko M. Feingold (2016)]] | [[Datei:Signatur Marko M. Feingold 2016.jpg|miniatur|rechts|Signatur von Marko M. Feingold (2016)]] | ||
[[Hofrat]] '''Marko M. Feingold''' (* [[28. Mai]] [[1913]] in Neusohl, | [[Datei:Majimaz Konzert 2009 in der Bibliotheksaula 02.jpg|thumb|[[Majimaz]]-Konzert 2009 in der [[Bibliotheksaula]]. Bildmitte [[Hofrat]] Marko M. Feingold mit seiner Frau [[Hanna Feingold|Hanna]] (rechts), neben ihr Prälat Dr. [[Matthäus Appesbacher]], emeritierter [[Domkapitular]] und ehemaliger [[Bischofsvikar]].]] | ||
[[Hofrat]] '''Marko M. Feingold''' (* [[28. Mai]] [[1913]] in Neusohl, slowakisch ''Banská Bystrica''; † [[19. September]] [[2019]] in der [[Stadt Salzburg]]) war von [[1979]] bis [[2019]] Präsident der [[Israelitische Kultusgemeinde Salzburg|Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg]] und [[Ehrenbürger der Stadt Salzburg]]. Er starb im Alter von 106 Jahren. | |||
==Leben== | == Leben == | ||
Max Feingold wuchs in der Leopoldstadt in [[Wien]] auf. Nach einer Lehre war er als kaufmännischer Angestellter bei einem Kürschner in Wien und später als Reisender, insbesondere in [[Italien]] unterwegs. Kurz nach dem [[Anschluss]] [[1938]] verließ er Wien, ging über die [[Tschechien|Tschechoslowakei]] nach [[Polen]]. Nach Prag zurückgekehrt, wurde er am [[6. Mai]] [[1939]] von der [[Gestapo]] verhaftet. Als er [[1941]] schließlich in das [[Konzentrationslager Auschwitz]] gebracht wurde, begann ein Leidensweg, den nur äußerst wenige überlebten. Nach Transporten in Konzentrationslager im Norden ([[Konzentrationslager Neuengamme|KZ Neuengamme]]) und Süden ([[Konzentrationslager Dachau|KZ Dachau]]) Deutschlands, kam er schließlich ins [[KZ Buchenwald]], wo Feingold wie durch eine Reihe von Wundern die Befreiung durch die Amerikaner am [[11. April]] [[1945]] erlebte. | Max Feingold wuchs in der Leopoldstadt in [[Wien]] auf. Nach einer Lehre war er als kaufmännischer Angestellter bei einem Kürschner in Wien und später als Reisender, insbesondere in [[Italien]] unterwegs. Kurz nach dem [[Anschluss]] [[1938]] verließ er Wien, ging über die [[Tschechien|Tschechoslowakei]] nach [[Polen]]. Nach Prag zurückgekehrt, wurde er am [[6. Mai]] [[1939]] von der [[Gestapo]] verhaftet. Als er [[1941]] schließlich in das [[Konzentrationslager Auschwitz]] gebracht wurde, begann ein Leidensweg, den nur äußerst wenige überlebten. Nach Transporten in Konzentrationslager im Norden ([[Konzentrationslager Neuengamme|KZ Neuengamme]]) und Süden ([[Konzentrationslager Dachau|KZ Dachau]]) Deutschlands, kam er schließlich ins [[KZ Buchenwald]], wo Feingold wie durch eine Reihe von Wundern die Befreiung durch die Amerikaner am [[11. April]] [[1945]] erlebte. | ||
Weil ihm auf der Fahrt nach Wien der Eintritt in die sowjetische Besatzungszone verweigert wurde, ließ er sich [[1945]] in [[Salzburg]] nieder, wo er seither lebt. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft in Salzburg übernahm er die Leitung der Küche, die für Verfolgte des Nazi-Regimes eingerichtet worden war. Zwischen 1945 und [[1948]] half er jüdischen Flüchtlingen, die überwiegend aus Osteuropa kamen ([[Displaced Persons|displaced persons]]) bei der Flucht über die [[Alpen]] (zu Seehäfen) nach Palästina ([[Krimmler Judenflucht]]). [[1948]] wurde er Inhaber eines Modegeschäftes, das er bis zu seiner Pensionierung [[1977]] betrieb. | Weil ihm auf der Fahrt nach Wien der Eintritt in die sowjetische Besatzungszone verweigert wurde, ließ er sich [[1945]] in der [[Stadt Salzburg]] nieder, wo er seither lebt. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft in Salzburg übernahm er die Leitung der Küche, die für Verfolgte des Nazi-Regimes eingerichtet worden war. Zwischen 1945 und [[1948]] half er jüdischen Flüchtlingen, die überwiegend aus Osteuropa kamen ([[Displaced Persons|displaced persons]]) bei der Flucht über die [[Alpen]] (zu Seehäfen) nach Palästina ([[Krimmler Judenflucht]]). [[1948]] wurde er Inhaber eines Modegeschäftes, das er bis zu seiner Pensionierung [[1977]] betrieb. | ||
