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| | [[Datei:Grab, Sbg. Kommunalfriedhof, Gruppe 42.jpg|thumb|Grabstätte der Familie am Salzburger Kommunalfriedhof, Gruppe 42]] | | [[Datei:Grab, Sbg. Kommunalfriedhof, Gruppe 42.jpg|thumb|Grabstätte der Familie am Salzburger Kommunalfriedhof, Gruppe 42]] |
| − | '''Alja Rachmanowa-Hoyer''' (* [[27. Juni]] [[1898]] in Kasli, [[Russland]]; † [[11. Februar]] [[1991]] in Ettenhausen, [[Schweiz]]) war eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. | + | '''Alja Rachmanowa-Hoyer''' (* [[27. Juni]] [[1898]] in Kasli, [[Russland]]; † [[11. Februar]] [[1991]] in Ettenhausen, [[Schweiz]]) war eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der 1930er-Jahre. |
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| | ==Frühe Jahre== | | ==Frühe Jahre== |
| − | Geboren wird Alja Rachmanowa als Galina Djurjagina in Kasli in der Nähe von Perm im Ural als erste von drei Töchtern einer adeligen Beamtenfamilie. Das Pseudonym Alja Rachmanowa, unter dem sie später berühmt wird, wählt sie erst im österreichischen Exil, um ihre in Russland verbliebenen Verwandten nicht zu gefährden. Von ihrer relativ unbeschwerten Kindheit in großbürgerlichem Luxus, Kontakt zur archaischen Lebensweise der Tataren, abenteuerlichen Ausflügen und Erlebnissen, der Weissagung eines Einsiedlers (''„Sie werden sehr glücklich werden, Fräulein, aber Sie werden auch viel Unglück und Kummer haben“'') und Geschichten ihrer Gymnasialzeit handelt ihr [[1932]] erschienenes Buch „Geheimnisse um Tataren und Götzen“. Im Vorwort schreibt die Autorin: ''„Ich habe das große Glück gehabt, meine Kindheit und Jugend in den felsigen Bergen und an den verzauberten Seen des Ural zu verbringen, in einer eigenartigen Welt, die mir sowohl die geheimen Kräfte der Natur, als auch die des Menschenlebens besonders nahe brachte, die meinem leidenschaftlichen Wunsche, ihren Rätseln auf den Grund zu kommen, immer neue Nahrung gab, und meine Liebe zu Gott, zu den Menschen und zum Guten immer mächtiger werden ließ.“'' Alja Rachmanowa, der einmal gesagt wurde, ihre Seele sei wie ein Schwamm, hat das Führen eines Tagebuches ''„immer als unumgängliche Lebensnotwendigkeit angesehen“'', und die Bücher, die daraus entstanden sind, zeugen von ihrer wunderbaren Beobachtungsgabe und ihrem tiefen Einfühlungsvermögen. | + | Geboren wird Alja Rachmanowa als Galina Djurjagina in Kasli in der Nähe von Perm im Ural als erste von drei Töchtern einer adeligen Beamtenfamilie. Das Pseudonym Alja Rachmanowa, unter dem sie später berühmt wird, wählt sie erst im österreichischen Exil, um ihre in Russland verbliebenen Verwandten nicht zu gefährden. Von ihrer relativ unbeschwerten Kindheit in großbürgerlichem Luxus, Kontakt zur archaischen Lebensweise der Tataren, abenteuerlichen Ausflügen und Erlebnissen, der Weissagung eines Einsiedlers (''„Sie werden sehr glücklich werden, Fräulein, aber Sie werden auch viel Unglück und Kummer haben“'') und Geschichten ihrer Gymnasialzeit handelt ihr [[1932]] erschienenes Buch „Geheimnisse um Tataren und Götzen“. Im Vorwort schreibt die Autorin: ''„Ich habe das große Glück gehabt, meine Kindheit und Jugend in den felsigen Bergen und an den verzauberten Seen des Ural zu verbringen, in einer eigenartigen Welt, die mir sowohl die geheimen Kräfte der Natur, als auch die des Menschenlebens besonders nahe brachte, die meinem leidenschaftlichen Wunsche, ihren Rätseln auf den Grund zu kommen, immer neue Nahrung gab, und meine Liebe zu Gott, zu den Menschen und zum Guten immer mächtiger werden ließ.“'' Alja Rachmanowa, der einmal gesagt wurde, ihre Seele sei wie ein Schwamm, hat das Führen eines Tagebuches ''„immer als unumgängliche Lebensnotwendigkeit angesehen“'', und die Bücher, die daraus entstanden sind, zeugen von ihrer wunderbaren Beobachtungsgabe und ihrem tiefen Einfühlungsvermögen. (Von den Tagebüchern bis 1937 ist im Nachlass lediglich eines erhalten.) |
