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| | [[1982]] wurde Clemens M. Hutter als Leiter des außenpolitischen Ressorts der Salzburger Nachrichten mit dem René-Marcic-Preis des [[Land Salzburg|Landes Salzburg]] ausgezeichnet. | | [[1982]] wurde Clemens M. Hutter als Leiter des außenpolitischen Ressorts der Salzburger Nachrichten mit dem René-Marcic-Preis des [[Land Salzburg|Landes Salzburg]] ausgezeichnet. |
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| | + | Lebensgeschichte von Clemens M. Hutter, aus "Das war unser Zeit in der Stadt Salzburg..." |
| | + | Dr. Clemens M. Hutter |
| | + | geboren am 8. August 1930 |
| | + | in Innsbruck |
| | + | ,,Bleib gesund und neugierig!" |
| | + | Meine Eltern sind kurz nach meiner Geburt |
| | + | mit mir nach Salzburg übersiedelt |
| | + | Sie zogen in ein Haus der Brunnhausgasse. Mein Vater arbeitete für die Salzburger Landesregierung. Mir ist in Erinnerung, dass er nach dem |
| | + | Krieg unter anderem die fehlerhaften Verträge für die agrarischen Kleinseilbahnen, |
| | + | die während der Nazizeit abgeschlossen worden waren, zu |
| | + | erneuern hatte. |
| | + | Meine Kindheit verlief - entsprechend den turbulenten Zeiten - spannend. |
| | + | Ich habe selten anderen Kindern etwas geneidet, obwohl ich - und |
| | + | ebenso die anderen - damals bei weitem nicht das bekommen haben, was |
| | + | wir uns gewünscht hätten. Der Horizont unserer Wünsche war ohnehin |
| | + | sehr bescheiden, weil wir nicht viel kannten. Einen Roller zu haben, war |
| | + | schon etwas Besonderes. Dabei war ich auch mit einem zufrieden, der |
| | + | keine aufblasbaren Reifen hatte. Die Brunnhausgasse war damals noch |
| | + | geschottert. Das heißt, es ging mit oder ohne Lufträder schlecht mit dem |
| | + | Roller zu fahren. |
| | + | Politik hat mich als Kind nicht interessiert. Trotzdem habe ich die Ermordung |
| | + | von Engelbert Dollfuß mitbekommen. Ich war zwar erst vier |
| | + | Jahre alt und hatte von ihm schon gehört, der für mich gleich nach dem |
| | + | lieben Gott einzuordnen war. Mein Vater kam eines Tages nach Hause |
| | + | und berichtete, dass Dollfuss ermordet worden sei. Unter Mord habe ich |
| | + | mir etwas sehr Scheußliches vorgestellt. Ich kannte den Begriff bisher |
| | + | nur aus der Bibel. Der Moment der Erschütterung war bei mir aber sehr |
| | + | kurz. Damals ist für mich auch der Begriff „Nazi" aufgetaucht. Ich erhielt |
| | + | den Eindruck, dass die Nazis all das bekämpfen, was für uns wichtig |
| | + | war, insbesondere unseren Glauben. Die wenig zimperlichen Praktiken |
| | + | der Heimwehr waren mir nicht bekannt. 1933 hatten wir in Österreich |
| | + | eine Arbeitslosenrate von 26 O/oA. ußerdem waren weniger als 10 O/oF rauen |
| | + | - abgesehen von Bäuerinnen - in den beruflichen Arbeitsprozess integriert. |
| | + | Bis 1938 hat sich das nur wenig gebessert. Das heißt, wenn der |
| | + | Familienvater die Arbeit verloren hatte, hing die gesamte Familie in der |
| | + | Luft. So kann ich mich noch an viele Bettler erinnern, die unter unseren |
| | + | Fenstern vorbeizogen. Viele von ihnen hatten ein Musikinstrument dabei, |
| | + | auf dem sie einfache Lieder spielten. Wenn diese auf der Straße zu |
| | + | hören waren, gingen Fenster auf, und oft wurde ein in Papier gewickeltes |
| | + | Zehngroschenstück hinausgeworfen. Die Geigenspieler fiedelten mit |
