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| | ==Hotel statt Zoll== | | ==Hotel statt Zoll== |
| | An ehemaligen Grenzübergang Walserberg (A8 München, Richtung Salzburg) wurde im Jahr [[2006]] das Hotel Servus Europa in Betrieb genommen. | | An ehemaligen Grenzübergang Walserberg (A8 München, Richtung Salzburg) wurde im Jahr [[2006]] das Hotel Servus Europa in Betrieb genommen. |
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| | + | ==Erinnerungen an Vergangenes== |
| | + | '''Walserberg, ade''' |
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| | + | Aus den "Salzburger Nachrichten" vom [[2.April]] [[1998]] von [[Norbert Lublasser]]. |
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| | + | Dem Journalistenherz gibt's einen Stich: Ein Ort vieler - oft nächtlicher Einsätze - existiert nicht mehr. Den EU-Bürger freut's: Endlich freie Fahrt über den Walserberg, Europas einst größten Grenzübergang. Ein Rückblick auf eine bewegte Geschichte. |
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| | + | Stunden, in Summen Tage, haben wir auf dem Walserberg verbracht. Ob die Drogenfahnder wieder Rekordfunde melden konnten, ob Lkw-Blockaden den Verkehr lahm legten, ob die sommerliche Blechlawine das berühmte "nichts geht mehr" ansagte; ob Demonstranten die Autobahn besetzten, ob menschliche Katastrophen über Flüchtlinge hereinbrachen, ob Tierleid auf Transportern deutlich wurde. Immer war eine Schar Journalisten von dies- und jenseits der Grenze am Ort des Geschehens. |
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| | + | Aus, Ende, vorbei. Nur mehr das Brückengebäude (in das McDonalds so gerne eingezogen wäre, hört man) wird an die ehemalige Grenzstation erinnern. Eine Grenzstation, die genaugenommen seit 1765 bestand. So weit wollen wir nicht zurückgehen. Die eigentliche Geschichte der Autobahngrenze auf dem Walserberg hätte 1937 beginnen sollen. Hitler hatte seine Autobahn von München Richtung Salzburg gebaut und wollte eine riesige Grenzstation errichten lassen. Planer war kein geringerer als Albert Speer, monumental waren seine Entwürfe. Umgesetzt wurden sie allerdings nicht: Ein kleiner Aktenvermerk im Frühjahr 1938 versenkte die Pläne. Grund: "Änderung der Sachlage". Österreich war ein Teil des deutschen Reichs geworden. Nach dem Krieg machten die Amerikaner die Grenze dicht: Nur US-Bürger durften von Salzburg nach Bayern und zurück wechseln. GIs wachten darüber, dass die strenge Separation eingehalten wurde: Nicht einmal das Sprechen über den Grenzbalken hinweg war erlaubt. |
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| | + | In diesen Tagen, so geht aus den Chroniken von Albin Kühnel, dem Leiter des deutschen Zollamtes am Walserberg, hervor, wurden die Menschen erfinderisch. So fand der salzburgisch-bayerische Austausch im Gebirge statt. Vor allem im Purtscheller-Haus auf dem Hohen Göll, durch das sich die Grenze zog. Dort wurden sogar bilaterale Ehen geschlossen. Erst 1947/48 konnte man mit Verwandten und Bekannten von "drüben" sprechen: An der Grenze, die Erlaubnis kostete 50 Reichspfenning. Der Autoverkehr tröpfelte noch so spärlich über den Walserberg, dass ohne dessen Beeinträchtigungen auf der Autobahn Seifenkistenrennen durchgeführt werden konnten. |
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| | + | 1949 gab es für die Grenzbevölkerung Erleichterungen, 1950 durften deutsche Staatsbürger gar zu den Salzburger Festspielen reisen. 5 Mark kostete ein Visum. 1952 wurde der Sichtvermerkszwang gelockert. Der Verkehr entwickelte sich danach sprunghaft: 1955 passierten schon 3,5 Millionen Reisende in 750.000 Fahrzeugen die Grenze. Zehn Jahre später waren es bereits 15 Millionen Reisende in vier Millionen Kraftfahrzeugen. Und eine weitere Dekade darauf, 1975, wurden 22,8 Millionen Reisende in 6,2 Millionen Fahrzeugen gezählt. Mit der Lockerung der Grenzkontrollen wurden auch die Zählungen eingestellt. Die letzte fand 1994 statt: damals frequentieren 34 Mill. Reisende in 10 Mill. Pkw, 900.000 Lkw und 100.000 Busse den Walserberg. |
