Nachdenken über Gefängnisse
Der Artikel Nachdenken über Gefängnisse erschien am 24. Dezember 1803 im Intelligenzblatt von Salzburg (Seiten: 814-818.). Sein Autor war der Landschaftsphysiker Dr. Wolfgang Oberlechner.

Oberlechner war ein innovativer Geist, machte verschiedene Erfindungen und veröffentlichte verschiedenstes im Intelligenzblatt von Salzburg. Seine Fußnoten wurden in den Text in Klammern übernommen.
Text
Nachdenken über Gefängnisse.
Aus der gnädigst anbefohlenen Untersuchung der Gefängnisse in meinem Bezirke hat sich ergeben, daß die meisten wahre Züchtigungsorte für schwere Verbrecher, und gänzlich nicht geeigenschaftet sind, nach dem Sinne einer weisen, und sanften Regierung den Angeklagten bis zur erwiesenen Unschuld, ober gerechten Strafe in Berwahrung zu halten; sondern den Menschen mit ihrer Häßlichkeit, Finsterniß, Kälte, mit dem unerträglichsten Gestanke, mit den Dunsten der Pest zu empören, und seine Rache zu reizen, bis er nach erlangter Freyheit um so schrecklicher ausüben wird, da er im Arreste vor seinem Endurtheil durch unmenschliche Behandlung, und Qualen gezwungen wurde jedem menschlichen Gefühle zu fluchen die Menschheit selbst auszuziehen! Eigene Erfahrung durch 9 Jahre redet, wenn ich sage, daß ich leidende in Arresten besuchte, deren Anblick tief auf erschütterte. Wie sie da lagen im Wust, im finsteren, engen, stinkenden Loche, welches beynahe ganz nur geschwefeltes, gephosphortes, gekoltes Wasserstoff- und Ammoniakgås erfüllten. Todtenblaß war ihr Antlitz, matt, ohne Glanz ihr Aug, ihre Ausdünstung Fäulniß. Ich versichere es, daß ich, ungeachetet Aerzte an das Gestank gewohnt sind, bey einer Untersuchung eines Arrestanten niedergesunken ware; wenn hinter mir der Gerichtsdiener die Thür zugeschlossen hätte; denn die Luft war für mich todt! Daher ist auch bey unsern Arrestanten Lacherie, Wassersucht, Skorbut sehr gewöhnlich; und daß sie leben, haben sie der Macht der stufenweisen Angewöhnung zu danken; aber wahrhaftig ihr Leben gleicht dem Lichte einer verIöschenden Lampe in unterirrdischen Höhlen, wo böses Wetter herrscht! Was ich bisher sagte, ist Thatsache, und ist nichts weniger, als Deklamation. Man darf sich auch darüber nicht wundern, indem ein enger Ort ohne Licht, ohne Luftzug, ohne hinreichendes Oxyzen unserer Lebensquelle, mit feindlichen Dünsten angeschwängert, welche die Auswürfe von sich stossen, dieses alles nach physischen Gesetzen hervorbringen muß. Unsere meisten Gefängnisse sind demnach noch würdige Denkmähler der Barbarey! - - Zu allem diesen trugen Gerichtsdiener, und Beamte das Ihrige bey. Gerichtsdienerknechte, und Dirnen von Jugend auf gewohnt, Menschen leiden zu sehen, reinigen die Kerker nicht; tragen den Unrath nicht aus; wenn sie gleich selbst den Gestank, die schlechte Luft unerträglich finden. Einige Beamte (Alle brave, menschenfreundliche Beamte nehme ich davon feyerlich aus) haben anstatt Mitleid inneren Groll; wenn sie von Arrestanten hören, und nehmen die Criminal - Verhören immer mit Unmuth vor. Sie lassen den Verhafteten in ein bequemes, warmes, lichtes, schönes Zimmer vorführen, und nach geendetem Constituto wieder unter Kettengerassel in sein Grab zurückweisen, wo er faulen muß!