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| | ''„Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“'' erscheint als erster Band einer Trilogie und behandelt die historischen Ereignisse in Russland nach der Oktoberrevolution anhand des Schicksals der Djurjagins. Was als Schilderung der Gefühlszustände eines Mädchens im Backfischalter beginnt, entwickelt sich im Lauf der Geschichte bald zu einem Höllenszenario. Der Zar wird gestürzt, die Bolschewiken sind an der Macht, der Staretz wird zum Beweis, dass es keinen Gott gibt, öffentlich gepfählt, Erschießungen, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Plünderungen, Krankheit, Angst und Schrecken stehen an der Tagesordnung. ''„Wir können uns schon gar nicht mehr vorstellen, daß man ausgekleidet schlafen, anders als flüsternd sprechen, auch nur eine Minute leben kann, ohne zu fürchten, man werde erschossen“'', vertraut die Studentin ihrem Tagebuch an, das sie sich kaum noch aus ihrem Versteck hervorzuholen getraut. Eigenartig muten zwischendurch die Eintragungen über ihre Examensnoten an, die Welt der Wissenschaft wird ihr in diesen grauenvollen Zeiten zu einem Zufluchtsort, der sie wohl auch den Tod ihrer Jugendliebe vergessen lassen soll. Die Eintragungen enden mit dem Vorsatz, die bisherigen Tagebuchseiten einem ehemaligen „deutschen“ Kriegsgefangenen übergeben zu wollen, da sie für die Schreiberin im Falle einer Entdeckung den sicheren Tod bedeuten würden. | | ''„Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“'' erscheint als erster Band einer Trilogie und behandelt die historischen Ereignisse in Russland nach der Oktoberrevolution anhand des Schicksals der Djurjagins. Was als Schilderung der Gefühlszustände eines Mädchens im Backfischalter beginnt, entwickelt sich im Lauf der Geschichte bald zu einem Höllenszenario. Der Zar wird gestürzt, die Bolschewiken sind an der Macht, der Staretz wird zum Beweis, dass es keinen Gott gibt, öffentlich gepfählt, Erschießungen, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Plünderungen, Krankheit, Angst und Schrecken stehen an der Tagesordnung. ''„Wir können uns schon gar nicht mehr vorstellen, daß man ausgekleidet schlafen, anders als flüsternd sprechen, auch nur eine Minute leben kann, ohne zu fürchten, man werde erschossen“'', vertraut die Studentin ihrem Tagebuch an, das sie sich kaum noch aus ihrem Versteck hervorzuholen getraut. Eigenartig muten zwischendurch die Eintragungen über ihre Examensnoten an, die Welt der Wissenschaft wird ihr in diesen grauenvollen Zeiten zu einem Zufluchtsort, der sie wohl auch den Tod ihrer Jugendliebe vergessen lassen soll. Die Eintragungen enden mit dem Vorsatz, die bisherigen Tagebuchseiten einem ehemaligen „deutschen“ Kriegsgefangenen übergeben zu wollen, da sie für die Schreiberin im Falle einer Entdeckung den sicheren Tod bedeuten würden. |