| | + | Vorliebe das Lied „Mei Muata war a Weanerin". |
| | + | 1936 trat ich in die Volksschule Nonntal ein. Von der Brunnhausgasse |
| | + | zur Volksschule ging es immer leicht bergab, was bedeutete, dass der |
| | + | Rückweg stetig bergauf führte. Das war insbesondere zur Zeit der Mittagshitze |
| | + | mühsam. Meine Familie war streng katholisch. Ich wurde schon |
| | + | mit sieben Jahren Ministrant und habe jeden Tag um halb sieben in der |
| | + | Früh in Nonntal ministriert. Ich bekam immer ein Frühstück mit, das ich |
| | + | im Pfarrhof zu mir nahm. Von dort ging es direkt in die Schule. Diese |
| | + | Gewohnheit behielt ich bis zur Matura bei. Während der Nazizeit war das |
| | + | für mich eine Form des Exhibitionismus:“Ich trau mir des, ich tue des!" |
| | + | Ich hatte in der Volksschule in Lesen und Schreiben immer schlechte |
| | + | Noten. Ständig sagte man mir:,,Du musst mehr üben! Du musst fleißiger |
| | + | sein!" Damals kannte man Legasthenie nicht, unter der ich auch heute |
| | + | teilweise noch leide. So bestand der Alltag für mich darin, meine Aufgaben |
| | + | zu machen und möglichst viel Zeit zum Spielen zu haben. Ich lebte in |
| | + | einer Gegend mit sehr vielen Kindern, und in unseren diversen Gruppen |
| | + | ging es immer hoch her. |
| | + | Ich erinnere mich lebhaft an den 12. oder 13. März, |
| | + | wie deutsche Truppen durch unsere Gasse marschierten |
| | + | Ich war verblüfft, dass fast alle Fenster in der ganzen Gasse mit der |
| | + | Hakenkreuzfahne geschmückt waren. Umgekehrt gab es 1945 kaum ein |
| | + | Fenster ohne weiße Fahne. Wir wohnten im höchst gelegenen Haus an |
| | + | der Brunnhausgasse, dem sogenannten „Beamtenhaus". Dort zweigte |
| | + | die Privatstraße zur Villa Warsberg ab, die sogleich als Residenz für den |
| | + | Gauleiter beschlagnahmt wurde. Mein Vater wurde wegen seiner Gesinnung |
| | + | nach Erfurt strafversetzt. Meine Eltern waren sich einig, dass die |
| | + | Familie nicht mit übersiedeln sollte. Das war, wie sich im Nachhinein |
| | + | herausgestellt hat, ein wahres Glück. Denn sonst wäre ich in der DDR |
| | + | aufgewachsen. Eineinhalb Jahre später begann der Krieg, und Vater |
| | + | musste einrücken. |
| | + | Nach dem Beginn der Luftangriffe auf Salzburg im Oktober 1944 standen |
| | + | im Keller immer zwei Koffer mit dem Nötigsten gepackt. Bei Fliegeralarm |
| | + | luden wir diese Koffer auf ein kleines Leiterwagerl und hasteten |
| | + | auf der Privatstraße hinauf zum Warsberg. Der Gauleiter hatte nämlich |
| | + | hinter der Villa einen Luftschutzstollen unter die Richterhöhe graben |
| | + | lassen und dort durften die Leute aus der nächsten Umgebung auch |
| | + | Schutz suchen. Weil ich mit vierzehn Jahren der älteste Bub war, wurde |
| | + | ich zum „Melder" ernannt. Sonst gab es nur mehr Männer über sechzig. |
| | + | Ich erhielt eine blaue Armbinde mit einem weißen „M". Meine Aufgabe |
| | + | war es, nach einem Bombenangriff zu schauen, was passiert ist und - |
| | + | für den Fall, dass es keine technische Verbindung gab - entsprechende |
| | + | Nachrichten zu überbringen. Einmal hieß es, in der Altstadt habe es viele |
| | + | Bombentreffer gegeben. Ich bin über das „Bürgermeisterloch" und das |
| | + | „Sehartentor" zur Mittelstation der Festungsbahn gehastet, und da sah |