Ab [[17. Juni]] [[1946]] war Feingold kurz Präsident der wiedererrichteten Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. Noch im selben Jahr musste er dieses Amt jedoch wieder aufgeben. Erst nach seiner Pensionierung übernahm er es [[1979]] wieder. Seit den [[1980er]]-Jahren hält er als Zeitzeuge Vorträge vor Schülern, Studenten, Pfarrgemeinden und Vereinen. Häufig ist er auch Gastgeber für Schulklassen und andere interessierte Gruppen, die die [[Salzburger Synagoge]] besuchen. Seit vielen Jahren nimmt er am [[Interreligiöser Dialog|interreligiösen Dialog]] teil. | Ab [[17. Juni]] [[1946]] war Feingold kurz Präsident der wiedererrichteten Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. Noch im selben Jahr musste er dieses Amt jedoch wieder aufgeben. Erst nach seiner Pensionierung übernahm er es [[1979]] wieder. Seit den [[1980er]]-Jahren hält er als Zeitzeuge Vorträge vor Schülern, Studenten, Pfarrgemeinden und Vereinen. Häufig ist er auch Gastgeber für Schulklassen und andere interessierte Gruppen, die die [[Salzburger Synagoge]] besuchen. Seit vielen Jahren nimmt er am [[Interreligiöser Dialog|interreligiösen Dialog]] teil. | ||
Feingold | Im Frühjahr [[2019]] übernahm seine Frau [[Hanna Feingold|Hanna]] die Leitung der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. | ||
=== Nachruf in den Salzburger Nachrichten am 20. September 2019 | Feingold verstarb am 19. September im 107. Lebensjahr, im Kreise seiner Familie in Salzburg. | ||
Am [[23. September]] [[2019]] wurde Feingold am [[Jüdischer Friedhof Salzburg|Jüdischen Friedhof Salzburg]] bestattet.<ref>[https://www.ikg-wien.at/marko-feingold-einer-der-letzten-zeugen-des-nazi-terrors-gestorben/ Nachruf der Israelitischen Kultusgemeinde]</ref> | |||
== Auszeichnungen und Ehrungen == | |||
Zu den zahlreichen Ehrungen, die er im In- und Ausland erhielt, gehören die Verleihung des [[Verdienstzeichen des Landes Salzburg#Verdienstzeichen in Gold|Goldenen Verdienstzeichens]] des [[Land Salzburg (Gebietskörperschaft)|Landes Salzburg]] ([[1988]]) und die Ernennung zum ''Hofrat'' ([[1991]]). Seit [[1977]] ist er in Pension. | |||
Am [[17. Jänner]] [[2008]] wurde er von [[Bürgermeister der Stadt Salzburg|Bürgermeister]] [[Heinz Schaden]] mit der [[Ehrenbürger der Stadt Salzburg|Ehrenbürgerschaft]] der [[Stadt Salzburg (Gebietskörperschaft)|Stadt Salzburg]] ausgezeichnet. | |||
Seit [[2013]] ist nach ihm der [[Marko-M.-Feingold-Preis]] benannt, den das Land Salzburg und die [[Magistrat Salzburg|Stadt Salzburg]] gemeinsam mit der [[Paris-Lodron-Universität Salzburg]] alle drei Jahre vergeben.# | |||
* [[1977]]: Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs | |||
* [[1985]]: | |||
: Silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich | |||
: [[Bürgerbrief der Stadt Salzburg]] | |||
* [[1988]]: | |||
: [[Wappenmedaille der Stadt Salzburg]] in Gold | |||
: [[Träger des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Salzburg bis 2007|Goldenes Verdienstzeichen des Landes Salzburg]] | |||
* [[1991]]: Berufstitel ''Hofrat'' | |||
* [[1993]]: [[Ehrenbecher des Landes Salzburg]] | |||
* [[1998]]: Goldenes [[Ehrenzeichen des Landes Salzburg]] | |||
* [[2003]]: [[Ring der Stadt Salzburg]] | |||
