Clemens Maria Hutter: Unterschied zwischen den Versionen
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die während der Nazizeit abgeschlossen worden waren, zu | die während der Nazizeit abgeschlossen worden waren, zu | ||
erneuern hatte. | erneuern hatte. | ||
Meine Kindheit verlief - entsprechend den turbulenten Zeiten - spannend. | Meine Kindheit verlief - entsprechend den turbulenten Zeiten - spannend. | ||
Ich habe selten anderen Kindern etwas geneidet, obwohl ich - und | Ich habe selten anderen Kindern etwas geneidet, obwohl ich - und | ||
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geschottert. Das heißt, es ging mit oder ohne Lufträder schlecht mit dem | geschottert. Das heißt, es ging mit oder ohne Lufträder schlecht mit dem | ||
Roller zu fahren. | Roller zu fahren. | ||
Politik hat mich als Kind nicht interessiert. Trotzdem habe ich die Ermordung | Politik hat mich als Kind nicht interessiert. Trotzdem habe ich die Ermordung | ||
von Engelbert Dollfuß mitbekommen. Ich war zwar erst vier | von Engelbert Dollfuß mitbekommen. Ich war zwar erst vier | ||
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Zehngroschenstück hinausgeworfen. Die Geigenspieler fiedelten mit | Zehngroschenstück hinausgeworfen. Die Geigenspieler fiedelten mit | ||
Vorliebe das Lied „Mei Muata war a Weanerin". | Vorliebe das Lied „Mei Muata war a Weanerin". | ||
1936 trat ich in die Volksschule Nonntal ein. Von der Brunnhausgasse | 1936 trat ich in die Volksschule Nonntal ein. Von der Brunnhausgasse | ||
zur Volksschule ging es immer leicht bergab, was bedeutete, dass der | zur Volksschule ging es immer leicht bergab, was bedeutete, dass der | ||
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einer Gegend mit sehr vielen Kindern, und in unseren diversen Gruppen | einer Gegend mit sehr vielen Kindern, und in unseren diversen Gruppen | ||
ging es immer hoch her. | ging es immer hoch her. | ||
Ich erinnere mich lebhaft an den 12. oder 13. März, wie deutsche Truppen durch unsere Gasse marschierten. | Ich erinnere mich lebhaft an den 12. oder 13. März, wie deutsche Truppen durch unsere Gasse marschierten. | ||
Ich war verblüfft, dass fast alle Fenster in der ganzen Gasse mit der | Ich war verblüfft, dass fast alle Fenster in der ganzen Gasse mit der | ||
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aufgewachsen. Eineinhalb Jahre später begann der Krieg, und Vater | aufgewachsen. Eineinhalb Jahre später begann der Krieg, und Vater | ||
musste einrücken. | musste einrücken. | ||
Nach dem Beginn der Luftangriffe auf Salzburg im Oktober 1944 standen | Nach dem Beginn der Luftangriffe auf Salzburg im Oktober 1944 standen | ||
im Keller immer zwei Koffer mit dem Nötigsten gepackt. Bei Fliegeralarm | im Keller immer zwei Koffer mit dem Nötigsten gepackt. Bei Fliegeralarm | ||
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Schwimmen nun tiefer geworden war und wir kaum mehr von Schlingpflanzen | Schwimmen nun tiefer geworden war und wir kaum mehr von Schlingpflanzen | ||
behindert wurden. | behindert wurden. | ||
Der Gauleiter ließ sich bei Fliegeralarm immer aus der Stadt herausfahren, | Der Gauleiter ließ sich bei Fliegeralarm immer aus der Stadt herausfahren, | ||
weil er hier auch seine Kommandozentrale hatte. Er grüßte alle | weil er hier auch seine Kommandozentrale hatte. Er grüßte alle | ||
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und erzählte mir, dass sie wieder gegrüßt hätte:,,Grüß. Gott, Herr Gauleiter!'' | und erzählte mir, dass sie wieder gegrüßt hätte:,,Grüß. Gott, Herr Gauleiter!'' | ||
Daraufhin habe er auch zurückgegrüßt:,,Grüß. Gott!"· | Daraufhin habe er auch zurückgegrüßt:,,Grüß. Gott!"· | ||
Die gefährlichsten Leute im dritten Reich waren nicht die | Die gefährlichsten Leute im dritten Reich waren nicht die | ||