| | + | ich, dass die Domkuppel weg war. Ich war entsetzt, dass man eine Kirche |
| | + | bombardiert hatte. Damals wusste ich nicht, dass sich daneben die Telegrafenzentrale |
| | + | befand, die wahrscheinlich getroffen werden sollte. Auf |
| | + | unserer Seite des Mönchsbergs sind wir glimpflich davongekommen. Es |
| | + | gab nur ein paar Krater in den Wiesen und einen Treffer im Weiher |
| | + | der Villa Bertha. Davon profitierten wir insofern, weil das Wasser beim |
| | + | Schwimmen nun tiefer geworden war und wir kaum mehr von Schlingpflanzen |
| | + | behindert wurden. |
| | + | ;·,' |
| | + | Der Gauleiter ließ sich bei Fliegeralarm immer aus der Stadt herausfahren, |
| | + | weil er hier auch seine Kommandozentrale hatte. Er grüßte alle |
| | + | Leute mit „Heil Hitler" und wurde ebenso zurückgegrü.t. Mit einer Ausnahme: |
| | + | Meine Mutter erwiderte seinen Gruß geradezu provokant mit |
| | + | „Grüß Gott“ Bei einem der letzten Bombenangriffe war sie fast erheitert |
| | + | und erzählte mir, dass sie wieder gegrüßt hätte:,,Grüß. Gott, Herr Gauleiter!'' |
| | + | Daraufhin habe er auch zurückgegrüßt:,,Grüß. Gott!"· |
| | + | Die gefährlichsten Leute im dritten Reich waren nicht die |
| | + | von der Gestapo, sondern die Blockwarte in den Städten |
| | + | Am Land funktionierte dieses Bespitzelungssystem nicht. Die Blockwarte |
| | + | hatten ihre Augen und Ohren überall. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen |
| | + | habe, war:,,Mund halten! Mund halten! Mund halten!" Denn |
| | + | das Spitzelsystem der Blockwarte und Gestapo hatte zum Ziel, den „Kitt" |
| | + | einer Gesellschaft, ein gewisses Urvertrauen zum Nächsten, aufzulösen |
| | + | und durch Misstrauen zu ersetzen. Das machte Verschwörungen gegen |
| | + | die Nazis hoch riskant und erklärt das Machtsystem totalitärer oder |
| | + | diktatorischer Herrschaft: struktureller Terror von oben. Ich habe einen |
| | + | meiner Onkel nach den militärischen Katastrophen von Stalingrad und |
| | + | EI Alamein ertappt, wie er den Feindsender BBC abgehört hatte. Das |
| | + | war bei meinem Großvater im Unterinntal, wo ich im Sommer immer |
| | + | zwei Monate verbringen durfte. Ich war hellauf begeistert. Der Onkel |
| | + | hatte an der Wohnzimmertür eine große Landkarte angeheftet, wo er |
| | + | mit Nadeln und Faden den aktuellen Frontverlauf markierte. Ich war |
| | + | immer schon sehr an Geografie interessiert. So konnte ich feststellen, |
| | + | dass die Frontverläufe zu den offiziellen Angaben um bis zu 200 km divergierten. |
| | + | Mein Onkel meinte, das sei völlig klar, weil man offiziell nur |
| | + | das hörte, was der „Klumpfuss", gemeint war Goebbels, vorgab. Auch |
| | + | meine Großmutter in Bruck besaß ein Radio, einen „Volksempfänger''. |
| | + | Sie erlaubte mir das Gerät einzuschalten. Ich hatte von meinem Onkel |
| | + | schon Erfahrung und drehte an den Knöpfen herum, um auf BBC oder |
| | + | Radio Beromünster zu stoßen: Da sagte meine Großmutter zu mir: ,,Da |
| | + | kanns't drehen, was du willst, du kriags't allweil nur Radio Salzburg." |
| | + | Da wurde mir als erst Dreizehnjährigem schlagartig klar, dass das Aus- |
| | + | maß und Qualität der Information von dem bestimmt wird, der an der |
| | + | Informations-Schleuse sitzt. |
| | + | Um mir klar zu machen, dass man ja nie darüber reden soll, hat mir der |
