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| | Primocic wurde als drittes von sechs Kindern von Johann und Franziska Reinthaler in der [[Tennengau]]er Bezirkshauptstadt Hallein geboren. Sie wuchs in den einfachen Verhältnissen einer Arbeiterfamilie auf und begann bereits mit 16 Jahren in der [[Halleiner Zigarren- und Tabakfabrik]] zu arbeiten. Die weit über die Region hinaus als "[[Tschikweiber]]" bekannten Arbeiterinnen der Fabrik bezogen damals die höchsten Löhne der Salinenstadt und verdienten sogar mehr als ihre männlichen Kollegen in der [[M-real Hallein AG|Zellulosefabrik]]. Sehr bald aber lernte sie in der Zigarren- und Tabakfabrik auch die Schattenseiten dieses Berufes kennen, in dem sich die Frauen nur durch ihre solidarische Haltung untereinander mit den oftmals unmenschlichen Arbeitsbedingungen zurechtfinden konnten. Sie setzte sich bei empfundenem Unrecht vehement für ihre Kolleginnen ein und kämpfte ab ihrem 25. Lebensjahr als Gewerkschafterin und Betriebsrätin für gerechte Arbeitsbedingungen in der Fabrik. | | Primocic wurde als drittes von sechs Kindern von Johann und Franziska Reinthaler in der [[Tennengau]]er Bezirkshauptstadt Hallein geboren. Sie wuchs in den einfachen Verhältnissen einer Arbeiterfamilie auf und begann bereits mit 16 Jahren in der [[Halleiner Zigarren- und Tabakfabrik]] zu arbeiten. Die weit über die Region hinaus als "[[Tschikweiber]]" bekannten Arbeiterinnen der Fabrik bezogen damals die höchsten Löhne der Salinenstadt und verdienten sogar mehr als ihre männlichen Kollegen in der [[M-real Hallein AG|Zellulosefabrik]]. Sehr bald aber lernte sie in der Zigarren- und Tabakfabrik auch die Schattenseiten dieses Berufes kennen, in dem sich die Frauen nur durch ihre solidarische Haltung untereinander mit den oftmals unmenschlichen Arbeitsbedingungen zurechtfinden konnten. Sie setzte sich bei empfundenem Unrecht vehement für ihre Kolleginnen ein und kämpfte ab ihrem 25. Lebensjahr als Gewerkschafterin und Betriebsrätin für gerechte Arbeitsbedingungen in der Fabrik. |
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| − | Als Parteimitglied der Kommunistischen Partei Österreichs beteiligte sich Primocic an der "Roten Hilfe" für in Not geratene Familien politisch Verfolgter und leistete schon sehr früh aktiven Widerstand gegen den einsetzenden Austrofaschismus. Während dieser Zeit organisierte sie als Betriebsrätin einen Streik in der Tabakfabrik und wurde in der Folge entlassen. Wegen des Besitzes einiger weniger kommunistischer Bücher, die sie aus Russland mitgebracht hatte, einer Flugzettel-Aktion ihres damals zwölfjährigen Sohnes und auf Grund der politischen Tätigkeit ihres Bruders wurde Primocic bereits in der Zeit vor dem Anschluss mehrmals eingesperrt und verbrachte insgesamt ein knappes Jahr in Haft. | + | Als Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs beteiligte sich Primocic an der "Roten Hilfe" für in Not geratene Familien politisch Verfolgter und leistete schon sehr früh aktiven Widerstand gegen den einsetzenden Austrofaschismus. Während dieser Zeit organisierte sie als Betriebsrätin einen Streik in der Tabakfabrik und wurde in der Folge entlassen. Wegen des Besitzes einiger weniger kommunistischer Bücher, die sie aus Russland mitgebracht hatte, einer Flugzettel-Aktion ihres damals zwölfjährigen Sohnes und auf Grund der politischen Tätigkeit ihres Bruders wurde Primocic bereits in der Zeit vor dem Anschluss mehrmals eingesperrt und verbrachte insgesamt ein knappes Jahr in Haft. |
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| | == Widerstand gegen den Nationalsozialismus == | | == Widerstand gegen den Nationalsozialismus == |
| − | Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich wurde sie wegen ihres politischen Engagements von der Gestapo mehrfach verhört und bis [[1945]] weitere drei Mal inhaftiert. Als ihr Ehemann und der älteste Sohn zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eingezogen wurden, musste sie ihrem Mann versprechen, "politisch still zuhalten". Primocic blieb jedoch weiterhin aktiv, unterstützte Widerstandsgruppen und sammelte Geld für die Familien politisch Verfolgter. Obwohl sie für ihre beiden weiteren Kinder zu sorgen hatte, half sie dem oberösterreichischen Widerstandskämpfer Josef Plieseis und weiteren Gefangenen bei ihrer Flucht aus dem KZ. Ihren Widerstand gegen die Nationalsozialisten begründete sie Jahre später damit, dass sie ihr Leben lang kein ruhiges Gewissen mehr haben hätte können, wenn sie einfach weggeschaut hätte, als Menschen in Not um ihre Hilfe baten. ''"Man muss anfangen, wenn Unrecht geschieht, denn nach dem Unrecht kommt die Gewalt".'' | + | Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich ([[1938]]) wurde sie wegen ihres politischen Engagements von der Gestapo mehrfach verhört und bis [[1945]] weitere drei Mal inhaftiert. Als ihr Ehemann und der älteste Sohn zu Beginn des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] eingezogen wurden, musste sie ihrem Mann versprechen, "politisch still zuhalten". Primocic blieb jedoch weiterhin aktiv, unterstützte Widerstandsgruppen und sammelte Geld für die Familien politisch Verfolgter. Obwohl sie für ihre beiden weiteren Kinder zu sorgen hatte, half sie dem oberösterreichischen Widerstandskämpfer Josef Plieseis und weiteren Gefangenen bei ihrer Flucht aus dem KZ. Ihren Widerstand gegen die [[NSDAP|Nationalsozialisten]] begründete sie Jahre später damit, dass sie ihr Leben lang kein ruhiges Gewissen mehr haben hätte können, wenn sie einfach weggeschaut hätte, als Menschen in Not um ihre Hilfe baten. ''"Man muss anfangen, wenn Unrecht geschieht, denn nach dem Unrecht kommt die Gewalt".'' |
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| | Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs riskierte sie ihr eigenes Leben, als sie mit ihrer Freundin Mali Ziegenleder den Kommandanten eines Außenlagers des KZ Dachau in der Nähe von Hallein mit dem bevorstehenden Einmarsch der amerikanischen Truppen unter Druck setzte, und rettete mit ihrem Mut mehr als 17 bereits zum Tode verurteilte Gefangene, darunter den späteren Halleiner Polizeichef [[Georg Staffenberger|Georg "Schani" Staffenberger]], vor der angeordneten Erschießung. | | Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs riskierte sie ihr eigenes Leben, als sie mit ihrer Freundin Mali Ziegenleder den Kommandanten eines Außenlagers des KZ Dachau in der Nähe von Hallein mit dem bevorstehenden Einmarsch der amerikanischen Truppen unter Druck setzte, und rettete mit ihrem Mut mehr als 17 bereits zum Tode verurteilte Gefangene, darunter den späteren Halleiner Polizeichef [[Georg Staffenberger|Georg "Schani" Staffenberger]], vor der angeordneten Erschießung. |
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| | Nach 1945 war Agnes Primocic weiterhin politisch tätig, unter anderem als Landessekretärin der [[KPÖ]] in [[Salzburg]]. Als Halleiner Stadträtin für Fürsorge engagierte sie sich vor allem für den Aufbau von Kindergärten und die sozialen Rechte der arbeitenden Bevölkerung. | | Nach 1945 war Agnes Primocic weiterhin politisch tätig, unter anderem als Landessekretärin der [[KPÖ]] in [[Salzburg]]. Als Halleiner Stadträtin für Fürsorge engagierte sie sich vor allem für den Aufbau von Kindergärten und die sozialen Rechte der arbeitenden Bevölkerung. |
