| | ''Damit sind wir bei einer Entwicklung auf dem Feld des Journalismus, die Josef Bruckmoser im letzten Jahrzehnt mit durchstehen musste. Früher genossen die "etablierten Quellen" wie Nachrichtenagenturen, Korrespondenten, Kollegen, bewährte Autoren und Informanten und sogar einige Konkurrenzmedien den Ruf hoher Vertrauenswürdigkeit, - heute sind neben sie die "distanzierten Quellen" getreten. Zu ihren Inhalten haben die Mitarbeiter der Etablierten oft nur beschränkten Zugang. Statt ihrer liefern teils private, teils untergründig organisierte, immer häufiger nicht-professionelle Quellen ungesicherte Inhalte, z.B. über die "Social Media". Bert Brechts Wunsch, dass sein neues Medium, das Radio, sich vom Distributionsapparat zum Kommunikationsapparat verwandeln möge, hat sich insofern schnell erfüllt, als neben die klassischen Medien Presse, Film, Radio und Fernsehen das All-Medium Internet getreten ist und neben die professionellen Kommunikatoren Brechts "Hörer" als seine "Lieferanten". | | ''Damit sind wir bei einer Entwicklung auf dem Feld des Journalismus, die Josef Bruckmoser im letzten Jahrzehnt mit durchstehen musste. Früher genossen die "etablierten Quellen" wie Nachrichtenagenturen, Korrespondenten, Kollegen, bewährte Autoren und Informanten und sogar einige Konkurrenzmedien den Ruf hoher Vertrauenswürdigkeit, - heute sind neben sie die "distanzierten Quellen" getreten. Zu ihren Inhalten haben die Mitarbeiter der Etablierten oft nur beschränkten Zugang. Statt ihrer liefern teils private, teils untergründig organisierte, immer häufiger nicht-professionelle Quellen ungesicherte Inhalte, z.B. über die "Social Media". Bert Brechts Wunsch, dass sein neues Medium, das Radio, sich vom Distributionsapparat zum Kommunikationsapparat verwandeln möge, hat sich insofern schnell erfüllt, als neben die klassischen Medien Presse, Film, Radio und Fernsehen das All-Medium Internet getreten ist und neben die professionellen Kommunikatoren Brechts "Hörer" als seine "Lieferanten". |
| − | ''Wir sagen heute "User", aber die "User" können eben beides: hören und liefern, empfangen und senden. Sie tun es, z. B. als Blogger oder nicht mehr einbremsbare Twitter-Schreiber. Das Netz, in diesem Falle präformiert in den "Social Media", fließt über von "User Generated Contents", ein Gräuel für Journalisten alter Schule. Denn distanzierte Quellen und "User Generated Contents" widersetzen sich dem klassischen Verfahren von "Check, Re-Check" und "Double Check", von Quellenkritik im strengen Sinne der Historiker gar nicht zu reden. Distanzierte Quellen müssen übrigens nicht unbedingt sozialgeografisch entfernt liegen - in Syrien oder im Sudan, sie können auch in Leverkusen oder Washington angesiedelt sein. Bruckmoser weiß besser als wir, dass der Vatikan durchaus ein Quellboden für Distanziertes sein kann, das mit erfahrenen Fingerspitzen angefasst werden sollte. Wie Sie am Vokabular gemerkt haben, hat sich seit einiger Zeit die Wissenschaft der neu erkannten Aporie angenommen. Florian Wintterlin, Kommunikationswissenschaftler aus Münster, z. B. hat aus seiner Dissertation ein veritables Buch gemacht. Sein Titel: "Quelle: Internet. Journalistisches Vertrauen bei der Recherche in sozialen Medien" (Baden-Baden 2019). Seitdem ich es gelesen habe, ist meine Aufmerksamkeit geschärft. Allenthalben in der öffentlichen Diskussion stoße ich auf den Begriff Vertrauen. Mir fällt dazu Lenin ein: Kontrolle ist besser. Mir fällt Luhmann ein: Vertrauen sei ein "Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität", - schon besser. Aber Vertrauen - "journalistisches Vertrauen" sagt Wintterlin -, sozusagen als Geh-Hilfe, wo Check und Re-Check versagen? Dann ist mir Vertrauen, das ich in einen Journalisten setzen kann, schon lieber. Die Jury war sich einig, dass der Endverbraucher, der Leser, dem Journalisten Bruckmoser Vertrauen schenken kann. Denn er hat seinerseits den ihm zufließenden Quellen nur dann Vertrauen geschenkt, wenn sie seiner Prüfung standhielten. Daraus ist – über Jahre dahin - seine ganz persönliche Glaubwürdigkeit erwachsen. Eine gute Eigenschaft in einer Zeit, wo unsichere Quellen wieder fröhliche Urständ feiern. | + | ''Wir sagen heute "User", aber die "User" können eben beides: hören und liefern, empfangen und senden. Sie tun es, z. B. als Blogger oder nicht mehr einbremsbare Twitter-Schreiber. Das Netz, in diesem Falle präformiert in den "Social Media", fließt über von "User Generated Contents", ein Gräuel für Journalisten alter Schule. Denn distanzierte Quellen und "User Generated Contents" widersetzen sich dem klassischen Verfahren von "Check, Re-Check" und "Double Check", von Quellenkritik im strengen Sinne der Historiker gar nicht zu reden. Distanzierte Quellen müssen übrigens nicht unbedingt sozialgeografisch entfernt liegen - in [[Syrien]] oder im Sudan, sie können auch in Leverkusen oder Washington angesiedelt sein. Bruckmoser weiß besser als wir, dass der Vatikan durchaus ein Quellboden für Distanziertes sein kann, das mit erfahrenen Fingerspitzen angefasst werden sollte. Wie Sie am Vokabular gemerkt haben, hat sich seit einiger Zeit die Wissenschaft der neu erkannten Aporie angenommen. Florian Wintterlin, Kommunikationswissenschaftler aus Münster, z. B. hat aus seiner Dissertation ein veritables Buch gemacht. Sein Titel: "Quelle: Internet. Journalistisches Vertrauen bei der Recherche in sozialen Medien" (Baden-Baden 2019). Seitdem ich es gelesen habe, ist meine Aufmerksamkeit geschärft. Allenthalben in der öffentlichen Diskussion stoße ich auf den Begriff Vertrauen. Mir fällt dazu Lenin ein: Kontrolle ist besser. Mir fällt Luhmann ein: Vertrauen sei ein "Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität", - schon besser. Aber Vertrauen - "journalistisches Vertrauen" sagt Wintterlin -, sozusagen als Geh-Hilfe, wo Check und Re-Check versagen? Dann ist mir Vertrauen, das ich in einen Journalisten setzen kann, schon lieber. Die Jury war sich einig, dass der Endverbraucher, der Leser, dem Journalisten Bruckmoser Vertrauen schenken kann. Denn er hat seinerseits den ihm zufließenden Quellen nur dann Vertrauen geschenkt, wenn sie seiner Prüfung standhielten. Daraus ist – über Jahre dahin - seine ganz persönliche Glaubwürdigkeit erwachsen. Eine gute Eigenschaft in einer Zeit, wo unsichere Quellen wieder fröhliche Urständ feiern. |