| | + | Onkel ein Beispiel erzählt: Ein Lehrer kam in eine Klasse und sprach über |
| | + | ein nettes Radioprogramm, fragte, wer das kennt und sang die Kennmelodie |
| | + | dieses Senders vor. Es handelte sich um die Kennmelodie von |
| | + | BBC. Drei Schüler zeigten auf. Am nächsten Tag tauchte die Gestapo |
| | + | bei diesen drei Familien auf. Das Hören eines Feindsenders an sich war |
| | + | ja noch nicht so gefährlich. Häufig kam man mit einer Beschlagnahme |
| | + | des Geräts und einer Verwarnung davon. Gefährlich war das Weitererzählen |
| | + | des Gehörten. Das wurde als Wehrkraftzersetzung gewertet und |
| | + | konnte mit dem Tod bestraft werden. Ich habe bei jeder Gelegenheit |
| | + | Feindsender gehört und kam mir schon wie eine Art Geheimnisträger |
| | + | vor. Ich konnte schon recht gut unterscheiden: Was ist Propaganda, was |
| | + | ist Hetze, was ist systematische Lügerei? Das hat mich für mein weiteres |
| | + | Leben geprägt, und nach diesen gewonnenen Erkenntnissen weiß ich |
| | + | auch heute noch mit Wahlpropaganda umzugehen. |
| | + | Seit der Universität hat mich das Thema Totalitarismus sehr beschäftigt. |
| | + | So war etwa am Beispiel Lenin zu sehen, wie Agitation und Propaganda |
| | + | funktionieren: Man zimmert sich eine Ideologie zurecht und baut dann |
| | + | dazu einen Kontroll-, sprich Terrorapparat auf. Im Dritten Reich war |
| | + | es ja auch nicht anders. Etwa 300.000 Spione und Spitzel bezogen aus |
| | + | dieser Tätigkeit einen Nebenverdienst. So wusste niemand, wem man |
| | + | was sagen darf. Wenn Misstrauen und Propaganda zusammenkommen, |
| | + | ist das Ergebnis klar. |
| | + | Ich gehörte bis zum Alter von vierzehn Jahren zum „Jungvolk" |
| | + | Trotz meiner fast exhibitionistisch praktizierten Religiosität genoss ich |
| | + | dort Achtung, weil man mich in meiner Sportlichkeit brauchte. So habe |
| | + | ich bei diversen Wettkämpfen immer irgendwelche Nadeln gewonnen. |
| | + | Obwohl es dort recht lustig war, ließ ich mich aufgrund der Verankerung |
| | + | in meiner Familie und im Glauben nie vereinnahmen. |
| | + | Nach dem Einmarsch der Amerikaner kam nach wenigen Tagen ein Soldat |
| | + | zur Prüfung in unser Haus, ob es zur Unterbringung amerikanischer |
| | + | Soldaten geeignet sei. Die Amerikaner hatten nämlich die Villa Warsberg |
| | + | beschlagnahmt und zur Residenz des Generals gemacht. Und da brauchte |
| | + | es Wachmannschaften an der Abzweigung der Privatstraße hinauf. |
| | + | Wir waren zur damaligen Zeit an die zwanzig Kinder im Haus. Eine Dame |
| | + | im Haus sprach - mehr schlecht als recht - Englisch. Sie übersetzte uns |
| | + | dann, dass der Offizier gesagt habe, das seien zu viele Kinder. Sie würden |
| | + | sich etwas Anderes suchen. So blieben wir in unseren Wohnungen und |
| | + | freundeten uns sehr bald mit den Wachsoldaten an. Die waren immer |
| | + | freigebig mit Kaugummi oder Schokolade. Ich brauchte etwas ganz anderes, |
| | + | nämlich Pickzeug für das Fahrrad. Es war schon schwierig genug, |
| | + | dem Soldaten mit meinen mangelhaften Englischkenntnissen deutlich |
| | + | zu machen, was ich mir von ihm erhoffte. Als er es dann doch verstand, |
| | + | brachte er mir tatsächlich Pickzeug, allerdings für Autos. Mit entsprechender |
| | + | Bastelarbeit machte ich mein Fahrrad wieder fahrfähig. |
| | + | Gleich nach dem Krieg habe ich mich |