von der Gestapo, sondern die Blockwarte in den Städten | von der Gestapo, sondern die Blockwarte in den Städten | ||
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maß und Qualität der Information von dem bestimmt wird, der an der | maß und Qualität der Information von dem bestimmt wird, der an der | ||
Informations-Schleuse sitzt. | Informations-Schleuse sitzt. | ||
Um mir klar zu machen, dass man ja nie darüber reden soll, hat mir der | Um mir klar zu machen, dass man ja nie darüber reden soll, hat mir der | ||
Onkel ein Beispiel erzählt: Ein Lehrer kam in eine Klasse und sprach über | Onkel ein Beispiel erzählt: Ein Lehrer kam in eine Klasse und sprach über | ||
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Leben geprägt, und nach diesen gewonnenen Erkenntnissen weiß ich | Leben geprägt, und nach diesen gewonnenen Erkenntnissen weiß ich | ||
auch heute noch mit Wahlpropaganda umzugehen. | auch heute noch mit Wahlpropaganda umzugehen. | ||
Seit der Universität hat mich das Thema Totalitarismus sehr beschäftigt. | Seit der Universität hat mich das Thema Totalitarismus sehr beschäftigt. | ||
So war etwa am Beispiel Lenin zu sehen, wie Agitation und Propaganda | So war etwa am Beispiel Lenin zu sehen, wie Agitation und Propaganda | ||
| Zeile 163: | Zeile 172: | ||
was sagen darf. Wenn Misstrauen und Propaganda zusammenkommen, | was sagen darf. Wenn Misstrauen und Propaganda zusammenkommen, | ||
ist das Ergebnis klar. | ist das Ergebnis klar. | ||
Ich gehörte bis zum Alter von vierzehn Jahren zum „Jungvolk" | Ich gehörte bis zum Alter von vierzehn Jahren zum „Jungvolk" | ||
Trotz meiner fast exhibitionistisch praktizierten Religiosität genoss ich | Trotz meiner fast exhibitionistisch praktizierten Religiosität genoss ich | ||
| Zeile 169: | Zeile 179: | ||
Obwohl es dort recht lustig war, ließ ich mich aufgrund der Verankerung | Obwohl es dort recht lustig war, ließ ich mich aufgrund der Verankerung | ||
in meiner Familie und im Glauben nie vereinnahmen. | in meiner Familie und im Glauben nie vereinnahmen. | ||
Nach dem Einmarsch der Amerikaner kam nach wenigen Tagen ein Soldat | Nach dem Einmarsch der Amerikaner kam nach wenigen Tagen ein Soldat | ||
zur Prüfung in unser Haus, ob es zur Unterbringung amerikanischer | zur Prüfung in unser Haus, ob es zur Unterbringung amerikanischer | ||
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Gleich nach dem Krieg habe ich mich | Gleich nach dem Krieg habe ich mich | ||
den Pfadfindern angeschlossen | den Pfadfindern angeschlossen | ||
Ich konnte daher den Unterschied zum „Jungvolk" der Nazis sehr gut | Ich konnte daher den Unterschied zum „Jungvolk" der Nazis sehr gut | ||
einschätzen: Bei den Pfadfindern war die freie Entfaltung möglich, | einschätzen: Bei den Pfadfindern war die freie Entfaltung möglich, | ||
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mitgenommen: Ein Pfadfinder tut seine Pflicht, macht nichts halb und | mitgenommen: Ein Pfadfinder tut seine Pflicht, macht nichts halb und | ||
verrichtet jeden Tag eine gute Tat. Dazu zählt sicher auch ein freundliches | verrichtet jeden Tag eine gute Tat. Dazu zählt sicher auch ein freundliches | ||
Wort. Als Legastheniker konnte ich schlecht lesen und schreiben, | Wort. | ||
Als Legastheniker konnte ich schlecht lesen und schreiben, | |||
weshalb mir immer gepredigt wurde:,,Üb mehr!'' Das waren keine guten | weshalb mir immer gepredigt wurde:,,Üb mehr!'' Das waren keine guten | ||
Voraussetzungen für mich im Staatsgymnasium. Besonders in Griechisch | Voraussetzungen für mich im Staatsgymnasium. Besonders in Griechisch | ||
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die Hauptschule, weil sie mich nicht reif genug für das Gymnasium hielten. | die Hauptschule, weil sie mich nicht reif genug für das Gymnasium hielten. | ||