So sehr hinlänglicher Raum, Licht und und Lufterfrischung den Lebensprozeß des Arrestanten erleichtern mußten, so bleibt immer noch ein Hauptgegenstand des Gestankes, des squaloris zu entfernen übrig, und dieser ist der gewöhnliche Kübel. In der erwärmten Keiche, oder im Sommer fault der Unrath sehr geschwind; tief dringt die ätzende Jauche durch das Holz, färbt es roth (wie solches täglich zu sehen ist) und bildet ein allgewaltiges Ferment zum unerschöpflichen Gestanke; daher ist in allen unsern Kerkern eine Ammoniakgäs, welches dem Menschen die Augen entzündet, und Thränen aspreßt, Unläugbar ist der Schaden, den unreine Kübel verursachen; aber eben so gewiß ist ihre Reinigung vom Gestanke bisher unmöglich gewesen; weil das ganze Holz mit Gestank getränkt wird.( Auch bey irrdenen, und metallenen Gefäßen etc. welche in Gefängnissen nicht anwendbar sind, greift sehr bald der Gestank ein). Ich dachte also nach, wie diesem Gebrechen abzuhelfen wäre, machte Versuche, die nicht fruchtlos ausfielen, und empfehle sie zum Wohl der Menschheit einer weiteren Würdigung (Ein Modell davon hat der Herr Verfasser an das Comtoir eingesandt.). Meinen Versuchen gemäß rathe ich die Kübel auszupechen, (Das Pech darf nicht zu spröde, oder zu weich seyn, welches dem Binder zu wissen nöthig ist: zu jenen hilft die Bevmischung von Terpentin, zu diesem von Kreide, Ruß etc.) wie man es mit den Bierfässern zu thun pflegt. Unbedeutend, wie es leicht einzusehen, ist der Kosten; aber die Vorteile sind wichtig; denn, erstens mäßiget schon der Wohlgeruch des Herzens den Gestank des Unraths; zweytens widersteht das, Pech der Flüßigkeit, und läßt sie nicht zum Holze, (Auch ist der Unrath von der polirten Oberfläche sehr leicht wegzubringen.) Drittens, dauert dadurch der Kübel, ohne Wasser durchzulassen, wenigstens 50 Jahre; viertens, kann man auf diese Weise; wenn sich in längerer Zeit ein übler Geruch anhängen sollte, eine radikale Reinigung mit der größten Leichtigkeit vornehmen, man darf nämlich den Kübel nur über eine konische, auflodernde Flamme halten, und, nachdem die Oberfläche des Peches, etwas weich geworden, denselben, wie bey den Bindern gewöhnlich, hin, und her rollen, bis das Pech wieder fest wird; dieses Verfahren macht die Oberfläche des Peches glänzend, polirt, und verjagt jede stinkende Monade gänzlich. Durch die Erhaltung der Reinlichkeit werden endlich die Krankheiten der Arrestanten hintan gehalten, welche oft große Unkosten verursachen.
Sollte dieser Vorschlag nicht auch in Spitälern etc, wo auf Reinigung so viel ankommt, sehr nützlich seyn? Ich überlasse die Antwort der Prüfung unpartheyischer Aerzte.
Da ich also überzeugt bin, daß auf obige Art die Leibsitze am allerreinsten erhalten werden können, und Reinlichkeit, diese getreue Gefährtinn der Tugend, und Schönheit vorzüglich dem Frauenzimm r von Stande eigen ist, so werde ich nicht fehlen; wenn ich ein Gefäß dazu beschreibe, und empfehle, welches alle audere, sie mogen von Glas, Silber, oder Gold seyn, (Das Glas dekomponirt sich sehr bald, auch das gewöhnliche, eine ganz reine, Silber und Gold verkalkt sich nach und nach.) weit zurück läßt.
Man lasse sich demnach bey dem Binder ein artiges, in dem Leib Sessel passendes Gefäß vom wohlriechenden Zürbel (pinus Cembra) ober Wachholder (iuniperus) verfertigen, und zwey Reife von Messing, oder Eisen daran legen. Der obere Reif wird mit zwey Handgriffen versehen. Ist nun das Gefäß inwendig wohl ausgewärmt, sind auch die Reife fest angetrieben dann nimmt der Binder anstatt des Peches, so viel er nöthig hat von Folgenden: Gummilak vier Theile, Mastix zwey, Benzoin, Storax von jedem I Theil; macht alles über dem Feuer in einer Pfanne flüßig; mischt zuletzt ein Par Quentchen Nelkenöl, oder Bergamot hinzu, gießt es in das erhitzte Gefäß, bewegt solches um selue perpendikuläre Achse ohne, etwas auszugiessen, bis die Masse ganz gleich ausgetheilt, und erkaltet. Jetzt ist das Gefäß zum Gebrauche bereitet; werden die gebrauchten Gefäße dann fleißig ausgeleert, mit frischen, oder laulichtem Wasser aus gewaschen (Auswendig kann man sie wie ein anderes Geschirr reinigen.), und mit einer reinen Leinwand wohl getrocknet, so dauern sie äußerst lang, und verbreiten Wohlgeruch. Würde sich aber (ich setze den Fall) nach und nach doch ein unangenehmer Geruch bemerken lassen; dann halte man das Gefäß eine Minute in drehender Bewegung über Flemmen (Die Geschicklichkeit hierzu hat sicher der Binder am Besten), rolle dasselbe bis zur Erkaltung hin und her, und es ist wieder ganz rein, angenehm riechend. Mehr zu sagen wäre überflüßig, da ich sicher hoffe, daß die nützliche Anwendung meines Gedanken alles vollkommen erklären wird.
Phys. Ob.