| | + | den Pfadfindern angeschlossen |
| | + | --- |
| | + | Ich konnte daher den Unterschied zum „Jungvolk" der Nazis sehr gut |
| | + | einschätzen: Bei den Pfadfindern war die freie Entfaltung möglich, |
| | + | beim Jungvolk handelte es sich um bewusste Manipulation. Ich habe die |
| | + | Pfadfinderzeit sehr genossen. Wir hatten einen hervorragenden Führer, |
| | + | Axel Stachowitsch. Er gründete später das Werkschulheim Felbertal. Von |
| | + | den dort gelernten Regeln habe ich mir für mein ganzes weiteres Leben |
| | + | mitgenommen: Ein Pfadfinder tut seine Pflicht, macht nichts halb und |
| | + | verrichtet jeden Tag eine gute Tat. Dazu zählt sicher auch ein freundliches |
| | + | Wort. Als Legastheniker konnte ich schlecht lesen und schreiben, |
| | + | weshalb mir immer gepredigt wurde:,,Üb mehr!'' Das waren keine guten |
| | + | Voraussetzungen für mich im Staatsgymnasium. Besonders in Griechisch |
| | + | kam auch noch eine neue Schrift dazu. Ich war daher eher ein durchschnittlicher |
| | + | Schüler. Meine Eltern schickten mich deshalb zwei Jahre in |
| | + | die Hauptschule, weil sie mich nicht reif genug für das Gymnasium hielten. |
| | + | Aber das Problem war nicht meine Reife, sondern die Legasthenie. |
| | + | 134 |
| | + | Sie trauten mir nie zu, Latein zu schaffen, aber es ist schließlich doch |
| | + | gegangen. Dann sperrte 1946 das Borromäum (erzbischöfliches Gymnasium) |
| | + | wieder auf, und zu meinem Glück gab es auch eine fünfte Klasse. |
| | + | Wir waren nur zwölf Schüler da. Daher wurden wir intensiv betreut |
| | + | und kamen praktisch jede Stunde dran, und ich entwickelte mich vom |
| | + | durchschnittlichen zum Vorzugsschüler. So war die Schule kein Problem |
| | + | mehr für mich und ich hatte Zeit für den Sport. Ich ging damals schon |
| | + | gern auf den Berg, aber die Anreise war meist das große Problem. Deshalb |
| | + | war mein Aktionsradius sehr eingeschränkt. |
| | + | Ich maturierte 1950 und ging nach Innsbruck, um Sport und Germanistik zu studieren. |
| | + | In Sport war gleich am Ende des ersten Semesters ein Schikurs in St. |
| | + | Christoph am Arlberg zu machen. Mit einem Tiroler Freund waren wir |
| | + | uns einig, wir wollten in die Schilehrerausbildung kommen. Der Chef |
| | + | der Ausbildung am Arlberg war Prof. Kruckenhauser. Er fragte unseren |
| | + | Professor an der Uni, ob er jemand Geeigneten wüsste. Der nannte uns |
| | + | beide, Hoppichler und Hutter - meine Schikarriere begann. Das Schifahren |
| | + | hat mir später sehr viel gebracht. |
| | + | Germanistik habe ich nach drei Semestern „geschmissen" (aufgegeben). |
| | + | Anlass war eine Seminararbeit über das althochdeutsche „sunu fatarungo" |
| | + | aus dem Hildebrandslied. Nachdem ich mich durch die Arbeit |
| | + | durchgewürgt hatte, ist mir klar geworden:,,Wozu brauche ich diesen |
| | + | Quatsch?" Ich sattelte daher auf Philosophie um, das in den Anfängen |
| | + | auch Soziologie und Politikwissenschaften umfasste. Dann ging ich |
| | + | nach Graz. Zwischendurch bekam ich ein Stipendium für Amerika und |
| | + | wurde gefragt, wo ich hin möchte. Ich sagte dorthin, wo ich Schifahren |
| | + | kann. So kam ich nach Vermont im Nordosten der USA, wo es traumhafte |
| | + | Winter gibt. Mein Englisch war verheerend. Ich dachte mir, an der |
| | + | Uni werde ich sicher einen Englischkurs machen können. Es stellte sich |