Aber das Problem war nicht meine Reife, sondern die Legasthenie. | Aber das Problem war nicht meine Reife, sondern die Legasthenie. | ||
Sie trauten mir nie zu, Latein zu schaffen, aber es ist schließlich doch | Sie trauten mir nie zu, Latein zu schaffen, aber es ist schließlich doch | ||
gegangen. Dann sperrte 1946 das Borromäum (erzbischöfliches Gymnasium) | gegangen. Dann sperrte 1946 das Borromäum (erzbischöfliches Gymnasium) | ||
| Zeile 213: | Zeile 225: | ||
gern auf den Berg, aber die Anreise war meist das große Problem. Deshalb | gern auf den Berg, aber die Anreise war meist das große Problem. Deshalb | ||
war mein Aktionsradius sehr eingeschränkt. | war mein Aktionsradius sehr eingeschränkt. | ||
Ich maturierte 1950 und ging nach Innsbruck, um Sport und Germanistik zu studieren. | Ich maturierte 1950 und ging nach Innsbruck, um Sport und Germanistik zu studieren. | ||
In Sport war gleich am Ende des ersten Semesters ein Schikurs in St. | In Sport war gleich am Ende des ersten Semesters ein Schikurs in St. | ||
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beide, Hoppichler und Hutter - meine Schikarriere begann. Das Schifahren | beide, Hoppichler und Hutter - meine Schikarriere begann. Das Schifahren | ||
hat mir später sehr viel gebracht. | hat mir später sehr viel gebracht. | ||
Germanistik habe ich nach drei Semestern „geschmissen" (aufgegeben). | Germanistik habe ich nach drei Semestern „geschmissen" (aufgegeben). | ||
Anlass war eine Seminararbeit über das althochdeutsche „sunu fatarungo" | Anlass war eine Seminararbeit über das althochdeutsche „sunu fatarungo" | ||
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Quatsch?" Ich sattelte daher auf Philosophie um, das in den Anfängen | Quatsch?" Ich sattelte daher auf Philosophie um, das in den Anfängen | ||
auch Soziologie und Politikwissenschaften umfasste. Dann ging ich | auch Soziologie und Politikwissenschaften umfasste. Dann ging ich | ||
nach Graz. Zwischendurch bekam ich ein Stipendium für Amerika und | nach Graz. | ||
Zwischendurch bekam ich ein Stipendium für Amerika und | |||
wurde gefragt, wo ich hin möchte. Ich sagte dorthin, wo ich Schifahren | wurde gefragt, wo ich hin möchte. Ich sagte dorthin, wo ich Schifahren | ||
kann. So kam ich nach Vermont im Nordosten der USA, wo es traumhafte | kann. So kam ich nach Vermont im Nordosten der USA, wo es traumhafte | ||
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getourt. Hier kamen mir die beim Spanisch/Englischkurs erworbenen | getourt. Hier kamen mir die beim Spanisch/Englischkurs erworbenen | ||
Kenntnisse sehr zugute. | Kenntnisse sehr zugute. | ||
Zurück in Europa verschlug es mich nach Wien. Im Winter habe ich mir | Zurück in Europa verschlug es mich nach Wien. Im Winter habe ich mir | ||
als Schilehrer in einer Schischule Geld verdient. In der Mittagspause | als Schilehrer in einer Schischule Geld verdient. In der Mittagspause | ||
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nächsten Tag nach Zürs in das Hotel Edelweiß zu einem Monsieur Ketani | nächsten Tag nach Zürs in das Hotel Edelweiß zu einem Monsieur Ketani | ||
aus dem Libanon. Er suchte einen für den Libanon. | aus dem Libanon. Er suchte einen für den Libanon. | ||
So war ich zwei Winter im Libanon Schilehrer | So war ich zwei Winter im Libanon Schilehrer | ||
Hier lernte ich viel über den Nahen Osten nach dem Zusammenbruch | Hier lernte ich viel über den Nahen Osten nach dem Zusammenbruch | ||
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für „Schwei, schwei" (Zeit lassen), oder andrerseits „yalla, yalla" (Mach | für „Schwei, schwei" (Zeit lassen), oder andrerseits „yalla, yalla" (Mach | ||
schon, tu weiter). | schon, tu weiter). | ||