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| | Als Arnulf [[1927]] eine Stelle als Lehrer in Aussicht hat, übersiedelt die Familie nach Salzburg in seine Heimatstadt und lebt zunächst in dürftigen Verhältnissen. [[Johanna Schuchter]] schreibt in ihren Lebenserinnerungen über einen Besuch bei den Hoyers in dem damals noch bescheidenen Vorort [[Maxglan]]: ''„Auf mein Klingeln öffnete sich ein Türspalt, eine Frauengestalt in Schlafrock hielt zögernd die Türklinke in der Hand und schaute mich mit dunklen, fremdartigen Augen forschend an. (...) Das Zimmer, in das sie mich führte, war einfach möbliert, eigentlich überhaupt nicht möbliert: ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle und auf dem Boden ein russischer Pelz als zweites Lager. Im anschließenden Kabinett saß ihr fünfjähriger Sohn auf einem Schemel vor einer großen Landkarte, die an der Wand hing. ‘Damit beschäftigt er sich stundenlang’, sagte seine Mutter. Ich sah mich in dem schmalen Raum um. Er war leer. Auch nicht das kleinste Spielzeug war zu sehen. Beim Anblick des einsamen Kindes vor der Landkarte fühlte ich die Bitterkeit des Schicksals heimatloser Menschen.“'' | | Als Arnulf [[1927]] eine Stelle als Lehrer in Aussicht hat, übersiedelt die Familie nach Salzburg in seine Heimatstadt und lebt zunächst in dürftigen Verhältnissen. [[Johanna Schuchter]] schreibt in ihren Lebenserinnerungen über einen Besuch bei den Hoyers in dem damals noch bescheidenen Vorort [[Maxglan]]: ''„Auf mein Klingeln öffnete sich ein Türspalt, eine Frauengestalt in Schlafrock hielt zögernd die Türklinke in der Hand und schaute mich mit dunklen, fremdartigen Augen forschend an. (...) Das Zimmer, in das sie mich führte, war einfach möbliert, eigentlich überhaupt nicht möbliert: ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle und auf dem Boden ein russischer Pelz als zweites Lager. Im anschließenden Kabinett saß ihr fünfjähriger Sohn auf einem Schemel vor einer großen Landkarte, die an der Wand hing. ‘Damit beschäftigt er sich stundenlang’, sagte seine Mutter. Ich sah mich in dem schmalen Raum um. Er war leer. Auch nicht das kleinste Spielzeug war zu sehen. Beim Anblick des einsamen Kindes vor der Landkarte fühlte ich die Bitterkeit des Schicksals heimatloser Menschen.“'' |
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| − | Es sollte sich jedoch bald einiges zum Guten wenden. Der [[Verlag Anton Pustet|Pustet Verlag]] entschließt sich, Galinas Tagebücher, die von ihrem Mann vom Russischen ins Deutsche übersetzt wurden, in Buchform herauszugeben. Besonders ''„Milchfrau in Ottakring“'', das übrigens [[1997]] im Amalthea Verlag neu erschienen ist, wird ein Sensationserfolg. Die nun folgenden Jahre in Salzburg zählen wohl zu den glücklichsten der Schriftstellerin. | + | Es sollte sich jedoch bald einiges zum Guten wenden. Der [[Verlag Anton Pustet|Pustet Verlag]] entschließt sich, Galinas überarbeitete Tagebücher, die von ihrem Mann vom Russischen ins Deutsche übersetzt wurden, in Buchform herauszugeben. Besonders ''„Milchfrau in Ottakring“'', das übrigens [[1997]] im Amalthea Verlag neu erschienen ist, wird ein Sensationserfolg. Die nun folgenden Jahre in Salzburg zählen wohl zu den glücklichsten der Schriftstellerin. |
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| − | Die Familie übersiedelt in eine Villa am [[Giselakai]], Arnulf Hoyer bekommt eine Stelle als Gymnasiallehrer. Die als scheu und zurückhaltend beschriebene Frau knüpft freundschaftliche Beziehungen zu Familien des Salzburger Bürgertums. ''„Rang und Namen bedeuteten ihr wenig. Vielmehr stand (...) das rein Menschliche im Vordergrund“'', stellt [[Lieselotte von Eltz-Hoffmann]] fest. | + | Die Familie erwirbt 1938 eine Villa am [[Giselakai]], Arnulf Hoyer bekommt eine Stelle als Gymnasiallehrer. Die als scheu und zurückhaltend beschriebene Frau knüpft freundschaftliche Beziehungen zu Familien des Salzburger Bürgertums. ''„Rang und Namen bedeuteten ihr wenig. Vielmehr stand (...) das rein Menschliche im Vordergrund“'', stellt [[Lieselotte von Eltz-Hoffmann]] fest. |