| | + | heraus, dass unter den 2500 Studenten nur sieben Ausländer waren. |
| | + | An einen Englischkurs war also nicht zu denken. Da kam mir die Idee, |
| | + | Spanisch für Anfänger zu nehmen. Ich hatte ja Kenntnisse in Latein, |
| | + | Italienisch und ein wenig in Französisch. Ich kam im Kurs deshalb gut |
| | + | mit und habe vor allem damit besser Englisch gelernt. An der dortigen |
| | + | Universität fand ich gute Freunde, die mir den Tipp gaben, Schikurse |
| | + | abzuhalten. Ich verdiente so viel Geld damit, dass ich mir das erste Auto |
| | + | kaufen konnte. Die Fahrprüfung war kurz und einfach, ich hatte keine |
| | + | Ahnung, ob sich der Motor vorne oder hinten befand. Mit diesem |
| | + | Auto sind wir zu viert drei Monate durch die USA, Kanada und Mexico |
| | + | getourt. Hier kamen mir die beim Spanisch/Englischkurs erworbenen |
| | + | Kenntnisse sehr zugute. |
| | + | Zurück in Europa verschlug es mich nach Wien. Im Winter habe ich mir |
| | + | als Schilehrer in einer Schischule Geld verdient. In der Mittagspause |
| | + | unterrichtete ich die Frau eines deutschen Industriellen privat. Als ich |
| | + | ihr von meiner USA-Zeit erzählte, fragte sie mich, ob ich wieder einmal |
| | + | ins Ausland wolle. Ich bejahte begeistert. Sie schickte mich schon am |
| | + | nächsten Tag nach Zürs in das Hotel Edelweiß zu einem Monsieur Ketani |
| | + | aus dem Libanon. Er suchte einen für den Libanon. |
| | + | So war ich zwei Winter im Libanon Schilehrer |
| | + | Hier lernte ich viel über den Nahen Osten nach dem Zusammenbruch |
| | + | des Osmanischen Reichs. Wir haben hier ja nicht viel mehr über diese |
| | + | Region mitbekommen als die Gründung Israels und die Konflikte mit den |
| | + | Arabern. Damals wurde auch mein Interesse am Islam geweckt und ich |
| | + | begriff die Wurzeln des Nahost-Konflikts. Im Libanon hatte ich den Chef |
| | + | der Air France für den Nahen Osten jedes Wochenende als Schischüler. |
| | + | Der machte mich aufmerksam, dass ich aus meinem Flugticket nach |
| | + | Wien viel mehr herausholen könne. So kam ich einmal über Amman , |
| | + | Kairo und Rom nach Wien und ein anderes Mal ähnlich im Mittelmeerraum |
| | + | herum. Meine angeborene Neugierde brachte mich zum Beispiel |
| | + | auch zur Felsenstadt Petra im südlichen Jordanien, die damals noch |
| | + | fast unbekannt war. Durch einen einheimischen Taxifahrer konnte ich |
| | + | mich ganz alleine in Petra aufhalten mit 200 Schafen samt zwei Hirten. |
| | + | Ein einzigartiges Erlebnis! Und Schotterstraßen von einem Wadi |
| | + | zum nächsten in schier endloser Folge. Wir stießen immer wieder auf |
| | + | Beduinenzelte, bei denen mein Fahrer gerne stehen blieb. Dort erfuhr |
| | + | ich, was arabische Gastfreundschaft heißt. Die Beduinen hatten noch |
| | + | nicht viele Ausländer gesehen, begrüßten mich sofort freudig und boten |
| | + | Tee oder Kaffee und etwas zu essen an. Das Interesse an mir und |
| | + | meinem Herkommen war groß. Ich habe es damals leider verabsäumt, |
| | + | Arabisch zu lernen. Gut in Erinnerung ist mir noch die Handbewegung |
| | + | für „Schwei, schwei" (Zeit lassen), oder andrerseits „yalla, yalla" (Mach |
| | + | schon, tu weiter). |
| | + | Durch einen Zufall kam ich zu den Salzburger Nachrichten, |
| | + | nachdem ich mein Studium in Graz abgeschlossen hatte |