Durch einen Zufall kam ich zu den Salzburger Nachrichten, | Durch einen Zufall kam ich zu den Salzburger Nachrichten, | ||
nachdem ich mein Studium in Graz abgeschlossen hatte | nachdem ich mein Studium in Graz abgeschlossen hatte | ||
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und war das erste Buch des Residenz Verlags und gleichzeitig mein erstes. | und war das erste Buch des Residenz Verlags und gleichzeitig mein erstes. | ||
Ein Exemplar gelangte auch in die USA. Von dort erreichte mich eine | Ein Exemplar gelangte auch in die USA. Von dort erreichte mich eine | ||
Einladung. Beim Schifahren am Arlberg traf ich dann das für mich ideale | Einladung. | ||
Beim Schifahren am Arlberg traf ich dann das für mich ideale | |||
„Schihaserl" aus Köln und verliebte mich. Beim Sandwirt von Andreas | „Schihaserl" aus Köln und verliebte mich. Beim Sandwirt von Andreas | ||
Hofer in Südtirol fiel bei Käse und Wein unsere Entscheidung:,,Wir gehen | Hofer in Südtirol fiel bei Käse und Wein unsere Entscheidung:,,Wir gehen | ||
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vor dem Totalitarismus zu warnen, hielt ich es in der Zeitung so: ,,Lasst | vor dem Totalitarismus zu warnen, hielt ich es in der Zeitung so: ,,Lasst | ||
mich in Ruhe arbeiten und redet mir nicht drein!" | mich in Ruhe arbeiten und redet mir nicht drein!" | ||
Ich bin mit fünfundsechzig in Pension gegangen | Ich bin mit fünfundsechzig in Pension gegangen | ||
Das genieße ich sehr, weil ich systematisch arbeiten kann, ohne dass mir | Das genieße ich sehr, weil ich systematisch arbeiten kann, ohne dass mir | ||
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sich daher auf das Wochenende. Da war es gut, dass meine Frau als | sich daher auf das Wochenende. Da war es gut, dass meine Frau als | ||
„Nur-Hausfrau" die Familien-Managerin war. Sie hat die Buben erzogen | „Nur-Hausfrau" die Familien-Managerin war. Sie hat die Buben erzogen | ||
und mir damit den Rücken freigehalten. Es gab nie größere Differenzen | und mir damit den Rücken freigehalten. | ||
Es gab nie größere Differenzen | |||
und die Dauer der Ehe von sechsundfünfzig Jahren spricht ja auch für | und die Dauer der Ehe von sechsundfünfzig Jahren spricht ja auch für | ||
sich. Meine Frau stammte aus Köln. Sie hat sich sofort in Salzburg eingewöhnt. | sich. Meine Frau stammte aus Köln. Sie hat sich sofort in Salzburg eingewöhnt. | ||
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Bergurlaube in den Dolomiten, den Ötztaler Alpen usw. Meine Gattin | Bergurlaube in den Dolomiten, den Ötztaler Alpen usw. Meine Gattin | ||
verfügte immer über eine gigantische Konstitution, was ich nur durch eine | verfügte immer über eine gigantische Konstitution, was ich nur durch eine | ||
gute Kondition wettmachen konnte. Vor fünf Jahren fuhr ich bei einer | gute Kondition wettmachen konnte. | ||
Vor fünf Jahren fuhr ich bei einer | |||
Schitour im Lungau einen Hang im wunderschönen Pulverschnee ab. | Schitour im Lungau einen Hang im wunderschönen Pulverschnee ab. | ||
Ich übersah eine kleine Rinne und baute einen fürchterlichen Sturz. | Ich übersah eine kleine Rinne und baute einen fürchterlichen Sturz. | ||
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nichts liefere, kommt die Langeweile und in weiterer Folge vielleicht der | nichts liefere, kommt die Langeweile und in weiterer Folge vielleicht der | ||
Trübsinn. | Trübsinn. | ||
Ende 2016 (korr. Jörg Hutter 24.Juni 2014) ist meine Frau verstorben. Ich bemühe mich das rational zu | Ende 2016 (korr. Jörg Hutter 24.Juni 2014) ist meine Frau verstorben. Ich bemühe mich das rational zu | ||
erfassen, denn jede Geburt ist doch ein Todesurteil mit verzögerter Vollstreckung. | erfassen, denn jede Geburt ist doch ein Todesurteil mit verzögerter Vollstreckung. | ||