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| − | Nach dem [[Anschluss]] Österreichs an das Deutsche Reich wird die Schriftstellerin aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, ihre Bücher werden verboten - um später als antibolschewistisches Propagandamittel an der Ostfront eingesetzt zu werden. | + | Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ist die Schriftstellerin in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen worden – allerdings mit einiger Verzögerung im November 1942.<ref>Berlin Document Centre, RKK-KP-4010-04/42-64, 21.11.1942)</ref> Im Tagebuch notiert sie: „Einer der glücklichsten Tage meines Lebens.“ |
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| | + | Sie hat aktiv an der Bücherverbrennung 1938 teilgenommen, und sie hat nach 1939 für die „Informationsstelle I“ des Auswärtigen Amtes zwei (wohldotierte) “Berichte“ geschrieben, die als propagandistische Broschüren gedruckt und auch in Übersetzungen in den besetzten Ländern verbreitet wurden. |
| | + | Spätestens seit der Edition ihrer Tagebücher aus den Kriegsjahren („Hilf, Herr, Hitler in seinem Kampf!“) ist die nach 1945 verbreitete geschichtsfälschende Legende vom Nazi-Opfer Rachmanowa nicht mehr aufrecht zu halten. |
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| | ==Flucht in die Schweiz== | | ==Flucht in die Schweiz== |
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| | ==Werke== | | ==Werke== |
| | * Die Fabrik des neuen Menschen, Roman, [[Verlag Anton Pustet]], Salzburg - Leipzig, [[1935]], 1.-8. Auflage | | * Die Fabrik des neuen Menschen, Roman, [[Verlag Anton Pustet]], Salzburg - Leipzig, [[1935]], 1.-8. Auflage |
| − | * Jurka, Tagebuch einer Mutter, [[Verlag Otto Müller]], Salzburg - Leipzig, [[1938]], 1.-4. Auflage | + | * Jurka, Tagebuch einer Mutter, Verlag Otto Müller, Salzburg - Leipzig, August [[1938]], 1.-4. Auflage |
| | + | * Auch im Schnee und Nebel ist Salzburg schön. Tagebücher 1942 bis 1945. Übersetzt und herausgegeben von Heinrich Riggenbach. [[Otto Müller Verlag]], Salzburg-Wien 2015 |
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| | ==Literatur== | | ==Literatur== |
| | * Stahr, Ilse 2012: ''Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring'', Alja Rachmanova. Ein Leben, Almathea Signum Verlag Wien | | * Stahr, Ilse 2012: ''Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring'', Alja Rachmanova. Ein Leben, Almathea Signum Verlag Wien |
| | + | * Stadler, Franz: Die unterschlagenen Geheimnisse der Milchfrau in Ottakring. In: Zwischenwelt, 35.Jg., Nr.3/2018, 8 – 12 |
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| | ==Quellen== | | ==Quellen== |
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| | * [[Lieselotte von Eltz-Hoffmann|Lieselotte v. Eltz-Hoffmann]], ''Salzburger Frauen'', 1997, Colorama Verlag. Diesem Buch entstammt das große Portraitfoto mit Kopftuch, das im [[SMCA|MCA]] archiviert ist. | | * [[Lieselotte von Eltz-Hoffmann|Lieselotte v. Eltz-Hoffmann]], ''Salzburger Frauen'', 1997, Colorama Verlag. Diesem Buch entstammt das große Portraitfoto mit Kopftuch, das im [[SMCA|MCA]] archiviert ist. |
| | * ''Der Salzburger Kalender 1995'', hrsg. von [[Eva Maria Schalk]], [[Ilse Stahr]], Unipress Verlag. Familienfoto. | | * ''Der Salzburger Kalender 1995'', hrsg. von [[Eva Maria Schalk]], [[Ilse Stahr]], Unipress Verlag. Familienfoto. |
| | + | <references /> |
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