| | + | Ich schrieb einen Artikel zur neuen Schitechnik, dem Wedeln, da ich |
| | + | eines der ersten Versuchskaninchen von Prof. Kruckenhauser dafür gewesen |
| | + | war. Am Tag nach Erscheinen rief mich ein Herr Schaffler vom |
| | + | Residenz Verlag an, der meinte, das sei eine „klasse" Geschichte, da sollte |
| | + | man ein Buch daraus machen. Bei einem Abendessen klärte er mich auf, |
| | + | wie so ein Buch aussehen könnte. Nach dieser einen Stunde kam ich mir |
| | + | schon vor wie der geborene Literat. So entstand das Buch übers Wedeln |
| | + | und war das erste Buch des Residenz Verlags und gleichzeitig mein erstes. |
| | + | Ein Exemplar gelangte auch in die USA. Von dort erreichte mich eine |
| | + | Einladung. Beim Schifahren am Arlberg traf ich dann das für mich ideale |
| | + | „Schihaserl" aus Köln und verliebte mich. Beim Sandwirt von Andreas |
| | + | Hofer in Südtirol fiel bei Käse und Wein unsere Entscheidung:,,Wir gehen |
| | + | nach Amerika!"Vorher heirateten wir. Meine Frau brachte einen VW |
| | + | in die Ehe mit. Diesen überführten wir per Schiff in die USA. Drei Winter |
| | + | arbeitete ich dort. Die übrige Zeit sahen wir uns Amerika an. So schaffte |
| | + | unser VW Käfer die 18.000 km nach Buenos Aires. |
| | + | 1961 kehrten wir nach Salzburg zurück, und ich konnte wieder bei den |
| | + | Salzburger Nachrichten beginnen. In den eineinhalb Jahren vor dem USA |
| | + | Aufenthalt war ich nur ein besserer Lehrbub gewesen. Aber jetzt kamen |
| | + | mir meine Kenntnisse und Erfahrungen aus Süd- und Nordamerika und |
| | + | dem Orient sehr zugute. So machte mir die Arbeit im Ressort Außenpolitik |
| | + | große Freude. Die heiklen Themen der Innenpolitik konnte ich mir |
| | + | ersparen. Die Kluft zwischen hochindustrialisierten und armen Ländern |
| | + | bot auch so genug Sprengstoff. Einmal erhielt ich eine Einladung nach |
| | + | Südafrika: Ich tourte vier Monate durch ganz Afrika, wobei ich mir nach |
| | + | meinen Interessen Kultur, Zivilisation und Volkskunde die einzelnen Stationen |
| | + | genau aussuchte. Mit diesen Erfahrungen und meiner Ambition, |
| | + | vor dem Totalitarismus zu warnen, hielt ich es in der Zeitung so: ,,Lasst |
| | + | mich in Ruhe arbeiten und redet mir nicht drein!" |
| | + | Ich bin mit fünfundsechzig in Pension gegangen |
| | + | Das genieße ich sehr, weil ich systematisch arbeiten kann, ohne dass mir |
| | + | Routinearbeiten laufend in die Quere kommen. Meine sportlichen Ambitionen |
| | + | haben durch den Alterungsprozess natürlich Einschränkungen |
| | + | erfahren. In Amerika stieß ich das erste Mal auf den Begriff „Joggen". |
| | + | Damit war das Warm laufen vor einem sportlichen Wettbewerb gemeint. |
| | + | Bei uns hieß das damals noch Wald- oder Morgenlauf. In den ersten |
| | + | harten Arbeitsjahren war es mir ein Bedürfnis, täglich Bewegung zu machen. |
| | + | So bin ich aufs Laufen gekommen und jeden Tag in der Früh fünf |
| | + | bis zehn Kilometer gejoggt. Die kürzere Strecke bei schlechtem Wetter, |
| | + | aber eisern täglich. Am Samstag und Sonntag stand jeweils eine Bergtour |
| | + | am Programm. Der Beruf war dafür ideal, weil der Arbeitsbeginn |
| | + | um halb zwei am Nachmittag genug Zeit bot. Der Nachteil war, dass ich |
| | + | meine Kinder an normalen Tagen kaum gesehen habe. Wenn sie von der |