* [[2008]]: [[Ehrenbürger der Stadt Salzburg]] | |||
* [[2013]], [[1. Oktober]]: Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, überreicht durch Dr. Claudia Schmied, Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur. | |||
* [[2018]], [[20. Jänner]]: Toleranzpreis der Europäischen Akademie der Wissenschaften<ref>SN vom 18.01.2018 ("Er ist eine Säule gelebter Toleranz in Salzburg")</ref> | |||
* [[2019]], [[1. Februar]]: Bundesverdienstkreuz am Bande<ref>SN vom 4. Februar 2019: ''Deutschland ehrte Marko Feingold''</ref> | |||
=== Ehrengrab und Straßenbenennung === | |||
Hofrat Feingold bekommt ein Ehrengrab der Stadt Salzburg, dessen Kosten die Stadt übernimmt. Dies beschlossen am [[16. Juli]] 2020 der städtische Kulturausschuss und der Stadtsenat. Da sich die Richtlinien für Ehrengräber aber nur auf Grabstellen in öffentlichen Friedhöfen der Stadt Salzburg beziehen und der Jüdische Friedhof weder im Eigentum der Stadt noch ein öffentlicher Friedhof sei, werde vorgeschlagen, dass die Stadt die Kosten für die Errichtung des Grabes und einen einmaligen Kostenersatz leiste. In Summe sind das 10.000 Euro. Das Ehrengrab soll im September fertiggestellt sein.<ref>[https://www.sn.at/salzburg/politik/marko-feingold-erhaelt-ehrengrab-stadt-salzburg-uebernimmt-die-kosten-90175762 SN vom 16. Juli 2020: ''Marko Feingold erhält Ehrengrab: Stadt Salzburg übernimmt die Kosten''] (Heidi Huber)</ref> | |||
[[2020]] entstand eine Debatte im [[Salzburger Gemeinderat]] über eine Straßenbenennung nach Feingold. Die Witwe Hanna Feingold wünschte sich zunächst die Umbenennung der [[Stelzhamerstraße]], später dann der [[Churfürststraße]]. [[Bürgermeister der Stadt Salzburg|Bürgermeister]] [[Harald Preuner]] hatte sich jedoch für die Umbenennung des [[Makartsteg]]s ausgesprochen in Hinblick auf die Tätigkeit Feingolds als Brückenbauer. In den Augen der Witwe wäre aber die Umbenennung des Makartstegs keine Ehrung für ihren Mann. Sie forderte stattdessen die Umbenennung der Churfürststraße.<ref>[https://www.sn.at/salzburg/politik/salzburger-makartsteg-soll-zum-marko-feingold-steg-werden-92517982 SN vom 8. September 2020: ''Salzburger Makartsteg soll zum Marko-Feingold-Steg werden''] ([[Thomas Sendlhofer]])</ref> Am [[14. September]] [[2020]] beschloss der [[Stadtsenat]] mehrheitlich die Umbenennung des Makartstegs in Feingold-Steg.<ref>[https://www.sn.at/salzburg/politik/feingold-steg-heikle-politische-entscheidung-ist-gefallen-92819227 www.sn.at], 14. September 2020</ref> | |||
== Nachruf in den Salzburger Nachrichten am 20. September 2019 == | |||
==== Marko Feingold ist tot: Ein letzter Zeuge aus der Hölle ==== | ==== Marko Feingold ist tot: Ein letzter Zeuge aus der Hölle ==== | ||
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Marko Feingold sah seinem Gegner bis zuletzt ins Auge. Dafür ging er - schon über 100 Jahre alt - auch ins Gefängnis. Das war 2014. In seiner Tasche hatte er Fotos und ein Buch. Er kam als Besucher. Ihm gegenüber sitzt ein 21-Jähriger, der Hassparolen gesprayt und Stolpersteine beschmiert haben soll, ein Antisemit und Neo-Nazi soll der junge Mann sein. | Marko Feingold sah seinem Gegner bis zuletzt ins Auge. Dafür ging er - schon über 100 Jahre alt - auch ins Gefängnis. Das war 2014. In seiner Tasche hatte er Fotos und ein Buch. Er kam als Besucher. Ihm gegenüber sitzt ein 21-Jähriger, der Hassparolen gesprayt und Stolpersteine beschmiert haben soll, ein Antisemit und Neo-Nazi soll der junge Mann sein. | ||
