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| | Gastager erhielt unter der Direktion von Gerhard Harrer das Primariat der psychiatrischen Aufnahmeabteilung, das er bis zu seiner Pensionierung Ende [[1990]] innehatte. | | Gastager erhielt unter der Direktion von Gerhard Harrer das Primariat der psychiatrischen Aufnahmeabteilung, das er bis zu seiner Pensionierung Ende [[1990]] innehatte. |
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| − | In Salzburg ereignete sich nun vieles: zunächst wurde der alten "Anstalt" Spitalsstatus zuerkannt. Der neue Name "Landes-Nervenklinik" trug zur Entschärfung des Images der Irrenanstalt bei. Die Türen wurden weitgehend geöffnet. Die Patienten bekamen Gabel und Messer in die Hand. (Bis dahin war die Angst zu groß: "Irre" können doch nicht mit einem Messer bewaffnet werden!) Der Patient wurde als Mensch angesehen. Kreative Aktivitäten gehörten bald zum Klinikalltag: Musik-, Mal-, Bastel-, Psychodramatherapie. Die Zahl der Zwangsaufnahmen konnte in kurzer Zeit drastisch gesenkt werden. Die Dauer der stationären Aufenthalte wurde kürzer. Dies vor allem deswegen, weil es nicht mehr ausschließlich eine Entlassung mit "Revers" gab. Dieser überforderte häufig die Angehörigen, da mit ihm die Verantwortung für den Patienten in ihre Hände gelegt wurde. Dadurch kam es oft unnötig zu jahrelangen stationären Aufenthalten. | + | In Salzburg ereignete sich nun vieles: zunächst wurde der alten "Anstalt" Spitalsstatus zuerkannt. Der neue Name "Landes-Nervenklinik" trug zur Entschärfung des Images der Irrenanstalt bei. Die Türen wurden weitgehend geöffnet. Die Patienten bekamen Gabel und Messer in die Hand. (Bis dahin war die Angst zu groß: "Irre" können doch nicht mit einem Messer bewaffnet werden!) Der Patient wurde als Mensch angesehen. Kreative Aktivitäten gehörten bald zum Klinik Alltag: Musik-, Mal-, Bastel-, Psychodramatherapie. Die Zahl der Zwangsaufnahmen konnte in kurzer Zeit drastisch gesenkt werden. Die Dauer der stationären Aufenthalte wurde kürzer. Dies vor allem deswegen, weil es nicht mehr ausschließlich eine Entlassung mit "Revers" gab. Dieser überforderte häufig die Angehörigen, da mit ihm die Verantwortung für den Patienten in ihre Hände gelegt wurde. Dadurch kam es oft unnötig zu jahrelangen stationären Aufenthalten. |
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| | =====Dynamische Psychiatrie===== | | =====Dynamische Psychiatrie===== |
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| | Das Triumvirat Caruso - Gastager - Revers bildete bald an der Uni Salzburg einen Anziehungspunkt für Studenten aus dem In- und Ausland, vor allem aus Deutschland. Konnte man doch hier eine Psychologie studieren, die tief im Menschlichen fundiert war und über die damals übliche vorherrschende Experimentalpsychologie weit hinaus ging. Das sogenannte "Dreierseminar" (Caruso, Gastager, Revers) griff noch dazu soziale Themen auf und wurde so zur Anlaufstelle der 68er Generation. Es entstanden daraus konkrete soziale Aktivitäten, die zum Teil heute noch wirksam sind. | | Das Triumvirat Caruso - Gastager - Revers bildete bald an der Uni Salzburg einen Anziehungspunkt für Studenten aus dem In- und Ausland, vor allem aus Deutschland. Konnte man doch hier eine Psychologie studieren, die tief im Menschlichen fundiert war und über die damals übliche vorherrschende Experimentalpsychologie weit hinaus ging. Das sogenannte "Dreierseminar" (Caruso, Gastager, Revers) griff noch dazu soziale Themen auf und wurde so zur Anlaufstelle der 68er Generation. Es entstanden daraus konkrete soziale Aktivitäten, die zum Teil heute noch wirksam sind. |
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| − | Eine grundlegende Auffassung Gastagers war die, daß eine Aufnahme in die Psychiatrische Klinik selten allein krankheitsbedingt ist, sondern immer auch einen familiären oder sozialen Anlaß hat. Daher ist Familientherapie und Sozialpsychiatrie so bedeutsam. Eine Serie von Dissertationen erhärteten diese Auffassung. Die erste davon befaßte sich mit dem Thema Schwachsinn (Susanne Gastager, "Schwachsinn und Gesellschaft", Jugend und Volk 1973), wobei an vielen Fallbeispielen gezeigt werden konnte, daß immer ein sozialer Anlaß zur psychiatrischen Aufnahme führt. Dies konnte in der Folge auch für andere Diagnosegruppen nachgewiesen werden. | + | Eine grundlegende Auffassung Gastagers war die, dass eine Aufnahme in die Psychiatrische Klinik selten allein krankheitsbedingt ist, sondern immer auch einen familiären oder sozialen Anlaß hat. Daher ist Familientherapie und Sozialpsychiatrie so bedeutsam. Eine Serie von Dissertationen erhärteten diese Auffassung. Die erste davon befasste sich mit dem Thema Schwachsinn (Susanne Gastager, "Schwachsinn und Gesellschaft", Jugend und Volk 1973), wobei an vielen Fallbeispielen gezeigt werden konnte, dass immer ein sozialer Anlaß zur psychiatrischen Aufnahme führt. Dies konnte in der Folge auch für andere Diagnosegruppen nachgewiesen werden. |
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| | Aus diesem umfassenden Ansatz heraus entstand [[1973]] das Buch "Die Fassadenfamilie" (Heimo und Susanne Gastager) - dank des wachen Interesses des Kindlerverlages eines der ersten deutschsprachigen Bücher zur Familientherapie. Hier werden diese Gesichtspunkte der familiendynamischen und gesellschaftlichen Beziehungen auch auf andere Diagnosegruppen ausgeweitet und auch ganz allgemein gesellschaftlich gesehen: der Patient, der Mensch überhaupt, eingebettet in seine familiären und sozialen Bezüge. | | Aus diesem umfassenden Ansatz heraus entstand [[1973]] das Buch "Die Fassadenfamilie" (Heimo und Susanne Gastager) - dank des wachen Interesses des Kindlerverlages eines der ersten deutschsprachigen Bücher zur Familientherapie. Hier werden diese Gesichtspunkte der familiendynamischen und gesellschaftlichen Beziehungen auch auf andere Diagnosegruppen ausgeweitet und auch ganz allgemein gesellschaftlich gesehen: der Patient, der Mensch überhaupt, eingebettet in seine familiären und sozialen Bezüge. |
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