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| − | In den frühen [[1980er]] Jahren besuchte sie als bereits über 75-jährige Pensionistin öffentliche Schulen um im Rahmen des vom damaligen Unterrichtsministers Fred Sinowatz initiierten Projekts, WiderstandskämpferInnen in Schulen über ihr Leben erzählen zu lassen, bei den Jugendlichen das politische Bewusstsein zu wecken und die Erinnerung wach zu halten. | + | In den frühen [[1980er]] Jahren besuchte sie als bereits über 75-jährige Pensionistin öffentliche Schulen, um im Rahmen des vom damaligen Unterrichtsministers Fred Sinowatz initiierten Projekts, WiderstandskämpferInnen in Schulen über ihr Leben erzählen zu lassen, bei den Jugendlichen das politische Bewusstsein zu wecken und die Erinnerung wach zu halten. |
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| | == Mediale Aufarbeitung des Lebens der Agnes Primocic == | | == Mediale Aufarbeitung des Lebens der Agnes Primocic == |
| − | Im Jahr [[2002]] kam der Film "M''ehr als das Leben''" von Christine Pramhas und Uli Ramsauer heraus, der über das Leben der Agnes Primocic erzählt. Regisseur Uwe Bolius, der mit "Erinnerungen aus dem Widerstand" bereits Margarete Schütte-Lihotzky portraitierte, versuchte dabei ''"auch die stärksten emotionalen Eindrücke so in Bild und Ton zu setzten, dass keine emotionale Gefühlsduselei oder Betroffenheitsschweigen entsteht und vermittelt, dass Agnes Primocic Verhalten durchaus auf einfache Beweggründe zurückzuführen ist"''. | + | Im Jahr [[2002]] kam der Film "M''ehr als das Leben''" von Christine Pramhas und Uli Ramsauer heraus, der über das Leben der Agnes Primocic erzählt. Regisseur Uwe Bolius, der mit "Erinnerungen aus dem Widerstand" bereits Margarete Schütte-Lihotzky portraitierte, versuchte dabei ''"auch die stärksten emotionalen Eindrücke so in Bild und Ton zu setzten, dass keine emotionale Gefühlsduselei oder Betroffenheitsschweigen entsteht und vermittelt, dass Agnes Primocics Verhalten durchaus auf einfache Beweggründe zurückzuführen ist"''. |
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| − | Der Film beginnt mit einer Aufnahme aus dem Halleiner Gemeinderat im Jahr [[2001]], als der (mittlerweile ehemalige) Abgeordnete der [[Freiheitliche Partei Österreichs|Freiheitlichen Partei Österreichs]], [[Gerhard Cirlea]] der Ehrenbürgerin mit der Aussage "''in Hallein hat es kein Konzentrationslager gegeben"'' offen der Geschichtsfälschung bezichtigte. | + | Der Film beginnt mit einer Aufnahme aus dem Halleiner Gemeinderat im Jahr [[2001]], als der (mittlerweile ehemalige) Abgeordnete der [[Freiheitliche Partei Österreichs|Freiheitlichen Partei Österreichs]], [[Gerhard Cirlea]], die Ehrenbürgerin mit der Aussage "''in Hallein hat es kein Konzentrationslager gegeben"'' offen der Geschichtsfälschung bezichtigte. |
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| − | [[2004]] erschien im Auftrag von [[Akzente Salzburg]] und der Kommunalen Jugendarbeit Berchtesgadner Land, die von Michaela Zehentner herausgegebene Publikation "Nicht stillhalten, wenn Unrecht geschieht. Die Lebenserinnerungen von Agnes Primocic". Das Buch beschreibt die einzelnen Stationen ihres Lebens und beinhaltet das gesamte Interviewmaterial des 2002 entstandenen Dokumentarfilms. Der Fernsehsender ORF strahlte [[2005]] eine gleichnamige Dokumentation über die Widerstandskämpferin aus. | + | [[2004]] erschien im Auftrag von [[Akzente Salzburg]] und der Kommunalen Jugendarbeit Berchtesgadner Land die von Michaela Zehentner herausgegebene Publikation "Nicht stillhalten, wenn Unrecht geschieht. Die Lebenserinnerungen von Agnes Primocic". Das Buch beschreibt die einzelnen Stationen ihres Lebens und beinhaltet das gesamte Interviewmaterial des 2002 entstandenen Dokumentarfilms. Der Fernsehsender ORF strahlte [[2005]] eine gleichnamige Dokumentation über die Widerstandskämpferin aus. |
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| | == Ehrungen == | | == Ehrungen == |