In einem Brief hatte sich der Beschuldigte bei Feingold entschuldigt. " | In einem Brief hatte sich der Beschuldigte bei Feingold entschuldigt. "Ich wollte Ihnen ins Gesicht schauen: Ist das ein Trick der Rechtsanwälte? ,Spielst a Waserl, kriegst ein Jahr weniger?'", sagt Feingold beim Besuch und zeigt die Bilder der Beschmierungen. "Ihre gesammelten Werke", sagt Feingold. Und: "Das ist eine Sauerei gewesen." Der junge Mann nickt. Er redet wenig und sagt, das Gefängnis habe ihn "umgedreht". | ||
==== Feingold scheute die Konfrontation mit Gegner nicht ==== | ==== Feingold scheute die Konfrontation mit Gegner nicht ==== | ||
Marko Feingold scheute seine Gegner nicht. Er trat ihnen entgegen. Und er meldete sich zu Wort, wenn er Unrecht witterte. Feingold war Österreichs ältester überlebende KZ-Insasse. So einer hat viel zu erzählen. Mit ihm starb eine Stimme, die leibhaftig aus der Hölle berichten konnte. Seine Überlebensgeschichte hat Feingold auch aufgeschrieben. Der Titel des Buches beschreibt, woher bis zuletzt die Kraft für klare Worte kam: " | Marko Feingold scheute seine Gegner nicht. Er trat ihnen entgegen. Und er meldete sich zu Wort, wenn er Unrecht witterte. Feingold war Österreichs ältester überlebende KZ-Insasse. So einer hat viel zu erzählen. Mit ihm starb eine Stimme, die leibhaftig aus der Hölle berichten konnte. Seine Überlebensgeschichte hat Feingold auch aufgeschrieben. Der Titel des Buches beschreibt, woher bis zuletzt die Kraft für klare Worte kam: "Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh". | ||
==== Hilfe bei der Flucht über die Alpen ==== | ==== Hilfe bei der Flucht über die Alpen ==== | ||
Geboren wurde er in Besztercebánya (dt. Neusohl) in der heutigen Slowakei. Damals 1913 war das Teil des k.&.k.-Reiches. Er wuchs in Wien auf, machte eine kaufmännische Lehre und war lange arbeitslos. Im März 1938 musste er Österreich verlassen, wurde im Mai 1939 in Prag von der Gestapo verhaftet. Danach überlebte er vier Konzentrationslager - Auschwitz, Neuengamme bei Hamburg, Dachau und Buchenwald, wo er am 11. April 1945 von den Amerikanern befreit worden war. Am 18. Mai 1945 konnten die ersten Österreicher von dort in die Heimat zurückkehren. " | Geboren wurde er in Besztercebánya (dt. Neusohl) in der heutigen Slowakei. Damals 1913 war das Teil des k.&.k.-Reiches. Er wuchs in Wien auf, machte eine kaufmännische Lehre und war lange arbeitslos. Im März 1938 musste er Österreich verlassen, wurde im Mai 1939 in Prag von der Gestapo verhaftet. Danach überlebte er vier Konzentrationslager - Auschwitz, Neuengamme bei Hamburg, Dachau und Buchenwald, wo er am 11. April 1945 von den Amerikanern befreit worden war. Am 18. Mai 1945 konnten die ersten Österreicher von dort in die Heimat zurückkehren. "Bei der Demarkationslinie, an der Enns gab es Schwierigkeiten, so fuhren wir wieder westwärts", erinnerte er sich. Und so kam er nach Salzburg. "Einige Tage nach meiner Ankunft übernahm ich die Leitung der Küche für politisch Verfolgte, bald danach half ich jüdischen [[Displaced Persons|Displaced People]] bei der Flucht über die Alpen", schrieb Feingold einmal in einem kurzen Lebenslauf. Kurz und bündig und tatkräftig. | ||
==== "Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh". ==== | ==== "Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh". ==== | ||
