Lager Glasenbach: Unterschied zwischen den Versionen
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[[Datei:Lufbildaufnahme der Stadt Salzburg 1952.jpg|thumb|Auf dieser Luftbildaufnahme aus dem Jahr 1952 sieht man im rechten unteren Bildteil neben der [[Salzach]] ein helles Rechteck - das ist das Lager Glasenbach.]] | [[Datei:Lufbildaufnahme der Stadt Salzburg 1952.jpg|thumb|Auf dieser Luftbildaufnahme aus dem Jahr 1952 sieht man im rechten unteren Bildteil neben der [[Salzach]] ein helles Rechteck - das ist das Lager Glasenbach.]] | ||
Das '''Lager Glasenbach''' ''Marcus W. Orr'' war ein Internierungslager der Amerikaner für [[Nationalsozialismus|Nazi]]-Verdächtige | Das '''Lager Glasenbach''' ''Marcus W. Orr'' war ein Internierungslager der [[USFA|Amerikaner]] für [[Nationalsozialismus|Nazi]]-Verdächtige. | ||
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==Lage und Bezeichnung== | ==Lage und Bezeichnung== | ||
Obwohl das Lager den Namen | Obwohl das Lager den Namen "Glasenbach" trug, hatte es mit dieser [[Glasenbach|Ortschaft]] von [[Elsbethen]] im Grunde nichts zu tun, sieht man davon ab, dass sich dort die nächstgelegene Bahnstation und das nächstgelegene Postamt befanden. Das Internierungslager selbst dehnte sich nämlich auf der linken [[Salzach]]seite auf dem Gebiet der heutigen [[Alpensiedlung]] im heutigen [[Salzburger Stadtteil]] [[Salzburg Süd]] aus, etwa im Bereich zwischen der [[Hans-Webersdorfer-Straße]], des heutigen [[Ginzkeyplatz]]es und der [[Karl-Emminger-Straße]]. | ||
Der Name ''Marcus W. Orr'' geht auf den letzten im Zweiten Weltkrieg schwer verwundeten amerikanischen Soldaten dieses Namens zurück. | Der Name ''Marcus W. Orr'' geht auf den letzten im Zweiten Weltkrieg schwer verwundeten amerikanischen Soldaten dieses Namens zurück.Der am 19. März 1925 im US-amerikanischen Bundesstaat Arkansas auf die Welt gekommene Soldat der ''42nd Rainbow Infantry Division'' (''[[Rainbow Division]]'') wurde bei Kampfhandlungen in Süddeutschland schwer verwundet und blieb den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt. Er studierte nach dem Krieg und wurde Historiker. In dieser Funktion kam er mehrmals nach Europa, wurde Professor an der ''Memphis State University'' und starb am 1. November 1990. (Vgl. Dohle/Eigelsberger 2009.) | ||
==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
Bei dem 25,3 ha großen Gelände des Camps handelte es sich um ein Areal, das im Dezember [[1940]] vom Reichsfiskus für die Deutsche Wehrmacht angekauft wurde. Im Jahr [[1941]] begann man mit der Errichtung von Behelfsunterkünften und mehreren Kraftfahrzeug- sowie Pionierboothallen für das Gebirgsjäger-Ersatzbataillon 82. Die Arbeiten wurden aber aufgrund der Kriegsentwicklung sehr eingeschränkt durchgeführt. | Bei dem 25,3 ha großen Gelände des Camps handelte es sich um ein Areal, das im Dezember [[1940]] vom Reichsfiskus für die [[Deutsche Wehrmacht]] angekauft wurde. Im Jahr [[1941]] begann man mit der Errichtung von Behelfsunterkünften und mehreren Kraftfahrzeug- sowie Pionierboothallen für das Gebirgsjäger-Ersatzbataillon 82. Die Arbeiten wurden aber aufgrund der Kriegsentwicklung sehr eingeschränkt durchgeführt. Nach Ende des Krieges war es vorübergehend ein Wehrmachtsentlassungslager. Am [[18. August]] [[1945]] besuchte der ehemalige zuständige Wehrkreispfarrer<ref>"[[Erzbischof Andreas Rohracher, Krieg, Wiederaufbau, Konzil]], Seite 116</ref> Peter Biebel, am Nachmittag das Lager. In seiner Zusammenfassung der Visite schreibt Biebel, dass sich in dem Lagen zwischen 16 000 und 17 000 "Soldaten, die aus Norwegen und Italien zurückgekehrt sind" befanden. "Darunter auch viele Frauen und Mädchen, die dem Heere als Helferinnen, Nachrichtenverm[''ittlerinnen''] und andere Dienste angeschlossen waren." Unter den Internierten befanden sich auch rund 500 Kriegsversehrte und Schwangere, sowie "zehn Geistliche und vier Theologen", davon vier Priester aus der [[Erzdiözese Salzburg]].<ref>"[[Erzbischof Andreas Rohracher, Krieg, Wiederaufbau, Konzil]], Seite 126</ref> | ||
Weiters veranlasste die vorrückende sowjetische Rote Armee gegen Kriegsende viele Funktionäre des Nationalsozialismus, sich aus Ostösterreich nach Westen in den amerikanischen Sektor abzusetzen. Im amerikanischen Bereich wurden sie vom ''automatic arrest'' erfasst, einer Entnazifizierungsmaßnahme, die alle festsetzen sollte, die in bestimmten Positionen für das nationalsozialistische Regime tätig waren. Dazu errichteten die Amerikaner dann im Herbst [[1945]] das "Lager W. Marcus Orr" und sammelten dort Insassen von mehreren kleineren Lagern in [[Oberösterreich]] und dem SS-Lager in [[Hallein]]. | |||