| − | Die Stadt Hallein ehrte Agnes Primocic [[1999]] für ihr politisches und soziales Engagement mit der Ernennung zur Ehrenbürgerin. 2000 wurde sie mit dem [[Irma-von-Troll-Borostyáni-Preis|Troll-Borostyáni-Preis]] sowie mit dem ''Kulturpreis für Menschenrechte und Integration'' gewürdigt. Das Land Salzburg zeichnete sie für ihre Leistungen gegen den Nationalsozialismus mit dem ''Goldenen Verdienstzeichen des Landes'' aus, das ihr in einer feierlichen Veranstaltung am [[10. August]] [[2005]] von Landeshauptfrau [[Gabi Burgstaller|Mag. Gabriele Burgstaller]] verliehen wurde. Die ehemalige Tabakarbeiterin lebte bis zu ihrem Tod in einem Altenheim in ihrer Geburtsstadt Hallein. | + | Die Stadt Hallein ehrte Agnes Primocic [[1999]] für ihr politisches und soziales Engagement mit der Ernennung zur Ehrenbürgerin. 2000 wurde sie mit dem [[Irma-von-Troll-Borostyáni-Preis|Troll-Borostyáni-Preis]] sowie mit dem ''Kulturpreis für Menschenrechte und Integration'' gewürdigt. Das Land Salzburg zeichnete sie für ihre Leistungen gegen den Nationalsozialismus mit dem ''[[Verdienstzeichen#Gold|Goldenen Verdienstzeichen des Landes]]'' aus, das ihr in einer feierlichen Veranstaltung am [[10. August]] [[2005]] von Landeshauptfrau [[Gabi Burgstaller|Mag. Gabriele Burgstaller]] verliehen wurde. Die ehemalige Tabakarbeiterin lebte bis zu ihrem Tod in einem Altenheim in ihrer Geburtsstadt Hallein. |
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| | ==Vorgestellt in den [[Salzburger Nachrichten]]== | | ==Vorgestellt in den [[Salzburger Nachrichten]]== |
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| | Legendär wurde ihre Befreiungsaktion für 17 zum Tode verurteilte Gefangene aus dem KZ-Außenlager Hallein in den letzten Apriltagen des Jahres [[1945]]. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Agnes Primocic jahrelang als KPÖ-Gemeinderätin in der Kommunalpolitik der [[Salzbergbau|Salinenstadt]] Hallein tätig. | | Legendär wurde ihre Befreiungsaktion für 17 zum Tode verurteilte Gefangene aus dem KZ-Außenlager Hallein in den letzten Apriltagen des Jahres [[1945]]. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Agnes Primocic jahrelang als KPÖ-Gemeinderätin in der Kommunalpolitik der [[Salzbergbau|Salinenstadt]] Hallein tätig. |
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| − | Ihre Bekanntheit als Widerstandskämpferin stieg österreichweit in den [[1980]] er Jahren des vorigen Jahrhunderts an. Einem Aufruf des damaligen Unterrichtsministers Fred Sinowatz folgend, erzählte sie in Schulen von ihrem Widerstand sowie von ihrem politischen wie auch persönlichen Werdegang. Selbst als alt gewordene Pensionistin wurde sie nicht müde, als Zeitzeugin das politische Bewusstsein bei der Jugend zu wecken und die Erinnerungen an den Faschismus wach zu halten. | + | Ihre Bekanntheit als Widerstandskämpferin stieg österreichweit in den [[1980|80]]er Jahren des vorigen Jahrhunderts an. Einem Aufruf des damaligen Unterrichtsministers Fred Sinowatz folgend, erzählte sie in Schulen von ihrem Widerstand sowie von ihrem politischen wie auch persönlichen Werdegang. Selbst als alt gewordene Pensionistin wurde sie nicht müde, als Zeitzeugin das politische Bewusstsein bei der Jugend zu wecken und die Erinnerungen an den Faschismus wach zu halten. |
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| | "''Hätt’ ich mich damals nicht für die 17 eingesetzt, und sie wären wirklich erschossen worden, ich wär’ mein Lebtag nicht froh geworden''", sagte sie zur Rettung der verfolgten Häftlinge. | | "''Hätt’ ich mich damals nicht für die 17 eingesetzt, und sie wären wirklich erschossen worden, ich wär’ mein Lebtag nicht froh geworden''", sagte sie zur Rettung der verfolgten Häftlinge. |