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Andere mögen eine Art überirdische Rache darin erkannt haben, dass Feingold seine Peiniger überlebt hat. Ihm war eine solche Sicht fremd. Er war da und konnte erzählen. Dieses Erzählen brachte ihn auch auf die Bühnen großer Theater. Er wirkte mit an der Zeitzeugenproduktion "Die letzten Zeugen" von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater, die auch zum Berliner Theatertreffen und ans Staatsschauspiel Dresden eingeladen wurde. | Andere mögen eine Art überirdische Rache darin erkannt haben, dass Feingold seine Peiniger überlebt hat. Ihm war eine solche Sicht fremd. Er war da und konnte erzählen. Dieses Erzählen brachte ihn auch auf die Bühnen großer Theater. Er wirkte mit an der Zeitzeugenproduktion "Die letzten Zeugen" von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater, die auch zum Berliner Theatertreffen und ans Staatsschauspiel Dresden eingeladen wurde. | ||
In Salzburg hatte er 1948 zusammen mit Eduard Goldmann, der auch im KZ Buchenwald war, das Modegeschäft "Wiener Moden" gegründet. Auch eine Art Notwehr: Niemand habe jüdische KZ'ler anstellen wollen, sagt er. Bis zur Pensionierung 1977 war Feingold, stets ein Sir auch in Kleidungsfragen, in dem Geschäft tätig. Zwei Jahre nach der Pensionierung wurde er Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg. Das war er zuvor schon in den Jahren 1946 und 1947. In diesen Jahren war er auch als Fluchthelfer tätig. Als Leiter der Organisation "Bricha" half er rund 100 | In Salzburg hatte er 1948 zusammen mit Eduard Goldmann, der auch im KZ Buchenwald war, das Modegeschäft "Wiener Moden" gegründet. Auch eine Art Notwehr: Niemand habe jüdische KZ'ler anstellen wollen, sagt er. Bis zur Pensionierung 1977 war Feingold, stets ein Sir auch in Kleidungsfragen, in dem Geschäft tätig. Zwei Jahre nach der Pensionierung wurde er Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg. Das war er zuvor schon in den Jahren 1946 und 1947. In diesen Jahren war er auch als Fluchthelfer tätig. Als Leiter der Organisation "[[Bricha]]" half er rund 100 000 Menschen zur Flucht nach Palästina, was einen bedeutenden Beitrag zur Gründung des Staats Israel darstellte. | ||
==== Nach dem Krieg blieb der Antisemitismus ==== | ==== Nach dem Krieg blieb der Antisemitismus ==== | ||
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==== Es wird einer fehlen, der zuhören konnte ==== | ==== Es wird einer fehlen, der zuhören konnte ==== | ||
Es wird ein Mensch fehlen, der zuhören konnte, einer, der Sorgen und Fragen ernst nahm. Und fehlen wird er vor allem als Erzähler, als Augenzeuge des Schreckens, als einer, der sein Wissen um die Abgründe und Abscheulichkeiten des Lebens nicht aus Bücher lernen musste, sondern einer, der das alles furchtbar am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte. "Mir hingen die Gedärme raus. Wenn ich mich setzen wollte, musste ich sie erst wieder hinschieben", erzählte er einmal in einem Interview. Er bekam Hautausschläge, blutende Wunden an den Beinen. Wenn man ihn etwa vor Schülerinnen und Schülern davon erzählen hörte, tat er es ruhig, bildhaft, und stets fesselnd - er tat es so, dass es eine Missachtung des großen Vermächtnisses des Lebens dieses Mannes wäre, würde man seine Erzählung je vergessen | Es wird ein Mensch fehlen, der zuhören konnte, einer, der Sorgen und Fragen ernst nahm. Und fehlen wird er vor allem als Erzähler, als Augenzeuge des Schreckens, als einer, der sein Wissen um die Abgründe und Abscheulichkeiten des Lebens nicht aus Bücher lernen musste, sondern einer, der das alles furchtbar am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte. "Mir hingen die Gedärme raus. Wenn ich mich setzen wollte, musste ich sie erst wieder hinschieben", erzählte er einmal in einem Interview. Er bekam Hautausschläge, blutende Wunden an den Beinen. Wenn man ihn etwa vor Schülerinnen und Schülern davon erzählen hörte, tat er es ruhig, bildhaft, und stets fesselnd - er tat es so, dass es eine Missachtung des großen Vermächtnisses des Lebens dieses Mannes wäre, würde man seine Erzählung je vergessen | ||