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| | + | Geschmuggelt wurde in der Grenzregion um den Walserberg auf Teufel komm raus. Eine Hochblüte erreichte das Geschäft mit dem illegalen Warenverkehr in den Jahren zwischen 1949 und 1951. Manch junger Mann und auch manch korrupter Beamter verdiente sich eine goldene Nase: Polizisten in Uniform schlossen sich Schmugglerbanden an, Zöllner verrieten Dienstpläne. Auf allen nur möglichen und unmöglichen Wegen wurde tonnenweise Kaffee aus den großen US-Lagern in Salzburg über die Grenze gebracht. Monatlich an die 5 Tonnen Kaffee, abgefüllt in 50-Kilo-Säcken, wurden von den Zöllnern sichergestellt. Man kann sich die Menge vorstellen, die nicht entdeckt wurde. Pro Sack erhielt der Träger 100 Mark, eine Menge Geld damals. Oder wie es in Kühnels Chronik heißt: Burschen in modischer Kleidung würden auf den neuesten Motorrädern die Gegend unsicher machen und ihr leichtverdientes Geld in Lokalen durchbringen. Und es soll, erzählt Kühnel, gar vorgekommen sein, dass sich ein Zöllner in einem Gasthaus eine Zigarette anzünden wollte und ihm ein Bursch einen brennenden 100-Mark-Schein hinhielt. |
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| | + | Schon damals kamen Hunde zum Einsatz: Sie witterten den Kaffee. Jahre später wurden ihre Artgenossen auf viel gefährlichere Schmuggelware angesetzt: Mitte der 60er setzte der Handel mit Rauschgift ein, der erste Fund datiert vom 19. Jänner 1969. Ein Türke versuchte, 2,7 Kilo Haschisch über die Grenze zu bringen. Elf Monate später wurden im Dach eines deutschen Reisebusses schon 509 Kilo Cannabisharz entdeckt. Die Schmuggler wurden immer gerissener: So wurde 1971 das erste Mal Suchtgift - 270 Liter Morphinbasis - in einem doppelwandigen Treibstofftank gefunden. |
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| | + | Der letzte große Haschischtransport mit 1743 Kilo "schwarzem Afghanen" wurde 1976 entdeckt, danach boomte das Geschäft mit Heroin. Auf der sogenannten Balkanroute wurden Tonnen transportiert. Die Zöllner am Walserberg rüsteten mit modernster Technik und einem Spezialtrupp auf. Und sie konnten immer wieder spektakuläre Erfolge erzielen. 50 Prozent des Erfolgs entstünden durch Informationen, der Rest durch Spürsinn, meint Zollchef Kühnel: Seine Beamten hätten immer wieder die richtige Intuition gehabt. Und dann schon mal bis zu 24 Stunden lang einen Lkw zerlegt. |
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| | + | So ein Fall ereignete sich im Frühjahr 1992: Ein Beamter hatte ein "Kribbeln im Bauch" und entdeckte unter Tonnen von Gemüse, die ein Kühlwagen transportierte, 65 Kilo reinstes Heroin im Wert von mehreren Hundert Millionen Schilling. Trotz ihrer Erfolge wussten die Fahnder: Nur ein bis fünf Prozent des auf der Balkanroute geschmuggelten Heroins wurde tatsächlich entdeckt. Mit der Öffnung des Ostens und dem Ende des Warschauer Paktes verlagerte sich die Balkanroute immer mehr nach Norden, die Schmuggler scheuten immer mehr die salzburgisch-bayerische Grenze. |
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| | + | Kühnel sagt, er habe viel erlebt auf dem Walserberg: Kinder wurden geboren und Menschen sind gestorben. Ein Erlebnis behält er aber in besonderer Erinnerung: Ein Deutscher fragte ihn eines Sonntags, ob den Heiratsgut auch zu verzollen wäre. Er habe nämlich eine österreichische Frau geheiratet, und die bringe einen Weinkeller mit in die Ehe. Kühnel verwies darauf, dass auch alkoholische Getränke nicht unter zollfreies Heiratsgut fielen. Darauf der Deutsche: "Wenn ich das gewusst hätt, hätt ich nicht geheiratet." |
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