So wurden bis zu 12 000 dieser tatsächlichen oder unter dem Verdacht stehenden Sympathisanten mit dem NS-Regime im Camp Marcus W. Orr interniert. Darunter befanden sich sehr unterschiedliche Personen wie Chargen der SS, der Waffen-SS, Wehrmachtsgeneräle wie Kesselring und Rendulic, Bürgermeister, Ortsgruppenleiter, Gauhauptleute, Richter und Staatsanwälte, Industrielle, aber auch Kriegsverbrecher wie Walter Reder oder KZ-Kommandanten wie Franz Stangl und Anton Burger. | So wurden bis zu 12 000 dieser tatsächlichen oder unter dem Verdacht stehenden Sympathisanten mit dem NS-Regime im ''Camp Marcus W. Orr'' interniert. Darunter befanden sich sehr unterschiedliche Personen wie Chargen der SS, der Waffen-SS, Wehrmachtsgeneräle wie Kesselring und Rendulic, Bürgermeister, Ortsgruppenleiter, Gauhauptleute, Richter und Staatsanwälte, Industrielle, aber auch Kriegsverbrecher wie Walter Reder oder KZ-Kommandanten wie Franz Stangl und Anton Burger. | ||
Die so gemischte Lagergemeinschaft von Tätern und tatsächlichen Unschuldigen nannte ihr Lager selbst "Konzentrationslager", wohl auch als Reaktion der Verleugnung der tatsächlich von manchen der Lagerinsassen angestifteten oder durchgeführten unrechten Handlungen während der NS-Zeit. Die Entnazifizierungsbemühungen im Lager beschränkten sich auf Vernehmungen und das Ausfüllen von Fragebögen. So wurden nur die Schwerbelasteten gefiltert, die dann den Volksgerichten übergeben oder zu den NS-Prozessen in Dachau überstellt wurden. | Die so gemischte Lagergemeinschaft von Tätern und tatsächlichen Unschuldigen nannte ihr Lager selbst "Konzentrationslager", wohl auch als Reaktion der Verleugnung der tatsächlich von manchen der Lagerinsassen angestifteten oder durchgeführten unrechten Handlungen während der NS-Zeit. Die Entnazifizierungsbemühungen im Lager beschränkten sich auf Vernehmungen und das Ausfüllen von Fragebögen. So wurden nur die Schwerbelasteten gefiltert, die dann den Volksgerichten übergeben oder zu den NS-Prozessen in Dachau überstellt wurden. | ||
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Lagerkommandant war Colonel Wooten, der die Inhaftierten mit "meine Freunde" anzusprechen pflegte. Diese legere Behandlung wurde aber den amerikanischen Bewachern nicht gedankt. Denn bei einer Häftlingsüberstellung zu den Dachauer Prozessen am [[19. März]] 1947 kam es zu einem Aufstand, der durch den Einsatz von Schusswaffen von der österreichischen [[Gendarmerie]] beendet werden konnte. Dennoch machten die Amerikaner weitere Zugeständnisse. So wurde die Haftzeit in Glasenbach auf Volksgerichtsstrafen angerechnet. | Lagerkommandant war Colonel Wooten, der die Inhaftierten mit "meine Freunde" anzusprechen pflegte. Diese legere Behandlung wurde aber den amerikanischen Bewachern nicht gedankt. Denn bei einer Häftlingsüberstellung zu den Dachauer Prozessen am [[19. März]] 1947 kam es zu einem Aufstand, der durch den Einsatz von Schusswaffen von der österreichischen [[Gendarmerie]] beendet werden konnte. Dennoch machten die Amerikaner weitere Zugeständnisse. So wurde die Haftzeit in Glasenbach auf Volksgerichtsstrafen angerechnet. | ||
; Lagerinsassen | |||
Unter den "Glasenbachern", wie die Lagerinsassen genannt wurden, befanden sich auch jene Personen, die später bei der Gründung der [[FPÖ]] eine entscheidende Rolle spielen sollten: die beiden späteren Parteichefs Anton Reinthaller und Friedrich Peter sowie Robert Haider, der Vater von Jörg Haider. | |||
== Zeitzeugen erinnerten sich == | == Zeitzeugen erinnerten sich == | ||
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==Literatur == | ==Literatur == | ||
* [[Oskar Dohle]], | * [[Oskar Dohle|Dohle, Oskar]]; Eigelsberger, Christoph: "[[Camp Marcus W. Orr (Buch)|Camp Marcus W. Orr - Glasenbach als Internierungslager nach 1945]]", 2009 | ||
== | == Weblink == | ||
* Buch | * [https://salzburg.orf.at/stories/3304110/ salzburg.orf.at], 6. Mai 2025: "Im Kunst-Quartier in der Stadt Salzburg wurde über den Ort und die Entnazifizierung diskutiert." | ||
== Quellen == | |||
* Buch "Camp Marcus W. Orr" | |||
* [https://www.sn.at/salzburg/landtagswahl-2023/salzburgs-starke-spuren-in-der-bundespolitik-137493787 www.sn.at], 22. April 2023: "Landtagswahl 2023. Salzburgs starke Spuren in der Bundespolitik" | |||
==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||