=== Marko Feingold in seinem letzten Interview: "Heilig war ich nie" === | === Marko Feingold in seinem letzten Interview: "Heilig war ich nie" === | ||
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''Ja, natürlich. Was macht man nicht alles für die Integration. | ''Ja, natürlich. Was macht man nicht alles für die Integration. | ||
==Werke== | == Werke == | ||
* Marko M. Feingold: ''[[Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh]]. Eine Überlebensgeschichte.'' Herausgegeben und mit einem Nachwort von [[Birgit Kirchmayr]] und [[Albert Lichtblau]] | * Marko M. Feingold: ''[[Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh]]. Eine Überlebensgeschichte.'' Herausgegeben und mit einem Nachwort von [[Birgit Kirchmayr]] und [[Albert Lichtblau]] | ||
* Marko M. Feingold (Hrsg.): ''Ein Ewiges Dennoch – 125 Jahre Juden in Salzburg'', Böhlau verlag, Wien 1993 | * Marko M. Feingold (Hrsg.): ''Ein Ewiges Dennoch – 125 Jahre Juden in Salzburg'', Böhlau verlag, Wien 1993 | ||
== Bilder == | == Bilder == | ||
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==Weblinks== | == Weblinks == | ||
*[http://alpinepeacecrossing.org/?view=feingold Lebenslauf] | *[http://alpinepeacecrossing.org/?view=feingold Lebenslauf] | ||
*[http://www.ikg-salzburg.at/ Israelitische Kultusgemeinde Salzburg] | *[http://www.ikg-salzburg.at/ Israelitische Kultusgemeinde Salzburg] | ||
* [http://www.oesterreich-am-wort.at/trefferliste/aspect/czoyNjoiTWFya28gRmVpbmdvbGQgQU5EIGV4Om9lYXciOw==/ Lebensgeschichtliche Interviews mit Marko Feingold zum Nachhören] im Online-Archiv [http://www.oesterreich-am-wort.at "Österreich am Wort"] der [ | * [http://www.oesterreich-am-wort.at/trefferliste/aspect/czoyNjoiTWFya28gRmVpbmdvbGQgQU5EIGV4Om9lYXciOw==/ Lebensgeschichtliche Interviews mit Marko Feingold zum Nachhören] im Online-Archiv [http://www.oesterreich-am-wort.at "Österreich am Wort"] der [[Österreichische Mediathek|Österreichischen Mediathek]] | ||
* {{wikipedia-de}} | * {{wikipedia-de}} | ||
== Quellen == | == Quellen == | ||
* [http://alpinepeacecrossing.org/?view=feingold Lebenslauf] | * [http://alpinepeacecrossing.org/?view=feingold Lebenslauf] | ||
* [http://www.ikg-salzburg.at/gemeinde/praesident.html Israelitische Kultusgemeinde Salzburg] | * [http://www.ikg-salzburg.at/gemeinde/praesident.html Israelitische Kultusgemeinde Salzburg] | ||
* [[ | * [[SALZBURG24]]: [https://www.salzburg24.at/news/salzburg/marko-feingold-ist-tot-76492501 Marko Feingold ist tot] | ||
* [[Salzburger Nachrichten]] vom [https://www.sn.at/salzburg/politik/marko-feingold-in-seinem-letzten-interview-heilig-war-ich-nie-73647022 20. Juli 2019] | * [[Salzburger Nachrichten]] vom [https://www.sn.at/salzburg/politik/marko-feingold-in-seinem-letzten-interview-heilig-war-ich-nie-73647022 20. Juli 2019] | ||
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== Einzelnachweise == | |||
<references/> | <references/> | ||
{{Zeitfolge | |||
|AMT= Präsident der [[Israelitische Kultusgemeinde Salzburg|Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg]] | |||
|ZEIT= [[1945]]–[[1946]]<br />[[1983]]–[[2019]] | |||
|VORGÄNGER= [[N. N.]]<br />[[Ladislaus Friedländer]] | |||
|NACHFOLGER= N.N.<br />[[Hanna Feingold]] | |||
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[[Kategorie:Person]] | [[Kategorie:Person]] | ||
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[[Kategorie:Zuagroaste]] | |||
[[Kategorie:Wien]] | |||
[[Kategorie:Geboren 1913]] | |||
[[Kategorie:Gestorben 2019]] | |||