| | + | Schule heimkamen, musste ich zur Arbeit. Wenn ich am Abend heimkam, |
| | + | waren sie schon im Bett. Die gemeinsamen Zeiten beschränkten |
| | + | sich daher auf das Wochenende. Da war es gut, dass meine Frau als |
| | + | „Nur-Hausfrau" die Familien-Managerin war. Sie hat die Buben erzogen |
| | + | und mir damit den Rücken freigehalten. Es gab nie größere Differenzen |
| | + | und die Dauer der Ehe von sechsundfünfzig Jahren spricht ja auch für |
| | + | sich. Meine Frau stammte aus Köln. Sie hat sich sofort in Salzburg eingewöhnt. |
| | + | Es dauerte nicht lange, etwa vier bis fünf Jahre, dass sie nie |
| | + | wieder nach Köln zurückwollte. Die „Kölsche" Mundart hörte man ihr |
| | + | zwar immer an, aber das war Teil ihrer Identität und war gut so. |
| | + | Im Sommer unternahm ich die Bergtouren, bei denen meine Frau immer |
| | + | mitgegangen ist und im Winter die Schitouren. Wir verbrachten |
| | + | Bergurlaube in den Dolomiten, den Ötztaler Alpen usw. Meine Gattin |
| | + | verfügte immer über eine gigantische Konstitution, was ich nur durch eine |
| | + | gute Kondition wettmachen konnte. Vor fünf Jahren fuhr ich bei einer |
| | + | Schitour im Lungau einen Hang im wunderschönen Pulverschnee ab. |
| | + | Ich übersah eine kleine Rinne und baute einen fürchterlichen Sturz. |
| | + | Das war der Anlass, die Schier an den berühmten Nagel zu hängen. Die |
| | + | Ausdauerfähigkeit nimmt von den körperlichen Fähigkeiten im Alter |
| | + | am langsamsten ab, wenn man sie pflegt. Die Früchte eines Jahrzehnte |
| | + | lang gepflegten Trainings kann man dann reichlich genießen. Wenn |
| | + | annähernd Gleichaltrige einen runden Geburtstag feiern, lautet mein |
| | + | Wunsch:,,Bleib gesund und neugierig!" Also nicht herumsitzen und |
| | + | ,,sumpern", sondern Augen auf und schauen, etwas Gescheites lesen, selektiv |
| | + | Fernsehen. Es gibt zwei Dinge, die unstillbar sind: die Gier und das |
| | + | Gehirn. Das Gehirn sucht doch dauernd was zum Fressen. Wenn ich ihm |
| | + | nichts liefere, kommt die Langeweile und in weiterer Folge vielleicht der |
| | + | Trübsinn. |
| | + | Ende 2016 (korr. Jörg Hutter 24.Juni 2014) ist meine Frau verstorben. Ich bemühe mich das rational zu |
| | + | erfassen, denn jede Geburt ist doch ein Todesurteil mit verzögerter Vollstreckung. |
| | + | Ich bin jetzt sechsundachtzig, habe viel Vergangenheit und |
| | + | wenig Zukunft. Klar, dass man in diesen umfangreichen Erinnerungen |
| | + | gerne wühlt. Aber es hat überhaupt keinen Sinn, sich mit der Vergangenheit |
| | + | zu sehr zu beschäftigen, denn ich kann überhaupt nichts mehr |
| | + | an ihr verändern. |
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| | * ''[[Augen auf]]. Wegweiser für Neugierige.'', Verlag Anton Pustet, 2015, ISBN 978-3-7025-0774-9 | | * ''[[Augen auf]]. Wegweiser für Neugierige.'', Verlag Anton Pustet, 2015, ISBN 978-3-7025-0774-9 |
| | * ''[[Großglockner Saumpfad Römerweg Hochalpenstraße]]'', mit [[Lothar Beckel]], [[Residenz Verlag]], 1995, ISBN 3-7017-0395-7 | | * ''[[Großglockner Saumpfad Römerweg Hochalpenstraße]]'', mit [[Lothar Beckel]], [[Residenz Verlag]], 1995, ISBN 3-7017-0395-7 |
| | + | * ''[['Das war unsere Zeit!' - Band 6 Eine Generation in der Stadt Salzburg erinnert sich .........]]'' 2017, ISBN 978-3-902932-27-3 |
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| | == Quellen == | | == Quellen == |